„Krone“-Chef Hans Dichand stieß erstmals auf Widerstand seiner Redaktion

Mit seiner Kampagne für die Rechtsaußen-Kandidatin Barbara Rosenkranz stieß „Krone“-Chef Hans Dichand erstmals auf den Widerstand seiner Redaktion.

Frisch und gut aufgelegt posierte der Chef mit den zwei kernigen Bäuerinnen für den Hausfotografen: www.heimisch kaufen.at heißt die patriotische Aktion der Landwirtschaftskammer, die Arbeitsplätze auf österreichischer Scholle sichern soll. Das unterstützte Hans Dichand, 89, gern, als er die schmucke Agrarierdelegation vergangenen Mittwoch zum Kaffee empfing.

Schon lange hatte man das Bild des Hälfteeigentümers und Herausgebers der „Kronen Zeitung“ nicht mehr im Blatt gesehen. Das Interview-Foto in der Wochenendbeilage ist uralt. Öffentliche Auftritte absolviert zunehmend Sohn Christoph, 45, formal Chefredakteur des Blatts und in der Redaktion durchaus wohlgelitten. Auch in den Kaffeehäusern, in denen er früher, geleitet von Chauffeur und Leibwächter, zu Gast war, sieht man den alten Herrn nur noch selten.

Dass Hans Dichand sehr wohl auf der Kommandobrücke ist, weiß man freilich nicht erst seit dem niedlichen Foto mit den Damen von der Bauernkammer: Wie der Seniorchef der auflagenstärksten Zeitung des Landes vergangene Woche Barbara Rosenkranz mit der Drohung des Liebesentzugs ein Bekenntnis zum NS-Verbotsgesetz abrang – notariell beglaubigt und vorab vorgelegt –, das machte schon Eindruck. Nur 48 Stunden vergingen zwischen der Mahnung von Kolumnist „Cato“ (recte Hans Dichand) und der Unterwerfungsgeste der FPÖ-Kandidatin, die so gar nicht zum germanischen Urmutter-Bild passen will: So schnell hat noch nie ein Politiker pariert, wenn Dichand streng wurde. Der große alte Mann des Boulevards hat wieder einmal allen gezeigt, wo die Macht zu Hause ist.
Oder war es doch etwas anders? So sieht es jedenfalls aus. Denn Dichand machte eher das Beste aus einer von ihm selbst verursachten reichlich verfahrenen Lage, als dass er Herr der Vorgänge gewesen wäre.

Die Kandidatur von Barbara Rosenkranz war Teil eines von ihm im Sommer vergangenen Jahres erdachten Masterplans gewesen: Seinen Wunschpräsidenten Erwin Pröll konnte Dichand nur dann in die Hofburg bringen, wenn man Heinz Fischer – nie verzieh ihm der „Krone“-Chef die Gegenzeichnung des Lissabon-Vertrags – in eine Stichwahl zwang. Dafür, meinte Dichand, wäre die mütterliche 52-Jährige die richtige Kandidatin. „Er trifft solche Entscheidungen aus dem Bauch. Er hat sich wahrscheinlich nie mit dem politischen Hintergrund von Rosenkranz beschäftigt“, glaubt ein „Krone“-Mann. Weniger verständnisvoll urteilt Politikforscher Peter Ulram vom GfK-Institut: „Dichand hatte bisher ein gewisses Sensorium in solchen Fragen. Das scheint ihn verlassen zu haben.“

Storniert.
Tatsache ist, dass das Call-Center der „Kronen Zeitung“ mit Protestanrufen zugeschüttet wurde, seit Dichand am Tag der Kür von Rosenkranz zur Präsidentschaftskandidatin markig zur Wahl der „mutigen Mutter“ (Dichand) aufgerufen hatte: „Wählen wir sie, sie wird eine gute Bundespräsidentin sein!“

Als die FPÖ-Dame tags darauf das NS-Verbotsgesetz infrage stellte, trafen die ersten Abonnement-Abbestellungen im Pressehaus am Donaukanal ein. Gegen Ende vorvergangener Woche hatten bereits mehrere hundert Abonnenten ihr Storno deponiert.

Diese Reaktion war absehbar:
Immerhin ergab eine Analyse der Nationalratswahlen 2008, dass 40 Prozent aller „Krone“-Leser die SPÖ wählen. Sie können sich wohl kaum für eine Hasskampagne gegen den amtierenden Bundespräsidenten Heinz Fischer zugunsten der Rechts­nationalen erwärmen.

