Literatur: All das Böse

Die US-Krimischriftstellerin Patricia Highsmith erlebt zwölf Jahre nach ihrem Tod durch eine komplette deutsche Neuübersetzung ihres gewaltigen Werks nun eine triumphale mediale Wiederkehr: 32 Bände Weltliteratur voller tödlicher Begierden und hasserfüllter Obsessionen.

Wer sich in die Welt der Patricia Highsmith vorwagt, muss zuerst über eine Falltür schreiten. Anfang 1948, während der Arbeit an ihrem ersten Roman „Zwei Fremde im Zug“, der zwei Jahre später erscheinen und die gebürtige Texanerin schlagartig bekannt machen sollte, legte die damals 29-Jährige ihr Credo in einem ihrer Notizbücher nieder: „It’s all there, every bit of every evil anyone ever had.“ Jeder ist aller erdenklichen Arten von Bösem, Amoralischem, Verwerflichem fähig, weil jeder die Fähigkeit zum Bösen in sich trägt. In „Zwei Fremde im Zug“ treffen der Geck Bruno und der junge Architekt Guy zufällig in einem Bahnabteil aufeinander – Bruno überredet sein Gegenüber, um für perfekte Alibis zu sorgen, jeweils einen Mord für den anderen zu begehen. Bruno ist der Verführer, der Versager, der Verderber, ihm galt Highsmiths ganze Sympathie. „Bin so glücklich, wenn Bruno wieder erscheint!“, notierte sie während der Arbeit am Roman: „Ich liebe ihn!“

Fünf Jahre und vier publizierte Romane später ersann Highsmith ihre bekannteste literarische Schöpfung, den sympathisch-snobistischen Vielfachmörder Tom Ripley, der sich Haken schlagend immer wieder dem Zugriff der Polizei entziehen kann. Der diabolische Killer mit den Interessengebieten Cembalo, Malerei, Wein und Gartengestaltung, der in einem altfranzösischen Landhaus mit rätselvollem Namen „Belle Ombre“ – Schöner Schatten – residiert, betreibt gleich in fünf Büchern sein amoralisches Tötungswerk. In „Der talentierte Mr. Ripley“, dem ersten, 1955 erschienenen Band der Serie, zertrümmert der Protagonist mit einem Ruder den Schädel seines Freundes Dickie, eines vermögenden Reeder-Sohns, um anschließend in die Identität des Ermordeten zu schlüpfen. Sie habe, formulierte die Schriftstellerin zur Entstehungszeit des ersten „Ripley“-Romans in ihrem Tagebuch, das „Gespür für Gut und Böse“ vollends verloren. Diese beiden Verfasstheiten seien „lediglich ein Vorurteil“.

Die düstere, mit Grenzwertigem aller Art aufwartende, mitunter krankhafte Highsmith-Welt, in der sämtliche Moralspielregeln planvoll außer Kraft gesetzt werden, ist nun neu – und in Überfülle – zu entdecken. Nach wie vor ist Patricia Highsmith, trotz der Flut gegenwärtiger Krimi- und Horrorliteraturproduktion, die beste und profundeste Reiseführerin in die Zentralhirne einzelgängerischer Mörder und Totschläger. Highsmith ist aber keineswegs eine bloße Protokollantin des Verbrechens, in ihrer Literatur ist sie Feinmechanikerin und Verschleierungskünstlerin zugleich. Mühelos schiebt sie in ihren Büchern die Kulisse des Alltags vor Monströses und Anormales: Kultur (viele ihrer Antihelden sind Maler, Künstler, Musiker) prallt auf Küche (in Highsmith-Büchern wird ständig gegessen und – vor allem – getrunken) und Kapitalverbrechen.

Schatten. Es existiert im Werk dieser Autorin kein Schwarz, kein Weiß, nur all die Schattierungen dazwischen. Highsmith, die Menschenerforscherin, zählt und registriert die sich allmählich ausbreitenden Risse in der Fassade des tristen Alltagslebens ihrer langsam ausrastenden Protagonisten. „Mich haben immer nur die kriminellen Anlagen und Möglichkeiten des Normalmenschen in der Gesellschaft beschäftigt“, sagte sie einmal, „dabei ist mir die Aufklärung eines Mordfalls völlig gleichgültig. Gibt es etwas Langweiligeres und Gekünstelteres als Gerechtigkeit? Weder das Leben noch die Natur scheren sich einen Deut darum, ob einem Geschöpf Gerechtigkeit widerfährt. Ich erfinde Geschichten, und mein Ziel ist es nicht, den Leser moralisch aufzurüsten, ich will ihn unterhalten. Leute ohne Moral, wenn sie nicht sture, brutale Charaktere sind, amüsieren mich. Sie haben Fantasie, geistige Beweglichkeit und sind dramatisch nahrhaft.“

