Kürzere Arbeitszeiten!

Ein Spitzenmanager gebraucht Satz für Satz die Argumente, für die mein Kollege Franz G. Hanke zum „Narren“ erklärt wurde.

Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt auf den Wirtschaftsseiten irgendeiner Zeitung ein menschlich sympathischeres, in der Sache überzeugenderes Interview gelesen hätte als jenes, das Liselotte Palme und Stefan Janny vor zwei Wochen in profil mit Albert Hochleitner, dem Generaldirektor der Siemens Österreich AG, über die „40-Stunden-Woche“ geführt haben.
Wenn ich hier nochmals darauf eingehe, dann aus drei Gründen: Erstens, weil ich weiß, dass manche, auch politisch durchaus interessierten Leser die Wirtschaftsseiten aus Angst vor allzu spröder Lektüre überblättern. Zweitens, weil nicht jeder die betreffende profil-Ausgabe gekauft haben muss. Drittens und vor allem: weil darin entscheidende Fragen der wirtschaftlichen Zukunft angesprochen worden sind. Es geht darum, ob wir genügend Arbeit für alle Menschen haben, die arbeiten wollen, und ob dabei der Wohlstand, dessen Österreich sich heute erfreut, beibehalten werden kann.
Hochleitner nennt Voraussetzungen, unter denen sich diese Frage mit Ja beantworten lässt – er tut es nüchtern, sachlich, unpolemisch und mit Respekt vor den betroffenen Menschen. Das ist viel im Rahmen einer Debatte, die von Menschenverachtung strotzt.

Natürlich stehen österreichische Betriebe in einem globalen Wettbewerb. Natürlich spielen Arbeitskosten in diesem Wettbewerb eine wesentliche Rolle, und Hochleitner wäre kein erfolgreicher Manager und Chef eines Großunternehmens, wenn er nicht darauf hinwiese, dass „die Lohnzuwächse in Zukunft geringer ausfallen müssen als bisher“. Nur dass dem der Satz vorangeht: „Ich halte nichts von Lohnkürzungen“ und der Satz folgt: „Wobei man einräumen muss, dass die österreichischen Gewerkschaften ohnehin moderater waren als ihre Kollegen in Deutschland.“
Und während die meisten seiner Managerkollegen in Deutschland fast durchwegs „die hohen Lohnkosten“ für die angeblich immer schwierigere Lage ihrer – meist florierenden – Unternehmen verantwortlich machen, stutzt Hochleitner auch dieses Argument auf das richtige Maß zurück: Innerhalb der Gesamtkosten machen die Personalkosten bei Siemens Österreich „nur 25 Prozent“ aus. Eine Verlängerung der Arbeitszeit von 38,5 auf 40 Stunden „brächte eine Ersparnis von bloß vier Prozent der Personalkosten“. Das wäre in Hochleitners Augen kein akzeptabler Ausgleich für die Demotivierung seiner Mitarbeiter, denn in ihrer guten Ausbildung und großen Motivation sieht er Österreichs entscheidenden Standortvorteil.
Besser müssen wir sein, nicht länger arbeiten.
Ungleich erfolgversprechender als die Verlängerung der Arbeitszeit sei deren Flexibilisierung. Denn den größten Kostenbrocken hoch entwickelter Industrien machen die Anlagen aus. Wenn sie länger – im Idealfall rund um die Uhr – genutzt werden können, hat das entsprechend großen Einfluss auf die Wettbewerbsfähigkeit. „Bei solchen Modellen zur optimalen Anlagenauslastung könnte sehr leicht herauskommen, dass wir nicht über die 40-, sondern über die 32-Stunden-Woche reden müssen, weil sich das organisatorisch bei Schichtbetrieben unter Umständen besser ausgeht.“
Mein verstorbener Kollege Franz G. Hanke hat das vor zwanzig Jahren in dieser Zeitschrift genau so begründet – und ist dafür ein Narr gescholten worden.

Den wichtigsten Satz des Interviews hat profil fett herausgehoben: Ein „Verlängern der Regelarbeitszeit hätte zur Folge, dass man sehenden Auges in eine höhere Arbeitslosigkeit steuert“.
Nach Adam Riese: Wenn die Arbeitszeit, die zur Bewältigung des vorhandenen Arbeitsvolumens benötigt wird, in größere Stücke aufgeteilt wird, können weniger Leute ein solches Stück ergattern. Es war mir immer rätselhaft, wie intelligente Menschen seit Monaten an diesem ebenso simplen wie unausweichlichen Tatbestand vorbeidiskutieren können.
Obwohl sich an ihm auch dann nichts ändert, wenn das Arbeitsvolumen wächst – auch dann bedeuten längere Arbeitszeiten weniger Arbeitskräfte –, lindert höheres Wirtschaftswachstum natürlich im Allgemeinen die Dramatik der Entwicklung. Zu Recht wird daher gefordert, die Wirtschaft anzukurbeln, mehr „Dienstleistungen“ zu erfinden (und zu übernehmen) und durch Innovation neue Produktionszweige zu erschließen.
Nur dass der technische Physiker Hochleitner, der seine Sporen als Leiter der Entwicklungsabteilung errungen hat, um die Grenzen dieser Möglichkeit weiß: „Es ist mir natürlich klar, dass das Arbeitsvolumen einer Volkswirtschaft keine Konstante ist und dass man durch verschiedenste Maßnahmen dieses Arbeitsvolumen verändern, sprich steigern kann. Vorschläge wie die 40-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich oder das Streichen von Feiertagen halte ich aber nicht für geeignet, das vorhandene Arbeitsvolumen innerhalb der nächsten zwei oder drei Jahre signifikant anzuheben. Es ist unter normalen Umständen sogar auszuschließen. Damit bleibt ausschließlich der negative Effekt einer Belastung unseres Arbeitsmarktes.“
Und ein paar Absätze weiter mit einer Klarheit, die ich mir von manchen Gewerkschaftern wünschte: „Forderungen wie die 40-Stunden-Woche für alle weisen in die falsche Richtung. Dafür ist schlicht nicht genug Arbeit da. Da finde ich es schon vergleichsweise vernünftiger, das vorhandene Arbeitsvolumen auf mehr Leute aufzuteilen.“
Franz G. Hanke schau oba.
Und der Herr gebe, dass auch der eine oder andere Politiker Hochleitners Interview gelesen hat oder auf diesem Wege Kenntnis bekommt.