"Links ist mir genauso suspekt!": Regisseur Martin Kusej im großen profil-Interview

Regisseur Martin Kusej über die Mystifizierung von Jörg Haider, die Abgründe der Kärntner Seele, seine Pensionspläne und seine aktuelle politische Inszenierung der Strawinski-Oper „The Rake’s Progress“.

profil: Jüngst meinten Sie in einem Interview, der Opernbetrieb sei ein „gigantischer Zuckerlberg“, der von Reaktionären kontrolliert wird. Warum tun Sie sich diese Gattung dann eigentlich an?
Martin Kusej: Gute Frage: Warum tue ich mir das bloß an? Früher war ich absoluter Opernverächter, aber mittlerweile bin ich schwer in den Sog der Musik geraten. Oper hat einen Zauber, der direkt in emotionale Regionen trifft.

profil: Igor Strawinskis Oper „The Rake’s Progress“, die Sie gerade im Theater an der Wien inszenieren, wird als eine Art „Don Giovanni“ der klassischen Moderne gesehen. Stimmen Sie dem zu?
Kusej: Kompositionstechnisch hat sich Strawinski sehr mit dem 18. Jahrhundert beschäftigt, auch mit Mozarts „Don Giovanni“. Inhaltlich bin ich von all den Don-Giovanni-Faust-Mephisto-Assoziationen aber nicht wirklich begeistert. Ich finde sie wenig komplex. Eigentlich kann ich mich nur musikalisch für diese Oper begeistern.

profi: Was sehen Sie Zeitgenössisches in diesem Werdegang eines Wüstlings?
Kusej: Immens viel. In den meisten Aufführungen, die ich bisher gesehen habe, wurde sehr artifiziell mit dem Stoff verfahren. Ich inszeniere diese Oper hingegen mit einer heutigen relativ realistischen Ästhetik – als wäre es ein psychorealistisches Stück. Es spielt für mich im Wien der Gegenwart.

profil: Und wie sieht Ihre Analyse aus?
Kusej: Es geht natürlich um den Aufstieg diverser Wüstlinge bestimmter politischer Parteien. Und auch um ihren Absturz – und ihren Tod. Es geht darum, dass sich auffallend viele junge Menschen in den Dunstkreis rechter Parteien begeben. Und wenn man erlebt, wie einem täglich im Fernsehen vorgegaukelt wird, dass man ohne Anstrengung reich und berühmt werden kann, dass überall der Superstar gesucht wird oder das nächste top model, gibt es plötzlich eine klare Aktualität.

profil: Ihre Opern-Wüstlinge sollen als H. C. Strache oder Jörg Haider erkennbar sein?
Kusej: Es geht allerdings weniger um die beiden genannten Politfiguren als um junge Leute, die in den Dunstkreis der Heilsversprechungen dieser chauvinistischen Clowns gelangen. Gut, Haider lebt ja jetzt nicht mehr …

profil: Aber als Mythos wird er gerade heftig am Leben gehalten.
Kusej: Ich halte diese postumen Mystifizierungen für einen unerträglichen Mist, und die dazugehörige kollektive Anlegepflicht der kackbraunen Kärntneranzüge verdeutlicht seine Provenienz. Gerade jetzt ist es wichtig, dass man Gegenpositionen einnimmt und aus dieser Heiligenverehrung ausbricht.

profil: Sind Sie Jörg Haider je begegnet?
Kusej: Ich war einmal auf einer gemeinsamen Veranstaltung, bin ihm aber mit einer schnellen Körperdrehung entkommen. Ich hätte ihm nicht die Hand gegeben und mich sicher nicht von ihm vereinnahmen lassen. Das ist ja genau das, worauf alle reingefallen sind: Natürlich hätte man mit Haider reden können, aber ich glaube, dass er durch und durch falsch war, einer, der sich wie ein Chamäleon an sein Gegenüber anpassen konnte, und so die Leute fasziniert, aber auch grandios getäuscht hat. Dass ausgerechnet das allerorten als politisches Talent gepriesen wird, spricht eine deutliche Sprache zur politischen Kultur in unserem Land.

