Kunst: Bewahrungsprobe

Private Kunstsammlungen spielen im gegenwärtigen Ausstellungsbetrieb eine immer größere Rolle. Eine Ausstellung in Wien bietet ab Ende dieser Woche Einblicke in österreichische Sammlungen.

Wenn der Eigentümer einer Werbeagentur Kunst sammelt, kann das weit reichende Folgen haben. Charles Saatchi etwa, der im Reklamegewerbe ein Vermögen gemacht hat, begann Ende der achtziger Jahre, Arbeiten von jungen britischen Künstlern zu kaufen. Diese kosteten damals, wenigstens aus heutiger Sicht, einen Pappenstiel. Als Saatchi diese Arbeiten 1997 in der Ausstellung „Sensation“ in London präsentierte, erregte die teils als skandalös empfundene Kunst Aufsehen: Damien Hirst etwa zerstückelte Kühe und legte ihre Teile in riesige Boxen mit Formaldehyd ein, Tracey Emin bestickte ein Zelt mit Namen ihrer (angeblichen) Sexualpartner – das rief die geifernde englische Boulevardpresse auf den Plan.

Für Saatchi und seine Künstler war die Empörung jedoch ein Volltreffer: Rasch ging die mediale Aufmerksamkeit weit über Großbritannien hinaus, der Marktwert der präsentierten Arbeiten und Künstler schnellte in die Höhe. Die Young British Artists, bald nur noch YBA genannt, wurden zu einem Label, einer verlässlichen Marke. Saatchi hatte eine Kunstströmung kreiert – und nebenbei auch den Wert seiner eigenen Sammlung gesteigert.

In Österreich gibt es bislang keine Saatchis. Dass Privatpersonen aber auch in unseren Breiten systematisch Kunst sammeln, ist – spätestens seit einige Sammler dazu übergingen, die erworbenen Kunstwerke in eigenen Museen zu präsentieren – auch einer breiten Öffentlichkeit bekannt: So eröffnete 1999 Baumax-Chef Karlheinz Essl sein Museum in Klosterneuburg, zwei Jahre später wurde die Sammlung von Rudolf Leopold in einem eigenen Bau im Wiener Museumsquartier zugänglich gemacht. Im Vorjahr ging dann auch Francesca Habsburg mit ihrer Sammlung an die Öffentlichkeit: Seither präsentiert sie in ihren gediegenen Räumlichkeiten in der Wiener Himmelpfortgasse Wechselausstellungen. Und der Industrielle Herbert Liaunig lässt derzeit in Kärnten ein Museum für seine Sammlung errichten.

Motivierte Sammler. Die meisten privaten Kunstsammler in Österreich schätzen das Licht der Öffentlichkeit wenig. Dennoch ist es dem Wiener Museum Moderner Kunst (Mumok) gelungen, für die Ausstellung „Entdecken und Besitzen. Einblicke in österreichische Privatsammlungen“ zehn Kollektionen ausschnittsweise zu präsentieren. Das Thema scheint – aus vielen Gründen – gegenwärtig Hochkonjunktur zu haben: Direktor Edelbert Köb hat im Frühjahr 2005, auch seiner verzweifelten ökonomischen Situation wegen, das „Jahr des Sammelns“ ausgerufen. Zuletzt zeigte er die Sammlung der EVN, am Samstag dieser Woche wird ein Symposion zu „privatem Sammeln und Öffentlichkeit“ abgehalten. Auch das Wiener Auktionshaus im Kinsky veranstaltet diese Woche eine Podiumsdiskussion zum Thema (siehe Kasten S. 135).

Dass privates Kunstengagement in Österreich auf keine lange Tradition verweisen kann, stellt so gut wie jeder fest, der Einblick in Geschichte und Gegenwart des Kunstsammelns hat. Dennoch: „Heute braucht sich Österreich nicht mehr zu verstecken“, insistiert Eva Badura-Triska, die Kuratorin der Ausstellung im Mumok, „es gibt keinen Grund dafür, die hiesigen Sammlungen als mickrig zu bezeichnen.“ Allerdings weist sie darauf hin, dass sich österreichische Sammler erst seit zwei Jahrzehnten verstärkt auch im Ausland umschauen. Deutsche Kunstliebhaber etwa hätten sich viel früher für den internationalen Kunstmarkt interessiert. Badura-Triska findet dafür eine schlüssige Erklärung: „Im Gegensatz zu Deutschland, wo man auch in kultureller Hinsicht einen Neubeginn suchte und die Bereitschaft zur Öffnung gegenüber der internationalen Moderne Teil des Bemühens um Vertrauensbildung gegenüber den Besatzungsmächten war, galt in Österreich, das sich lange als Opfer der Nazis begriff, das Interesse dem Anknüpfen an die alten Traditionen“, schreibt sie im Ausstellungskatalog. „Wiederaufbau und nicht Neubeginn war das Programm.“

Hiesige Kunstsammler folgen offenbar sehr unterschiedlichen Motivationen: Für Franz und Sigrid Wojda etwa, die sich mit ihrer Sammlung auch an der Ausstellung im Mumok beteiligen, eröffnen sich im Umgang mit der Gegenwartskunst „neue Perspektiven auch im Wirken im universitären Bereich und in der Wirtschaft“. Der Tiroler Johann Widauer, ehemals Heizungsgroßhändler, seit Kurzem auch Galerist in Innsbruck, hat als Maschinenbauer für die Künstler, die er unterstützt und sammelt, selbst gearbeitet. Ein Schwerpunkt seiner Sammlung gilt der Arbeit des verstorbenen deutschen Künstlers Martin Kippenberger. Dass Österreich trotz einer mittlerweile breiteren Sammlerschicht mit Ländern wie Deutschland oder gar den USA noch lange nicht mithalten kann, bestätigt auch Grita Insam, die mit ihrer 1971 in der Wiener Innenstadt eröffneten Galerie Pionierarbeit leistete: „Österreich hat eben in erster Linie eine Musik- und Theaterlandschaft“, meint sie, „da steht die bildende Kunst an zweiter Stelle.“ Die Galeristin Gabriele Senn vermutet Ähnliches: „Österreich definiert sich vor allem über Mozart, das Burgtheater, die Staatsoper. Das Bewusstsein, dass bildende Kunst genauso zum Kulturleben gehört, ist dagegen wenig ausgeprägt.“

