Legasthenie: Stille Qual

Fast jeder sechste Österreicher hat Probleme mit Lesen und Schreiben. Die genauen Ursachen der Legasthenie sind nach wie vor ungeklärt, aber neue wissenschaftliche Erkenntnisse geben tiefere Einblicke in ein ebenso verbreitetes wie oft missverstandenes Phänomen.

Jeder neue Satz kann so verwirrend sein wie eine fremde Landkarte. Lukas ist normal intelligent, aber die Art und Weise, wie er Sprache wahrnimmt, unterscheidet sich von der seiner Altersgenossen. Aufgrund zu kurzer Fixierung von Buchstaben und zu großer Blicksprünge leidet er an einer gravierenden Lesestörung. Und er schreibt Sätze wie diese: „Der Pölot zeigt uns im Tiefflug den Reipung der afrikanischen Tierwelt in der ungeheuotrie Stormaladschaft.“ (Der Pilot zeigt uns im Tiefflug den Reichtum der afrikanischen Tierwelt in der ungeheuren Stromlandschaft.) Der neunjährige Bub gehört zu jenen acht bis 15 Prozent normal intelligenten Schülern, die mit Lesen und Rechtschreiben Schwierigkeiten haben und oft wegen vermuteter „Dummheit“ oder „Minderbegabung“ zu Schulversagern werden.

Vermutlich gibt es eine beträchtliche Dunkelziffer. Denn Legastheniker ist man nicht nur in den ersten Volksschulklassen, man bleibt es ein Leben lang – ein Mensch, der nach der üblichen Definition zwar normal intelligent ist und normale Leistungen erbringt, aber beim Lesen und Schreiben deutliche Defizite aufweist. Man kann nur die Symptome lindern und lernen, mit seiner partiellen Schwäche umzugehen.

Was die genaue Ursache der auch als Dyslexie bezeichneten Teilleistungsschwäche ist, vermag derzeit kein Wissenschafter zu sagen. Soweit bisher bekannt, ist es eine genetisch bedingte Störung im Gehirn, die sich etwa durch Probleme in der Bild- und Raumwahrnehmung, in der Bewegungskoordination, beim Einhalten der Lese- und Schreibrichtung oder auch in der Lautdifferenzierung äußern kann. Häufig wird die Legasthenie fälschlich mit der Lese-/Rechtschreibschwäche (LRS) gleichgesetzt. Doch als Legasthenie bezeichnet man eine dauerhafte Störung im Gehirn, während die LRS nur eine beispielsweise durch eine Traumatisierung erworbene und zumeist vorübergehende Störung ist.

Neu ist die Erkenntnis, dass die Teilleistungsschwäche auch eine kulturelle Komponente hat, die mit der jeweiligen Sprache und den jeweiligen Schriftzeichen zusammenhängt. Forscher des National Institute of Mental Health in Bethesda, US-Bundesstaat Maryland, berichteten Anfang September im Wissenschaftsmagazin „nature“, dass chinesische Legastheniker andere Fehlfunktionen im Gehirn haben als im Westen lebende. Bei chinesischen Kindern konnte der linke mittlere frontale Gyrus (LMFG) als das für das Scheitern des Leseprozesses zuständige Gehirnareal identifiziert werden – bei westlichen Kindern hingegen ist es die so genannte temporoparietale Gehirnregion.

Die Studie hatte sich speziell auf chinesische Kinder konzentriert, weil deren Sprache auf Symbolen und nicht auf Buchstaben aufgebaut ist. Eine alphabetische Sprache wie das Deutsche wird vom Gehirn sequenziell verarbeitet, das heißt, zuerst werden die Buchstaben erkannt, dann diese in Laute aufgelöst, mit denen man schließlich eine bestimmte Bedeutung verbindet. Im Gegensatz dazu laufen im Chinesischen die Prozesse parallel ab, indem das Gehirn gleichzeitig das Schriftzeichen analysieren und die passenden Laute finden muss.

Sprachabhängig. Aus alldem lassen sich, so die Forscher, mehrere bemerkenswerte Schlüsse ziehen, welche bisherige Erkenntnisse relativieren. Einmal untermauern sie die These, dass es „die“ Legasthenie nicht gibt. Auch wird deutlich, dass die Störung je nach Kultur in unterschiedlichen Hirnarealen auftreten kann. Das würde weiters bedeuten, dass die jeweiligen Behandlungsmethoden auf Kultur und Sprache abgestimmt sein müssen. Denn manche Sprachen und Schriften sind in ihrer Struktur besonders komplex, sodass sie für Kinder beim Erlernen viele Hürden bereithalten.

