Kunst: Villa dunkelbunt

Das Werk von Friedensreich Hundertwasser erzielt international höhere Preise denn je, auch seine touristische Attraktivität ist ungebrochen. Dennoch befinden sich die Verwalter seines Erbes in finanziellen Kalamitäten.

Einerseits ist der Mythos Hundertwasser ungebrochen. Nach wie vor gehört Friedensreich Hundertwasser, der sich gelegentlich gern mit den Zwischennamen Regentag und Dunkelbunt schmückte, zu den populärsten österreichischen Künstlern des 20. Jahrhunderts, und immer noch ziehen seine bizarren Bauten scheinbar endlose Touristenströme an. Nun scheint auch der Maler Hundertwasser international wieder zu reüssieren. Vorvergangene Woche erreichte eines seiner Bilder im Rahmen einer Auktion bei Sotheby’s in London eine von niemandem vorhergesehene Rekordsumme. Um umgerechnet 410.000 Euro – knapp das Vierfache des unteren Schätzwertes – wurde am 23. Juni das 130 mal 162 Zentimeter große Gemälde „Der Turm von Babel durchstößt die Sonne – ein Spiraloid“ aus dem Jahr 1959 von einem unbekannten Bieter erworben. Für Andrea Jungmann, Managing Director von Sotheby’s Österreich, ist ein solcher Erfolg jedenfalls ein Hinweis darauf, dass das Gesamtwerk dieses Künstlers in naher Zukunft eine deutliche Aufwertung erfahren könnte.

Auf der anderen Seite soll Hundertwassers Nachlass seit Jahren überschuldet sein. Alleinerbin dieses Nachlasses ist die private, gemeinnützige Hundertwasser-Stiftung, deren Vorsitz der ehemalige Manager des Künstlers und gegenwärtige Leiter des Kunsthauses Wien, Joram Harel, innehat. Harel selbst räumte 2002 eine Nachlassüberschuldung in Höhe von rund eineinhalb Millionen Euro ein. Der Kunstmarkt, so Harel damals, sei eben im Keller, nur wenige wichtige Werke Hundertwassers befänden sich noch im Besitz der Stiftung. Anderen Quellen zufolge habe der aufwändige Lebensstil des Künstlers, der mit Geld nie umgehen konnte, dazu geführt, dass von den zeitweilig hohen Hundertwasser-Umsätzen wenig übrig geblieben ist. Wieder andere behaupten allerdings, dass der Meister vergleichsweise einfach gelebt habe und auch die regelmäßigen Flüge zu seinem Domizil in Neuseeland die finanzielle Substanz kaum geschmälert haben könnten.

Zudem scheint das künstlerische Erbe Hundertwassers schwerer greifbar als die Lebenswerke etwa von Klimt, Schiele oder Kokoschka. Wo sich die Aquarelle, Gemälde und Collagen des General-Verschönerers heute befinden, ist offenbar keineswegs leicht festzustellen. Hundertwassers Bilder seien „überall auf der Welt, vieles ist in Frankreich und den USA“, vermutet Elke Königseder vom Wiener Dorotheum. „In Europa ist das Interesse an Hundertwasser stärker als anderswo“, konstatiert dagegen Herrad Schorn, Expertin für zeitgenössische Kunst bei Christie’s Düsseldorf, im Hinblick auf Hundertwassers Präsenz am Kunstmarkt.

Auch der vom Hundertwasser-Archiv 2002 publizierte Werkkatalog gibt über die Aufenthaltsorte der Arbeiten des Künstlers wenig Aufschluss. Stolze 750 Euro kostet der fette Prachtband, ausgestattet mit samtenem Coverbild und einer Farbradierung in „Hundertwasser-Original-Layout“. Der Katalog vermerkt allerdings zu einem Großteil der Werke nur lakonisch: „current whereabouts unknown“ – aktueller Verbleib unbekannt. Und das, obwohl Hundertwasser seine Werke angeblich „wie Kinder“ geliebt habe. Schon früh hatte er Listen und Karteien angelegt und, wie er gerne erzählte, sogar Detektive auf die Spuren verlorener Werke angesetzt.

