Lauren „The Look“ Bacall

Am kommenden Donnerstag wird Hollywoods unergründlichste Diva 80.

Sie war nicht die kleine Schwester, sondern sie war Vivian Sternwood Rutledge, die älteste Tochter des kranken Multimillionärs, und darum bemühte sie sich um ein etwas verruchtes Aussehen und eine heftig verrauchte Stimme. Sie war eine wunderschöne, sehr hoch gewachsene hedonistische Bohemienne, die ebenso lässig blödeln wie schießen und trinken und Auto fahren konnte wie ihr Mann.
Der war Humphrey Bogart und 45 Jahre alt – sie aber erst 20. Den Altersunterschied wollte sie in der Chandler-Verfilmung „The Big Sleep“ aber (fast) ums Verrecken nicht zugeben und spielte noch etwas langbeiniger und verführerischer als Marlene Dietrich.

Das Überspielen jeglichen Alters scheint, neben dem exakten Unterscheiden zwischen „Charakteren“ und „Erscheinungen“, eines ihrer Prinzipien zu sein in einem langen Leben, das in diesem Oktober beim Wiener Filmfestival „Viennale“ besonders geehrt werden wird.

In einem Leben, das sie vergangene Woche zum ersten Mal zu Venedigs „Biennale“ brachte, das ihr schon den französischen „Cesar“, den „De Mille-Award“ und den „Golden Globe“ einbrachte, vor allem aber die Erfahrung, wie es auf der Sonnenseite der Reichen und Schönen ist, wenn frau einen berühmten Mann hat, und wie, wenn frau diesen nicht mehr hat.

Dass sie zur lästigen Witwe Hollywoods wurde, hat sie 1978 in ihren Memoiren „By Myself“ sarkastisch beschrieben; sie musste sich fast zehn Jahre damit abfinden, dass aus der stehenden Wendung „Bogart und Bacall“ das verschämte „Na und, Bacall?“ wurde. Erst als sie jene atavistischen Männer, die sie undurchschaubar für ein undurchschaubares Anhängsel eines Mannes gehalten hatten, von ihrer künstlerischen Eigenständigkeit überzeugt hatte, rückte sie an den olympischen Sitz einer Elizabeth Taylor fast heran. Mit Recht, denn sie ist so kratzbürstig, wie Katherine Hepburn war, gegenstromlinienförmig wie Vanessa Redgrave, ozeantiefer als Faye Dunaway und in ihren ein klein wenig jüngeren Jahren in den USA so begehrt wie die
Taylor. Die Frau des Regisseurs Howard Hawks, Slim, sah ihr Bild als Covergirl von „Harper’s Bazaar“, der neben „Look“ in den vierziger Jahren populärsten Zeitschrift US-Amerikas, und empfahl ihrem Mann die junge Schönheit für die Hemingway-Verfilmung „To Have and Have Not“. Die 19-Jährige bestand den Test und spielte mit dem neben Marlon Brando berüchtigtsten Nonkonformisten Hollywoods zusammen; das machte sie so nervös, dass sie ihr Kinn ständig an den Hals presste, sodass sie sogar zu dem kleineren „Bogie“ aufblicken musste, was ihr den lebenslangen Spitznamen „The Look“ eintrug.

Bogart verriet seinem Biografen, Joe Hyams, warum er die junge Wilde geheiratet hatte: „She has class – real class.“ Sie sagte Hyams, dass „Bogie mir beigebracht hat, dass das Leben von Frau und Mann zueinander das Wertvollste ist, dass aber keiner vergessen dürfe, dass er selbst eine Persönlichkeit ist“.

Das war Betty Joan Perske („Bogie“ nannte sie immer „Betty“), die am 16. September 1924 in New York City als Tochter eines Verkäufers und einer Sekretärin zur Welt kam, schon mit 18; sie hatte Schauspielunterricht absolviert, wollte eigentlich Tänzerin werden, wurde von Herrn Hawks aber umgestimmt. In drei ihrer ersten vier Filme spielte sie mit Bogart zusammen, „weil er das spielen konnte, was er war, und weil es mich unglaublich beruhigte, einen Mann zu haben, der in dieser Zeit erfolgreich war, obwohl er ehrlich war“.

„Diese Zeit“, das war die antikommunistische Hexenjagd des Senators Joseph McCarthy, der auch Bacalls Freunde, die Schriftstellerin Lilian Hellman und ihren Mann Dashiell Hammett, verfemte; in der sie sich „fühlten, als könnte jeder Martini unser letzter sein“. Dessen ungeachtet zeigte sie noch 1953 mit Marilyn Monroe und Bette Grable „How to Marry a Millionaire“. Vier Jahre später war sie „Hollywoods bestgemiedene Witwe“.

Sie kehrte nach New York heim, spielte am Broadway mit Bravour Theater und ließ sich nach fünf Jahren erfolgreicher Separation von Fall zu Fall zu einem Film verlocken; Paul Newman war glücklich, sie als Private Eye in MacDonalds Verfilmung „Harper“ zu haben; mit Grandezza spielte sie die bestaussehende älteste Mörderin der Kinogeschichte in der Christie-Verfilmung „Murder on the Orient Express“; sie war die Partnerin John Waynes in dessen letztem Film, „The Shootist“; und heuer erst stand sie mit Nicole Kidman für „Birth“ vor der Kamera und neben Kidman am Lido von Venedig.

An diesem Montag, dem 13. September, feiert sie die ARD um 2.10 Uhr nachts mit der deutschen Fassung von „The Big Sleep“, „Tote schlafen fest“. Wieder wird sie da mit ihrer dunklen, vibrierend machenden Stimme fragen, ob „Mr. Marlowe für einen Detektiv nicht ziemlich klein geraten“ sei. Da wir wissen, dass es am Schluss kein Problem gibt, „dass du nicht lösen könntest“, freuen wir uns darauf, in Wien bald die einzige Frau zu sehen, der wir ständig hinterherpfeifen könnten.
Seitdem sie uns dazu ermuntert hat: „If you want anything, just whistle.“