Der Schweizer Diogenes Verlag, der 1993 die Weltrechte an Patricia Highsmiths Arbeiten erwarb, setzt mit der 2002 begonnenen und dieser Tage komplettierten deutschen Neuübersetzung der Werkausgabe eine verlegerische Großtat, und er beschert dem deutschsprachigen Publikum ein Lesefest, einen Verbrechensrausch, eine Literaturfreudenfeier. 32 Bände umfasst die Edition – 22 Romane und etliche Kurzgeschichtensammlungen wurden kritisch durchgesehen und nach den englischsprachigen Originaltexten neu übersetzt. (Für 2008 ist zudem das Erscheinen von zwei überarbeiteten Materialbänden, den Tagebüchern und der Highsmith-Biografie der US-Dramatikerin Joan Schenkar geplant.)

Highsmith schrieb eine schlichte, sich ans Faktische lehnende, beinah metaphernlose Prosa. Ihre Sätze seien, so die Schriftstellerin in einem ihrer raren Interviews, „nicht schön, aber genau“. Die Neuübertragung betont die so einfache wie wirkungsvolle Sprachsorgfalt der Schriftstellerin. „Der Zug jagte dahin in einem zornigen, unregelmäßigen Rhythmus. Er musste von jetzt an öfter und an kleineren Stationen halten, wo er ungeduldig einen Augenblick warten würde, bevor er wieder auf die Prärie losging“, so lauten die Eröffnungssätze der Eindeutschung von „Zwei Fremde im Zug“ aus dem Jahr 1974. Die Neuausgabe der vertrackten Mörderstory hat merklich Ballast abgeworfen: „In störrischem, unregelmäßigem Rhythmus jagte der Zug dahin. Er musste häufiger an kleineren Bahnhöfen halten, wo er ungeduldig wartete, bevor er sich wieder in die Prärie fraß.“

Patricia Highsmith, geboren 1921 in Fort Worth, Texas, gestorben 1995 in Locarno, zeitlebens eine rastlose Wanderin zwischen den Kontinenten, betrieb ihre Literaturgiftküche als Werkstatt – es ist kein Zufall, dass die Schriftstellerin in ihren wechselnden Unterkünften Tischlereien einrichtete und ihre Möbelstücke selber fertigte. Zuerst benötigte sie einen vollständigen, tragbaren Plot, eine Geschichte, ehe sie überhaupt wusste, was ihr Thema war. Das Theoretisieren über das eigene Werk war ihr ein Gräuel, und statt einer erklärenden Poetik verfasste sie einen Leitfaden, einen Arbeitsplatzbericht für Nachwuchsautoren: In „Suspense oder Wie man einen Thriller schreibt“ (1966) formulierte die Autorin, unterkühlt wie je: „In der Story allein liegt der bleibende Wert.“ Zudem war sie eine manische Vielschreiberin und eine Multilinguistin. Grundideen für neue Arbeiten bezeichnete sie gern mit dem deutschen Wort „Kern“, im August 1946 schrieb sie in kuriosem, fehlerhaftem Deutsch in ihr Notizbuch: „Es geht so wohl! Gott behalte es! Jetzt bin ich ganz und gar zu meinem Buche gewidmet, obgleich ich wenig – 23.000 Wörte – geschrieben habe.“ (Die von Highsmith angeführte Anzahl von „23.000 Wörte“ entspricht rund achtzig Manuskriptseiten.)

Knorrigkeit. Im persönlichen Umgang war die Autorin, die jahrzehntelang ihr einsiedlerisches Dasein mit Bedacht pflegte, ein Muster an Knorrigkeit und Maulfaulheit; sie hegte außerdem, wie Biograf Andrew Wilson in der 2005 erschienenen, nicht sonderlich lesenswerten Highsmith-Biografie „Schöner Schatten“ feststellte, seit „ihrer Schulzeit antijüdische Vorurteile“ (siehe Kasten S. 132). Jenen beiden Gattungen von Lebewesen, die sie widerspruchslos akzeptierte, widmete sie literarische Denkmäler: Der Kurzgeschichtenband „Der Schneckenforscher“ erschien 1970, und Katzen streunen durch ihr gesamtes Werk. Als sie von Frauenorganisationen aufgrund der hohen Männerdichte in ihren Büchern – die Verzweiflungsstudie „Ediths Tagebuch“ stellt die große Ausnahme dar – zur Frauenfeindin Nummer eins gekürt wurde, antwortete Highsmith, die Leben und Arbeit strikt trennte, mit einem Band kleiner „Geschichten für Weiberfeinde“ (1977).

