Kriminalität: Blütenpracht

Drei Jahre nach der Einführung des Euro hat die vermeintlich sicherste Währung der Welt jeden Kredit verspielt: Österreich wird von Falschgeld überschwemmt.

Der Mann hat viele Namen, aber keine Identität – zumindest keine fassbare. Die Beamten des österreichischen Bundeskriminalamts (BK), die ihn vor wenigen Tagen schnappten, wissen nur so viel: Er ist Mitte vierzig, stammt vermutlich aus Osteuropa und wohnte zuletzt in einem luxuriösen Appartement im zweiten Wiener Gemeindebezirk.

Seinen Geschäftspartnern gegenüber war er schlicht als Ivan aufgetreten. Mehr ließ er sich bei seinen stundenlangen Vernehmungen nicht herauslocken. Inzwischen hat er sich zwar bequemt, einen handschriftlichen Lebenslauf auf ein Blatt Papier zu krakeln. Aber auch der brachte die Fahnder nicht viel weiter: „Ich bin ein Einzelkind. Ich habe keine Verwandten. Meine Eltern habe ich seit Jahren nicht mehr gesehen.“
Ivan: ein Phantom. Und ein Profi.

Bei seiner Verhaftung durch BK-Beamte, die ihn nach monatelangen Ermittlungen bei einem Scheindeal überführen konnten, hatte der Mann ein Bündel Banknoten bei sich: 100.000 Euro in 200-Euro-Scheinen. Gefälscht. Aber das richtig gut. „Es handelt sich um hochwertige Blüten, die vermutlich in Bulgarien hergestellt wurden“, sagt Rudolf Unterköfler, Leiter des Büros für Wirtschafts- und Finanzermittlungen im BK.

Als das Euro-Bargeld am 1. Jänner 2002 den Schilling ablöste, waren sich alle einig: Kriminelle wie Ivan würden es mit den neuen Banknoten so schwer haben wie mit keiner anderen Währung.

„Der Euro hat einen sehr hohen Sicherheitsstandard“, versicherte damals Wolfgang Färber, Geschäftsführer der Oesterreichischen Banknoten- und Sicherheitsdruck GmbH (OeBS): „Weltweit ist er der Beste und wurde am letzten Stand der Technik entwickelt.“

Drei Jahre danach kann davon keine Rede mehr sein. Im Gegenteil: Der Euro ist mittlerweile drauf und dran, den US-Dollar als meistgefälschte Währung abzulösen. „Mit dem Dollar gibt sich in Europa eigentlich niemand mehr ab“, weiß Kriminalist Unterköfler: „Der wird inzwischen fast nur mehr in Südamerika illegal hergestellt.“

Als internationale Währung, die sich mehr und mehr auch in Asien und Afrika durchsetzt, ist der Euro für Verbrechersyndikate längst so interessant wie einst der Dollar oder der Schweizer Franken.

Drehscheibe Wien. Österreich spielt dabei eine bemerkenswerte Rolle. Nach Erkenntnissen der Behörden werden immer mehr Falsifikate über die heimischen Grenzen in den gesamten Euroraum geschafft. „Es gilt als gesichert, dass die meisten der Fälschungen aus Südosteuropa und dem Baltikum kommen“, referiert Stefan Augustin, zuständiger Abteilungsleiter der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB). „Und da ist vor allem Ostösterreich eine der ersten Stationen in Europa.“
„Langsam“, fügt er hinzu, „wird es mühsam.“

Seit 2003 wurden hierzulande insgesamt 32.000 Blüten beschlagnahmt – mehr als jemals zuvor. Der Großteil davon wurde in den Ballungsräumen Wien, dem oberösterreichischen Städtedreieck Linz-Wels-Steyr und der Stadt Salzburg aufgefunden.

Tatsächlich wagt derzeit aber niemand zu ermessen, wie viele Falsifikate in den vergangenen Monaten landes- und letztlich europaweit in Umlauf gebracht worden sind. Augustin: „Im Schilling ging die Zahl der Fälschungen gegen null. Die wenigen Blüten, die es gab, waren in aller Regel ein Witz.“ Das vor allem deshalb, weil der Schilling als Zahlungsmittel gegenüber dem US-Dollar, der D-Mark oder dem Schweizer Franken international zu unbedeutend war. „Jetzt“, berichtet Augustin, „ist alles anders.“

Aus dem mitunter romantisierten Gewerbe des Geldfälschers mit hohem künstlerischem Anspruch und Ehrenkodex ist eine veritable Industrie hervorgegangen – straff organisiert und international vernetzt.