Welche Ausmaße solcher Abo-Protest annehmen kann, hatte Dichand im Herbst 2008 erfahren: Die ulkige Ausmaße annehmende „Krone“-Kampagne für den SPÖ-Spitzenkandidaten Werner Faymann („Tiere würden Faymann wählen“) hatte 4000 stornierte Abonnements zur Folge – wenig angesichts der 800.000 täglich verkauften „Krone“-Exemplare, aber ein Hinweis, dass die Leserschaft nicht mehr bereit ist, jede Volte des Altmeisters zu akzeptieren.

Neu ist, dass auch die „Krone“-Redaktion die oft etwas eigentümlichen Eingebungen des Chefs nicht mehr bedingungslos ausführen will. Nach Barbara Rosenkranzens Kritik am NS-Verbotsgesetz sei die Stimmung unter den Redakteuren deutlich umgeschlagen, erzählt ein „Krone“-Mitarbeiter: „Ich kann mich nicht daran erinnern, dass es das bei uns schon einmal gegeben hat.“

Die „Krone“-Redaktion hatte bisher tatsächlich die Kampagnen des Gründervaters ohne Wimpernzucken mitgetragen: gegen den Semmeringtunnel (in der Niederösterreich-Ausgabe), für den Semmeringtunnel (in der Steirer-„Krone“); gegen Hainburg, Gentechnik und Grüne; gegen die Regierung Schüssel, aber auch gegen die Sanktionen gegen sie; für den EU-Beitritt, gegen die EU-Mitgliedschaft. Bei Barbara Rosenkranz dürfte er etwas zu weit danebengegriffen haben. Gegen Ende vorvergangener Woche meldeten bereits erste Großinserenten ihre Bedenken an: Im Umfeld einer Rosenkranz-Jubelberichterstattung seien ihre Anzeigen nicht gut aufgehoben.

Am Donnerstag stellte sich Georg Wailand, 63, stellvertretender Chefredakteur und Leiter des Wirtschaftsressorts der „Krone“, an die Spitze des Protests. Nach Rücksprache mit dem Betriebsrat suchte Wailand den Seniorchef in seinem Büro auf. Wenig später sei jener „Cato“-Text ins Redaktionssystem eingespeist worden, in dem der alte Redaktions-Römer Barbara Rosenkranz ein notariell beglaubigtes Bekenntnis zum NS-Verbotsgesetz abverlangt. Die Kolumne erschien in der Samstagsausgabe des Blatts.

Der Autor des Textes sei gar nicht Dichand, sondern Wailand, meinen einige Redaktionsmitglieder. Wailand habe den Text nur redigiert, glauben andere. Der „Krone“-Wirtschaftschef weilte Ende vergangener Woche in Südafrika und war für profil nicht zu erreichen.

Leser und Briefe.
Die Kampagne für Rosenkranz wird seither etwas zurückgefahren: Reduzierte Rosenkranz-Bejubelung, aber weiterhin Fischer-Bashing im redaktionellen Teil, lautet die neue Linie. Auf der vom Herausgeber eigenhändig gestalteten Leserbrief-Seite geht der Rosenkranz-Taumel ungebremst weiter. Mit der Autorenzeile „Name und Anschrift der Redaktion bekannt“ erschien dort etwa vergangenen Freitag ein Brief, in dem bitter beklagt wurde, „dass es Sozialisten und Grünen bereits gelungen ist, Rosenkranz im Ausland anzuschwärzen“. ­Titel der Epistel: „Sanktionen gegen eine Frau“. Leser Willibald Zach aus Krems arbeitet seine Angst um Barbara Rosenkranz in alarmistischen Versen auf: „Traurig, was hier ungebeten, leider wieder losgetreten./ Ultras, Linke, Rote, Grüne, sie erstürmen schon die Bühne!“ Einer der emsigsten Leserbriefschreiber, „Kurt Gärtner, Wels“, arbeitet sich an Fischer ab: „Bei seinen wenigen relevanten Äußerungen konnte man die sozialistische Ideologie nicht übersehen.“ „Angeblich rechts ist unser Land – doch bleibt der ORF in linker Hand“, reimt angesichts der Rosenkranz-Debatte „Franz Weinpolter, Wien“, eine Art Doyen in Dichands kauziger Schreiberschar.

