Leasingmodelle: Die Besitzlosen

Ob Konzernzentralen, Firmenautos oder Spezialmaschinen: In vielen Bereichen ist Leasing auf dem besten Weg, sich zur bevorzugten Finanzierungsform zu entwickeln – und zum Wirtschaftsmotor in ökonomisch schweren Phasen.

Im Wiener Gemeindebezirk Favoriten wird derzeit emsig gebaut. Im Frühsommer kommenden Jahres soll hier das so genannte Columbus-Center, ein Einkaufs- und Bürozentrum mit 13.000 Quadratmeter Geschäfts- und 6500 Quadratmeter Bürofläche, eröffnet werden. Das Investitionsvolumen beträgt rund 50 Millionen Euro. Bauarbeiten finden zurzeit auch in der niederösterreichischen Gemeinde Bisamberg statt: Hier wird um 2,2 Millionen Euro die Volksschule umgestaltet und erweitert. In der Molkerei Oberwart indes herrscht bereits Alltagsbetrieb – mithilfe neuer Maschinen zur Milchverarbeitung.

Den drei Beispielen ist gemeinsam, dass zur Umsetzung der jeweiligen Projekte auf Finanzierungsmodelle zurückgegriffen wurde, die gerade in wirtschaftlich weniger prosperierenden Zeiten besonderen Zuspruch erleben: Die Gebäude werden mittels Leasingverträgen finanziert, und auch die Molkereimaschinen wurden nicht gekauft, sondern geleast.

„Leasing ist ein stabilisierender Faktor in wirtschaftlich schlechten Zeiten“, erklärt Thomas Hartmann-Wendels, Direktor des Forschungsinstituts für Leasing an der Universität Köln. Diese Einschätzung teilt offenbar auch eine Mehrheit der Unternehmer. In einer Studie des Bundesverbandes Deutscher Leasingunternehmen aus dem Jahr 2002 gaben zwei Drittel der befragten 755 Unternehmen an, dass in ökonomisch schwierigen Phasen die Finanzierungsform Leasing an Bedeutung gewinne. 64 Prozent der derzeitigen Leasingnehmer meinten, diese Finanzierungsvariante auch bei der nächsten anstehenden Investition in Betracht ziehen zu wollen.

Wirtschaftsfaktor. Österreichische Erhebungen zeigen ein tendenziell ähnliches Bild. Laut einer Umfrage des Linzer Markt- und Meinungsforschungsinstituts market vom Mai 2003 wird Leasing mittlerweile von 42 Prozent der Unternehmen in Anspruch genommen. 74 Prozent der Großbetriebe, 76 Prozent der Mittelbetriebe und 61 Prozent der Kleinbetriebe können sich vorstellen, in Zukunft Investitionen über Leasing zu finanzieren. „Leasing reduziert die Liquiditätsbelastung der Unternehmen“, konstatiert Peter Wageneder, Geschäftsführer der Wiener Vermögensberatung AAA Insurance Brokers. Solcherart sei Leasing durchaus als eine Art Wirtschaftsmotor zu bezeichnen. „Unternehmen können auf diese Weise eher neue Investitionen tätigen.“

Tatsächlich entwickelte sich die Leasingbranche zuletzt deutlich dynamischer als die Gesamtwirtschaft. Während die heimische Wirtschaft im Vorjahr bloß um rund 0,7 Prozent wuchs, legte das Leasing-Neugeschäftsvolumen laut Karlheinz Sandler, dem Vorsitzenden der Berufsgruppe Leasingunternehmen in der Wirtschaftskammer Österreich, um 10,3 Prozent auf gut fünf Milliarden Euro zu. Inklusive des Auslandsgeschäfts heimischer Leasingunternehmen betrug der Zuwachs sogar 22,8 Prozent auf ein Volumen von 8,6 Milliarden Euro. In einer Studie zum österreichischen Leasingmarkt 2003 spricht Studienleiter Marcus Hudec vom Statistischen Institut der Universität Wien gar von einer „Abkoppelung“ der Leasingbranche von der Wirtschaftsentwicklung.

