Kruzitürken!

Herbert Lackner über die große Angst der Österreicher vor den Zuwanderern aus dem Morgenland: 1683 für immerdar.

Vergangenen Donnerstag, als eben die Diskussion über den unerhörten Botschafter der Türkei hochbrandete, besuchte eine Schülerinnengruppe eines Wiener Gymnasiums die profil-Redaktion. Eines der Mädchen, etwa 13 Jahre alt, trug ein Kopftuch. Sie hatte offenkundig „türkischen Migrationshintergrund“, wie die gebräuchliche Formel lautet, sprach aber völlig akzentfreies Deutsch. Bei Deutschschularbeiten plage sie sich dennoch, erzählte sie. Sie war eine der ­Interessiertesten in der Gruppe, gut gelaunt und von ein­nehmender Verschmitztheit.

Das Mädchen mit dem Kopftuch ist einer jener Menschen, denen man hierzulande mit großem Unbehagen begegnet. Zu fremdländisch, zu zahlreich, zu moslemisch: Die Österreicher mögen die Türken einfach nicht, und sie machen kein Hehl daraus. Nie brandet bei den Wahlveranstaltungen H. C. Straches der Jubel höher als bei jenen Passagen, in denen es gegen die Zuwanderer aus der Türkei geht. So erfolgversprechend ist solche Wahlkampfstrategie, dass sogar die kreuzbrave ÖVP einen plumpen Kopierversuch unternahm.

Wie schwer arbeitende und dennoch miserabel bezahlte Zuwanderer aus der Türkei derartige Kampagnen erleben, was sie fühlen, wenn Slogans wie „Daham statt Islam“ und „Pummerin statt Muezzin“ von den Plakatwänden scherzen, wenn gerade jene am meisten bei Wahlen dazugewinnen, die am lautesten gegen sie gehetzt haben – das fragt sich kaum ­jemand.

Und zwar deshalb nicht, weil sich die Österreicher für ihre türkischen Mitbürger, ihre Probleme, ihre Kultur und Gebräuche einfach nicht interessieren, wie der türkische Botschafter Kadri Ecvet Tezcan vergangenen Mittwoch in seinem umfehdeten „Presse“-Interview konstatierte. Sie sind den Österreichern bestenfalls egal, meistens eher lästig und sehr oft ziemlich unheimlich.

Tezcan ist seit einem Jahr in Österreich, der Außenminister hat ihm bis heute keinen Termin gegeben, erst einmal wurde er in das Haus einer österreichischen Familie eingeladen. Es verwundert also nicht, wenn er befindet: „Die Türken in Wien wissen, sie sind nicht willkommen.“
Dass Tezcan in seinem undiplomatischen Zorn bisweilen über das Ziel schoss (etwa als er meinte, als Chef einer internationalen Organisation würde er angesichts der FPÖ-Wahlerfolge nicht in Österreich bleiben) und arg pauschalierte („Außer im Urlaub interessieren sich die Österreicher nicht für andere Kulturen“), ändert nichts an der Richtigkeit seines Grundbefunds.

Wiewohl im Prinzip erwartbar, überraschte die schrille Tonlage der Reaktion am Boulevard: „Welle der Empörung in ganz Österreich: Türkei-Botschafter muss sofort weg!“, ­forderte die „Kronen Zeitung“. „Türken-Botschafter: Sein Ton ärgert alle“, gab sich die U-Bahn-Zeitung „Heute“ ­grantig. „Die Türkei provoziert Österreich!“, titelte – eh klar – „Österreich“ bellizistisch.

Was war so empörend an den Aussagen des Botschafters, das Regierung und Groschenpresse gleichermaßen ausrücken ließ? Tezcan meint, es stimme, dass es in manchen Gebieten Wiens Schulklassen mit einem Türken-Anteil von 60 bis 70 Prozent gibt – aber das sei eine Folge von Ghettobildung in Stadtvierteln mit schlechter Wohnqualität. Was ist daran falsch? Warum ist es so unverständlich, dass es ihn als Vertreter eines strikt laizistischen Staats befremdet, wenn die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel meint, Deutschland sei eine „christliche Gesellschaft“? Und stimmt es vielleicht nicht, dass die SPÖ in Ausländerdebatten klare Worte scheut, weil sie befürchtet, andernfalls noch mehr Stimmen an Strache zu verlieren, wie der Botschafter bitter anmerkt? Wer daran zweifelt, möge nur noch einmal den abstoßenden Wahlkampf des burgenländischen Landeshauptmanns Hans Niessl Revue passieren lassen, der in Bezirken über Asylantenheime abstimmen ließ, in denen nie welche geplant waren, und das Bundesheer in verschlafenen Puszta-Dörfern auf Illegalen-Jagd schickt, wo gar keine Illegalen sind.

Wenn also Politiker wie der BZÖ-Abgeordnete Herbert Scheibner die dürre Faust schütteln und die sofortige Abberufung des Botschafters fordern, andernfalls Österreich seine diplomatischen Beziehungen zur Türkei rückstufen müsse, so ist das lächerliche Kraftmeierei, mit der man freilich hierzulande immer noch Eindruck schinden kann.