Was die Außenwirkung ihres Werks betrifft, ist die Autorin, die Wörterbüchern gegenüber Belletristik den Vorzug gab, nach wie vor in den Genres „Kriminalroman“, „Thriller“ und „Suspense“ gefangen; als Lady of Crime, als psychologische Autorin, als „beste Kriminalschriftstellerin der Gegenwart“ wurde sie etikettiert. Ein englischer Kritiker notierte einst: „Patricia Highsmith schreibt über Menschen, wie eine Spinne über Fliegen schreiben würde.“

Peter Handke pilgerte 1975 im Auftrag eines deutschen Nachrichtenmagazins zu ihr – und rapportierte, dass die Füße der Autorin immens groß (Schuhnummer 40) und ihre Hände sehr kräftig seien; von Graham Greene stammt die durch endlose Wiederholung zur Plattitüde verkommene Feststellung, Highsmith sei „eher eine Dichterin der unbestimmbaren Beklemmung denn der nackten Angst“. Ihre Bücher sind von einer Garde bedeutender Regisseure verfilmt worden, von Alfred Hitchcock („Strangers on a Train“, 1951) über René Clément („Nur die Sonne war Zeuge“, 1960) bis zu Wim Wenders („Der amerikanische Freund“, 1977) und Claude Chabrol („Der Schrei der Eule“, 1987). Ins Bildgedächtnis der Literaturgeschichte ist Highsmith als mürrisch in die Kamera blickende, in einen Schrei von Norwegerpullover gewandete Autorin eingegangen – besagtes, in millionenfacher Ausführung in Umlauf befindliches Foto ziert die Buchrücken der Neuausgabe.

Dass Highsmiths Werk universell lesbare Weltliteratur darstellt, ist eine Nachricht ohne großen Neuigkeitswert. Überraschend ist, wie die Neuübersetzung deutlich macht, dass die Themen ihrer Bücher jede Genregrenze sprengen, dass der vermeintliche eintönige Highsmith-Krimikosmos in einem erstaunlichen Farbenspektrum schillert: Unter den 22 zwischen 1950 und 1995 publizierten Romanen finden sich Einsamkeitsuntersuchungen mit drei toten Menschen und einem toten Hund („Der Schrei der Eule“, 1962) ebenso wie literarische Weltanschauungskritik („Leute, die an die Tür klopfen“, 1983) und Erkundungen im Kunstmilieu („Elsies Lebenslust“, 1986). In dem Jekyll-und-Hyde-Kammerspiel „Tiefe Wasser“ (1957) wird ein treu sorgender Vater und perfekter Hausmann zum Straftäter. In der gruseligen Beziehungshumoreske „Der Geschichtenerzähler“ (1965) ermordet ein Krimiautor seine Ehefrau anfangs nur auf dem Papier. „Das Zittern des Fälschers“, 1969 erschienen, gleicht einer Charakterstudie vor exotischem Hintergrund. In diesem Roman, den Patricia Highsmith zeitlebens ihr Lieblingsbuch nannte, hat die Autorin für ihre Welt des subkutan waltenden Wahnsinns eine entsprechende Großmetapher gefunden: Gnadenlos taucht darin in einem kleinen Ort an der tunesischen Küste die Sonne all die Geschehnisse, mit denen das Irrationale, Unerklärliche in die Normalität einbricht, in grelles Licht und gleißende Hitze.

Highsmith kannte, im Gegensatz etwa zu Franz Kafka, jenem anderen großen Apologeten der Aussichtslosigkeit, kein Erbarmen, weder mit sich noch mit anderen. „Nun kann ich euch in Frieden betrachten, ich esse euch nicht mehr“, äußerte der Prager Schriftsteller einmal beim Betrachten von Fischen in einem Aquarium. Solche Milde war Patricia Highsmith fremd: „Wenn ich in einer Straße eine hungernde Katze und ein hungerndes Kind anträfe“, so die Autorin, „ich würde, wäre ich unbeobachtet, die Katze füttern.“

Von Wolfgang Paterno