„Wir haben es mit einer völlig neuen Form der Kriminalität zu tun“, konstatiert demgemäß OeNB-Abteilungsleiter Augustin. „Das sind keine Hinterhofateliers mehr, sondern professionelle Druckereien. Die erzeugen untertags Eintrittskarten und Prospekte und nächtens Falschgeld.“

Erst im vergangenen November hob das deutsche Bundeskriminalamt zusammen mit lokalen Behörden in der litauischen Stadt Kaunas eine professionell organisierte Fälscherwerkstatt aus. 13 Verdächtige wurden verhaftet, eine Offset-Druckmaschine und Druckplatten wurden konfisziert sowie Blüten in Hunderterscheinen im Wert von neun Millionen Euro sichergestellt. Über 100.000 davon hatte die Tätergruppe zuvor in mehreren EU-Staaten, darunter auch in Österreich, in Umlauf gebracht. Gelegentlich tauchen noch immer Exemplare der Serie, die bei den Behörden als Fälschungsklasse „EUA 0100 P0003“ registriert ist, auf. „Dabei handelt es sich aber offenbar um Restbestände“, vermutet ein Fahnder.

Der geheimnisvolle Herr Ivan, der nunmehr in Wien in Untersuchungshaft sitzt, dürfte hingegen Angehöriger eines südosteuropäischen Gangstersyndikats sein. Seine Ware, die er für gutes Geld zumeist an Familienclans aus dem ehemaligen Jugoslawien verkaufte, stammt nach Einschätzung des Bundeskriminalamts aus Bulgarien.

Seit 2003 wurden in Österreich insgesamt 267 Personen wegen so genannter Delikte gegen den Geldverkehr verhaftet, deutlich über 1000 weitere auf freiem Fuß angezeigt.

Um der Flut der Verdachtsfälle Herr zu werden, hat die österreichische Justiz Mitte vergangenen Jahres bei der Staatsanwaltschaft Wien ein Falschgeld-Sonderreferat eingerichtet, das unter der Leitung von Staatsanwalt Georg Krakow 42 Verfahren gleichzeitig führt. Rechtlich ist die Geldfälschung dem Raub gleichgesetzt: Der Strafrahmen beträgt ein bis zehn Jahre Haft.

Kontrolliert wird der Handel mit Falschgeld hierzulande nach Erkenntnissen der Behörden derzeit weit gehend von bulgarischen Staatsbürgern. Waren laut Kriminalstatistik des Innenministeriums im Jahr 2003 die meisten Verdächtigen noch österreichische Staatsbürger, kam 2004 die Mehrzahl der Täter bereits aus Südosteuropa.

Erst im September 2004 hatte das BK eine bulgarisch-österreichische Bande ausgehoben, die ebenfalls auf 200-Euro-Blüten spezialisiert war. Damals fielen den Behörden gefälschte Banknoten im Nennwert von 89.000 Euro in die Hände. Die Hauptverdächtigen: ein 37-jähriger Mann aus Zwettl und ein 36-jähriger Bulgare. Die Verdächtigen hatten zuvor unter anderem versucht, die heißen Scheine auf Bauernmärkten im nördlichen Waldviertel hinterlistig gegen Schnaps, Speck und Käse einzutauschen. „Vor allem die Bulgaren sind beim Fälschen Weltspitze“, sagt ein Fahnder fast anerkennend.

Auch die Nationalbank muss inzwischen kleinlaut einbekennen, dass die Fälschungen ein Qualitätsniveau erreicht haben, das es dem Laien nahezu unmöglich macht, sie von echten Scheinen zu unterscheiden. OeNB-Experte Augustin: „Die perfekte Fälschung gibt es nicht. Dafür sind die Sicherheitsmerkmale zu ausgereift. Aber die Qualität mancher Blüten ist mittlerweile ausgezeichnet.“

Die jüngst beschlagnahmten Blüten waren in vielen Fällen mit täuschend echten Sicherheitsfäden, Wasserzeichen und Hologrammen versehen, bei denen selbst Spezialisten zweimal hinschauen müssen, um sie zweifelsfrei zu agnoszieren. Ganz zu schweigen von Kassiererinnen im Supermarkt, Trafikanten oder Kellnern.