„Die Erforschung der Legasthenie wird heute von Ländern dominiert, welche die komplizierteste Schrift aufweisen“, sagt der österreichische Legasthenieforscher Christian Klicpera, „nämlich vom angloamerikanischen Sprachraum.“ Das Englische, eine als leicht erlernbar geltende Sprache, besteht aus nur 40 Lauten, doch diese kann man auf mehr als tausend Arten schreiben. Die Silbe „ough“ beispielsweise wird als Endung des Wortes „enough“ vollkommen anders ausgesprochen als beim Wort „although“. Im Französischen sind die Schwierigkeiten ähnlicher Natur. Italienisch hingegen gilt als logisch und leicht, da ein Wort fast immer so auszusprechen ist, wie es auf dem Papier geschrieben steht.

Und so ähnlich ist es im Deutschen. „Die deutsche Sprache“, erklärt die Wiener Legasthenieforscherin Rita Humer, „repräsentiert ein relativ regelmäßiges schriftsprachliches System.“ Kinder würden die Korrespondenz von Buchstabe und Laut in einem regelmäßigen Schriftsystem leichter erfassen als in einem unregelmäßigen. Dies wäre vor allem im Erstleseunterricht von Vorteil. Doch die Sprache ist für legasthene Kinder ein weites Land. „Da diese Kinder auch häufig in ihrer Fähigkeit, die Lautstruktur der Sprache zu durchschauen, beeinträchtigt sind, können sie diesen Vorteil nicht wirklich für sich nützen“, erklärt Humer.

Seit etwa 100 Jahren kennt man die Legasthenie und versucht, ihre Ursachen zu ergründen. Doch der Weg dorthin ist noch weit, auch wenn schon des Öfteren das Gegenteil verkündet wurde. Hatte ein Forscherteam rund um den Psychologen Eraldo Paulescu von der Universität Mailand-Bicocca im Jahr 2001 behauptet, man habe „die“ Ursache der Legasthenie entdeckt, so sind die Forscher inzwischen vorsichtiger geworden. Paulescu hatte mithilfe bildgebender Verfahren zeigen können, dass Legastheniker während des Lesevorganges in der für das Lesen zuständigen temporoparietalen Gehirnregion eine geringere Aktivität aufweisen als andere Menschen. Im Jahr darauf konnten Forscher des University College London in einer Vergleichsstudie zeigen, dass Kinder, die über ein besonders ausgeprägtes Rhythmusgefühl verfügten, auch zu den Besten im Lesen gehörten, während legasthene Kinder eindeutig Schwierigkeiten hatten, die vorgespielten Rhythmen zu erkennen.

Im Vorjahr meinten schließlich finnische Wissenschafter, ein Legasthenie-Gen identifiziert zu haben. Bei der Untersuchung von 20 Familien, in denen es oftmals mehrere Fälle von Legasthenie gab, wurde deutlich, dass das Gen DYXC1 in zahlreichen Fällen eine Dysfunktion aufwies. Welche Rolle diesem Gen konkret zukommt, vermochten die Forscher allerdings nicht zu sagen. Eine mögliche Funktion des Gens könnte sein, Zellen bei der Stressbewältigung zu unterstützen, so die Wissenschafter. Abgesehen davon wäre es möglich, dass auch andere defekte Gene für Legasthenie mitverantwortlich seien.

Doch was immer die Forschung über die Legasthenie herausgefunden haben mag, in der Praxis wurden und werden die davon Betroffenen zumeist als minderbegabt abgetan. Legastheniker sind aber völlig normale, oftmals sogar hochintelligente Menschen. Fast scheint es, als würde ihr Defizit im Lesen und in der Rechtschreibung eine außerordentliche Begabung in einem anderen Bereich bedingen. Ähnlich verhält es sich offenbar mit der vermutlich verwandten Dyskalkulie. Darunter versteht man Schwierigkeiten von Kindern im Umgang mit Zahlen, Zahlenräumen und Grundrechenoperationen.