Und noch etwas fällt auf: Sammeln in Österreich ist überwiegend männlich. Selbst Grita Insam, die lange genug im Geschäft ist, muss eine Weile nachdenken, ehe ihr eine österreichische Sammlerin einfällt. Wie erklären Galeristinnen und Kuratorinnen diese eklatante männliche Dominanz? Schließlich verfügen längst auch Frauen häufig über beträchtliches Kapital. Insam: „Ich leide selbst darunter! Aber ich kann es mir nicht erklären.“ Badura-Triska: „Das Sammeln scheint doch eine Obsession zu sein, die auch etwas mit dem Jagen nach Trophäen zu tun hat.“ Senn: „Frauen haben mehr Existenzängste. Sie haben einen härteren Kampf, mit Familie und Kindern auch oft zu wenig Zeit, sich um den Aufbau einer Sammlung zu kümmern.“

Diskretion erbeten. Auch in der Mumok-Ausstellung ist keine Sammlerin vertreten – mit Ausnahme von Frauen, die gemeinsam mit ihren Partnern sammeln. Und das, obwohl Badura-Triska im letzten Jahr rund 100 Sammlungen besucht hat. Eine gewaltige Leistung – vor allem auch wenn man bedenkt, dass Sammler häufig anonym bleiben wollen. In Galerien sind ihre Telefonnummern und Adressen gut gehütete Geheimnisse, oft lassen sie sich als Leihgeber für Ausstellungen nicht nennen, und nur wenige wollen ihren Namen in der Zeitung lesen. Noch immer fürchtet offenbar mancher den Neid der Gesellschaft.

Dennoch gibt es auch jene, die ihre Sammlungen gerne in wichtigen Ausstellungen und Museen präsentiert sehen. In einem immer aufwändiger operierenden Kunstbetrieb bleibt den Museumsleitern oft kaum Budget für Ankäufe. Daher sind sie vermehrt auf Leihgaben von Privaten angewiesen – das Salzburger Museum der Moderne etwa zeigt Kunstwerke aus der Sammlung des Liechtensteiner Anwalts Herbert Batliner, ebenso stellten Francesca Habsburg und Ernst Ploil (siehe Kasten oben) Arbeiten leihweise zur Verfügung. Besonders stark zeichnet sich der Trend zur Dauerleihgabe in Deutschland ab. Erst vor Kurzem sorgte allerdings ein unangenehmer Fall für Aufregung: Jean-Christophe Ammann, zwischen 1989 und 2001 Direktor des Frankfurter Museums für Moderne Kunst, kaufte mit Geld aus der Hand des Immobilienmaklers und Sammlers Dieter Bock Kunstwerke an – „für das Museum“, wie es hieß. Allerdings vereinbarten die beiden, dass die Objekte dem Museum bloß geliehen wurden. Der Vorteil dieses Deals: Galerien und Ateliers gewährten großzügige Museumsrabatte. Die Details der Vereinbarung waren Ammanns Umfeld, sogar seinem Nachfolger Udo Kittelmann, aber gänzlich unbekannt – und flogen erst auf, als Bock vor einigen Monaten seine rund 500 Objekte wieder zurückzog. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ sprach von einer „existenziellen Krise“ des Museums, nannte die Dauerleihgabe die „hässliche Tante des Geschenks“, deren Wert sich in der „Vergoldungsmanufaktur“ Museum steigere und damit vor allem dem Sammler selbst nütze: Wenn Bock nun seine Sammlung abstößt, kann er sie mit beträchtlichen Gewinnen verkaufen.

Geschenkt statt geliehen. In Österreich steht man Dauerleihgaben tendenziell skeptisch gegenüber. Carl Aigner, Direktor des Landesmuseums Niederösterreich und Präsident der Österreich-Sektion des International Council of Museums (ICOM), meint dazu: „Das ist sensible Materie. Dauerleihgaben sollten für einen langfristigen Zeitraum zur Verfügung stehen. Ideal wären rund 25 Jahre.“ Alles andere schade dem Image des Hauses. Ein Museum, so Aigner, sei schließlich keine Kunsthalle. Ähnlich sieht man das im Mumok, das grundsätzlich keine Dauerleihgaben annimmt. Da aber selbst junge Gegenwartskunst heutzutage zu derart hohen Preisen gehandelt wird, dass Museen größere Ankäufe meist nur unter Schwierigkeiten bewältigen können, ist man zunehmend auf Schenkungen angewiesen. Erst vorige Woche übergaben Dieter und Gertraud Bogner, deren Sammlung auch in der Ausstellung vertreten ist, dem Museum jeweils ein Objekt von Dan Graham und Heimo Zobernig. Auch andere Sammler haben Schenkungen in Aussicht gestellt. So schlecht kann es um die österreichischen Privatsammlungen also nicht bestellt sein. Die Saatchis freilich sind anderswo.

Von Nina Schedlmayer
Mitarbeit Kurzporträts: Stefan Grissemann, Wolfgang Paterno, Ro Raftl