Kulturpolitik: Kulissenschiebereien

Ab 2005 wird Michael Schottenberg das Wiener Volkstheater leiten. Die politischen Hintergründe seiner Bestellung waren jedoch alles andere als transparent: Eine Serie heimlicher Absprachen und widersprüchlicher Stellungnahmen sorgt nun für Aufregung.

Etwas schien zur Eile zu drängen. Die Pressekonferenz, die klären sollte, wer das Wiener Volkstheater ab 2005 leiten werde, war äußerst kurzfristig einberufen worden. Den Journalisten bot sich dabei am Dienstag vergangener Woche im Rauchsalon des Volkstheaters ein durchaus rares Bild: Kunststaatssekretär Franz Morak (ÖVP) und Wiens Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny (SPÖ) in seltener Eintracht. Sie präsentierten jenen Mann, den sie in Abstimmung mit einer Expertenkommission unter 33 Bewerbern geprüft, für gut befunden und bestellt hatten: den Regisseur, Schauspieler, Filme- und Theatermacher Michael Schottenberg.

Warum die Eile? Wochen der Spekulation darüber, wer nun die besten Karten im Rennen um das Volkstheater habe, waren bereits verstrichen, Stichtermine hatten die zuständigen Kulturpolitiker wohlweislich keine genannt. Und doch: Plötzlich ging alles sehr schnell. Man musste schon Zeitung gelesen haben, um zu erahnen, warum sich die Abläufe so ungeahnt beschleunigt hatten. Sowohl Morak als auch Mailath waren im Rahmen der Präsentation sichtlich bemüht, vor allem einen Namen tunlichst aus dem Spiel zu lassen: Andrea Eckert.

Drei Tage zuvor, am Samstag, hatte Schottenbergs meistgenannte Konkurrentin im Bewerb um die Nachfolge von Emmy Werner, eben die Schauspielerin Andrea Eckert, via APA-Mitteilung erklärt, dass sie ihre Kandidatur zurückziehe: „Da mir glaubhaft bekannt wurde, dass im Fall meiner Bestellung als Direktorin des Wiener Volkstheaters Staatssekretär Morak die Subventionen des Bundes für das Theater entscheidend verringern oder gänzlich streichen würde, ziehe ich meine Bewerbung für das Amt der Direktorin zurück.“

Rückzug. Das klang seltsam: Wer zieht sich nach monatelanger konzeptueller Arbeit wegen eines unbestätigten Gerüchts zurück? Müsste man es nicht erst darauf ankommen lassen? Müsste man sich nicht, so man tatsächlich das beste Konzept vorzuweisen hat, erst einmal wählen lassen – um anschließend zu sehen, ob die Bundessubventionen wirklich aufgrund einer persönlichen Antipathie Moraks gestrichen würden? Noch seltsamer mutete das einvernehmliche Schweigen der einstigen Kontrahenten zur Causa Eckert während der Pressekonferenz an: Befragt nach den näheren Umständen dieses Rückzugs, gaben Mailath und Morak lediglich zu verstehen, dass dieses Thema nicht hierher gehöre.

Im Laufe der Woche häuften sich dann jedoch die Ungereimtheiten. Prominente Stimmen erhoben sich und erklärten, Mailath habe ihnen von klar formulierten Subventionskürzungsabsichten Moraks erzählt: darunter der frühere Eckert-Lebensgefährte André Heller und Ex-Kunstminister Rudolf Scholten. Heller zu profil: „Ich habe im Gespräch mit Mailath deutlich verstanden, dass Andrea Eckert auch mit dem unschlagbarsten Konzept der Welt keine Chance gegen Moraks Blockade-Erpressung gehabt hätte. Ich bin kein Kulturstadtrat und kenne daher die Rücksichten nicht, die Mailath beachten muss. Ich wäre jedenfalls aus politischen Hygienegründen mit diesem für Blau-Schwarz übertypischen Unverfrorenheitsvorfall selbst offensiv an die Öffentlichkeit gegangen und hätte dies nicht Scholten, Turrini, Gusenbauer, mir oder der Hauptbeschädigten Andrea Eckert überlassen.“

Budgetentzug. Mailath reagierte irritiert – und auch erstaunlich widersprüchlich: In informellen Gesprächen bestätigte er Journalisten erst, dass der Kunststaatssekretär seine Drohung ihm gegenüber selbstverständlich in aller Deutlichkeit formuliert habe, wenig später nahm Mailath dies „offiziell“ wieder zurück. Im profil-Interview (siehe Kasten) erklärte Mailath schließlich, Morak habe hinter den Kulissen Eckert als Volkstheaterdirektorin kategorisch ausgeschlossen. Und er, Mailath, habe dies eben so interpretiert: „Wenn Morak jemanden ablehnt – welche Sanktionsmöglichkeiten außer Budgetentzug gibt es sonst?“ Ein effizientes Druckmittel: Das mit 11,2 Mio. Euro Subvention (40 Prozent Bund, 60 Prozent Stadt Wien) ohnehin unterdotierte Volkstheater ist auf die Zuwendungen des Bundes dringend angewiesen.