Was die Europäische Zentralbank bei der Konzeption der Banknoten offensichtlich nicht bedacht hat: Fälschungen fliegen gemeinhin nur dann auf, wenn jedes der jeweils vier Sicherheitsmerkmale penibel kontrolliert wird: das Wasserzeichen, der Sicherheitsfaden, die Spezialfolie und der so genannte Iriodinstreifen bei kleinen Scheinen (5, 10, 20) beziehungsweise der Farbwechsel bei den großen (50, 100, 200, 500). OeNB-Spezialist Augustin: „Nur mit Sehen, Fühlen und Kippen sind Manipulationen zu enttarnen.“ Und genau dazu haben im alltäglichen Geldverkehr die wenigsten Zeit und Muße.

Das Fälschernetz. Die Fälscher geben sich aber auch alle Mühe. Sie gehen arbeitsteilig vor. An bis zu drei oder gar vier Standorten kümmern sich Spezialisten um die verschiedenen Produktionsschritte – Papierherstellung, Farbabmischung, Applikation von Sicherheitsmerkmalen. Behalfen sich die Täter vor kurzem noch mit Hologrammen, die zuvor händisch von handelsüblichen Videokassetten abgezogen worden waren, so werden mittlerweile qualitativ hochwertige 3-D-Folien aus Südkorea importiert.

Die Verteilung wiederum besorgen Banden, die gleichzeitig meist auch im Handel mit Suchtgift oder – einschlägig – gefälschten Dokumenten tätig sind und daher über die nötige Infrastruktur zum Schmuggel verfügen. Eine aufwändige Angelegenheit. Bezahlt macht sie sich aber trotzdem.

Als Richtpreis für qualitativ hochwertige Blüten gilt am schwarzen Geldmarkt etwa ein Drittel des Nominalwerts der jeweiligen Banknote. Ein falscher 100-Euro-Schein wird gegenwärtig um gut 30 echte Euro gehandelt. Auch Falschgeld hat einen Markt. Mit steigender Qualität der Blüten ist auch ihr Preis gestiegen. Vor wenigen Monaten noch wurden falsche Hunderter um bloß zehn bis 20 echte Euro gehandelt.

Die 100.000 Euro, die bei Herrn Ivan gefunden wurden, hätten ihm also heute rund 33.000 Euro sauberes Geld gebracht. Seinen Abnehmern wären damit nach Abzug der Spesen 67.000 Euro geblieben.

Der Mann zählt mit Sicherheit nicht zum Fußvolk des Syndikats – den Kleinverteilern, die das Falschgeld im so genannten „Ameisenhandel“ unter die Leute bringen. Ivan fungierte vielmehr als eine Art Gebietsleiter für ganz Österreich und möglicherweise sogar Teile Deutschlands, vermutet Staatsanwalt Georg Krakow. Er macht Ivan für „zwei Drittel bis drei Viertel“ aller Betrugsfälle mit 200-Euro-Blüten 2004 verantwortlich.

Neue Scheine. Das BK hatte sich bereits im Frühjahr 2004 auf Ivans Fährte gesetzt. Monatelang war es freilich unmöglich, ihm näher zu kommen. Ausgeforscht werden konnte er letztlich bloß, weil mehrere Falschgeldverteiler als Kontaktmann einen ominösen Osteuropäer genannt und dabei übereinstimmende Personenbeschreibungen abgegeben hatten.

Dem Mann blüht bei einer Verurteilung eine mehrjährige Haftstrafe. Sollte er seinem Gewerbe dennoch treu bleiben, kommt ihm die Geschäftsgrundlage auch nach seiner Entlassung nicht abhanden. Die Techniker der Europäischen Zentralbank haben im Lichte der jüngsten, europaweit registrierten Entwicklungen bereits begonnen, noch ausgeklügeltere Sicherheitsmerkmale zu konzipieren.

Spätestens 2010, wahrscheinlich schon früher, werden für teures Echtgeld neue Euro-Banknoten in Umlauf gebracht. OeNB-Fachmann Augustin: „Wir arbeiten mit Hochdruck an der Entwicklung der nächsten Serie. Im Vordergrund stehen Merkmale, die für jedermann auf den ersten Blick erkennbar sind.“ Die Fälscher werden es zu schätzen wissen.