Leigh: "Ich bin da heimtückisch"

Interview. Der britische Regisseur Mike Leigh über Timing, Theaterbeklemmungen, Humormissverständnisse und seine neue Komödie „Happy-Go-Lucky“.

profil: Auf Ihr jüngstes Werk hat die Kritik seltsam reagiert: Sie scheint von der Leichtigkeit Ihres Films überrascht zu sein – als hätten Sie bislang nur Melodramen inszeniert. Können Sie sich das erklären?
Leigh: Ein bisschen lächerlich ist das schon. Oh, Leigh hat eine Komödie gedreht! Wie bitte? Eine Journalistin erklärte mir ges­tern, wie humorfrei etwa mein Film „Vera Drake“ sei. Ich entgegnete, dass auch dieses Drama jede Menge humoristische Elemente habe. Sie meinte, daran könne sie sich nicht erinnern, sie kenne den Film sehr gut, da sie ihn oft gesehen habe. So ist das leider: Bestimmte Prämissen sind nicht wegzukriegen aus den Köpfen der Leute.

profil: Sie werden also zu Unrecht als Spezialist für finstere Stoffe gesehen?
Leigh: Selbstverständlich. Die Idee, dass ich mit „Happy-Go-Lucky“ nun meinen ersten heiteren Stoff verfilmt hätte, ist doch absurd.

profil: Sie setzt voraus, dass man Ihren Operettenfilm „Topsy-Turvy“ nicht kennt.
Leigh: Nicht nur das. Welches meiner Werke ist denn wirklich witzlos? In einem Interview erwähnte ich unlängst, dass mein einziger kommerziell echt erfolgreicher Film „Secrets and Lies“ war. Und natürlich kriegte ich sofort zu hören: „Klar, weil der richtig lustig war.“ Das ist aber nicht der Grund! „Secrets and Lies“ handelt von einem absolut ernsten Thema: Adoption. Die komischen Seiten des Films sind Nebenereignisse.

profil: Sie fühlen sich also missverstanden?
Leigh: Es werden einfach bizarre Argumente ins Treffen geführt. Ich lese etwa in Kritiken, dass „Happy-Go-Lucky“ ein großes Problem habe: Meine Protagonis­tin sei eine so lästige, irritierende Figur, dass es schwerfalle, sie zu mögen. Das ist aber nun ein Einwand, der mir wirklich bemerkenswert dumm erscheint. Okay, es wäre verzeihlich, wenn man diese junge Frau nach den ersten zehn Minuten meines Films unerträglich fände: Anfangs ist sie das ja auch, so aufgedreht mit ihren Freundinnen, nach einer Nacht beim Tanzen. Tatsächlich aber entdeckt man bald, dass dies keineswegs ihre einzige Eigenschaft und sie viel tiefgründiger ist.

profil: Sie haben immerhin zugegeben, dass Sie in „Happy-Go-Lucky“ das lichte Gegenstück zu Ihrem sehr düsteren Drama „Naked“ sehen.
Leigh: Das ist wahr. Ich beginne aber bereits zu bereuen, dies gesagt zu haben.

profil: Weil sich der Vergleich mit „Naked“ nicht gerade aufdrängt?
Leigh: Man sollte ihn wohl nicht überstrapazieren. Ich hatte bis vor Kurzem selbst nicht daran gedacht, die beiden Filme zu vergleichen. Aber manches daran stimmt, wenn man genau hinschaut: Die liebe ­Poppy denkt und handelt in „Happy-Go-Lucky“ idealistisch, genau wie auch der so zynische Johnny in „Naked“.