Besser, die hundertwasserschen Hercule Poirots hätten ihre Nasen auch in den früheren Œuvre-Katalog von 1964 gesteckt. Obwohl dort nämlich der Besitzer des kürzlich versteigerten „Turm von Babel“-Gemäldes, der dieses über vierzig Jahre lang besessen hat, noch vermerkt war, wird der Verbleib des Bildes im Katalog von 2002 als „unbekannt“ bezeichnet. Warum? Andrea C. Fürst, Leiterin eines Hundertwasser-Archivs in der Wiener Colloredogasse, der Adresse der Stiftung, erzählt, dass durch Adressänderungen oft der Kontakt zu Sammlern abgerissen sei. Dann galt für Hundertwasser das Werk als verschollen.

Dies traf offenbar auf das nun versteigerte „Turm von Babel“-Gemälde schon 1995 zu. Mit dem an sich ehrenwerten Vorhaben, „beim Fund der verschollenen und gestohlenen Bilder mitzuhelfen“, gab die Joram Harel Gesellschaft in Zusammenarbeit mit dem Künstler selbst ein „Lost and Stolen Pictures Postcardbook“ heraus. Darin findet sich auch das nun mit Höchstpreis verkaufte Werk. Waren Hundertwassers Detektive nicht in der Lage festzustellen, dass sich das Bild zu diesem Zeitpunkt noch immer im Besitz derselben Person befand wie bereits Jahrzehnte davor?

Um die Summen zu erahnen, die bei Hundertwassers Kunst im Spiel sind, sei ein Gutachten genannt, das der ehemalige Albertina-Chef Walter Koschatzky in den achtziger Jahren über den Wert allein des signierten druckgrafischen Œuvres des Künstlers anstellte. Für das gesamte grafische Werk von 1951 bis 1986 kam Koschatzky dabei auf die fabelhafte Summe von 119 Millionen Euro. Selbst wenn der aktuelle Erlös dieses Werks geringer zu beziffern sein mag: Kann es sein, dass davon nichts geblieben ist?

Joram Harel wollte sich profil gegenüber – trotz mehrfacher Anfragen – weder zur Stiftung noch zum Zustand des von ihm verwalteten Hundertwasser-Erbes äußern. Der ebenfalls im Stiftungsvorstand sitzende Wirtschaftstreuhänder und Ex-LiF-Politiker Johannes Strohmayer verwies ebenso wie alle kontaktierten Mitarbeiterinnen Harels an den Vorstandsvorsitzenden, bei dem alle Informationen zusammenlaufen: Joram Harel. Sie sei nicht befugt, „über Firmenverhältnisse zu sprechen“, blockte auch Archivleiterin Fürst ab – und bat noch einmal, sich in allen diesbezüglichen Fragen an Harel direkt zu wenden, der aber weiterhin konsequent nicht zu erreichen war.

Harel plagen derzeit nicht geringe Sorgen. Zum einen hat der Oberste Gerichtshof in Wien in einer einstweiligen Verfügung entschieden, dass dem Architekten Josef Krawina, der an der Planung des als Gemeindebau errichteten so genannten Hundertwasserhauses in der Wiener Löwengasse beteiligt war, ein Mit-Urheberrecht zustehe. Falls der OGH-Bescheid in dem noch laufenden Hauptverfahren bestätigt wird, muss Krawina am Erlös der Hundertwasserhaus-Devotionalien beteiligt werden. Bereits jetzt muss der Bau „Hundertwasser-Krawina-Haus“ genannt werden.

