Kristallwelten: Crystal Meth hat Österreich erreicht

Kristallwelten: Crystal Meth hat Österreich erreicht

Die Droge Crystal Meth kommt auch in Österreich an. Noch streiten Experten über das Bedrohungspotenzial. Das Beispiel Deutschland zeigt: Panikmache ist nicht ganz unangebracht.

Realität ist Ansichtssache, Wahrheit auch, und wenn Drogen im Spiel sind, wird es in dieser Hinsicht ganz schnell ganz kompliziert. Ein Beispiel aus der Vorwoche: Nach der Festnahme eines Wiener AHS-Lehrers, den die Polizei nach einem Ausflug in die Tschechische Republik mit mehreren Gramm Crystal Meth erwischt hatte, gingen die Einschätzungen der Sachlage recht deutlich auseinander. Die Polizei zeigte den Verdächtigen auf freiem Fuß an, die Boulevardpresse fühlte sich an die blut- und beuschelrünstige TV-Serie „Breaking Bad“ erinnert (Lehrer! Crystal Meth!) und informierte ausführlich über die „Todes­droge“. Der Tatverdächtige seinerseits sah keine Gefahr im Verzug. Dem „Kurier“ erklärte er: „Ich hatte auch nie das Gefühl, dass ich es hier mit Drogen zu tun habe. Das wirkt bei mir wie Kaffee. Ich hab’s zum Arbeiten verwendet. Es wirkt einfach leistungssteigernd. Ich habe drei Kinder, den Job, ich schreibe viel – da fehlt die Zeit. Und diese Schreckensbilder aus den USA von Süchtigen – das konnte ich in meinem Umfeld nie beobachten.“

Das ist auch kein Wunder; die Bilder, von denen er spricht (es handelt sich um die vom Sheriff’s Office von Multnomah County in Oregon herausgegebene Serie „Faces of Meth“), zeigen nur einen Teil des Problems, und zwar den alleroffensichtlichsten: schlechte Haut, schlechte Zähne, eingefallene Wangen. In Österreich sehen Crystal-Meth-User eher nicht so aus. Und die, die so aussehen, sieht man nicht, weil sie nicht mehr auf die Straße oder in die Disco gehen. Wesentlich bedrohlicher, weil unscheinbarer ist aber ohnehin der ganz alltägliche, unverwahrloste Konsum der Subs­tanz, die mit vollem Namen eigentlich Meth­amphetamin-Hydrochlorid heißt und eine wesentlich potentere Variante des als Speed bekannten Amphetamins ist (siehe Interview mit dem Suchtmediziner Roland Härtel-Petri). Und diesen Konsum gibt es sehr wohl auch in Österreich. Es ist der Mutproben- und Ausprobierkonsum von Teenagern; der Draufgängertum und Trinkfestigkeit erhöhende Konsum von Fußballhooligans; der Konsum als Sexdroge, als Tanz- und Animierstoff in Clubs und auf Partys; der Konsum als schlichter Muntermacher und Wachhalter.

Andre Agassis Freude am Putzen
Ein prominentes Beispiel: In seiner Autobiografie „Open“ beschreibt der Tennisprofi Andre Agassi seine einschlägigen Erfahrungen im Jahr 1997. „Mein Assistent Slim legt einen kleinen Haufen Pulver auf den Kaffeetisch. Er zerteilt es, schnupft es. Er zerteilt es nochmal. Ich schnupfe etwas. Ich lehne mich in der Couch zurück und denke über den Rubikon nach, den ich gerade überschritten habe. Es folgt ein Moment der Reue, dann große Traurigkeit. Dann eine Flutwelle von Euphorie, die jeden negativen Gedanken in meinem Kopf wegspült. Ich habe mich nie so lebendig gefühlt, so hoffnungsvoll – und nie so energiegeladen. Ein unstillbares Bedürfnis nach Aufräumen ergreift mich. Ich tobe durch mein Haus, ich putze es von oben bis unten. Ich staube die Möbel ab. Ich schrubbe die Badewanne. Ich mache die Betten.“ Crystal Meth kommt offenbar in den besten Haushalten vor. Und es hat viele Gesichter. Nicht alle sind ausgemergelt und verpickelt. Viele sind schlicht unsichtbar. Noch. Denn Meth ist auf dem Vormarsch. Auch in Österreich.

