Landwirtschaft: Molkenbruch

Überkapazitäten, Strukturprobleme, Preisverfall: Wie Österreichs Milchbauern den Kampf gegen die Globalisierung verlieren.

Die Wahl der Waffen erinnert an die Bauernkriege des 16. Jahrhunderts, aber das ist den Kombattanten wohl gar nicht so unrecht: Eine Mistgabel wollen sie vor sich hertragen, wenn der Kampf gegen ihre übermächtigen Widersacher in die nächste Runde geht.

Sie: Das sind die erbosten Landwirte der IG Milch, einer unabhängigen In-teressengemeinschaft österreichischer Grünland- und Rinderbauern. Und ihre Gegner: Die sitzen in den Chefetagen der Molkereien und der Handelsketten, in den Kanzleien des Bauernbundes und des Landwirtschaftsministeriums.

Bereits im März hat die IG Milch mehrere Demonstrationen gegen die existenzbedrohend niedrigen Milchpreise veranstaltet. Donnerstag vergangener Woche marschierten dutzende Landwirte samt Kühen vor der Zentrale der niederösterreichischen Molkerei NÖM in Baden bei Wien auf, machten ihrem Zorn über das „teuflische Spiel mit den Bauern“ Luft und warfen ihrem wichtigsten Abnehmer „Einschüchterung und Demütigung“ vor. Diese Woche sollen weitere, größere Kundgebungen folgen.

Für Aufmerksamkeit ist gesorgt. Als Frontmann hat die IG Milch den französischen Bauerngewerkschafter José Bové engagiert – in einschlägigen Kreisen als „Asterix gegen die Globalisierung“ bekannt, seit er im Jahr 1999 bei einer Protestaktion gegen McDonald’s verhaftet wurde. Er ist der Mann, der mit der Mistgabel vorangehen wird.

„Wir lassen uns die Preisspielchen, bei denen am Ende das arme Bäuerlein übrig bleibt, nicht mehr gefallen“, sagt Leo Steinbichler, Gründungsmitglied der IG Milch. „Wir wollen für unser Produkt so bezahlt werden, dass wir überleben können.“

Die Milch kommt hierzulande im Wesentlichen von der Kuh: eine Emulsion aus 87,5 Prozent Wasser und 3,5 bis 4 Prozent Fett, mit 4,8 Prozent Kohlehydraten, 3,5 Prozent Eiweiß, 0,7 Prozent Spurenelementen – und ein Grundnahrungsmittel, ohne das die westliche Welt kaum auskommen würde.

3,3 Millionen Tonnen Milch geben die 570.000 österreichischen Kühe pro Jahr, 2,7 Millionen Tonnen davon werden von Molkereien verarbeitet. Laut europäischem Ernährungsbericht 2004 liegt das Land beim Pro-Kopf-Milchverbrauch im EU-Vergleich hinter Schweden und Finnland an dritter Stelle.

Trotzdem müssen die Produzenten am Anfang der Nahrungskette um das wirtschaftliche Überleben kämpfen. Statistisch gesehen geben diesen Kampf in Österreich jeden Tag neun Milchbauern auf. „Es gibt keine Hinweise, dass sich an dieser Entwicklung etwas ändert“, sagt Franz Sinabell, Agrarmarktexperte des Instituts für Wirtschaftsforschung (Wifo). In den vergangenen zehn Jahren haben 35.000 ehemalige Milchbauern ihren Hof verkauft, den Betrieb geschlossen oder auf andere Produkte umgestellt.

Das Dilemma lässt sich auf wenige Cent-Beträge reduzieren: Ein Liter Trinkmilch kostet im österreichischen Handel etwa 80 Cent. Die Bauern bekamen davon zuletzt 29 Cent netto. Sie hätten gerne 35 bis 40 Cent brutto. Ihre Produktionskosten liegen bei bis zu 50 Cent, der Weltmarktpreis bei 22 Cent.

Der Bauer
„22 Cent? Da müssten wir zusperren“, sagt Peter Winkler. Der 40-jährige Milchbauer aus Krumbach, einer kleinen Ortschaft in der Buckligen Welt, steht im Stall seines Bio-Vollerwerbsbetriebes. Zweimal täglich melken er und seine Frau die 18 Kühe der Landwirtschaft, pro Jahr verkauft der Hof 100.000 Liter Milch. Den größten Teil davon an die niederösterreichische NÖM AG. Damit kommt der fünffache Familienvater „gerade so über die Runden“.

Winkler ist einer von mittlerweile nur noch 51.000 österreichischen Milchbauern. 1970 waren es 200.000 gewesen. Drei Viertel davon haben seither aufgegeben. Der Rest existiert auch nur mehr dank massiver Subventionierung.

Wobei gar nicht die Milchproduktion als solche gefördert wird, sondern die Erhaltung der Grünflächen. Böse gesagt zahlen die EU und der Staat für eine tourismustaugliche Kulisse mit saftigen Bergwiesen und rustikalen Gehöften – und bekommen als Nebenprodukt Milch.