Entsprechend extensiv werden Leasingmodelle mittlerweile genutzt. Das Spektrum reicht von der Finanzierung von Anlagen zur alternativen Energiegewinnung wie dem Windpark Scharndorf oder einer Bioheizanlage in Perchtoldsdorf über hoch spezialisierte Produktionsmaschinen, wie sie die Matador Spielwaren GmbH einsetzt, bis hin zu Einkaufsmärkten wie einem Baumax Mega-Markt in Tulln oder der neuen Konzernzentrale der Uniqa Versicherungen AG am Wiener Donaukanal.

Grenzenlos. In Kärnten wiederum wurde im Juni des Vorjahres beschlossen, den 170 Millionen Euro teuren Neubau des Landeskrankenhauses Klagenfurt über ein Leasingmodell zu finanzieren. Und in Oberösterreich werden über so genannte Cross-Border-Leasing-Modelle bei Kraftwerken und Strom-, Erdgas- oder Fernwärmenetzen Steuervorteile lukriert und damit die Kassen der öffentlichen Hand entlastet. Bei dieser – teils nicht unumstrittenen – Variante haben Leasinggeber und -nehmer ihre Sitze in verschiedenen Ländern und nutzen die unterschiedlichen Steuerbestimmungen.

Gemeinsam ist sämtlichen Leasingvarianten, dass sie nicht auf Eigentum, sondern lediglich auf die Nutzung des jeweiligen Objekts durch den Leasingnehmer abzielen – sei es ein Gebäude, eine Produktionsanlage oder ein EDV-System. Eigentümer ist – zumindest in juristischer Hinsicht – der Leasinggeber. Die Rückzahlung erfolgt in Form von Raten und kann im Regelfall flexibel gestaltet werden. So können saisonal bedingte Umsatzschwankungen ebenso berücksichtigt werden wie der Zeitpunkt, ab dem aufgrund einer via Leasing getätigten Anschaffung Umsätze generiert werden. Grundsätzlich gilt das Prinzip „Pay as you earn“: Die Raten werden – läuft alles nach Plan – aus jenen Mitteln bezahlt, welche mit dem jeweiligen Leasinggut erwirtschaftet werden.

Als weiterer Vorteil gilt, dass Leasinggüter, weil sie nicht im Eigentum des Leasingnehmers stehen, auch nicht als Anlagevermögen in dessen Bilanz aufscheinen – und derart bilanzneutral sind. „Dieser Aspekt ist sehr wichtig für die Unternehmen“, sagt Franz Hagen, Präsident des Österreichischen Leasingverbandes. „Durch Leasing verändert sich das Verhältnis Eigenkapital zu Fremdkapital nicht, und das Bilanzbild wird nicht negativ beeinflusst.“

Deutliche Zuwächse. Allein im Immobilienbereich – neben den Mobilien und Kraftfahrzeugen die dritte Haupteinsatzsparte für Leasingmodelle – ist die Finanzierung durch Leasing nach dem Rekordjahr 2002 mit einem Plus von 33,2 Prozent vergangenes Jahr erneut um 4,2 Prozent gewachsen. Generell unterliegt dieser Bereich allerdings den stärksten Schwankungen, weil durch die geringe Größe des österreichischen Marktes mit bloß rund 450 Neuverträgen pro Jahr einige wenige Großprojekte starke Volumensveränderungen bewirken können. Betrachtet man den Schnitt der vergangenen Jahre, ergibt sich immer noch ein beachtliches durchschnittliches Wachstum von 13,5 Prozent.

