Lifestyle: Kirschblütenstaub

Die Bestsellerverfilmung „Die Geisha“ zementiert die westlichen Klischees einer Branche, die verzweifelt gegen ihr Rotlichtimage kämpft. Auch im modernen Japan werden die heiligen Prinzipien der Geisha-Tradition hochgehalten – zumindest offiziell.

Wenn über Japans Kaiserstadt Kioto die Sonne versinkt, beginnen die fünf „Blumenstädtchen“, wie die traditionellen Geisha-Bezirke heißen, zu erwachen. Durch die engen Gassen mit den hölzernen Puppenhausfassaden fädeln sich schwarze Limousinen, denen Managertypen in dunklen Anzügen entsteigen. Eilfertig und mit tiefen Verbeugungen werden sie von der „okami-san“, der Besitzerin des jeweiligen Geisha-Etablissements, empfangen. Hinter den mit Holzgittern und Bambusjalousien dicht verhängten Fenstern harren schon jene in prächtige Kimonos gehüllte Wesen, deren weiß geschminkte Gesichter gleichzeitig Unnahbarkeit und Diskretion symbolisieren. Darin manifestiert sich schon der erste Widerspruch für den westlichen Menschen: Wenn die Geisha (wörtlich übersetzt: Person der Kunst) unberührbar ist, bedarf es wohl auch keiner Verschwiegenheit.

In jedem Fall müssen die Gäste einer Geisha-Party mit 1000 Euro per Gelage rechnen; der Stundentarif einer Frau der Künste beläuft sich auf 90 Euro, Trinkgeld ist nicht inkludiert, wird aber reichlich erwartet. Sechs Jahre haben die Geishas im Schnitt in ihre Ausbildung investiert, die in vergangenen Jahrhunderten bereits mit fünf Jahren in Angriff genommen wurde und heute in der Regel im Alter von 16 Jahren beginnt. Früher wurden die Mädchen bereits im Kindesalter an die „Teehäuser“ verkauft und dort sozusagen in Leibeigenschaft gehalten.

Nach strenger Auslegung der Geisha-Tradition umfasst die Kunst der gehobenen Unterhaltung die Verbote von Fernsehen und einer zwischengeschlechtlichen Beziehung. Die Versteigerung der Jungfernschaft der Maikos (so heißen angehende Geishas) an den jeweilig meistbietenden Kunden, bis zum Zweiten Weltkrieg alltägliche Routine, wurde inzwischen weit gehend aus dem Repertoire eliminiert; vereinzelt soll sie jedoch auch heute noch auftreten. „Es ist eine Art Hochzeit“, erklärt eine Geisha-Meisterin in der „Sunday Times“: „Je prominenter der Mann, desto stolzer kann das Mädchen dann sein.“

Grauzonen. Dass die Geisha-Branche, jenseits einer Verwöhnindustrie für betuchte Geschäftsleute und eines tourismustauglichen Folklorespektakels, durchaus in die Grauzonen der Semiprostitution abgleiten kann, liegt in der Natur der Sache. Immer wieder lassen sich Geishas auf das Vergnügungsmonopol eines einzigen Kunden ein, von dem sie, gleich der landläufigen Maitresse, Wohnung und Gehalt bekommen.

1989 löste ein solcher Fall eine nationale Krise aus: Die dem damaligen Premierminister Sosuke Uno zur Exklusivität verpflichtete Geisha Mitsuko Nakanashi wandte sich an die Medien, weil sie sich durch das von umgerechnet 8000 auf 2000 Euro gesenkte Salär gedemütigt fühlte. Damit verstieß sie gegen den ehernen Geisha-Kodex, in dem für Aufmüpfigkeit und Autonomie kein Platz ist.

In der Nahkampfschule der Anmut werden die in strengen Auswahlverfahren selektierten Maikos in Fächern wie Tanz, Gesang, Ikebana (kunstvolles Arrangieren von Blumen), dem Spiel der Laute und Konversation unterwiesen. Viel Zeit wird auch auf die züchtige Schnürung des Kimonos und das Drapieren der Haartracht verwendet, das in seiner Vollendung den zweideutigen Namen „Gespaltener Pfirsich“ trägt. Eine Karriere als Geisha hat für junge Japanerinnen aus dem Mittelstand das gleiche Prestige wie jene eines Popstars oder einer Schauspielerin. „Es ist der beste Job, den man in unserem Land haben kann“, verrät die 24-jährige Ayaka dem US-Nachrichtenmagazin „Time“: „Eine Karriere in einem Büro erschiene mir unerträglich. Und wir erhalten eine Kunstform, die über eine jahrhundertealte Tradition verfügt.“ Während eine Sekretärin heute in Japan über ein Durchschnittsgehalt von 3000 Euro verfügt, kann eine gut beschäftigte Geisha monatlich in der Regel das Fünffache dieser Summe verdienen.

