Küsse und Schläge bei Merkel und Sarkozy:
Deutsch-französische Chemie stimmt nicht

Lange galten Deutschland und Frankreich als Lokomotive Europas. Doch die Chemie zwischen Nicolas Sarkozy und Angela Merkel lässt viel zu wünschen übrig.

Offiziell herzt und küsst man sich noch. Das ist seit einem halben Jahrhundert so üblich. In Wahrheit läuft das deutsch-französische Tandem alles andere als rund. Für Frankreichs Presse ist Kanzlerin Angela Merkel längst die „Frau, die immer Nein sagt“. Die Deutschen spotten im Gegenzug gern über „Super-Sarko“ – zumal, seit Nicolas Sarkozy die EU-Ratspräsidentschaft übernahm. Der Meister des pompösen Auftritts inszenierte sich als Krisenmanager des Kontinents. Die Deutschen vereitelten den großen Rettungsplan und drängten auf nationale Lösungen. Sarkozy war „stinksauer“ auf Frau Merkel, wurde kolportiert.

„Sie liebt es nicht, wenn er sie küsst“, sagt der Politikwissenschafter Alfred Grosser, auch kein Fan Sarkozys. „In dieser Krise aber hat er sich wacker geschlagen. Es ist etwas Erstaunliches passiert: Nicolas Sarkozy war der Europäer, Angela Merkel war die Nationale.“

Die Chemie stimme nicht, meinen Beobachter: Die nüchterne, oft sauertöpfisch wirkende Merkel und der hyperaktive Showmaster Sarkozy passten zueinander wie Erbsensuppe und Champagner. Mit Selbstbeweihräucherung könne die kühle Protestantin aus dem Norden wenig anfangen. Sarkozy wiederum scheint vor allem den frechen deutschen Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) nicht ausstehen zu können. Dieser hatte sich im Sommer bei einem Treffen der Euro-Gruppe in Brüssel über jene Franzosen mokiert, die lieber milliardenschwere Steuergeschenke verteilten, als sich an europäische Sparpläne zu halten. Sarkozy soll ausgerastet sein.

Doch die Allianz der beiden größten Volkswirtschaften Europas hat schon manch eigentümliche Paarung überlebt. Helmut Kohl und François Mitterrand pflegten einen freundschaftlichen Umgang. Auch Gerhard Schröder und Jacques Chirac harmonierten nach anfänglichen Spannungen prächtig. In guten Zeiten ­hatten die beiden Länder stets Loko­motivfunktion für Europa. Vor wenigen Wochen erst trafen sich Merkel und Sarkozy in der Champagne, auf jenem Anwesen im Dorf Colombey-les-Deux-Eglises, wo General Charles de Gaulle und Bundeskanzler Konrad Adenauer 1958 die deutsch-französische Achse geschmiedet hatten – nach fünf Kriegen in 200 Jahren damals ein Riesenfortschritt für die „Erbfeinde“. „Es lebe Deutschland, es lebe Frankreich, es lebe die deutsch-französische Freundschaft“, erklärte Sarkozy zur Einweihung der De-Gaulle-Gedenkstätte trotzig. Auch Merkel rühmte artig die „enge, vertrauensvolle Zusammenarbeit, die ihresgleichen sucht“. Doch Vertrauen ist genau das, was fehlt.

Misstrauen. Handfeste Konflikte häufen sich. Die Deutschen sind verärgert über französischen Staatsprotektionismus, der so gern große nationale Konzerne schmiedet. Als etwa Siemens 2004 die dem Bankrott nahe französische Firma Alstom übernehmen wollte, fuhr der damalige Finanzminister Sarkozy mit Geld dazwischen. Vergangenes Jahr ging der Staatsanteil an das Bauunternehmen von Martin Bouygues, einem engen Freund von Sarkozy. Der deutsche Chemiekonzern Hoechst hingegen wurde vom Partner Rhône-Poulenc quasi geschluckt.

Paris, argwöhnt Berlin, wolle nur die eigenen Schlüsselindustrien weiter abschotten, sich die EU-Wirtschaftsordnung zurechtbiegen und mehr Einfluss auf die Europäische Zentralbank gewinnen, um den Leitzins zu senken und den Euro abzuwerten. Dieser macht Frankreichs Industrie deutlich mehr zu schaffen als dem Dauerexportweltmeister Deutschland.
Dabei begann die Liaison so innig. Im Mai 2007 jettete Sarkozy wenige Stunden nach seinem Amtsantritt nach Berlin. Ein kräftiger Wind ließ die Fahnen flattern und zersauste Merkels Frisur. Die Militärkapelle spielte den Radetzkymarsch. Die Umarmungen wirkten geradezu intim. „Heilig“ sei ihm und seinen Landsleuten die deutsch-französische Freundschaft, raunte der neue Präsident. „Ich empfinde tiefe Freundschaft für dich“, erklärte Nicolas der „lieben Angela“.

Kurz darauf brüstete sich Sarkozy mit der Freilassung der bulgarischen Krankenschwestern aus libyscher Haft, ließ Gattin Cécilia als Heldin feiern und verkaufte Muammar Gaddafi gleich noch Atomtechnologie. Dabei, so beteuerten die Merkel-Leute, war die Befreiung bereits unter deutscher EU-Präsidentschaft ausgehandelt worden. Zugleich wurde der Machtkampf bei dem vor allem deutsch-französischen Luft- und Raumfahrtkonzern EADS (Airbus) immer heftiger. Deutsche und französische Energieriesen rivalisieren um Marktmacht in Europa. Auf wiederholte Kernkraft-Elogen Sarkozys („Energie der Zukunft“) erklärte der deutsche Umweltminister Sigmar Gabriel in Berlin: „Atomkraft ist alles andere als eine Zukunftstechnologie.“

Besonders verstimmt zeigten die Deutschen sich über Sarkozys „Mittelmeer-Union“. Hier hängt der Präsident imperialen Träumen einer neuen Allianz von Staaten Südeuropas, Nordafrikas und des Nahen Ostens nach – mit üppigen Hilfen der EU und vor allem der Deutschen, aber natürlich unter französischer Regie. Die Deutschen wollte man mit einem „Beobachterstatus“ abspeisen. Dieser Konflikt führte im Frühjahr fast zum offenen Krach. Konsultationen wurden mit fadenscheinigen Begründungen abgesagt – bis Merkel Sarkozy zwang, alle 27 EU-Mitglieder in seine Pläne einzubeziehen. Montag dieser Woche geht es um die Wirtschaftskrise. Da ist das nächste Treffen Merkel–Sarkozy angesetzt. Womöglich kommt es wieder zu Küssen.

Von Tom Schimmeck