„Seit ungefähr zwei Jahren spüren wir einen relativ starken Anstieg im Verkauf und Konsum von putschenden Drogen, vor allem bei den so genannten Badesalzen und Crystal Meth“, erklärt Thomas Schwarzenbrunner, der als Sucht- und Drogenkoordinator des Landes Oberösterreich gewissermaßen an vorderster Front steht: Das Meth-Problem ist regional – noch – sehr unregelmäßig verteilt, betrifft derzeit vor allem Ober- und Niederösterreich, und dort wiederum eher die nördlichen Bezirke. Die Ursache ist banal: Das in Österreich konsumierte Methamphetamin stammt fast ausschließlich aus der Tschechischen Repu­blik, wo es in improvisierten Drogenküchen ­produziert, meist im Umfeld der grenznahen Asia-Märkte vertrieben und von Kleindealern oder Endabnehmern in kleinen Mengen über die Grenze geschmuggelt wird. In welchem Ausmaß das tatsächlich passiert, können auch direkt mit dem Phänomen befasste Experten nur vermuten. Schwarzenbrunner: „Wir tun uns schwer, das genau zu beziffern. Der Konsum findet vor allem im privaten Bereich statt, es wird auch noch viel ausprobiert und ist kaum noch mit schweren Abhängigkeiten verbunden, die im klinischen Bereich landen würden. Wir wissen also nicht, ob die Welle bei uns schon voll angekommen ist. Von einer Epidemie kann man allerdings sicher noch nicht sprechen.“

Zuwachsraten besorgniserregend
Der Suchtmittelbericht des Innenministeriums verzeichnet für das Jahr 2011 österreichweit 510 Anzeigen im Zusammenhang mit Methamphetamin. Ein Jahr davor waren es 294 Anzeigen, 2008 nur 109. Für das Jahr 2012 rechnen Insider mit etwa 1000 Fällen. Anders gesagt: Die Zuwachsraten sind besorgniserregend, die absoluten Zahlen nicht. Ganz in diesem Sinne wiegelt auch Mario Hejl, Sprecher des Bundeskriminalamts, ab: „Bei insgesamt 26.000 Anzeigen nach dem Suchtmittelgesetz ist Methamphetamin mit einigen hundert nicht unser dringendstes Problem. Zudem kann man davon ausgehen, dass die steigenden Zahlen in dem Bereich auch mit der verstärkten Polizeiarbeit zu erklären sind. Wir haben die Beamten in den Dienststellen für Schengen-Ausgleichsmaßnahmen speziell geschult und arbeiten im Polizeikooperationszentrum in Drasenhofen eng mit den tschechischen Behörden zusammen. Was wir sehen, sind keine professionellen Strukturen, sondern der kleine Schmuggel zum Eigengebrauch.“

Genau darin liegt das Problem. Crystal Meth passiert dezentral und ist damit umso schwieriger zu fassen. Anders als Kokain, Cannabis oder Ecstasy wird Methamphetamin nicht in großen Mengen über Landesgrenzen verschoben, sondern vorwiegend regional produziert und verteilt. Das hat auch damit zu tun, dass die Substanz ohne großes chemisches Vorwissen aus legal erhältlichen Vorläuferstoffen erzeugt werden kann, laut Online-Manual reicht es sogar, die richtigen Ausgangsstoffe im korrekten Verhältnis in einer handelsüblichen Plastikflasche zu mischen und kräftig zu schütteln. Von der Explosionsgefahr bei der Prozedur ist im Online-Manual leider nicht die Rede.