Wie viele andere ihrer Kolleginnen ließ Ayaka sich nicht fotografieren und gab auch ihren wahren Namen nicht preis – Tribut an die heilige „Pflicht, das Mysterium zu wahren. Wir sind eine Projektionsfläche für die Sehnsüchte des Mannes. Wir massieren nicht den Körper eines Mannes, sondern sein Ego.“

Kindergeburtstage. Moderne Geishas arbeiten „free-lance“ auf Handy-Abruf. Was sich abends in den von außen nicht einsehbaren Teehäusern abspielt, erinnert aus westlicher Perspektive an einen Kindergeburtstag für durchgeknallte Erwachsene.

Die Männer räkeln sich auf Reisstrohmatten. Neben ihnen knien kichernde Maikos, Geishas in Ausbildung, die Sake, Bier und Whiskey im Minutentakt nachschenken und ihre Kunden neckisch mit Fisch- und Gemüsehäppchen füttern. Eine der Novizinnen schlingt mit der Zunge kunstvoll einen Knoten in den Stiel einer Kirsche, die ihr ein Gast mit dem Mund von den Lippen pflückt. Im halbdunklen Hintergrund zupft eine ältere Geisha die „shamisen“, eine dreisaitige Laute, und intoniert anzügliche Lieder, eine Kollegin zelebriert „nihon buyo“ und „jutamai“, die traditionellen Geisha-Tänze.

Während im internationalen Verwöhngewerbe – Prostitution, Animation, Escort-Service – fortgeschrittenes Alter praktisch immer zu einer Verringerung des Marktwertes führt, schätzt A. C. Scott, ein britischer Spezialist für Geisha-Kultur, das Durchschnittsalter der praktizierenden Geishas auf Mitte 40. Nori, eine 24-jährige Geisha der vierten Generation, berichtet im Interview mit der Tageszeitung „Guardian“, dass „der Geisha-Job keine Altersgrenzen kennt – im Gegenteil: Man wird immer besser, je älter man ist. Meine älteste ‚Schwester‘ ist 84 und praktiziert den Beruf seit sechzig Jahren. Ich fühle mich wie eine kleine Bohne neben ihrer Kunst.“

Wenn der Sake die Sinne der entspannungssüchtigen Manager, Politiker und Geschäftsleute gelockert hat und genug gesungen und getanzt wurde, animieren die Geishas ihre Kunden zu – aus europäischer Sicht – grenzwertigen Spielchen. Da werden kleine Wettkämpfe veranstaltet, in denen die Gäste mit gegeneinander gepressten Hinterteilen über die Tatamimatten robben. Zum weiteren Repertoire gehören Blinde-Kuh-Variationen, Platzwechsel auf allen vieren zu Musik sowie diverse Lustbarkeiten mit Bällen und Würfeln. Die jeweiligen Verlierer müssen ihr Glas in einem Zug leeren.

Das Schlimmste, was der Besitzerin eines „ochayas“, wie Geisha-Lokale genannt werden, passieren kann, ist Stille in den Gästezimmern. „Da muss ich sofort die Geishas auswechseln“, erklärt Fumie Kumai, die ein Teehaus in Kioto betreibt. Der Kunde bleibt König, solange er „nicht im Suff umfällt, laut schnarcht, die Kimonos der Geishas beschmutzt und versucht, mit ihnen Verabredungen in seinem Hotelzimmer zu treffen“. Widrigenfalls fliegt er aus dem Etablissement.

Männer als Könige. Die bis zu 18.000 Euro teuren Kimonos mit der typischen Obi-Schärpe werden so geschnürt, dass ein Aufblitzen von Haut quasi unmöglich ist. Allein der weiß bemalte Nacken, in Japan eine Körperstelle von hohem erotischem Potenzial, dient der Erweckung unstillbarer Sehnsüchte.

Rund 5000 Geishas alter Tradition vermitteln im heutigen Japan ihrer betuchten männlichen Klientel das flüchtige Bewusstsein, „Könige zu sein“, wie die berühmte Tokioter Zunftrepräsentantin Suzono die Quintessenz ihrer Berufsmission beschreibt. In den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts sollen noch 80.000 Geishas praktiziert haben.

