Kulturpolitik: Auslaufmodelle

Der Abgang von Wilfried Seipel als Direktor des Kunsthistorischen Museums dürfte nur der Beginn der Entflechtung des KHM-Imperiums sein. Über Seipels Nachfolge wird bereits heftig spekuliert: Als Favorit von Kulturministerin Claudia Schmied gilt Gerald Matt, Chef der Kunsthalle Wien.

Es gibt Dinge, auf die man sich verlassen kann. In der Bürokratie der österreichischen Beamtenschaft etwa vermag die spröde klingende Begriffsfolge „Hofrat, Verwendungsgruppe A1, Funktionsgruppe 7, Stufe 2, auf Planstelle des Bundesministeriums, Annex/Teil 1-B Museen“ durchaus Sicherheit zu vermitteln. In kulturpolitisch bewegten Zeiten kann Wilfried Seipel diese Sicherheit wohl brauchen. Der langjährige Direktor des Wiener Kunsthistorischen Museums (KHM), einer der mächtigsten Menschen des heimischen Kunstbetriebs, wird nämlich, wie vor ein paar Tagen beschlossen wurde, in wenig mehr als einem Jahr seines Amtes enthoben werden und auf seine Hofratsstelle als pragmatisierter akademischer Bundesbeamter zurückfallen.

Offenbar musste alles sehr schnell gehen. Als am Dienstag vergangener Woche Kulturministerin Claudia Schmied dem Generaldirektor des KHM anlässlich eines Mittagstermins mitteilte, dass sie seinen mit 31. Dezember 2008 auslaufenden Vertrag nicht zu verlängern gedenke, kündigte sich damit nicht nur das Ende einer heftig umstrittenen 17-jährigen Direktorenära an, sondern auch eine neue Vehemenz in der Umsetzung kulturpolitischer Ziele. Noch vor wenigen Wochen konnte man aus dem Ministerbüro zum Thema Seipel-Nachfolge nur hören, dass man erst die Befunde einer – bislang nicht einmal nominierten – Expertenkommission abwarten wolle, ehe man den Posten des KHM-Direktors ausschreibe, man könne schließlich den Vorschlägen des Gremiums nicht vorgreifen.

Nun aber geht genau dies offenbar doch. Bereits Ende Oktober wird die Direktion des Hauses am Maria-Theresien-Platz ausgeschrieben, denn die Zeit drängt – selbst wenn Schmied bereits Anfang 2008 einen Nachfolger für Seipel gefunden haben sollte: Ein knappes Jahr Vorlaufzeit ist für hochprofilierte Verwaltungsstellen dieser Art keineswegs luxuriös bemessen.

Kernkompetenz. Eine wichtige museumspolitische Weichenstellung dürfte die Ausschreibung, an der im Kunstministerium nun gearbeitet wird, bereits beinhalten: Sie wird dem Vernehmen nach auf jene Kernkompetenzen konzentriert sein, die man benötigt, um das Haupthaus zu führen. Damit deutet sich der nächste Schritt in der Neugestaltung der Wiener Museumslandschaft an: Der KHM-Großkomplex, dem Seipel unter Ägide der damaligen Bildungsministerin Elisabeth Gehrer (ÖVP) 2001 noch das Völkerkunde- und das Theatermuseum einverleibt hat, könnte somit demnächst bereits Geschichte sein.

Als „Partner“ wird Wilfried Seipel, so die Regelung mit dem Kulturministerium, noch das ganze Jahr 2009, bis zu seiner Pensionierung als Beamter, zur Einarbeitung seines Nachfolgers zur Verfügung stehen. Wie konstruktiv sich diese Zusammenarbeit praktisch erweisen wird, steht in den Sternen: Weder Seipel noch Schmied scheinen konkretere Vorstellungen in der Frage zu haben, wie dieses Übergangsjahr anzulegen sein könnte.

