Kunst: Kübanische Verhältnisse

Ein Schiff mit Kunst fährt seit 13. Mai die Donau stromaufwärts. Das von Francesca Habsburg initiierte Projekt soll Grenzen überwinden – und macht diese bloß einmal mehr sichtbar.

Die Szene könnte fast eins zu eins aus einem Film des bosnischen Regisseurs Emir Kusturica stammen. Als Drehort dient in diesem Fall ein Platz vor einer ausgedienten Industriehalle in der serbischen Stadt Novi Sad: Die Protagonisten sind musizierende Roma, die einander mit Bier in Plastikbechern zuprosten; im Hintergrund hört man immer wieder das laute Krachen auffrisierter Motoren. Ästhetisch gebrochen wird das Bild nur von den ausländischen Besuchern, die in sicherer Distanz zu den Männern Fotoapparate und Filmkameras in Anschlag bringen.

Wenige Stunden später wird an diesem herb-romantischen Ort der Film des Regisseurs und Künstlers Zelimir Zilnik präsentiert, in dem einige der Roma mitgespielt haben. Er weckt reges Interesse: Jugendliche, Gruppen älterer Männer und ganze Familien sind erschienen – ein Publikum, das sonst wohl nicht viel mit Kunst im Sinn hat. „Seife in der Donau-Oper“ heißt das Doku-Drama, das Zelimir Zilnik mit 15 Jugendlichen aus den Roma-Siedlungen an der Donau und in und um Novi Sad erarbeitet hat. Der Film ist Teil des Projekts „Küba: Eine Reise gegen den Strom“, das von Francesca Habsburgs Stiftung T-B A21 finanziert wird.

Gegen den Strom. Der Titel „Küba“ bezieht sich auf eine Videoinstallation des türkischen Künstlers Kutlug Ataman, in welcher Bewohner des Istanbuler Armenviertels Küba – die meisten von ihnen sind Kurden – über ihren alltäglichen Kampf sprechen. Atamans Arbeit „fährt“ seit 13. Mai – ausgehend von der bulgarischen Stadt Rousse – die Donau stromaufwärts, auf dem eigens dafür adaptierten Schiff Negrelli. Nach Novi Sad macht die Negrelli in Vukovar, Budapest und Bratislava Station, bis sie schließlich in Wien anlegt. Ab 24. Juni werden alle Kunstwerke im Nestroyhof präsentiert.

An jedem Ort, an dem die Negrelli vor Anker geht, wird außerdem eine weitere, eigens für „Küba“ produzierte Arbeit von Künstlern des jeweiligen Landes präsentiert: So entwarf etwa der Künstler Nedko Solakov eine Bar in Form Bulgariens für die Station Rousse, in Budapest werden László Csáki und Szabolocs Pálfi einen Film über den Hund „als spezifisches Hungarikum“ zeigen. Zwar sollte die Reise ursprünglich im rumänischen Constanta starten – wegen der Hochwässer vor einigen Wochen musste dieser Plan allerdings geändert werden.

„Ich möchte mit diesem Projekt die Barrieren zwischen Kunst und Leuten außerhalb des Kunstbetriebs durchbrechen“, sagt Francesca Habsburg. Nicht die Menschen sollen zur Kunst kommen, sondern umgekehrt: „Die temporäre Struktur von ‚Küba‘ bringt Kunst hinaus aus den üblichen Kunsträumen.“

Kritik. Dabei stieß das Projekt schon bei seiner ersten Präsentation in Wien im November vorigen Jahres auf Skepsis – nicht wegen der teilnehmenden Künstler, die allesamt Ansehen genießen, sondern wegen der großzügigen Förderung von 240.000 Euro, die der Staatssekretär für Kunst und Medien, Franz Morak, gewährte und die er ohne den Kunstbeirat beschloss. Das ist zwar kein unübliches Prozedere, wird allerdings im

Fall von Projektförderungen auch nicht allzu häufig angewendet. Auch die Tatsache, dass am Ende der Reise die Arbeiten in Francesca Habsburgs Sammlung gelangen sollen, sorgt für Kritik.

„Dieses Vorgehen ist kennzeichnend für eine Umverteilung von Steuergeldern“, kritisiert der Kultursprecher der Grünen, Wolfgang Zinggl. „Während die einen ihre Probleme über Videos artikulieren dürfen, erweitern die anderen aus Bundesmitteln ihre Kunstsammlung.“ Christine Muttonen von der SPÖ schlägt in dieselbe Kerbe: „Soll der Staat Mäzene unterstützen, oder sollte sich das nicht vielmehr umgekehrt verhalten?“ Außerdem fragt sich die Kultursprecherin, ob reiche „Institutionen wie T-B A21 solche Projekte nicht ohne die Hilfe des Bundes auf die Beine stellen können“.