Kein Wunder, dass Amphetamine (dazu zählen neben Crystal Meth auch Speed oder Badesalze) laut UN-Büro für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) weltweit nach Cannabis die am weitesten verbreiteten Drogen sind. Bis zu 1,2 Prozent der erwachsenen Bevölkerung hätten diese Substanzen laut UNODC zumindest einmal im vergangenen Jahr konsumiert, das wären etwa 53 Millionen Menschen. Was die UN-Berichterstatter aber noch mehr besorgt – und auch die Behörden in Deutschland und der Tschechischen Republik Alarm schlagen lässt –, ist die Tatsache, dass der Markt zunehmend von professionellen Strukturen geprägt wird. Es ist eben nicht mehr nur der Hobbychemiker, der im Garagenlabor Grippemittel zermörsert, sondern der Profi-Meth-Koch, der die Subs­tanz in großem Stil erzeugt und per Überangebot die Nachfrage anheizt. In Deutschland ist die Meth-Welle bereits spürbar angerollt. Im Vorjahr wurden dort 26,5 Kilogramm Crystal sichergestellt, drei Jahre vorher waren es noch 600 Gramm. Das ist insofern auch für Österreich bedeutsam, als Methamphetamin in Deutschland bis dato genauso funktioniert hat, wie es derzeit noch in Österreich funktioniert: regional konzentriert, im kleinen Kreis verteilt.

Oberfranken gilt in Deutschland als besondere Problemzone. Roland Härtel-Petri, Oberarzt an der Abteilung für Klinische Suchtmedizin am Bezirkskrankenhaus der „Kristall-Stadt“ Bayreuth, musste sich schon vor Jahren auf die Behandlung von Methamphetamin-Abhängigen spezialisieren. Er erklärt den gegenwärtigen Trend: „Derzeit bestimmt das Angebot zweifellos die Nachfrage. Dazu kommt aber auch ein Zeitgeist, der meint, es sei unproblematisch oder sogar notwendig, seinen Körper und Geist ständig noch weiter zu verbessern, die Leistung ständig zu steigern – bis hin zur unsäglichen Debatte über Gehirndoping.“ Zudem stoße das hochpotente kristalline Meth­amphetamin auf eine veränderte Drogenkultur: „Ende der neunziger Jahre hat sich das Konsummuster gewandelt. Stimulanzien werden heute nicht mehr als Tabletten aufgenommen, sondern fast ausschließlich nasal. In den achtziger Jahren war, wer Speed schnupfte, schon Junkie. Heute ist das die normale Konsumform. Das steigert aber die Wirkung und damit die Gefahr einer Abhängigkeit. Unter diesen Umständen kann Crystal Meth sehr rasch äußerst schädlich wirken.“
Man könne und solle, so Härtel-Petri, dessen Patienten aus ganz Deutschland und zunehmend auch aus Österreich stammen, deshalb ruhig ein bisschen Panikmache riskieren. „Es gibt immer noch sehr viele Konsumenten, die nichts über die Gefahren dieser Substanz wissen.“ Crystal Meth muss keine „Todesdroge“ sein, um schreckliche Auswirkungen zu haben. Und eines ist es ganz bestimmt nicht: kalter Kaffee.

Interview
„Crystal kommt häufig schon vor Cannabis“
Der deutsche Psychiater und Suchtmediziner Roland Härtel-Petri über die verschiedenen ­Gesichter von Crystal Meth, 13-jährige Konsumenten und die ­medizinischen Hintergründe der Droge.

profil: Crystal Meth ist die gefährlichste Droge, die es gibt, macht schon mit dem ersten Konsum süchtig und ruiniert den Körper innerhalb weniger Monate. Richtig?
Härtel-Petri: Gesamtgesellschaftlich bleibt Alkohol die gefährlichste Substanz. Für das einzelne Individuum aber ist Crystal Meth tatsächlich eine der schädlichsten Drogen. Es macht nicht beim ersten Konsum süchtig, aber jedenfalls schneller abhängig als Koks oder Crack. Zudem ist es eine hochgradig neurotoxische Substanz. Crystal verursacht relativ schnell bleibende Schäden im Gehirn.