Die Liste kolportierter Kandidaten für den Direktorensessel im KHM erweitert sich (siehe Kasten S. 134) dagegen nahezu täglich: Neben Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder, dem länger schon ein Interesse an einer Zusammenlegung seines Hauses mit dem KHM nachgesagt wird, werden derzeit der Frankfurter Museumschef Max Hollein und die eben erst angetretene Belvedere-Chefin Agnes Husslein als Favoriten genannt. Aus dem engsten Kreis um die Kunstministerin hört man indes, dass auch Kunsthallenchef Gerald Matt gute Chancen einzuräumen seien.

Die Möglichkeit einer – nach der Staatsopern-Neubesetzung mit Dominique Meyer und Franz Welser-Möst – weiteren Demonstration sozialdemokratischen Weitblicks ist ebenfalls in Betracht zu ziehen: Europaweit kämen laut Einschätzung von Kunsthistorikern etwa der Brite David Ekserdjian, der an der Londoner National Gallery Trustee ist und hervorragend Deutsch spricht, ebenso infrage wie Gabriele Finaldi, Vizedirektor des Prado-Museums in Madrid, und Nicholas Penny, derzeit an der National Gallery in Washington.

Wilfried Seipel selbst gibt sich dieser Tage betont gelassen, stolz auf die Qualität seines Hauses und darauf, einer der „längstdienenden Museumsdirektoren Europas“ zu sein. Seine Kollegen und Mitarbeiter sehen dies differenzierter. Ein hochrangiger Mitarbeiter des Kunsthistorischen Museums etwa stellt fest, dass Seipel „ein erstklassiger Kommunikator seiner eigenen Erfolge“ sei – er verstehe es, „seine Ära im Rückblick nun mit Leistungen zu schmücken“, die „nicht wirklich seine“ seien. Andererseits sei Seipel „kein Verhinderer“, ermutige „positive Lösungen“. Viele der angeblichen „Verfehlungen“ Seipels seien außerdem lässliche Sünden: „Welcher Ägyptologe hat nicht irgendwo einen Skarabäus bei sich daheim herumliegen?“

Global Player. Albertina-Chef Schröder wiederum würdigt Seipel als einen Mann, der „ein Feuerwerk an Ausstellungen gezündet“ habe in einem Museum, „das vor ihm über Jahrzehnte hinweg als Veranstalter großer Ausstellungen nicht existiert hat“. Erst Seipel habe das KHM in der Welt „zu dem gemacht, was es von seinen Sammlungen her ja eigentlich sein müsste: ein Global Player“. Heute sei es „eines der fünf bedeutendsten Meister-Museen der Welt“. Künstlerhaus-Direktor Peter Bogner stimmt zu: „Die Projekte des KHM waren wissenschaftlich immer abgesichert, während es bei Schröder nur um Namen geht. Seipel hat sehr grundlegend Arbeit geleistet, da kann man die Ausstellung über Sofonisba Anguissola genauso anführen wie jene über Tizian, Giorgione und Bellini.“ Schröder bedauert, dass wichtige Sammlungen im KHM jahrzehntelang nicht modernisiert worden seien. Dass die Kunstkammer nicht eingerichtet sei, „das ist ein schlechter Zustand“ – ebenso das Fehlen tauglicher Wechselausstellungshallen.

Auch die ökonomische Misere des Hauses führt Schröder auf Seipels unternehmerische Schwächen zurück: „Ich glaube, dass die Sponsorenmittel, über die wir in der Albertina verfügen, im KHM in doppelter Höhe zu lukrieren, also auf vier bis fünf Millionen Euro im Jahr zu steigern sein müssten. Auch ist angesichts des Rangs dieser Sammlung mit einer Besucherzahl von unter 500.000 im Haupthaus nicht annähernd das Potenzial erschöpft. Ich würde es auf zwischen 800.000 und 1,2 Millionen einschätzen.“ Alle 15 bis 20 Jahre müsse ein Museum und dessen Infrastruktur erneuert werden, so Schröder. Es gebe deutlichen „Erneuerungsbedarf etwa in der Hängung der Gemälde: Da werden Systeme angewandt, die einem Weltmuseum nicht angemessen sind. Es gibt Defizite in der Beleuchtung des Museums, das sind Leuchtstoffröhren, die 60 Prozent der Farbwellen überhaupt nicht aufzeichnen.“ Der Museumsexperte Stefan Mackowski schätzt dies ähnlich ein: Für ihn sei das KHM „das Museum eines Museums“, teilweise „aufgestellt wie vor hundert Jahren“.

