Liebe wird nicht geliefert

Sie taumeln wie die Kinder überfordert durch die Welt: die Schriftstellerin Sibylle Berg über Ulrich Seidls Film „Paradies: Liebe“.

Von Sibylle Berg

Irgendetwas stößt uns ab an dieser Geschichte“, stellt eine investigative Journalistin im Gespräch mit Seidls Hauptdarstellerin Margarethe Tiesel klagend, fragend fest.

Ja nun, wenn einen das Leben abstößt, dann sollte man Ulrich Seidls Filme meiden – oder am besten diese Welt. Wenn man jedoch nach etwas sucht, das einen diesen großen Scheißhaufen, in dem wir fast alle stecken, überleben lässt: dann herzlich willkommen in Seidls Lustige-Leute-Show!

Was in „Paradies: Liebe“ passiert, haben alle, die Zeitung lesen, schon mitbekommen. Österreicherinnen ohne Gatten in Kenia. Alles klar, denkt sich der Mensch, macht sich auf eine Vorführung weiblicher Sehnsüchte wie in Laurent Cantets Film „Vers le sud / In den Süden“ (2005) gefasst. Auflösung. Katastrophe. Ende. Frauen machen es ja nicht unter Katastrophe, und wenn sie sich wie Männer verhalten und arme Einkommensschwache sich als Spielzeug kaufen, gehören sie moralisch bestraft. Denn, so investigiert die Journalistin über eine Stunde weiter: „Frauen haben doch eine Liebessehnsucht, haben sie nicht?“

Haben sie vielleicht schon, aber Liebe wird nicht geliefert. Nicht in Westeuropa, wenn die Frau ü 20 ist und ü Konfektionsgröße 34. Dann kann sie höchstens noch mal durch Paris schlendern, um nicht mit einem Feuerlöscher verwechselt zu werden. Die Touristinnen in Seidls Film genießen, wie auch die Touristinnen in entsprechenden Destinationen in der Realität, zuerst einmal die Blicke, die plötzlich wieder stattfinden, und ihr Auftauchen aus der Unsichtbarkeit. So verrückt, dass sie von einer romantischen ewigen Beziehung mit einem Menschen träumen, mit dem sie nicht einmal die Sprache verbindet, mögen einige sein – aber es gibt ja auch immer wieder Männer, die Frauen, die ihre Enkeltöchter sein könnten und aus anderen Kulturkreisen stammen, heiraten und an Liebe glauben.

Vermutlich werden sich – hoffentlich wenige – Menschen, denen es vergönnt ist, ihr Haus nicht zu verlassen, keine Nachrichten zu verfolgen und sich ausschließlich mit japanischer Kalligrafie und klassischer Dichtung zu beschäftigen, von Seidls Einblick in die real existierende reizende Schäbigkeit unserer Welt abgestoßen fühlen. Die anderen sitzen atemlos da, bewundern die ständige künstlerische Weiterentwicklung dieses Regisseurs und die Meisterhaftigkeit, mit der er seine traurige Liebe zu unserer Menschenrasse choreografiert. Wieder hat Herr Seidl vermutlich jahrelang in Kenia Beachboys gecastet, sie mit Schauspielerinnen improvisieren lassen, wie immer gab es vermutlich ein Drehbuch, das aber außer Seidl nicht viele zu sehen bekamen, und auch wie immer verliebt man sich in die meisten seiner DarstellerInnen, weil sie auch in Momenten der Entblößung nie vorgeführt werden, sondern wie Kinder überfordert durch die Welt taumeln. Die Hauptdarstellerin Margarethe Tiesel ist unendlich anmutig. Mit ihrem reinen Gesicht und der Eleganz ihrer kraftvollen Darstellung macht sie jeden Betrachter schweigen, der sich über Sextouristinnen lustig machen wollte.

Zu Hause ist es, wie es eben ist in Westeuropa. Hundstagig im Sommer, grau im Winter, dazwischen ist die Arbeit, das missratene Kind, die nässenden Katzen, das tröpfelnde Dasein. Aus dem der Urlaub eine aufregende Befreiung bietet. Palmen, Abenteuer, blöde Strände, seltsame junge Männer. Frei von Angst probiert Teresa, so heißt die Frau, die Tiesel spielt in Seidls Film, alles aus. Von dem Versuch, sich zu verlieben, bis hin zu einer kleinen Einlage als konsumierende Domina, alles ein wenig albern, alles scheitert, so wie uns eben alles immer scheitert. Nie ekeln einen die Figuren, immer flüstert man nur leise: So ist es eben, die einen ficken, die anderen werden gefickt, und richtig glücklich wird doch keiner damit, aber wenn es bei all dem, „wie es eben ist“, noch möglich ist, in seiner Würde so unangetastet zu bleiben wie die Figuren in „Paradies: Liebe“, dann ist dieses dumme kleine Leben doch noch nicht völlig verratzt.

Sibylle Berg, 50, schreibt Theaterstücke, Hörspiele, Kolumnen und Romane, zuletzt „Vielen Dank für das Leben“. Sie wurde in Weimar geboren, lebt und arbeitet aber seit fast zwei Jahrzehnten in Zürich.