Zahlenrätsel. Die Ursachen dieser Problematik liegen noch weit gehend im Ungewissen, weil sich die Forschung erst seit relativ kurzer Zeit mit ihr auseinander setzt. Die Wiener Volksschullehrerin Gudrun B. verfolgt die Tücken der Dyskalkulie bei ihrer achtjährigen Tochter Antonia. „Im Kindergarten ist mir aufgefallen, dass sie beispielsweise keine Reihen bilden konnte, drei rote, zwei blaue, solche Sachen. Jetzt, im Volksschulalter, sind ihr die Zahlen von eins bis zehn nicht geläufig. Sie muss sehr konzentriert sein, um beispielsweise die Zahl vor oder jene nach der Fünf zu finden.“ Bei der Addition und der Subtraktion vermag Antonia die Zahlen nicht aufzuteilen. Eine Rechnung acht plus sieben müssen die Kinder als Eselsbrücke etwa in acht plus zwei plus fünf aufteilen. Antonia schafft zwar die Addition aus acht und zwei, hat dann aber bereits vergessen, was ihr für die komplette Zahl noch fehlt. Mit der Multiplikation ist es ähnlich, da gibt es Reihen, die sie sich nicht merken kann. „Wenn man zwei Tage nicht übt, ist alles wieder verloren“, sagt die Lehrerin. Wenn es für Legasthenie an den Schulen schon eine eingeschränkte Sensibilität gibt, so ist sich überhaupt „kaum ein Lehrer der Dyskalkulie bewusst“, meint Frau B.

Ob Legastheniker oder Dyskalkuliker, die Verspottung durch Mitschüler und die Minderbewertung durch Lehrer ist einem nahezu gewiss. Und das Ende ist oft die Sonderschule. Aber genau dort gehörten die Betroffenen nicht hin, sagt Elisabeth Nuhl, Legasthenietrainerin sowie Vorstandsvorsitzende des Wiener Landesverbandes Legasthenie. „Nur weil ein Kind in einem Teilbereich Probleme hat, kann man ihm doch nicht bis in alle Zukunft sämtliche Chancen verbauen.“ Kein Kind ist gerne isoliert, aber Legastheniker sind nun einmal „anders“, und im Schulalter bietet leider jedes Aus-der-Norm-Fallen eine willkommene Angriffsfläche für Lehrer und Mitschüler.

Verspottet. Der zehnjährige Florian ist ein fröhlicher Bub, doch bei dem Thema wird er ernst: „Die Lehrer machen es für Kinder, die Legastheniker sind, genauso schwer wie für alle anderen. Das ist ungerecht.“ Und die zwölfjährige Elisabeth schildert mit Bitterkeit in der Stimme, was gewiss viele legasthene Kinder mit ihr teilen: „Wenn ich Fehler gemacht habe, hat mich die ganze Klasse ausgelacht. Auch die Lehrer haben mich nicht in Schutz genommen.“ Freunde finde sie nur selten, weil sie eben „anders“ sei.

Ein wesentlicher Fehler ist sicherlich im System zu suchen. Überforderte Schüler scheitern aufgrund ihrer Probleme und unterlassener Hilfestellung am Unterrichtsstoff, und überforderte Lehrer scheitern an den Problemen ihrer Schüler. Das System schließlich scheitert daran, die Hilflosigkeit von Lehrern und Schülern aufzufangen. Seit nunmehr drei Jahren existiert der so genannte „Legasthenieerlass“, ein Rundschreiben des Unterrichtsministeriums, das sich an alle Schulen und ihr Lehrpersonal wendet und demzufolge kein Schüler allein aufgrund fehlerhafter Rechtschreibung negativ zu beurteilen sei. Elisabeth Nuhl beurteilt den Regelungsversuch kritisch: „Für mich ist das ein Gummiparagraf, wie so vieles in Österreich. Man schneidet ein Thema an und glaubt schon, es erledigt zu haben. Offensichtlich gibt es Lehrkräfte, die von diesem Rundschreiben nicht das Geringste wissen.“

Laut Gerhard Krötzl, im Bildungsministerium für den schulpsychologischen Dienst zuständig, sei es zwar Aufgabe des Staates, den Kindern Lesen und Schreiben beizubringen, „aber es gelingt nicht bei allen“. Die Schulen würden im Rahmen des allgemeinen Förderunterrichtes Unterstützung bieten. Es sei zu hoffen, dass sich der Erlass des Ministeriums durchsetze.