profil: Haben Sie „Happy-Go-Lucky“ speziell für Sally Hawkins geschrieben?
Leigh: Das kann man so nicht sagen. Man müsste es allgemeiner formulieren: Jede Figur, die Sie in meinen Filmen je gesehen haben, war immer schon für die Person konzipiert, die diese verkörpert. Ich schreibe ja keine Drehbücher, sondern erarbeite mit den Schauspielern erst die Figuren, dann deren Storys. Meine Vorarbeiten sind monatelange Forschung, Diskussion und Improvisation mit der Darstellergruppe. Danach lege ich eine Struktur fest, die aber ganz simpel ist. Sie wird beim Drehen erst konkret entwickelt. Meine Filme sind das Ergebnis einer laufenden Untersuchung. Aber natürlich war die Idee, Sally zur Heldin zu machen, entscheidend. Ich hatte mit Sally Hawkins schon in meinen letzten beiden Filmen gearbeitet, kannte sie also gut.

profil: Braucht man, um eine Komödie dieser Art zu inszenieren, Schauspieler, die nicht nur wandlungsfähig und kreativ sind, sondern auch geistreich und komisch? Oder ginge das auch …
Leigh: … mit Darstellern ohne Sinn für Humor? Niemals. Aber das gilt nicht nur für Komödien: Nehmen Sie Imelda Staunton, die Vera Drake gespielt hat – das ist einer der witzigsten Menschen dieses Planeten. Genau wie Timothy Spall. Humor zu haben ist eine Weltsicht, eine Lebenseinstellung, eine philosophische, spirituelle Sache – und eine Grundvoraussetzung, um ein guter Schauspieler zu sein.

profil: Wie würden Sie komisches Timing definieren?
Leigh: Die Wahrheit ist, dass man Timing letztlich nicht lernen kann. Entweder hat man Sinn dafür – oder man hat es nicht. Man kann ja auch nicht Zeichnen lernen, wenn man dafür nicht schon ein wenig begabt ist.

profil: Kann nicht auch ein Unbegabter Zeichnen lernen? Als Technik ist es wohl vermittelbar.
Leigh: Aber ich würde eben sagen, dass das nicht wirklich Zeichnen ist. Wenn ein Schauspieler innerlich bis sieben zählen muss, ehe er seine Pointe liefert, hat er kein Gefühl für Timing.

profil: Mit so jemandem könnten Sie nicht arbeiten?
Leigh: Natürlich nicht. Rhythmus ist im Kino alles: der Puls einer Szene, die musikalische Dynamik einer filmischen Passage, die Zeit, die man sich am Ende einer Szene noch lässt, ehe man zur nächsten schneidet. Aber all das kann man nicht nur mit Blick auf die Gattung Komödie diskutieren. Das wäre akademisch. Alle großen Tragöden sind auch große Komödianten.

profil: „Happy-Go-Lucky“ hat starke exis­tenzielle Untertöne: Sie erzählen von Rassismus, Obdachlosigkeit, Verarmung. Wie vermeiden Sie es, dabei banal zu werden?
Leigh: Ich bin da recht heimtückisch. Zunächst muss ich ja glücklicherweise niemandem erklären, was ich tue; ich kann intuitiv Entscheidungen treffen, ohne diese anpreisen zu müssen. Die Dinge sind bei mir somit immer schon implizit. Zudem leide ich nicht an Agendaitis. „Happy-Go-Lucky“ mag vom Bildungssystem und von der Fremdenfeindlichkeit handeln, aber ich musste mir diese Themen nicht erst groß vornehmen. Sie sind den Figuren und der Struktur meines Films inhärent.

profil: Macht Ihnen Ihre Arbeit am Theater so viel Freude wie das Drehen von Filmen?
Leigh: Absolut nicht. Theaterhäuser sind sehr abgeschottete, ein wenig beklemmende Orte. Ein Teil des Spaßes am Kino liegt eben darin, mit der Kamera in die Welt hinauszutreten: Man kann frei atmen und die Charaktere wie in einem Treibhaus wachsen lassen. Man entlässt seine Figuren ins Freie.

profil: Das Kino liegt Ihnen offenbar weit näher als die Bühne.
Leigh: Ja, ich mag das Medium selbst: wie man mit Film umgeht, wie man darin die Dinge und die Zeit festhält. Gut, ich sage es deutlich: Ich liebe das Kino. Mit dem Theater verbindet mich, nun ja – eine etwas weniger große Liebe.

Interview: Stefan Grissemann