Hat also Staatssekretär Morak in der Causa Volkstheater versucht, „mit der Subventionskeule kulturpolitische Entscheidungen zu erzwingen“, wie es SP-Chef Alfred Gusenbauer gegenüber profil formuliert? Im Büro Morak bleibt man bei der ursprünglichen Version: „Wie immer Mailath auch die Gespräche interpretiert, die er mit Morak geführt hat“, sagt Morak-Pressesprecherin Katharina Stourzh salopp, „ist seine Sache. Wenn er behauptet, dass Morak Subventionskürzungen permanent in den Raum stelle, so weise ich dies natürlich zurück. Ich wüsste nicht, worauf Mailath das bezieht.“ Es sei immer nur um Konzepte gegangen, so Stourzh weiter, nicht um „politische Positionierungen“. Sie sei bei dem betreffenden Gespräch zwischen Mailath und Morak nicht dabei gewesen, aber es habe, fügt sie sicherheitshalber noch hinzu, „keine politischen Absprachen gegeben“. Außerdem erübrige sich die Diskussion angesichts der gemeinsam getragenen Wahl Schottenbergs ohnehin.

Mailath findet sich indes in einer seltsamen Lage wieder: Er bestätigt die Interventionen des Staatssekretärs, bestreitet aber, dass Morak Druck auf ihn ausgeübt habe. Wem auch immer man in dieser Causa glauben will: Der Eindruck eines kulturellen Klimas, in dem selbst die Androhung von Subventionskürzungen aus persönlichen Gründen fast schon zur Routine zählt, bleibt. Rudolf Scholten stellt im Gespräch mit profil klar, dass „der Einsatz von Subventionen mit Sicherheit nicht an einzelne Namen zu binden ist“.

Stadtrat Mailath, der Eckert intern lange Zeit favorisiert hat, schwenkte zuletzt, auf Druck oder nicht, in Richtung Schottenberg und erklärte den Fall Eckert kurzerhand zur „Nebenfront“. Es geht, scheint es, ganz entscheidend immer nur darum, wovon Kulturpolitiker gerade sprechen wollen.
Dabei gibt es im Fall Volkstheater noch eine zweite „Nebenfront“, die thematisiert werden muss: Erfahrungsberichte von Bewerbern um die Volkstheaterdirektion lassen nämlich Zweifel an der vorgeblich so zentralen Rolle der Kommission für die Entscheidungsfindung aufkommen: Im Ratsvorstand der Volkstheaterstiftung sitzen neben dem Kulturamtsleiter Bernhard Denscher der Hotelier Peter Kremslehner (Hotel Regina) und der Arbeiterkammer-Jurist Otto Farny. Über die Kompetenz dieses Gremiums darf gerätselt werden.

Hearings. Acht von 33 Bewerbern, die bis 15. November Konzepte für die künstlerische Leitung des Volkstheaters eingereicht hatten, wurden von der Kommission zu Hearings eingeladen. Roland Koberg, Dramaturg am Deutschen Theater Berlin und Mitglied von Eckerts Team, stellt diesen jedenfalls ein schlechtes Zeugnis aus: „Wir haben unser Konzept drei Leuten erzählt, die sichtlich keinen Bezug dazu hatten und ausschließlich darauf bedacht waren, sich abzusichern, dass sich am Volkstheater nichts verändert.“ Aufsehen erregt, so Koberg, habe lediglich jener Teil der Konzeptpräsentation, in dem es um einen neuen kaufmännischen Leiter ging: „Man fand es ungehörig, dass zu unserem Konzept auch ein kaufmännischer Leiter gehört, der gewillt ist, die Reformen, die wir vorhaben, auch umzusetzen.“

Kobergs Eindruck: Man sei von Leuten befragt worden, „die von der Materie nichts verstehen und mit Theater nichts zu tun haben, außer dass sie sich in einem Verwaltungsamt befinden“. Hätte er darüber Bescheid gewusst, so Koberg, hätte er sich überlegt, ob er an dem Verfahren überhaupt teilnehmen solle: „Man ist einfach über zwei Prämissen getäuscht worden: erstens, dass es ums Konzept und um Veränderung geht, und zweitens, dass die Entscheidungsgewalt beim Kulturstadtrat selber liegt.“

Auch der Schauspieler und Regisseur Paulus Manker, der bis zuletzt immer wieder zu den Favoriten gezählt wurde, stellt fest: „Man wusste die ganze Zeit über nicht, wer die entscheidende Stimme sein wird. Offensichtlich ist es dann der Stiftungsbeirat gewesen.“ Dessen Kompetenz hat auch Manker nicht in bester Erinnerung: Ihm seien beim Hearing ebenfalls „keine profunden Fragen gestellt worden“. Manker kommt zu dem Schluss: „Die Kommission war sehr korrekt, ob sie aber der ideale Partner für ein Hearing war, weiß ich nicht. Ein richtiger Theaterfachmann in diesem Gremium wäre nicht schlecht gewesen.“ Das Volkstheater könnte, wenn es Glück hat, trotz Inkompetenz und Intrigenspiel hinter den Kulissen aus all dem weit gehend unbeschadet hervorgehen: Mit Michael Schottenberg geht 2005 ein zweifellos kompetenter nächster Direktor ans Werk. Er wird allerdings darauf hoffen müssen, von weiteren kulturpolitischen Absprachen unbehelligt zu bleiben.