Liberia: Massaker in Monrovia

Der Mann ist ganz in Weiß gekleidet. Mit seiner rechten Hand stützt er sich auf einen Stock aus Edelholz, dessen Griff mit Diamanten besetzt ist. Umringt von Leibwächtern schreitet er langsam durch die Menge zerlumpter Gestalten. Dann nimmt er ein Mikrofon und spricht zu ihnen von seiner großen Traurigkeit: "Ich kann kaum ansehen, wie ihr leidet."

Leider habe er durch das UN-Embargo aber keine Mittel, um zu helfen, sagt der Mann in Weiß, steigt in eine schwarze Mercedes-Limousine und rast davon. Zurück bleiben 33.000 Flüchtlinge, die vom Internationalen Roten Kreuz notdürftig mit Nahrung versorgt werden.

Der bizarre Besuch, den Charles Taylor vergangene Woche dem riesigen Flüchtlingslager im Stadion von Monrovia abstattete, war vermutlich der letzte öffentliche Auftritt des liberianischen Präsidenten. Während Taylor den Opfern seiner eigenen Kriegspolitik Trost zusprach, schlugen in den Vororten der liberianischen Hauptstadt die Granaten der Rebellentruppen ein.

Schlimmstes Land der Welt. Die Vereinigten Liberianer für Versöhnung und Demokratie (Lurd) und die Bewegung für Demokratie in Liberia (Model) hatten während der vergangenen Wochen den Ring um die Hauptstadt geschlossen und rückten gegen das Zentrum vor. Rebellen und Taylors Kindersoldaten nutzten das Chaos zu Plünderungen und Brandschatzungen. Wer ihnen im Weg stand, wurde erschossen.

Die Nachricht über einen blutigen Machtwechsel an der afrikanischen Westküste würde wohl weder in westlichen Medien noch in der Politik große Unruhe auslösen. Liberia gilt als das "schlimmste Land der Welt" (so das britische Wochenmagazin "Economist") und wird seit fast zwanzig Jahren von internationalen Medien in der Regel nahezu ausschließlich in Berichten über die besondere Gier seiner Warlords und die Grausamkeit seiner Kindersoldaten wahrgenommen.

Aber etwa zur gleichen Zeit, als im liberianischen Dschungel die Rebellen zum Sturm auf Monrovia aufbrachen, entdeckte in Washington US-Präsident George W. Bush sein Interesse am Schwarzen Kontinent. Amerika will sich in Afrika wieder mehr einmischen. Vor seiner Afrikareise durch fünf Länder Anfang Juli kündigte Präsident Bush amerikanisches Engagement an, um den Bürgerkrieg in Liberia zu beenden. Genaue Form und Zeitpunkt dieses Engagements ließ er offen.

Die Ankunft amerikanischer Militärberater ließ in Monrovia vergangene Woche kurz Jubel aufkommen. Auf US-Friedenstruppen warten die Liberianer freilich weiterhin vergeblich. Bush hatte nach der Rückkehr von der Afrikareise seine Meinung geändert: Truppen der westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft (Ecowas) sollen unter Führung Nigerias den Frieden sichern, amerikanische Experten würden ihnen beratend zur Seite stehen. Zuallererst müsse jedoch Präsident Charles Taylor, die Wurzel allen Übels, das Land verlassen.

Nigeria hat Taylor Asyl angeboten, er will aber erst nach Ankunft der Ecowas- Truppe zurücktreten. Ecowas hingegen will die Truppen erst in Bewegung setzen, wenn in Liberia ein Friedensvertrag zwischen Regierung und Rebellen ausgehandelt wurde.

Die Einzigen, die sich derzeit bewegen, sind die Rebellen. Sie stoßen rasch auf das Zentrum Monrovias vor und massakrieren dabei Taylors Soldaten ebenso wie Zivilisten. In Monrovia ist die Versorgung mit Strom, Wasser und Nahrungsmitteln völlig zusammengebrochen. Hilfsorganisationen wie Caritas und Ärzte ohne Grenzen berichten von Massenvertreibungen und Vergewaltigungen. In der Hauptstadt häufen sich Fälle von Cholera.

Aus Enttäuschung und Protest über die Passivität der Amerikaner legten Bewohner Monrovias vergangene Woche 60 Leichen ermordeter Mitbürger vor die Tore der US-Botschaft. Selbst Präsident Taylor fordert die USA zum Eingreifen auf: "Sie haben seit 150 Jahren nichts für uns getan ", sagte er in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur Associated Press. "Jetzt müssen sie uns helfen."

Das heutige Szenario muss Taylor bekannt vorkommen: Vor 13 Jahren stand er selbst an der Spitze einer Rebellentruppe, die Monrovia einnehmen wollte. Die Vereinigten Staaten waren knapp davor zu intervenieren. Im Sommer 1990 warteten 1500 Marines auf Schiffen vor der Küste auf den Einsatzbefehl. Ihr Eingriff hätte den Krieg "mit minimalem Risiko schnell beenden können", schreibt heute Hermann J. Cohen, zu jener Zeit hochrangiger Beamter im US-Außenministerium.

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