Konkurrenzfähig sind Österreichs Milchbauern schon lange nicht mehr. Das liegt vor allem an der ungünstigen Topografie des Landes sowie daran, dass die heimischen Betriebe im internationalen Vergleich sehr klein sind. Im Stall des durchschnittlichen Hofes stehen zwölf Rinder. In Deutschland sind es 35, in Dänemark sogar 81 Stück Vieh.

Zudem geben die österreichischen Kühe vergleichsweise wenig Milch. Mit 4600 Litern pro Jahr und Euter belegen sie im EU-25-Vergleich weit abgeschlagen Platz 20. Ausländische Kolleginnen bringen es auf bis zu 8050 Liter – was in erster Linie durch industrielle Tierhaltung, massiven Kraftfuttereinsatz und spezielle Züchtungen möglich ist.

Entsprechend hoch sind die Produktionskosten pro Liter Milch in Österreich. Oftmals höher, als die hiesigen Molkereien zahlen wollen und können.

All das führt dazu, dass den Bauern wenig bleibt. Im Schnitt machen sie mit der Milch pro Tag rund 40 Euro Umsatz. Rechnet man die staatlichen Förderungen dazu und zieht die Kosten ab, bleibt ein Bruttostundenlohn von fünf bis sieben Euro. „In einem anderen Job könnten sie je nach Ausbildung auch mehr als zehn Euro verdienen“, sagt Leopold Kirner, Milchexperte der Bundesanstalt für Agrarwirtschaft.

„Der Milchpreis ist durchaus zu bewältigen – allerdings nicht für alle Bauern“, sagt Wifo-Experte Sinabell: „Viele Betriebe können nicht mehr investieren und müssen die Produktionskosten aus der eigenen Substanz decken.“

Aufgeben will aber zumindest Landwirt Peter Winkler nicht so schnell: „Ich bin Bauer und will Bauer bleiben, solange ich damit meine Familie ernähren kann.“ Inzwischen beteiligt er sich an den regelmäßigen Protestkundgebungen der IG Milch, die seit vergangener Woche jeden Tag mehr Kühe vor die NÖM-Zentrale treibt.

Die Molkerei
Hinter der mit blauem Wellblech verkleideten Betonfassade der zweitgrößten österreichischen Molkerei herrscht inzwischen bereits leichte Nervosität. Als dort am Dienstag vergangener Woche eine sechsköpfige Bauernabordnung zu einer Unterredung eintraf, boten die Molkereimanager gleich zwölf Bodyguards und ein Video-Observationsteam zum Empfang auf.

Wenn Gerhard Schützner, Generalbevollmächtigter der NÖM AG, aus dem Fenster seines Büros schaut, hat er die Demonstranten gut im Blick. „Ich kenne die Situation der Bauern sehr gut“, sagt Schützner (siehe Interview auf Seite 44). Aber es wäre „unseriös“, den Bauern Hoffnung auf einen Milchpreis von 35 oder gar 40 Cent zu machen.

Die größtenteils genossenschaftlich organisierten Molkereien garantieren ihren Lieferanten bestimmte Mindestabnahmemengen – die so genannten Milchkontingente von durchschnittlich 50 Tonnen pro Betrieb und Jahr. Was sie nicht garantieren, ist ein gleich bleibender Preis. Der ergibt sich aus den Gewinnen, die sie mit Milchwaren im Handel erzielen. Noch dazu werden in Österreich über 600.000 Tonnen mehr Milch produziert als verbraucht.

„Fakt ist, dass die Nachfrage seit Jahresbeginn deutlich nachgelassen hat“, klagt Schützner. „Das drückt natürlich auf die Preise.“ Erst kürzlich kündigte die NÖM den „sehr geehrten Milchbäuerinnen und Milchbauern“ eine Kürzung an. Statt wie bislang 29 Cent pro Liter gibt es seit 1. April nun nur mehr 27 Cent.

Molkereien wie NÖM, Berglandmilch (Schärdinger) und Tirol Milch stehen aber auch selbst unter Druck. Ihre Konkurrenten sind zunehmend internationale Nahrungsmittelkonzerne und Großmolkereien. Die kennen keine Kontingente und lassen produzieren, wo sie wollen. „Danone lässt etwa 25 Prozent der in Österreich verkauften Produkte bei Tirol Milch und Berglandmilch herstellen“, sagt Ian Wilson, Österreich-Geschäftsführer von Danone. Heißt im Umkehrschluss natürlich auch: 75 Prozent stammen nicht aus heimischer Landwirtschaft. Die Wellness-Joghurts Activia und Actimel bezieht Danone beispielsweise aus Tschechien und Polen.

Dem haben die heimischen Molkereien wenig entgegenzusetzen. „Wir müssen den Bauern möglichst viel geben, und der Handel will nichts dafür zahlen“, sagt Hans Steiner, Geschäftsführer der Alpenmilch Salzburg GmbH.