Hauptgrund für die Zuwächse: Immer öfter haben Unternehmer zwar Bauprojekte und vielfach sogar schon potenzielle Mieter, aber nicht die Finanzkraft, die zur Umsetzung vorderhand nötig wäre. Mithilfe von Leasingvarianten lässt sich diese Barriere oftmals durchbrechen. Finanzexperte Wageneder ist der Überzeugung, dass Leasing vor allem in wirtschaftlich schwierigen Zeiten eine geeignete Finanzierungsart zur Umsetzung von Bauvorhaben darstellt: „Ohne Leasing würden in mageren Jahren wesentlich weniger Objekte errichtet werden“, meint Wageneder.

Auch eine im April des Vorjahres publizierte Analyse der Wiener Arbeiterkammer legt nahe, dass Leasing teils zu einem Ersatz für konventionelle Investitionen geworden ist. Für die Erhebung waren unter anderem die Sachinvestitionen von 143 österreichischen Unternehmen über einen Zeitraum von zehn Jahren untersucht worden – und ein kontinuierlicher Rückgang in diesem Bereich festgestellt worden. Fazit der Studienautoren: Der Grund für die scheinbar „nachlassende Bedeutung der Sachinvestitionen“ sei wohl nicht zuletzt in der „Zunahme von Leasinggeschäften“ zu suchen.

Zusatzleistungen. Zudem beschränken sich die Leasinganbieter vielfach längst nicht mehr auf bloße Finanzierung. Stattdessen werden zumindest im gewerblichen Bereich oft umfassende Servicepakete geschnürt. „Hier kann der Leasinggeber zum echten Partner und Begleiter werden, der in allen Belangen unterstützt“, glaubt Peter Wageneder.

Im Bereich des Immobilienleasings beispielsweise zählt die Beratung bei der Grundstücksbeschaffung oft ebenso zum Leistungsspektrum wie die Unterstützung bei der konkreten Suche nach geeigneten Betriebsobjekten oder eine Grobkostenschätzung hinsichtlich der Bau- und Baunebenkosten. Laut Leasingverbands-Präsident Hagen kann man auch mit entsprechendem Beistand rechnen, wenn es um Planung, Ausschreibung und Vergabe, Bauleitung und Qualitätskontrolle geht. Laut einer Studie der unter anderem auf Immobilienfinanzierung spezialisierten Wiener Immorent AG sieht bereits jedes fünfte Unternehmen bei Immobilieninvestitionen über diese Finanzierungsform eine Chance, das gesamte Baumanagement auszulagern.

Verschiedene Serviceleistungen sind es auch, die das Leasing von Kraftfahrzeugen für Unternehmer zusätzlich attraktiv machen sollen. Spezielle Serviceverträge, Fuhrparkmanagement oder auch die Kooperation der Leasingunternehmen mit Mineralölkonzernen sollen sowohl zu Einsparungen führen als auch die Kostenstruktur überschaubarer gestalten. „Der Unternehmer muss sich um nichts mehr kümmern“, so Wageneder. „Versicherung und Wartung werden über das Leasingunternehmen abgerechnet.“

Preisnachlässe. Darüber hinaus würden die Großhandelskonditionen, die Leasingunternehmen meist genießen, günstigere Preise für Ersatzteile wie etwa Reifen ermöglichen. Derart konnte in Österreich das Neugeschäftsvolumen im Bereich des Fuhrparkmanagements 2003 im Vergleich zum Jahr zuvor um 12,3 Prozent auf 226,3 Millionen Euro gesteigert werden.

Aber auch spezielle Ausprägungen wie „Sale and lease back“ ziehen immer neue Kundschaft an. Dabei verkauft der Eigentümer eines Objekts dieses an eine Leasinggesellschaft, die es dann an den Verkäufer rückverleast – ein Modell, das sowohl im Immobilienbereich als auch zur vergleichsweise günstigen Nutzung von Betriebsgütern wie beispielsweise Flugzeugen inzwischen gebräuchlich ist. Derart wird Kapital frei, das sonst im Anlagevermögen gebunden wäre. Wageneder: „So kann ich als Unternehmer alte Verbindlichkeiten tilgen und das Plus für neue Investitionen nützen.“

Als einer der großen historischen Deals nach dem Sale-and-lease-back-Prinzip gilt der Vertragsabschluss mit den Eigentümern des amerikanischen Empire State Building. Diese konnten das derart frei gewordene Kapital in neue Immobilienprojekte investieren. Die Leasingraten wurden durch die Mieteinnahmen des Gebäudes bezahlt.

