Libyen: Beklemmende Berichte eines Familienvaters aus Tripolis

Stress, Isolation und ständige Angst vor der Verhaftung: Die Twitter-Meldungen eines Familienvaters aus Tripolis geben einen beklemmenden Eindruck von den Umständen, unter denen Gaddafis Gegner in den weiterhin vom Regime kontrollierten Landesteilen leben.

Ahmed El-Hattab* hatte maximal 140 Buchstaben zur Verfügung, um die verzweifelte Situation zu beschreiben, in der er sich befand: Mehr lässt sein einziges verbliebenes Kommunikationsmittel, das soziale Netzwerk Twitter, pro Eintrag nicht zu.

Aber El-Hattab brauchte ohnehin lediglich 133. „I am unarmed man sitting in my house with my terrified wife, innocent son and hearing gunfire outside roaming around my neighborhood“, twitterte er am Freitag, den 25. Februar: „Ich bin ein unbewaffneter Mann, der mit seiner verängstigten Frau und seinem unschuldigen Sohn zu Hause sitzt und hört, wie in der Nachbarschaft herumgeschossen wird.“

El-Hattab, Anfang 30, Familienvater, von Beruf IT-Techniker, ist ein mutiger Mann, und zwar gleich in mehrfacher Hinsicht: Nicht nur, dass er den Aufstand gegen Libyens Gewaltherrscher Muammar al-Gaddafi unterstützt – er wagt es auch noch, das öffentlich zu sagen, obwohl er mitten in Tripolis lebt, wo das Regime des „Revolutionsführers“ Ende vergangener Woche weiterhin die Kontrolle hatte. Bis vor wenigen Tagen setzte El-Hattab seine Kurzberichte sogar unter dem eigenen Namen ab.

Inzwischen wird das Risiko für ihn offenbar immer größer. Er benutzt nunmehr einen Decknamen, „@TrablesVoice – Freedom Fighter“. Aber er ist nicht verstummt, schildert seine Beobachtungen, überprüft Gerüchte und bestätigt oder entkräftet sie, liefert Einschätzungen über die Lage und berichtet über seine Gefühle: Angst, Stress, Frust, all das im telegrammstilartigen Twitter-Jargon.

Guten Morgen, heute ist ein ganz normaler Tag in Tripolis oder das, was uns das Regime glauben machen will. – 3. März
Ich höre Gerüchte, dass es heute Schießereien und Tote in Tajura (einer Stadt nahe Tripolis, Anm.) gegeben hat. Nicht bestätigt. Anrufe werden abgehört. – 2. März
Deprimiert und gestresst. Draußen passiert nichts, nur der Wind geht. Ich werde mit meinem Sohn spielen. Ich habe ihn in den vergangenen Tagen vermisst. – 24. Februar
In einer Situation, in der das Telefonnetz überwacht oder immer wieder abgeschaltet wird und das Internet oft kaum zu benutzen ist, weil Gaddafis Behörden die Übertragungsgeschwindigkeit drosseln, sind kurze Tweets, die auch über Mobilfunk abgesetzt werden können, eine der wenigen Möglichkeiten, mit der Außenwelt in Verbindung zu treten.
Das Internet hier bringt mich noch um AAAAAAAAAAAAAAAAAH! – 27. Februar
Twitter ist mein einziges Fenster zur Welt, wenn das Internet heute blockiert wird, werde ich verrückt. – 21. Februar
Mittlerweile ist El-Hattab eine der wichtigsten unabhängigen Nachrichtenquellen über die Lage in der libyschen Hauptstadt: Die staatlichen Medien stehen komplett unter der Fuchtel von Gaddafi, die wenigen ausländischen Journalisten, die der „Revolutionsführer“ in Tripolis duldet, unter permanenter Beobachtung.