Der Handel
„Molkereiprodukte haben für uns eine enorme Bedeutung“, beteuert Billa-Vorstand Wolfgang Wimmer und schaut auf die Einfahrt zum Zentrallager der Handelskette in Wiener Neudorf hinunter, wo dutzende gelb-rote Sattelschlepper auf die Be- und Entladung warten.

An einem Liter Trinkmilch, der dort umgeschlagen und anschließend verkauft wird, verdient Billa nur ein paar Cent – nicht gerade das große Geschäft. Allerdings hat der Milchpreis, wie Wifo-Experte Sinabell erläutert, im Handel eine Signalwirkung. Konsumenten können daran ablesen, ob eine Handelskette billig oder teuer ist. Zudem muss sie alle paar Tage frisch gekauft werden – und bringt damit Kundenfrequenz.

Kein Wunder, dass der Handel die Verkaufspreise möglichst niedrig zu halten versucht. Gerhard Drexel, Vorstandsvorsitzender von Spar Österreich, signalisiert grundsätzlich Verständnis für die Anliegen der Landwirtschaft. Freilich mit Einschränkungen: „Wir müssen uns bewusst sein, dass wir auf keiner Insel angesiedelt, sondern in der erweiterten EU eingebettet sind. Die Preise bilden sich nach den Prinzipien des Marktes, und darauf müssen sich alle einstellen.“

Der Funktionär
Das weiß auch Fritz Grillitsch. Der Präsident des österreichischen Bauernbundes sitzt in seinem noblen Wiener Büro. Hinter ihm hängt ein Plakat, das für Milch aus österreichischer Produktion werben soll. Grillitsch, nachtblauer Anzug, randlose Brille, sorgsam gekämmtes dunkles Haar, geboren als Bauernbub im steirischen Judenburg, hat die Rhetorik der Politik gelernt. Er spricht von langfristig kalkulierbaren Rahmenbedingungen, von Bewusstseinsbildung und von Globalisierung, von Milchprämien und Umweltprogrammen. Die Leute von der IG Milch mögen ihn, vorsichtig ausgedrückt, nicht besonders.

„Wir haben das einzig Richtige getan“, sagt Grillitsch. „Wir haben eine große Wertediskussion mit den Konsumenten, dem Handel und den Verarbeitungsbetrieben begonnen. Die Frage lautet: Was sind Lebensmittel wert?“

Die Plattform für diese Debatte bietet ihm vor allem die „Kronen Zeitung“, in der vor wenigen Tagen der so genannte „Grillitsch-Pakt“ veröffentlicht wurde: „Wir zahlen faire und marktkonforme Preise, damit österreichische Produkte kostendeckend produziert werden können“, heißt es darin.

„Mir soll alles recht sein, was dazu beiträgt, den Milchpreis zu heben“, sagt Grillitsch. Die „aggressiven Methoden der IG Milch“ goutiert der Bauernbündler freilich gar nicht: „Dialog und Gespräch mit dem Handel und den Konsumenten – das ist mein Stil.“

Und gegen die Globalisierung vermöge auch die beste Standesvertretung kaum etwas auszurichten, so Grillitsch: „Ich würde mich freuen, wenn die Bauern 40 oder 50 Cent bekommen würden. Aber das ist derzeit unrealistisch. Wir können uns von internationalen Entwicklungen beim Marktpreis nicht abkoppeln.“ Und der wird auf internationaler Ebene bestimmt. Bei der so genannten Doha-Runde der WTO-Verhandlungen wurde vereinbart, die Milch-Stützungen weiter abzubauen. Ziel ist es, den Agrarhandel noch stärker als schon bislang an den unsubventionierten Welthandel anzubinden.

Der Bauernbund-Präsident ist trotzdem guter Dinge. Hat sich Österreich nicht zehn Prozent der EU-Umweltförderungen gekrallt – und das bei bloß drei Prozent Anteil an der land- und forstwirtschaftlich genutzten Fläche Europas? Sind die Kontingente, die den Bauern die Abnahme einer gewissen Menge Milch garantieren, nicht bis zum Jahr 2013 gesichert? Hat nicht er selbst im Parlament einen Antrag auf klare Kennzeichnung österreichischer Produkte eingebracht?

Grillitsch lehnt sich zurück: „Niemand kann sagen, dass nichts passiert ist. Wir waren sehr erfolgreich in letzter Zeit. Das sieht man nicht zuletzt daran, dass der Handel die Milchpreise im Supermarkt im Jänner um vier Cent angehoben hat. Das hat zur Stabilisierung des Milchpreises für die Bauern beigetragen.“

Was er nicht dazusagt – von den vier Cent sind Milchbauern wie Peter Winkler bloß 0,25 Cent pro Liter geblieben: „Das waren in zwei Monaten gerade einmal 15 Euro. Da fühlt man sich schon gefrotzelt.“

Aber das braucht er nicht mehr: Der Handel hat die Aktion inzwischen längst wieder beendet.

Von Martin Himmelbauer und Martin Staudinger