Defizitbremse. Auch die öffentliche Hand nutzt Leasing zusehends als Finanzierungsmöglichkeit. Im Rahmen von Kommunalleasing – eine Form so genannter Public-Private-Partnerships – tritt eine Gebietskörperschaft beziehungsweise Gemeinde als Leasingnehmer auf. Diese Partnerschaften ermöglichen die Realisierung öffentlicher Bauvorhaben wie etwa Schulen, Turnhallen, Feuerwehrhäuser oder auch von Investitionen in die Verkehrsinfrastruktur. Bereits 30 Prozent aller Immobilienleasing-Neuverträge entfallen inzwischen auf die öffentliche Hand. „Mit derartigen Modellen gelingt es den Gemeinden, Verschuldung und Defizit in einem bestimmten Rahmen zu halten“, so Franz Hagen.

Weil es in schwächeren Wirtschaftsjahren für Unternehmen auch schwieriger ist, auf dem neuesten technischen Stand zu bleiben, kommt Leasing auch im Mobilienbereich einem Investitionsmotor gleich. In diesem Bereich, der meist für die Beschaffung von Produktions- und Baumaschinen, Büro- und Geschäftseinrichtungen oder EDV-Anlagen genutzt wird, konnte 2003 im Vergleich zum Jahr davor ein Plus von 22,9 Prozent verzeichnet werden. Das Vertragsvolumen in diesem Sektor stieg dadurch auf mehr als eine Milliarde Euro. „Gerade im IT-Bereich gibt es dynamische Modelle“, berichtet Wageneder. „Die Computer werden regelmäßig ausgetauscht, und man hat immer aktuelle Hard- und Software zur Verfügung.“

Branchenkenner wie Berufsgruppenvertreter Karlheinz Sandler glauben zudem, dass das Marktpotenzial noch keineswegs ausgeschöpft ist. „Wir erwarten in den kommenden Jahren einen kontinuierlichen Anstieg der Leasingquote“, meint Sandler.

Die unter dem Schlagwort „Basel II“ bekannten neuen Kreditvergaberichtlinien, die ab 2006 gelten, werden vermutlich zu einer weiteren Steigerung des Leasingvolumens beitragen. Aufgrund dieses Regelwerks werden die Banken verpflichtet sein, ihre Kunden einer standardisierten und damit vielfach strengeren Bonitätsbewertung zu unterziehen.

„Das Kreditrisiko wird in Zukunft noch stärker geprüft, und Kredite werden noch schwerer zu bekommen sein“, glaubt Franz Hagen. Dieser Umstand werde vorwiegend Klein- und Mittelbetriebe besonders betreffen, die oftmals über eine recht dünne Eigenkapitaldecke verfügen, in der Vergangenheit ihren Finanzierungsbedarf dennoch hauptsächlich über Kredite gedeckt haben. „Leasing wird in Zukunft vor allem für diese kleinen Unternehmen sehr wichtig werden, die dann keinen so leichten Zugang zu Finanzierungsquellen mehr haben werden“, analysiert Thomas Hartmann-Wendels vom Kölner Leasing-Institut.

Indirekt würde das Ausweichen auf Leasingfinanzierungen jedoch auch die Chancen erhöhen, wieder konventionelle Darlehen und Kredite zu erhalten. Weil Anschaffungen auf dem Leasingweg nicht unmittelbar in der Bilanz aufscheinen, schlägt sich dies theoretisch positiv in der Risikobewertung nieder – was wiederum den Zugang zum klassischen Kredit erleichtert. „Über Leasing wird die Bilanz nicht belastet und so die Eigenkapitalquote gestärkt“, sagt Wageneder. „Dadurch verbessert sich das Rating.“