Kritik: Gnadenlose Körper

Akrobatische Grenzgänge mit ästhetischem Zuckerguss: die „Cirque du Soleil“-Show „Dralion“.

Kitsch kann, in kleiner Dosierung, durchaus erwärmende Wirkung besitzen. Anfangs ist man fasziniert von diesem Brimborium aus Nebelschwaden, den in exquisiten Ethno-Outfits traumwandelnden Zauberwesen, die zu rockigen Sirenengesängen die Geburt der vier Elemente verkörpern. Und auch die Clowns,
die quasi als Prolog zur symbolschwangeren Genesis-Orgie, die Verzauberungsmaschinerie anheizen sollen, besitzen mit ihrer Commedia-dell’Arte-inspirierten Wendigkeit durchaus Charme.

In den Zustand kindlichen Staunens versetzen einen die Einlagen der chinesischen Akrobaten: das Glühbirnen-Ballett, wo die Tänzerinnen in Spitzenschuhen auf Leuchtballons balancieren, um dann eine drei Frauen hohe Pyramide auf dem zerbrechlichen Untergrund zu bilden. Oder das elfjährige Mädchen, das auf einer Hand auf einer hohen Säule balanciert und dabei ihren Körper in die verschiedensten atemberaubenden Schlangenpositionen windet. Die Springerinnen, die sich im Flug von einem Brett als drittes oder sogar viertes Glied einer Menschenpyramide einparken. Dennoch ist man irgendwann von der perfektionistischen Aneinanderreihung des Unmöglichen wie erschlagen. Es stellt sich ein Gefühl ein, als habe man von einem hemmungslos übersüßten Dessert zwei, drei Löffel zu viel gegessen.

Kanten, Ecken, ein bisschen inszenierte Schäbigkeit und ironische Brechungen würden der Produktion gut tun. Die reibungslose Aalglätte von „Dralion“, die airgebrushte Perfektion der Darbietung blockiert den konsequenten Verzauberungsprozess. Bei allem Respekt für die artistischen Grenzgän-ge – Las Vegas lässt grüßen.

„Cirque du Soleil“, ab 3. Juni im „Grand Chapiteau“ am Prater-Rotundenplatz in Wien. Das Gastspiel ist für mehrere Wochen anberaumt.
Tickets von 30 bis 63 Euro, Tel.: 01/96 09 66 66