Die erste weibliche Geisha ist historisch mit einem Auftritt in einem Freudenhaus 1751 dokumentiert. Im 17. Jahrhundert, als der Begriff aufkam, durfte die Profession nur von Männern ausgeübt werden. Sie fungierten als singende und tanzende Showeinlagen, um den Kaufleuten und Samurais in den Bordellen die Wartezeit für die „Frauen des Vergnügens“ zu verkürzen, wie die malerische Metapher für die Prostituierten und Kurtisanen lautete. Die strikte Trennung zwischen Unterhaltung und Prostitution blieb, zumindest offiziell, erhalten.

Dass die Hollywood-Verfilmung von Arthur Goldens Bestseller „Memoiren einer Geisha“ in Japan im Vorfeld der Premiere heftige Entrüstung auslöste, lag vordergründig daran, dass die drei Hauptdarstellerinnen Zhang Ziyi, Gong Li und Michelle Yeoh aus China und Malaysien stammen. Die chinesischen Medien wiederum agitierten gegen Zhang Ziyi, weil sie sich mit dem einstigen Erzfeind verbündet hatte. Japaner wiederum empfanden die Hollywood-Interpretation der Geisha-Kultur in vielen Details als ebenso arrogant wie ignorant. Die Sony-Filmgruppe, die das Werk produziert hat, münzte die Authentizitätsdefizite flugs zur Marketingstrategie um und promotete den Film in Japan mit dem Slogan „Entdecken Sie ein Japan, dass Sie bis jetzt noch nicht gekannt haben“.

Kontroversen. Der Trick funktionierte: In Japan übertraf der Film die Boxoffice-Erwartungen bei Weitem – im Gegensatz zu den USA, wo sich der Mangel an heimischen Stars offenbar rächte.

Der Erfolg im Osten erscheint umso paradoxer, als sich die konservative japanische Presse vor allem daran gestoßen hatte, dass die Geisha-Zunft in der Hollywood-Interpretation wieder in jenes Zwielicht gerückt wurde, aus dem sie seit der amerikanischen Besetzung nach dem Zweiten Weltkrieg eigentlich hatte heraustreten wollen. Besonders heftig wurde eine Filmszene kritisiert, in der die alte Lehrmeisterin ihrer Geisha-Schülerin unter taumelnden Kirschblüten eine ewige Weisheit mit auf den Weg gibt: „Denn wisse: Von Zeit zu Zeit muss der Aal des Mannes in die Höhle der Frau.“

Mit der US-Okkupation nach 1945 war die Geisha-Welt nachhaltig auf den Kopf gestellt worden. Durch die Aufweichung des strikt reglementierten Systems und den ungeahnt großen Bedarf an Gunstgewerblerinnen seitens der Besatzungsmacht machte sich in der Traditionsbastion mehr und mehr das Rotlichtmillieu breit.

Exquisiter Weidenbaum. Die 57-jährige Nobel-Geisha Mineko Iwasaki, auf deren Lebensbericht der Golden-Roman „Memoiren einer Geisha“ basierte, hat inzwischen alles unternommen, um das Image ihrer Zunft zu retten. Die Sätze, die ihr der Romancier Arthur Golden 1997 in den Mund gelegt habe, seien ihr nie über die Lippen gekommen. „Ich habe nie behauptet, dass eine Geisha wie ein exquisiter Weidenbaum sei, der sich im Dienste der anderen beugt“, hatte sie auf einer Pressekonferenz anlässlich ihrer autobiografischen Gegendarstellung „Die wahre Geschichte einer Geisha“ vor vier Jahren angemerkt. Golden habe ihr Leben durch westliche Klischees verunglimpft. Mit einem Schmerzensgeld von kolportierten zehn Millionen Dollar wurde Iwasaki von einer Klage abgehalten.

„Die Geisha“ hat dennoch gute Chancen, heuer einen Mann namens Oscar zu bekommen, möglicherweise sogar mehrere. Denn das klischeetriefende Melodram fällt in das Genre „Weepie“. Und „Weepies“, so der Jargon für tränenfördernde Cinemascope-Leidenschaften, haben bei den betagten Mitgliedern der „Academy“, wie schon „Der englische Patient“ und „Titanic“ bewiesen, seit jeher die besten Karten. „Dieser geriatrische Altherren-Club“, soll eine hochrangige Producerin eines rivalisierenden Studios gemotzt haben, „wird voll auf diese Kirschblüten-Nummer reinkippen.“

Von Angelika Hager und Sebastian Hofer