Mitten in das schöne Türken-Bashing durch Österreichs Politik und Medien platzte vergangene Woche die Veröffentlichung der neuesten Umfragedaten bezüglich eines EU-Beitritts der Türkei: Bloß noch 17 Prozent der Österreicher wollen die Türkei laut Studie der Gesellschaft für Europapolitik in die Union aufnehmen; vor fünf Jahren waren noch 34 Prozent für einen Türkei-Beitritt gewesen. Eine Aufnahme Kroatiens wird hingegen von 68 Prozent befürwortet.

Die Kroaten sind tiefkatholisch, die Türken Moslems – ist das der Grund? Religion ist wohl nicht das entscheidende Motiv, zu unterschätzen ist ihre diesbezügliche Bedeutung aber nicht. Das Verhältnis zwischen Abend- und Morgenland, also auch jenes zwischen Österreich und der Türkei, wird hierzulande seit jeher als ein Kampf der Kulturen dargestellt.

Die meisten Österreicher haben in ihrer Schulzeit mehr über die beiden Türkenbelagerungen Wiens gehört als über die zwei Weltkriege des vergangenen Jahrhunderts. Die Schlachten zwischen Osmanen und Habsburgern werden nicht als Konflikte zweier imperialer Mächte definiert, sondern als Glaubenskriege zwischen Christentum und Islam, obwohl die Türken mit Waffenhilfe protestantischer ungarischer Adeliger und wohlwollender Duldung des katholischen Franzosenkönigs vor Wien gezogen waren. „Mit dem auf dieser Bergeshöh’ am 12. September 1683 dargebrachten Messopfer begann die Rettung der abendländischen Kultur“, heißt es auf einer Gedenktafel an der Kirche am Wiener ­Leopoldsberg. Gleich daneben wirbt der erzkonservative Gebetskreis „Legio Mariae“. Der Würstelstand am Kahlenberg ist nach dem katholischen Polenkönig benannt, der das Entsatzheer heranführte: „Imbissstandl Sobieski“. In Waidhofen an der Ybbs, dem westlichsten Punkt des Türken-Vormarsches, zeigt die Kirchturmuhr bis heute die Stunde an, zu der die tapferen Bürger die Janitscharen vertrieben.

Der Sieg über die Türken vor Wien wird seit jeher ­politisch instrumentalisiert. Zum 200-Jahr-Jubiläum, am 12. September 1883, wurde der Schlussstein des Wiener Rathauses gesetzt. Zum 250-Jahr-Jubiläum, 1933, kündigte der christlichsoziale Bundeskanzler Engelbert Dollfuß am Katholikentag die Zerschlagung der Demokratie und das Ende der ihm so verhassten Republik an. Am 12. September 1983 kam Papst Johannes Paul II. zu einem wohl nicht zufällig genau 300 Jahre nach dem Triumph des Christenheers angesetzten Katholikentag nach Wien.

Die Türken nicht zu mögen wird so zur Christenpflicht, zum Teil des kollektiven Unterbewusstseins, das bisweilen durchbricht – wie 2005 beim Grazer Bürgermeister Siegfried Nagl (ÖVP), als dieser im Gemeinderat anmerkte: „Über Jahrhunderte hat Graz die Türken bekämpft. Heute setzen wir den Kampf mit anderen Mitteln fort.“ Ins Unappetitliche weitergedacht, ergibt dies dann Wahlkampf-­Comics, wie jenes der Wiener FPÖ, in dem ein glänzender Ritter mit den Zügen H. C. Straches vor den Stadtmauern Wiens „dem Mustafa ane aufbrennt“. Wie der türkische Botschafter wohl darauf kommt, seine Landsleute fühlten sich in Österreich nicht willkommen …

Zwanzig Prozent der türkischstämmigen Familien in Österreich leben unter der Armutsgrenze, weitere 36 Prozent sind armutsgefährdet. Vier von fünf jungen Türken sagen, das Ideal sei ein berufstätiger Mann und eine Haus und Kinder hütende Frau. Nur 39 Prozent der in Österreich lebenden Türkinnen haben einen Job. Ihr erstes Kind bekommen sie mit 24, dann bleiben sie zu Hause; die durchschnittliche Kinderzahl beträgt 2,6. Sechzig Prozent der türkischen Jugendlichen sagen, Religion spiele in ihrem Leben eine wichtige Rolle.

Wer das jetzt fremdländisch oder gar gefährlich findet, sei daran erinnert, dass sowohl soziale Lage als auch Familienbild und religiöse Prägung fast punktgenau dem Österreich der fünfziger und sechziger Jahre entsprechen. Die Türken heute – das waren wir gestern und vorgestern: ärmlich, konservativ, gläubig. Die Frauen trugen oft Kopftuch.

Vielleicht speist sich die Ablehnung der Zuwanderer aus Europas Südost-Ecke auch aus dem unterbewussten Erkennen dieser Ähnlichkeiten. Kaum denkbar, dass sich an diesen Grundeinstellungen in absehbarer Zeit etwas ändert, kaum vorstellbar, dass sich innerhalb der nächsten Jahrzehnte bei einer Volksabstimmung in Österreich eine Mehrheit für die Aufnahme der Türkei in die EU findet. Dieses Erweiterungsprojekt könnte Österreich dann ganz allein zu Fall bringen.

Vergangene Woche veröffentlichte die Wirtschaftskammer Österreich übrigens eine Umfrage unter hoch qualifizierten Arbeitskräften im Ausland. 65 Prozent der Befragten meinten, Österreich sei für sie nicht attraktiv, weil es dort zu viel Rassismus und Fremdenfeindlichkeit gebe.