Linke Emanzen

Fraueninteressen: Das Interesse der Frauen an der Karriere der Kandidatin?

Ich bin eine Frau. Nach meinem Dafürhalten sollte meine Geschlechtszugehörigkeit keine Rolle spielen bei der Beurteilung meiner Fähigkeiten oder meines Charakters, und sie sollte nicht dazu führen, dass mir bestimmte Lebenspläne versagt sind oder dass mir ein bestimmtes Verhalten abgefordert wird. Leider jedoch operiert unsere Gesellschaft mit geschlechtsspezifischen Rollenzuweisungen. Das verbindet mich mit anderen Frauen. Wir sitzen über weite Strecken im selben Boot, ob wir wollen oder nicht. Manche von uns richten sich irgendwie ein im Boot und bemühen sich, geschlechtsspezifische Zumutungen auszublenden aus ihrer Wahrnehmung. Andere sind, wie ich, der Meinung, wir sollten uns gemeinsam dagegen wehren, auch dann, wenn wir persönlich nicht von jeder Einzelnen betroffen sind. Das ist dann Frauensolidarität.

Frauensolidarität heißt aber nicht, bedingungslos und immerzu hinter jeder Frau zu stehen, nur weil sie eine Frau ist.

Also. Ich bin nicht bloß eine Frau, ich bin auch Staatsbürgerin und Wählerin, politisch interessiert, mit relativ klaren Vorstellungen von der Gesellschaft, in der ich gerne leben würde. Ich wünsche mir Chancengleichheit für alle Menschen, ungeachtet ihrer Herkunft, ihres Geschlechts, ihrer ethnischen Zugehörigkeit und ihrer Religion (so sie einer anhängen). Ich wünsche mir Geschlechtergerechtigkeit. Ich wünsche mir ein haltbares soziales Netz.

Die derzeitige Regierung arbeitet, so wie ich es sehe, meinen Wünschen entgegen. Sie betreibt Sozialabbau. Sie betrachtet Frauen vor allem als Mütter. Sie füllt die Taschen der Reichen und schafft absturzgefährdete Mittelschichten.

Warum wohl hätte ich eine Kandidatin wählen sollen, die dieser Regierung angehört und von einer Regierungspartei nominiert wurde?

Oder, um es in der Diktion der Kandidatin zu sagen: Warum sollen linke Emanzen eine rechte Antifeministin wählen? Nur, weil sie eine Frau ist? Das wäre dann aber ziemlich unfeministisch, denn Feministinnen treten ja, siehe oben, dafür ein, Menschen nicht über ihr Geschlecht zu definieren.

Politikerinnen müssen nicht feministisch sein. Richtig. Aber dann dürfen sie nicht sauer sein, wenn Feministinnen sie nicht unterstützen.

Politikerinnen müssen sich nicht mit Frauenpolitik beschäftigen. Richtig. Aber dann sollen sie nicht mit der Frauenkarte wedeln.

Politikerinnen müssen sich nicht für Fraueninteressen einsetzen. Richtig. Aber wer nicht solidarisch ist, darf auch keine Solidarität einfordern. Die linken Emanzen sind schuld, sagt die Kandidatin jetzt. Als was hat sie sich denn gesehen? Als deren heimliches role model?

Die Frauen waren nicht solidarisch, klagt die ÖVP. Hat sie etwa geglaubt, Frauensolidarität heiße, außer der Geschlechtszugehörigkeit nichts wahrzunehmen? Nochmals: Frauensolidarität bedeutet, gemeinsame Interessen zu erkennen und miteinander an ihrer Durchsetzung zu arbeiten. Die Kandidatin hat nie erkennen lassen, dass ihr Fraueninteressen ganz allgemein am Herzen liegen, aber im Wahlkampf plötzlich gefordert, dass die Frauen allesamt ihr Interesse an einer Karriere als Bundespräsidentin teilen sollen. Das ist ein bisschen viel verlangt.
Frauen wählen lieber Männer, behaupten die UnterstützerInnen der Kandidatin. Und: Österreich sei nicht reif für eine Frau an der Spitze.

Wie kommen sie darauf? Sicherlich gibt es sie auch, die Sumper, männlich wie weiblich, die tatsächlich koa Weiberleut in der Hofburg sehen möchten. Aber nichts spricht dafür, dass sie die Mehrzahl der österreichischen WählerInnen ausmachen. Tatsächlich zeigen 47,6 Prozent der abgegebenen Stimmen für die Kandidatin, dass sich fast die Hälfte der Wählerinnen und Wähler sehr wohl eine Bundespräsidentin vorstellen kann.

Die Kandidatin wurde ohnehin von allen gewählt, für die sie wählbar war, das heißt, einerseits von denen, die sie ungeachtet ihres Frauseins für kompetent und/oder die Vertreterin der richtigen Weltanschauung hielten, und andererseits auch wegen ihres Frauseins von Frauen, die sich mit ihr identifizieren konnten, bürgerlichen Damen zum Beispiel, die ebenfalls nix mit Emanzen am Hut haben, oder jungen tüchtigen Geschäftsfrauen, die wie sie vor allem an der eigenen Karriere interessiert sind.

Es hätte eine parteienübergreifende Frauensolidarität für die Kandidatin geben müssen, sagt die ÖVP. Falsch. Eine parteienübergreifende Solidarität wäre gefordert gewesen, wenn die Kandidatin sexistischen Anwürfen ausgesetzt gewesen wäre. Von etwas mehr als der Hälfte der WählerInnen nicht gewählt zu werden ist kein sexistischer Anwurf, sondern Demokratie.

Wählerinnen dürfen eine Kandidatin für ungeeignet halten (zum Beispiel, weil sie ihr die für das Amt geforderte moralische Autorität absprechen, nachdem sie in ihrer Eigenschaft als Außenministerin im Ausland inhaftierte österreichische DemonstrantInnen unter Verletzung des Datenschutzes vorverurteilt und im Regen stehen gelassen hat).

Frauen müssen Frauen nicht mögen, ehren und wählen ohne Ansehen der Person und ihrer Taten. Aber sie sollten sich einmischen, wenn Frauen der Respekt versagt wird, weil sie Frauen sind, das schon.

Frauen müssen Frauen nicht sympathisch finden, bloß weil sie Frauen sind. Aber sie sollten sich hüten, sie nur deswegen unsympathisch zu finden, das schon.
Vor allem jedoch sollten Frauen die Schuld für erlittene Enttäuschungen nicht giftig anderen Frauen in die Schuhe schieben. Das schon gar nicht.