Kunst & König, Günter Brus: „Ich respektiere König“

Aktionskünstler Günter Brus über seine literarische Beschäftigung mit dem Kardinal.

profil: Der fiktive Dialog mit Kardinal König stammt aus Ihrem 1971 erschienenen Buch „Irrwisch“. Nach Ihrem radikalen Körperaktionismus wandten Sie sich darin verbal gegen den repressiven Staat und die konservative Kulturpolitik. War Kardinal König Teil dieses Feindbilds?
Brus: Der ganze „Irrwisch“ war ein Attackenbuch, sehr schnell hingeschleudert. Es ging um anarchistische Gesten. Ich hatte König aus freier Laune ausgewählt – als bekannte Figur und natürlich, weil er Kardinal war. Insofern war er ein Repräsentant des damaligen Systems. Gegen König persönlich war dieser Dialog nicht gerichtet.
profil: Wieso assoziierten Sie „Anmut und Liebreiz“ ausgerechnet mit dem Kardinal?
Brus: Ich habe ihm schönfärberische Sätze unterlegt, die unter Politikern Usus waren. Damals herrschte das Trachtentragen und Grüß-Gott-Sagen vor, übertriebenes Höflichkeitsgetue, das im totalen Gegensatz zum tiefer liegenden Bewusstsein dieser Republik stand: der großen Verdrängung. „Anmut und Liebreiz“ war eine Masche der Politiker. Sie verglichen Österreich mit dem Stalinismus und predigten: Wie gut stehen wir da! Solche Vergleiche hielt ich für unanständig und fast pervers.
profil: Sie sind überzeugter Kirchenkritiker. Wie beurteilen Sie im Rückblick Kardinal Königs Wirken?
Brus: Ich habe mit der Kirche immer nur negative Erfahrungen gemacht. Das hat sich nicht gebessert. Kardinal König war trotzdem eine Ausnahme. Man kann ihn durchaus als Humanisten bezeichnen.
profil: Wurde er auch für Sie zur Legende?
Brus: Ich respektiere König. Seine Leistungen auf Sekundärgebieten waren in Ordnung. Aber die Hauptleistung hätte darin bestanden, mit den Märchen aufzuhören: unbefleckte Empfängnis, Sexualmoral, päpstliche Unfehlbarkeit. Ich hätte von ihm als klugem Denker da gerne etwas gehört. Doch das geht in der Kirche nicht, denn sonst wäre er ja nicht Kardinal geworden.