Schröders Ratschläge mag Seipel indes nicht kommentieren. Er verweist auf deren „nicht professionelle“ Natur – und kontert mit dem Verweis auf Besucherverluste, die längst auch Schröder ereilt hätten.

Der internationale Ruf, den das KHM genießt, ist ambivalent: Es gilt beispielsweise als besonders verleihfreudig. Die Vollrechtsfähigkeit, an deren Durchsetzung Seipel entscheidend mitgewirkt hat, macht eine stetige Erhöhung der Einnahmen nötig. Auch deshalb verschicke Seipel Kunstwerke so oft und gern gegen hohe Leihgebühren, sagt ein Branchenkenner. Dass die Arbeiten dann in den Sammlungen fehlen, sei dem Direktor weniger wichtig.

Der Museumskomplex KHM, offenbar ein Auslaufmodell, stößt in der Szene selbst auf wenig Gegenliebe. Die Synergieeffekte seien ernstlich anzuzweifeln, sagen viele – und Künstlerhaus-Leiter Peter Bogner setzt nach: „Das KHM hätte nicht so ein gigantischer Universalmuseumskörper werden müssen.“

Auch Edelbert Köb, Direktor des Museums moderner Kunst (Mumok), sieht „keinen Sinn darin, dass das Theatermuseum zum KHM gehört. Das ist weder inhaltlich noch räumlich zu begründen. Auch für die Einbindung des Museums für Völkerkunde gibt es keine schlüssige Argumentation.“ Schröder sekundiert: „Ich bin strikter Gegner von Zerschlagungen von Sammlungen. Aber ich bin nicht für die Zusammenführung von Dingen, die nicht zusammengehören.“

Überschneidungen. In der Frage einer im Raum stehenden Fusion von Albertina und KHM hält sich Schröder bedeckt: „Dazu sage ich nichts. Ich kenne auch den Raum nicht, in dem das steht, nur ein paar Zeitungen, die davon träumen.“ Dabei ist der Gedanke weniger abwegig, als Schröder suggeriert: Die Albertina hat Wechselausstellungshallen, die im KHM fehlen. Und es lassen sich Überschneidungen in den Sammlungen feststellen. „Schröder wäre ein großartiger KHM-Direktor“, meint Mumok-Chef Köb, der indes auch „die neutralisierende und objektive Stimme“ eines Direktors aus dem Ausland zu schätzen wüsste: Aber Schröder könne „mit den Pfunden, die man ihm gibt, wirklich wuchern“.

Wie die eben angelaufene Suche nach dem nächsten Generaldirektor des Kunsthistorischen Museums auch immer verlaufen wird: Probleme zeichnen sich überall ab. Ob sich etwa Max Hollein ausgerechnet dem Aggressionsniveau des Wiener Intrigenspiels aussetzen will, darf bezweifelt werden. Und sogar die einsetzende öffentliche Debatte über die Nachfolge Seipels könnte den Kreis williger KHM-Direktoren in spe einschränken. Museumsplaner Dieter Bogner warnt nachdrücklich vor zu viel medialer Begleitung: „Wenn die Besetzungsfrage in aller Öffentlichkeit abgehandelt wird, können sich die interessanten Leute daran nicht beteiligen.“ Wenn man sich bewerbe und dies gleich anderntags in der Zeitung lesen könne, sei dies „in einer bestimmten Position ja schädigend“.

So wird der Ball an Ministerin Schmied zurückgespielt: Die Hoffnung darauf, dass sich „der beste Kopf“, den sie für das KHM nun sucht, unaufgefordert bewerben könnte, könnte sich als unbegründet erweisen.

Von Stefan Grissemann
Mitarbeit: Horst Christoph, Nina Schedlmayer, Peter Schneeberger