Kunst: Schicht-Arbeit

Das visionäre Spätwerk des venezianischen Meisters Tizian wird nun in Wien präsentiert. Die Werkstätte des Kunsthistorischen Museums war jahrelang damit beschäftigt: Frühere Restaurierungen hatten Tizians Gemälde schwer verunstaltet.

Prinz Philipp II. von Spanien war unzufrieden. „Meinem Porträt mit Harnisch sieht man wohl die Eile an, mit der er es gemacht hat, und wenn mehr Zeit wäre, würde ich es ihn nochmals machen lassen“, schrieb er seiner Tante Maria von Ungarn. Dabei zählt das 1551 entstandene Porträt des Thronfolgers zum Spätwerk eines der Besten seiner Zeit: Tiziano Vecellio, genannt Tizian. Doch nicht nur der Kronprinz, auch die Sachverständigen unter Tizians Zeitgenossen bekrittelten die Gemälde des alternden Renaissancekünstlers. Sogar sein Freund, der Dichter Pietro Aretino, fällte über das Porträt, das Tizian von ihm gemalt hatte, ein damals vernichtendes Urteil: Es sei „mehr skizziert als vollendet“, so befand er. Auch der Künstler-Chronist Giorgio Vasari monierte: „Tizian hätte gut daran getan, in diesen seinen letzten Jahren nur noch zum Zeitvertreib zu arbeiten, um nicht mit weniger guten Werken den guten Ruf zu schmälern, den er sich in seinen besten Jahren erworben hatte, als er noch nicht durch den natürlichen körperlichen Verfall zum Unvollkommenen neigte.“

Die Einschätzungen haben sich inzwischen radikal gewandelt: Gerade das Spätwerk des venezianischen Meisters gilt heute als seine visionärste Phase. Tizians „Fleckenmalerei“, seine unvergleichliche Art, den Pinselstrich aufzulösen, beeinflusste Generationen von Malern – von Rubens über Velázquez und Rembrandt bis hin zum Impressionismus etwa eines Auguste Renoir. Noch heute begeistert und inspiriert Tizian seine Kollegen, etwa Herbert Brandl, der Österreich bei der diesjährigen Biennale in Venedig vertrat (siehe Kasten Seite 107).

Farbenrausch. Das Revolutionäre am Werk von Tizian, der im kleinen Ort Pieve di Cadore in den Dolomiten um 1490 geboren wurde und von 1500 bis zu seinem Tod 1576 in Venedig lebte, liegt in seiner Farbgebung: Betonten die Maler anderswo, etwa in Florenz oder Rom, eher das „Disegno“, also die Zeichnung eines Motivs, so setzte Tizian seit jeher die Farbe als Hauptgestaltungsmittel ein – womit er die Malerei der venezianischen Hochrenaissance wie kein anderer prägte.

In jahrelanger Forschung widmeten sich Mitarbeiter des Wiener Kunsthistorischen Museums dem Spätwerk Tizians. Ab Donnerstag dieser Woche werden die Ergebnisse in einer groß angelegten Schau präsentiert. Als besonderer Blickfang fungiert dabei eines der zentralen Werke Tizians aus den Beständen des Museums: Nach fünf Jahren Restaurierungsarbeit kann das auf die frühen 1570er Jahre datierte Bild „Nymphe und Schäfer“ nun wieder besichtigt werden. Das vergangene halbe Jahrzehnt stand das Gemälde in den Restaurierwerkstätten des KHM – auf einer Staffelei im Büro von Elke Oberthaler, der Leiterin des Restaurierungsteams, gleich neben einer Röntgenaufnahme des Werks im gleichen Format.

Röntgenblick. Sie müsse zunächst einmal versuchen, „das Bild zu verstehen“, erklärt Oberthaler: „Es gibt viele Firnis- und Schutzschichten, die wir als solche erkennen müssen.“ So werde in einem ersten Schritt der Erhaltungszustand des Bildes analysiert. Dazu dienen nicht nur Röntgenaufnahmen, sondern auch Infrarot-Reflektografien und mikroskopische Querschnittanalysen der Farbschicht. Damit werden etwa Leerstellen gefunden. Wo das Röntgenbild schwarze Flecken zeigt, fehlt die originale Malschicht. Was nicht etwa bedeutet, dass an den fraglichen Stellen die Leinwand durchschimmerte. Schließlich wurde das Gemälde bereits mehrfach restauriert – selten jedoch zur Freude heutiger Fachleute: Die Eingriffe Sebastian Isepps etwa, der selbst Maler war (und als Vertreter des expressionistischen „Nötscher Kreises“ bekannt wurde), beeinträchtigten die Wirkung des Gemäldes schwer. Isepp wurde 1936 mit der Restaurierung des Spitzenwerks beauftragt und übermalte die schwer beschädigte linke Hand des Schäfers nach recht freier Interpretation – mit dem Ergebnis, dass sie geradezu ungelenk erschien.