profil: Waren Sie als Kärntner von den emotionalen Reaktionen in Ihrer Heimat denn überrascht?
Kusej: Ich finde es eigentlich toll, dass sich die Kärntner Seele einmal so gezeigt hat, wie sie wirklich ist: als „Volksgemeinschaft“ in ihrer beängstigendsten Ausformung. Alles und jeder, der nicht linienkonform ist, wird ausgeschlossen. Jetzt weiß man endlich wieder, woran man ist. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich niemand getraut, seine menschenverachtende Weltanschauung offen zu zeigen. Das Beängstigende ist: Es hat dort nie ein humanistisches und tolerantes Leitbild gegeben, immer nur ein rachsüchtiges und unterdrückendes. Auch wenn das durch den Glamourfaktor von Jörg Haiders Leben und Tod zuletzt überdeckt wurde. Ich möchte mir zum Beispiel nicht vorstellen, was jemandem passiert wäre, der seinem Kind untersagt hätte, bei dieser fadenscheinigen Trauerfeier für einen besoffen verunglückten Landeshauptmann teil­zu­neh­men, die kollektiv verordnet wurde. Ich erinnere mich gut an jene Kampagne, die das BZÖ gegen einen Slowenenvertreter, diesen „notorischen Raser und potenziellen Kindsmörder“, wie es damals hieß, gestartet hat, der mit überhöhter Geschwindigkeit von 60 km/h an den einsprachigen Ortstafeln vorbeigefahren war.

profil: Österreichs Rechtsruck ist aber, wie die letzte Wahl gezeigt hat, nicht auf Kärnten beschränkt.
Kusej: Das Wahlergebnis hat mich überhaupt nicht überrascht. Ich werde allerdings wahnsinnig sauer, wenn ich sehe, wie leicht es die rechten Parteien haben, vor allem junge Menschen zu ködern. Wie man beim neuen US-Präsidenten Barack Obama gerade sieht, kann man durchaus auch mit positiven Werten ein junges Publikum finden.

profil: Ihnen fehlt also ein linker Populist?
Kusej: Links ist mir genauso suspekt! Mir fehlt eine politische Persönlichkeit, die soziales und humanes Denken und Handeln lebt und fordert. Ich sehe diesbezüglich ein großes Versagen sowohl bei den Grünen als auch bei der SPÖ und der ÖVP.

profil: Sie haben angekündigt, sich aus ­Österreich zurückzuziehen. Wird „The Rake’s Progress“ nun tatsächlich Ihre letzte Inszenierung hierzulande sein?
Kusej: Ja, zumindest für die nächsten zehn Jahre.

profil: Aber Österreich liefert Ihnen doch auch guten Stoff für Ihre Arbeit. Wird Ihnen diese Reibung nicht fehlen?
Kusej: Man bleibt ohnehin in diesem Gestrüpp, das Österreich heißt, hängen. Von der Heimat in einem selbst kann man sich nie befreien. Aber ich möchte durch die Opernarbeit noch internationaler werden und freue mich darauf, das Münchner Residenztheater 2011 zu übernehmen.

profil: Ihre Inszenierungen schöpfen Energie aus einer Gegnerschaft zu aktuellen Verhältnissen. Bietet Ihnen ausgerechnet München produktives Konfliktpotenzial?
Kusej: Ich würde diese Haltung nicht von einer Stadt abhängig machen. Aber Theater verstehe ich schon als Plattform, auf der überregionale zeitgenössische Probleme thematisiert werden. Man findet immer Fragestellungen, mit denen der Zuschauer nicht klarkommt, die wir stellvertretend für ihn auf der Bühne thematisieren. Wir leben in sehr unsicheren Zeiten. Zum Teil haben wir zwar Mechanismen entwickelt, die uns scheinbare Sicherheit vorgaukeln, aber wenn dieses Netz nicht hält, fallen wir in ein schwarzes Loch. Das zeigt ja auch die momentane Finanzkrise.

profil: Sie werden oft als Schwarzseher und Apokalyptiker bezeichnet. Dies sind also gute Zeiten für Sie?
Kusej: Das stimmt. Aber selbst wenn in der Welt nichts passiert, gibt es immer noch die guten alten partnerschaftlichen Konflikte, die für die Bühne viel hergeben.

profil: Werden Sie mit dem Alter milder?
Kusej: Ich finde schon. Mich interessiert im Moment viel mehr, was meine jungen Nachfolger tun. Als Intendant am Münchner Residenztheater werde ich meine Aufgabe mehr im Ermöglichen innovativer Regiehandschriften sehen als darin, mir selbst eine Plattform zu schaffen, um viel zu inszenieren. Ich will ohnehin nicht Regie führen, bis ich 80 bin. Ich habe noch viele Pläne für meine Pension.

Interview: Karin Cerny