Nach dem Scheitern des Versuchs, Erwin Pröll zum Bundespräsidenten zu machen, ist die Rosenkranz-Rutschpartie der zweite Flop en suite für den Kampagnenjournalismus der Marke „Krone“, dessen Bilanz insgesamt eher ambivalent ist: Wohl gelang es, den Bau des Kraftwerks Hainburg zu verhindern und für den parteilosen Hans Peter Martin bei der Europawahl 18 Prozent zusammenzutrommeln. Aber Wolfgang Schüssel hatte seine Wenderegierung trotz des Sperrfeuers aus dem Pressehaus gebildet, die SP/VP-Mehrheit unterzog den EU-Vertrag keiner Volksabstimmung, obwohl die „Krone“ dafür sogar die Straße mobilisiert hatte – und das Präsidentenmachen erwies sich nun doch eine Nummer zu groß für das Kleinformat.

Unklar sind auch die Auswirkungen der Kampagne für den SPÖ-Spitzenkandidaten Werner Faymann vor der Nationalratswahl 2008: Wohl blieben die Sozialdemokraten stärkste Partei, mussten sich aber mit dem schlechtesten Wahlergebnis der Parteigeschichte begnügen.

„Krone“-Wirkung.
Ein vom Politik-Professor Fritz Plasser organisiertes Wissenschafterteam hat jetzt die Effekte der Medienberichterstattung auf das Wahlergebnis untersucht* und dabei auch die Aussagen der „Krone“ zu den Spitzenkandidaten und den wahlwerbenden Parteien in einem komplexen Verfahren kodiert und bewertet. Die Ergebnisse erklären, warum der „Krone“-Hype für Faymann der SPÖ nur wenig nützt:
* Von den Spitzenkandidaten stieg der heutige Kanzler in der Vorwahlberichterstattung der „Krone“ am besten aus, gefolgt von Jörg Haider, H. C. Strache und Alexander Van der Bellen. Klarer Letzter in Dichands Gunst war ÖVP-Chef Wilhelm Molterer.
* Die Bewertung der Parteien sah völlig anders aus: Hier liegt die FPÖ vorn, gefolgt vom BZÖ. Deutlich abgeschlagen rangieren SPÖ, Grüne und ÖVP.
* Diese Grundtendenzen im redaktionellen Teil wurden auf den Leserbriefseiten weiter verstärkt: Das Hosianna für Faymann, FPÖ und BZÖ war dort noch lauter, das Cru­cifige für Molterer und seine ÖVP noch ­düsterer.

Anders gesagt: Die „Krone“ bejubelte Faymann, gleichzeitig aber die von den Rechtspopulisten Strache und Haider vertretenen Inhalte und überhöhte dies im Leserforum zu Volkes Stimme.

Wie viel Einfluss die „Krone“ tatsächlich auf das Wahlverhalten hat, ist schwer zu quantifizieren. Tatsache ist jedenfalls, dass sie mehr als 40 Prozent aller erwachsenen Österreicher lesen – und etwa die Hälfte von ihnen liest nie eine andere Zeitung. Als Politologen nach den vorjährigen Europawahlen jene 18 Prozent der Wähler analysierten, die für Hans Peter Martin gestimmt hatten, konstatierten sie, dass drei Viertel von ihnen kein anderes Blatt als die „Krone“ zur Hand nehmen.

Mehr noch als die tatsächliche Überzeugungskraft scheint der Mythos der Macht der Zeitung und ihres greisen Herausgebers zu bewirken. So glauben 87 Prozent der österreichischen Politikjournalisten, 86 Prozent der Politiker und 66 Prozent des Publikums laut einer Umfrage des Plasser-Teams, die „Krone“ habe starken oder sogar sehr starken Einfluss auf die Politik. Das passt zum Befund von Ex-Außenministerin Ursula Plassnik, monatelang Hassobjekt der Dichand-Zeitung: „Die ,Krone‘ hat genau so viel Macht, wie ihr die Politik zubilligt.“

Wo diese Macht ihre Grenzen hat, zeigte die Redaktion ihrem Herausgeber vergangene Woche. Ein anderes Beispiel findet er in der eigenen Familie. Schwiegertochter Eva Dichand, Chefin der U-Bahn-Zeitung „Heute“, bezeichnete vergangenen Freitag zwar Heinz Fischer in einem „Format“-Interview als „extrem linken Kandidaten“, kann sich – anders als der Schwiegerpapa – Barbara Rosenkranz aber nicht in der Hofburg vorstellen: „Ich wähle sie nicht.“