Noch unbekümmerter ging man mit solchen Meisterstücken im 18. Jahrhundert um: So stückelte im Jahr 1774 der Kammermaler Josef Hickel am linken Bildrand einfach einen 16 Zentimeter breiten Streifen Leinwand an, auf dem er das Bild ungeniert weitermalte: So „wuchsen“ dem Schäfer ein Ellenbogen und ein Hinterteil zu, ein halb vom Bildrand angeschnittener Baum im Hintergrund vervollständigte sich – und Tizians Komposition war völlig verändert. Ende des 19. Jahrhunderts wurde das Bild, Oberthalers Untersuchungen zufolge, zudem von Schmutz gereinigt und in mehreren Schichten so patiniert, dass sich der Körper der weiblichen Figur vom Umraum nicht mehr so abhob, wie es in Tizians ursprünglicher Version der Fall war. Wie in einem Lehrbuch führt das Gemälde „Nymphe und Schäfer“ vor, welchen Umgang mit der Kunst man früher für angemessen hielt.

Mit solchen Maßnahmen haben die Restauratoren heute zu kämpfen. Die Anstückelung des Kammermalers Hickel verursachte da noch vergleichsweise wenig Kopfzerbrechen: In den 1930er Jahren steckte man das Gemälde einfach in einen breiten Rahmen, der die Erweiterung zwar überdeckte – aber nicht zerstörte. Schwieriger verhielt sich die Situation bei der schlecht restaurierten Schäfershand: Oberthaler musste Isepps Intervention behutsam abnehmen und die Malschicht mühevoll rekonstruieren.

Zweifelsfälle. Was auf welche Weise restauriert wird, lässt sich freilich nicht ohne Weiteres entscheiden. Im Fall des Tizian-Bildes diskutierte die Chefrestauratorin im Zuge einer international besetzten Tagung mit Kollegen und Kunsthistorikern. „Es wäre gar nicht angenehm, die Restaurierung einer solchen Arbeit ganz alleine vorzunehmen“, betont sie. Die Bandbreite der Fachmeinungen zum Thema war allerdings erstaunlich: Die einen bezweifelten, dass das Bild überhaupt restaurierbar sei, andere meinten, dass man nicht zu viel tun sollte, da ja auch die Veränderungen der Vergangenheit zur Geschichte des Bildes gehörten. Oberthaler war von Anfang an dafür, das Inkarnat – also die Hautfarbe – der Nymphe zu reinigen. „Man befürchtete dabei aber, dass der Körper anschließend zu glatt, zu flach aussehen würde“, erzählt sie. Am Ende ging der Eingriff gut: Nach Entfernung des Schmutzes erscheint der Nymphenkörper plastisch wie eh und je.

Insbesondere der für Tizians Spätwerk typische „offene“ Pinselstrich sei schwer zu restaurieren, meint Oberthaler. In früheren Zeiten hatten Kopisten ihre Not damit: Auf Kopien ersetzen bisweilen Gebäude die komplexer gemalten Felsformationen.

Die Spontanität der Malweise Tizians ist jedoch trügerisch, darüber sind sich Oberthaler und die Kunsthistorikerin Sylvia Ferino, die Kuratorin der Tizian-Schau, einig. Schon Giorgio Vasari, als Kunstliterat ein Zeitgenosse des Meisters, berichtete, dass Tizian viele Farbschichten übereinander malte – ein spontaner Strich sollte dabei nur vorgetäuscht werden. Über die Malerei des alten Tizian herrscht in der Wissenschaft aber keinesfalls Konsens. „In der Forschung findet sich einerseits die Meinung, dass die Fleckenmalerei im Spätwerk Tizians ein zufälliges Produkt sei“, umreißt Ferino die Debatte, „auf der anderen Seite jedoch jene, dass er gerade in dieser Zeit Visionen in seine Kunst einbrachte, seine Malerei geistig durchdachte.“ Ferino – die im Vorjahr den mit 25.000 Euro dotierten Preis der Kythera-Kulturstiftung für ihre Verdienste um die Vermittlung spanischer und italienischer Kunst erhielt – steht eindeutig auf letzterem Standpunkt. Ähnlich argumentiert Elke Oberthaler, die derzeit wohl weltweit beste Kennerin des „Nymphe und Schäfer“-Gemäldes: „Tizians späte Bilder sind für einen Kennerkreis gemalt, für Leute, die darüber diskutieren sollten“, fasst sie ihre Recherchen zusammen. „Er ist der erste Maler der Kunstgeschichte, bei dem es vor allem um die Maltechnik an sich geht.“

Tizians Selbstreflexivität, sein Interesse am Prozess des Malens, die Betonung seiner subjektiven Handschrift: All das wirkt immer noch hochmodern. Diesem Eindruck konnten auch die Restauratoren der vergangenen Jahrhunderte nichts anhaben.

Von Nina Schedlmayer