profil: Die Öffentlichkeit kennt von Crystal Meth oft nur die Polizeifotos ausgemergelter Konsumenten. Zeigen diese Bilder den typischen Fall?
Härtel-Petri: Für die Patienten, die ich in der Psychiatrie zu Gesicht bekomme, sind diese Bilder Realität, oder sie waren es. In der ersten Phase wird Körperfett abgebaut, die Menschen magern ab. Nach etwa zwei Jahren Dauerkonsum stellt sich der Körper aber um und hält wieder das normale Gewicht, dann sieht man ihnen das nicht mehr an. Die verpickelte Haut beruht auf Selbstbeschädigung: Crystal-Konsumenten drücken und kratzen stundenlang an ihren Hautunreinheiten herum, zum Teil hat das auch psychotische Züge. Die Schäden, die im Gehirn entstehen, sind aus meiner Sicht jedenfalls wesentlich dramatischer als jene, die man mit diesen Bildern erfassen kann.

profil: Was macht Crystal so gefährlich?
Härtel-Petri: Methamphetamin ist leichter fettlöslich als Amphetamin, kommt dadurch schneller durch die Blut-Hirn-Schranke und konzentriert sich so stärker im Hirn als im Herz. ­Dadurch spüren Sie am Anfang nicht die typischen Nebenwirkungen von Speed, dieses Herzrasen, das normalerweise einen begrenzenden Faktor für die Einnahme von Amphetaminen darstellt. Da nun aber die Konzentration im Hirn so hoch ist, sind die Abbau­enzyme im Hirn völlig überfordert, es bilden sich Sauerstoffradikale, die wieder­um dafür sorgen, dass die Ausläufer der Nervenzellen absterben. Auf Dauer kann das in eine Amphetamin-Psychose führen, die sehr hartnäckig ausfallen kann.

profil: Methamphetamin taucht offenbar vor allem in der Provinz auf, weniger in Großstädten – warum?
Härtel-Petri: Das hat nichts mit dem Verbauungsgrad einer Gegend zu tun, sondern schlicht damit, dass das Grenzgebiet zu Tschechien in Österreich und Deutschland eher dünn besiedelt ist. Aber Crystal kommt bereits in den Städten an. Wir haben ein Riesenproblem in Nürnberg, ein Riesenproblem in Dresden und Leipzig, und dort haben wir dann auch urbane, gewalttätige Strukturen.

profil: Wann im Verlauf einer Drogenkarriere taucht Crystal üblicherweise auf? Handelt es sich um einen Zusatzkick für Leute, die schon alles ausprobiert haben?
Härtel-Petri: Bei uns in der Region kommt Crystal häufig schon vor Cannabis. In Großstädten mag das noch anders sein, aber hier, wo es zu furchtbar billigen Preisen verfügbar ist, ist Crystal auch schon eine Einstiegsdroge für 13- bis 14-Jährige, die keine Ahnung haben von den Gefahren.

profil: Lässt sich eine Methamphetamin-Abhängigkeit gut behandeln?
Härtel-Petri: Ja, wir erzielen ähnlich gute Erfolge wie bei Alkoholabhängigen. Das ist die positive Nachricht. Den Suchtberatungsstellen muss allerdings klar sein, dass die Konsummotive ganz andere sind als bei Opiaten, Cannabis oder Alkohol, wo eher Fluchtmotive vorliegen. Diese Leute wollen Spaß haben, aktiv sein, sind leistungsorientiert. Da muss eine Therapie anders ansetzen.

Zur Person
Roland Härtel-Petri ist Oberarzt an der Abteilung für ­Klinische Suchtmedizin am Bezirkskrankenhaus Bayreuth, wissenschaftlicher Berater der Suchtklinik Hochstadt und international gefragter ­Experte für die Behandlung und ­Therapie von Methamphetamin-­Abhängigen.