Morak kontert, dass „Küba“ wegen der EU-Ratspräsidentschaft gefördert wurde. Auch hier regt sich Widerspruch: „Es ist für den Staatssekretär schwer geworden, interessante Künstler für ein Projekt zu gewinnen. Und so ist er heilfroh, wenn ihm jemand wie Frau Habsburg hilft“, vermutet Zinggl, und Muttonen klagt: „Im Staatssekretariat herrschen Intransparenz und willkürliche Verteilung. Immer mehr Projekte werden unterstützt, die eine Auftrittsbühne für Morak sind.“

EU-Präsidentschaft. Moraks Sprecherin Katharina Stourzh weist die Vorwürfe scharf zurück: „Anlass ist nicht, die Privatsammlung von Francesca Habsburg zu fördern, sondern das Projekt.“ Wie alle Fördernehmer habe T-B A21 einen Antrag gestellt – und sei „aus inhaltlichen Gründen“ unterstützt worden. Spricht man Habsburg selbst darauf an, so zuckt sie müde mit den Schultern: „,Küba‘ hätte ohne Subvention nicht stattfinden können. Ich glaube nicht, dass ich das dauernd rechtfertigen muss. Es ist ein großartiges Symbol für Europa während der EU-Ratspräsidentschaft.“

Zwar stießen die bisher eigens für das Projekt produzierten Arbeiten in Rousse und Novi Sad bei der Bevölkerung auf Interesse: Die Eröffnungen waren gut besucht. Wenig scheint sich dagegen auf der Negrelli selbst zu tun – zumindest in Novi Sad. Wegen der Hochwässer konnte das Schiff nicht nahe der Stadt ankern, sondern musste weit außerhalb anlegen.

Hier, mitten im Niemandsland, sind kaum Menschen zu sehen. Neben verfallenen Häusern zeugt bloß wehende Wäsche im Garten von der Existenz ihrer Bewohner. Eine einsame alte Frau in Küchenschürze und mit dicken Brillen blickt dem Tross um Francesca Habsburg gleichgültig entgegen. Ob sich die Frau wohl dafür interessiert, dass in Atamans Arbeit eine junge Frau im Istanbuler Armenviertel Küba von ihren geplatzten Träumen erzählt? Davon, dass sie an dem Tag, als sie ihr Kind auf die Welt gebracht hat, noch für fremde Leute die Stiegen geputzt hat? Die mitgereiste Journalistenschar jedenfalls ist von Atamans Installation berührt. Auf 40 Monitoren spricht jeweils ein „Kübaner“. Vor jedem steht ein Stuhl, sodass jeweils nur eine Person davor sitzen kann. Auf diese Weise entsteht Intimität – die auch unangenehm werden kann.

Kevin Robins, der an der City University von London lehrt, hat sich intensiv mit den Problemen von Minderheiten beschäftigt. Er ist mit dem Filmemacher Zelimir Zilnik befreundet und anlässlich der Präsentation von „Seife in der Donau-Oper“ nach Novi Sad gereist. Habsburgs Schiffsfahrt verfolgt er kritisch – und obwohl er betont, dass er auch Kutlug Ataman als Künstler schätzt, äußert er Vorbehalte gegenüber dessen aktuelle Arbeit: „Das Publikum glaubt, es kann mit den Leuten aus Küba in Berührung kommen, ohne sie tatsächlich zu berühren. Das ist bloß eine indirekte Begegnung.“ Gerade die Art der Installation aber suggeriere Vertrautheit und Authentizität – die hier fehl am Platz sei.

Berührungsängste. Francesca Habsburg glaubt an die aufklärerische Kraft von „Küba“: „Die Arbeit ist auch ein Spiegel für uns. Sie gibt jedem die Möglichkeit, über seine Gefühle den eigenen Nachbarn gegenüber zu reflektieren.“ Berührungsängste im Zusammenhang mit Minderheiten ortet sie weniger beim Kunstpublikum als vielmehr in der Politik: „Politiker sprechen so trocken über Minderheiten. Und sie kommen ihnen nicht zu nahe – ähnlich, wie etwa Ärzte ihre Patienten behandeln.“ Wichtig, so Habsburg, sei persönliches Engagement: Als in Rumänien viele Menschen wegen des Hochwassers alles verloren, rief sie sofort eine Charity-Aktion ins Leben. Im Juni veranstaltet sie eine Benefiz-Versteigerung.

Wer aber sagt, dass Berührungsängste nicht auf beiden Seiten bestehen? Nachdem Zilniks Film vor der ausgedienten Industriehalle in Novi Sad gezeigt worden war, feierten die Roma noch ausgiebig – auch wenn sich Francesca Habsburg und ihre Mitreisenden mit den Kameras schon bald zurückzogen. n

Von Nina Schedlmayer

„Küba: Eine Reise gegen den Strom“ in Wien: Eröffnung am 24.6.2006, Nestroyhof, Nestroyplatz 1, 1020 Wien. Bis 9.9.2006.