Der einsame Twitterer operiert offenbar unter der Wahrnehmungsgrenze des Re­gimes – und das, obwohl er inzwischen bereits mehr als 6300 „Follower“ auf der ganzen Welt hat, die seinen Berichten folgen. Soweit das nachzuvollziehen ist, liefert er verlässliche Informationen. Trotz klarer Sympathie für die Revolution widersprach er etwa der Behauptung, Gaddafi habe kurz nach Ausbruch des Aufstands Kampfjets auf Demonstranten schießen lassen: KEINE FLUGZEUG-BOMBARDEMENTS IN TRIPOLIS bitte aufhören, das zu sagen! Aber Söldner durchkämmen die Stadt und ballern mit Flugabwehrkanonen in die Luft. – 21. Februar
Es gibt wenig Grund, daran zu zweifeln, dass El-Hattab tatsächlich existiert: Dazu hat er bereits vor der Revolte zu viele Spuren im Internet hinterlassen. Videoblogs, die weit ins vergangene Jahr zurückreichen, zeigen einen jungen Mann mit blassem Gesicht und Stirnglatze, der offenbar in seinem Wohnzimmer am Computer sitzt. Schon 2004 wurde unter seinem Namen eine Website registriert. Lebensläufe dokumentieren seine Tätigkeit für mehrere internationale Unternehmen, Fotos sein Familienleben – und die jüngsten Tweets seine wachsende Hoffnungslosigkeit.
Ich bin jetzt arbeitslos, die Firma hat meinen Vertrag nicht verlängert. Mein Land ist im Chaos. Meine Stadt ist wie auf einem anderen Planeten. – 27. Februar Gott hilf mir, dass ich Ruhe und Frieden finde. Meine Frau und mein Sohn brauchen mich, damit sie sich sicher fühlen. – 26. Februar
Jeder hat den Punkt, an dem er zerbricht. Ich weiß nicht, wann ich ihn erreiche. Ich hoffe, meiner liegt in einer sehr, sehr weit entfernten Galaxie. – 26. Februar

Die Tage vor diesen Einträgen müssen die Hölle gewesen sein. Um den Aufstand niederzuschlagen, hatte das Regime die Stadt ab 17. Februar mit loyalen Militäreinheiten abriegeln lassen. Gleichzeitig schickte es offenkundig Söldner auf die Straßen, die nach Gegnern suchen und die Bevölkerung terrorisieren sollten.

Ein Freund wurde nahe dem Almokhar-­Spital angeschossen, 100m entfernt davon. Niemand kann ihn in die Klinik bringen, und die Rettung kommt nicht zu ihm. – 21. Februar
Terror. Das ist es, was ich jetzt spüre. Gut, dass mein 2 Jahre alter Sohn das alles nicht versteht. Ich wünsche ihm, dass er in einem freien Land leben kann. – 21. Februar
Ein Freund ist jetzt gestorben, sein Vater hat am ­Telefon geweint. Versuche, irgendwie ruhig zu bleiben. – 25. Februar Schüsse überall, überall, überall, überall, überall.
– 25. Februar
Die meisten Geschäfte geschlossen, die Versorgungslage prekär, die Einwohner von Tripolis verängstigt: Wie El-Hattab blieb Zehn-, wenn nicht Hunderttausenden Menschen in der Hauptstadt nichts anderes übrig, als sich einzubunkern und abzuwarten.

Was das Wasser angeht, habe ich ein „Regenwasser-Erntesystem“, und was Brot angeht, sind wir okay, meine Frau kann welches backen, wenn ich keines zu kaufen kriege. Noch okay. – 26. Februar

Hoffnung ist mein Frühstück, Mittagessen und Abendessen. – 23. Februar
Zuletzt verschärfte sich die Situation dramatisch. El-Hattab muss immer größere Angst bekommen haben, vom Regime entdeckt und verhaftet zu werden. Er legte sich ein Pseudonym zu und begann, im Internet Hinweise auf seine Person zu löschen.

Meine Lieben, ich leugne nicht, dass ich Angst habe, dass Agenten des Regimes nach mir suchen, und das könnte mich an einen dunklen Ort führen … – 22. Februar
Habe gerade herausgefunden, dass ein enger Freund zum Regime hält. Ich hatte offen mit ihm geredet. Möglich, dass ich verhaftet werde. – 28. Februar
Ich habe das Gefühl, ich werde jeden Moment geschnappt und verliere alles. Was für ein „nettes“ Gefühl, während ich zu Abend esse. – 2. März
AKTUELL: Mein eigener Bruder ist ein Pro-Gaddafi … scheiß-traurig. Bitte entschuldigt die Ausdrucksweise. – 3. März
Für vergangenen Freitag befürchteten die Re­gimegegner das Schlimmste. Die Opposition rief zu Massendemonstrationen auf, um Gaddafi endgültig zu stürzen, der „Revolutionsführer“ ließ wieder einmal das Internet abdrehen und die Telefonleitungen kappen. Ausländische Journalisten in Tripolis wurden daran gehindert, ihr Hotel zu verlassen, Sicherheitskräfte umstellten Moscheen, um Proteste nach den Freitagsgebeten zu verhindern.

Ich denke, morgen wird es eine Verhaftungswelle geben, um die Zahl der für Freitag geplanten Proteste zu reduzieren. Wenn ihr morgen nichts von mir hört, dann wisst ihr Bescheid, hatte El-Hattab am späten Mittwochabend getwittert.

Am Freitag blieb „@TrablesVoice“ vorerst stumm.


* Name aus Sicherheitsgründen von der Redaktion geändert.