Die Eltern merken davon meist nichts. „Man hat mich im Regen stehen lassen“, sagt Christine S., Mutter einer zwölfjährigen Tochter aus Wien. „Ich musste mir alles schwer erkämpfen und alles selbst bezahlen, nur damit meine Tochter die Volksschule schafft.“ Auch Barbara W. aus Wien berichtet: „In der Volksschule gab es überhaupt nichts, und man stand der Legasthenie eher ablehnend gegenüber.“

„In Zukunft sollen nur noch Lehrer, die spezielle Zusatzausbildungen haben, die Förderkurse an den Schulen leiten“, sagt Ministerialrat Krötzl. „Es soll verschiedene Stufen geben, integrativ, aber auch außerhalb des Unterrichts, mit einer medizinisch-psychologischen Abklärung.“ Auch Mathilde Zeman, Leiterin des Schulpsychologischen Dienstes der Stadt Wien, zeichnet ein optimistisches Bild: „Selbst wenn der Volksschullehrer unsicher ist, gibt es in Wien Förderlehrer und Stützlehrer, die eine spezielle Ausbildung an den pädagogischen Instituten erhalten.“ Die Schulen seien zwar „sicher nicht restlos gerüstet, es ist keine heile Welt. Aber es gibt Hilfe auch für jene Leute, welche die finanziellen Möglichkeiten nicht haben.“

Dieser Einschätzung stehen in der Realität unzählige verzweifelte Eltern, Kinder und Lehrer gegenüber. Die Wiener Volksschullehrerin Gudrun B. berichtet: „Bis vor kurzem hatten wir tatsächlich speziell ausgebildete Lehrer an der Schule, die spezielle Förderkurse geleitet haben. Aber das ist den Einsparungsmaßnahmen zum Opfer gefallen.“ Legasthenietrainerin Nuhl kann ebenfalls keine Verbesserungen entdecken: „Meiner Erfahrung nach wurde heuer so ziemlich alles gestrichen, was gestrichen werden konnte. Warum bringen denn so viele Eltern ihre Kinder zu den privaten Trainings, wenn ihnen an den Schulen angeblich so effizient geholfen wird?“ Außerdem sei zu berücksichtigen, dass ordentliches Dyslexietraining in kleinen Gruppen oder im Idealfall einzeln zu praktizieren sei. Solche Bedingungen werde man an den Schulen definitiv nicht vorfinden.

Förderkurse. Manche Schulen bieten spezielle Förderkurse an, allerdings maximal zweimal pro Woche. Bei der Komplexität des Phänomens reicht das selten, um den Kindern eine ausreichende Hilfestellung zu bieten. Es gibt auch etliche ausgezeichnete Lehrer, aber viele andere sind mit dem Problem schlicht überfordert. Je länger man aber ein betroffenes Kind mit seinen Problemen allein lässt, desto größer wird die Gefahr von Folgeproblemen. Diese auch als „Sekundärlegasthenie“ bekannten psychischen und physischen Schwierigkeiten bedürften erst recht einer speziellen Behandlung. Andreas Mikula, Mitbegründer der Vorarlberger Initiative Lega, weist darauf hin, „dass 27 Prozent der Legastheniker später straffällig werden. 43 Prozent der achtjährigen Legastheniker haben psychische Auffälligkeiten.“ Laut Mikula gibt es in Vorarlberg zwar ein gewisses Problemverständnis der Schulbehörden sowie ein Netzwerk von Hilfsangeboten, aber die schulische Förderung reiche – wie in den meisten anderen Bundesländern – bei weitem nicht. Mit einer Petition versuche man, von der öffentlichen Hand eine Teilabgeltung für die Kosten der privaten Förderkurse zu bekommen. Es sollte, so Mikula, allen Verantwortlichen zu denken geben, wie oft legasthene Kinder tatsächlich von höherer Bildung ausgeschlossen bleiben: „Wenn man deutsche Zahlen heranzieht, so sticht ins Auge, dass nur 1,6 Prozent der dortigen Legastheniker ein Gymnasium besuchen – gegenüber 37 Prozent der ‚normalen‘ Kinder.“