Die Wiener Rechtsanwaltskanzlei Binder Grösswang hat zudem bestätigt, dass sie im Auftrag des Medienvertreibers Harald Böhm, eines unmittelbaren Konkurrenten Harels im Geschäft mit Hundertwasser-Produkten, eine Sachverhaltsdarstellung an die Finanzbehörden eingebracht habe, in der es um steuerschonende Transfers von Beträgen aus dem Hundertwasser-Nachlass an eine Schweizer Firma geht, die unter dem Einfluss Joram Harels stehen soll.

Den Status Friedensreich Hundertwassers am internationalen Kunstmarkt tangieren solche Querelen vorläufig nicht. Bereits seit 2000, erzählt Herrad Schorn von Christie’s Düsseldorf, sei das Preisniveau für Hundertwasser stetig gestiegen – das liege in der Luft: „ein bisschen Zeitgeist, ein bisschen Revival“, sagt sie. So wurde wenige Monate nach dem Tod des Geometrieverächters Hundertwasser ein Bild von ähnlicher Qualität wie „Der Turm von Babel“ bei Christie’s um umgerechnet 220.000 Euro versteigert. Dennoch handle es sich bei dem diesjährigen Rekordverkauf um einen Ausnahmepreis. Auch Elke Königseder vom Dorotheum glaubt nicht, dass sich dieses Ergebnis generell auf den Markt auswirken werde.

Andrea Jungmann von Sotheby’s Österreich nimmt dagegen durchaus an, dass dieser Erfolg „Beispielwirkung“ haben könne: „Die Preise für Hundertwasser werden generell steigen.“ Die relativ niedrige Schätzung sei durch vergleichbare Beispiele aus der Vergangenheit zustande gekommen und „realistisch“ gewesen. Der Markt für Hundertwasser sei schon immer ein beständiger gewesen, dennoch sei der „Turm von Babel“ ein „ganz spezielles Stück, eines der wichtigsten Werke dieser Periode, wo die Qualität kumuliert. Und es hat eine sehr gute Provenienz.“ Dass das Bild seit 1961 seinen US-Besitzer nicht mehr gewechselt habe, sei mit ein Grund für den Rekordpreis.

Das Hundertwasser-Business boomt indes unabhängig von den Bewegungen des Kunstmarkts. Die Gewinnspannen bei Merchandising-Produkten sind beträchtlich. Die Produktionskosten für ein Poster liegen bei einem Euro, der Verkaufspreis beträgt stolze 70 Euro. Der Gesamtumsatz eines einzigen Posters habe, so Harel selbst, in der Vergangenheit etwa eine halbe Million Euro betragen.

Es gibt kaum einen österreichischen Künstler, der Publikum und Fachwelt mehr polarisiert als Hundertwasser. Das offene Misstrauen gegen diesen sei „eine österreichische Spezialaggression“, bemerkt André Heller: „Es gibt vielleicht hundert Gründe, gegen Hundertwasser zu sein, aber Beuys und er waren die Einzigen, die die Bedeutung des ökologischen Denkens zu einem sehr frühen Zeitpunkt begriffen und leidenschaftlich propagiert haben. Das sollten wir ihm hoch anrechnen.“

Aus dem Kunstbetrieb hatte sich der Maler bereits lange vor seinem Tod weit gehend zurückgezogen: Das Ausstellungsverzeichnis ist ausnehmend dünn, dafür punktet sein Werk im In- und Ausland als Touristenattraktion – und mittlerweile sogar als Vorlage für ein Konstantin-Wecker-Musical (siehe auch Kasten). Einer gewissen Logik entbehrt aber auch diese jüngste Entwicklung nicht – sie passt durchaus zum Selbstverständnis Hundertwassers. Der Kunsthistoriker Wieland Schmied brachte das System Hundertwasser vor Jahren jedenfalls so auf den Punkt: „Die spontane Reaktion des Mannes von der Straße ist ihm wichtiger als die intellektuelle Anstrengung des Kritikers in der Redaktionsstube oder des Historikers im Studiensaal.“ Die Musical-Produzenten rechnen jedenfalls mit 75.000 Besuchern.