Literatur: In Absentia

Systematisch hat sie sich der Welt entzogen, in der sie seither paradoxerweise präsenter ist denn je: Die Schriftstellerin Elfriede Jelinek feiert am kommenden Freitag ihren 60. Geburtstag – mit neuen Projekten und kalkulierten Irritationen. Ihre schillernde RAF-Satire „Ulrike Maria Stuart“ erregt kurz vor der Uraufführung noch die Gemüter.

Als der Terror des Deutschen Herbsts im Oktober 1977 mit dem Mord der Roten Armee Fraktion an dem Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer und der Todesnacht in Stammheim den Zenit seines Grauens erreichte, war Ulrike Meinhof schon mehr als ein Jahr tot, und die Schriftstellerin Elfriede Jelinek, 31, bereitete gerade ihr erstes Theaterstück vor: In „Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte“ missbraucht eine dem Modell Schleyer nachempfundene Unternehmerfigur eine frei nach Ibsen gestaltete Fabrikarbeiterin namens Nora für seine Zwecke.

29 Jahre später, im Vorfeld des 60. Geburtstags der Literaturnobelpreisträgerin, geistern die Phantome der RAF immer noch durch Elfriede Jelineks Kopf: „Ulrike Maria Stuart“,ein aus Schillers „Maria Stuart“ und poetisch verfremdeten Splittern von Biografien und Texten Ulrike Meinhofs und Gudrun Ensslins gemischtes Stück, wird am 28. Oktober am Hamburger Thalia Theater, inszeniert von der Jelinek-Fachkraft Nicolas Stemann („Das Werk“), seine Uraufführung erleben. Die Anspannung des Teams scheint diesmal deutlich größer als üblicherweise vor einer Jelinek-Premiere: Dem Stück eilt der Ruf eines Skandals voraus. Die Publizistin Bettina Röhl, Ulrike Meinhofs Tochter, wird seit Monaten nicht müde, Jelinek öffentlich zu attackieren: Sorglos verwende die Dramatikerin Material aus den Biografien ihrer Familie, um eine „historisch und faktisch“ verfehlte Groteske herzustellen, mit der sie nicht zuletzt in die Persönlichkeitsrechte Meinhofs und Röhls eingreife.

Am kommenden Freitag jedenfalls wird, während die Querelen um „Ulrike Maria Stuart“ weiter schwelen, Elfriede Jelinek 60 Jahre alt, begleitet von allerhand feierlichen Ereignissen, die samt und sonders ohne die Geehrte auszukommen haben; der einsiedlerische Lebensstil der Schriftstellerin, deren Rückzug aus der Öffentlichkeit sich mit der Auszeichnung durch die Schwedische Akademie 2004 bekanntlich weiter verstärkt hat, ist allerdings nur eine besonders gelungene Form der Selbstinszenierung: So präsent wie heute war die Schriftstellerin Elfriede Jelinek, die von ihren Domizilen in Wien und München aus mit kleinen, meist abschlägigen E-Mail-Botschaften und strategisch klug gestreuten Textveröffentlichungen weiterhin für Irritation sorgt, kaum je.

Mit den Texten der RAF-Aktivistinnen Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin hantiert Jelinek in „Ulrike Maria Stuart“ nicht zum ersten Mal: Schon 1988, in dem Drama „Wolken.Heim.“, hat sie Briefe der beiden Terroristinnen spitzfindig mit Texten von Kleist, Heidegger und Hölderlin verschnitten. Verglichen mit der Erregung, die Jelineks neues RAF-Drama begleitet, wurde „Wolken.Heim.“ seinerzeit aber geradezu wohlwollend aufgenommen: Das Projekt „Ulrike Maria Stuart“ scheint sich kurz vor seiner Uraufführung wohlweislich in ein Geheimunternehmen verwandelt zu haben. Auf kreativer Seite herrscht selbst verordnetes kollektives Schweigen: Dass Elfriede Jelinek zu „Ulrike Maria Stuart“ Stillschweigen wahrt, ist dabei weniger überraschend als die konsequente Verweigerung jeder Stellungnahme zur Causa seitens des Thalia Theaters. Regisseur Stemann ließ immerhin durchblicken, dass es Arbeitsgespräche mit Röhl gegeben habe, die sich „aber in dem Moment als unproduktiv erwiesen haben, als klar wurde, dass es Bettina Röhl augenscheinlich eher darum ging, ein eigenes Theaterstück zum Thema zu verfassen“. Jelinek und Stemann wollten, so der Regisseur, „ohnehin nie irgendjemandes Persönlichkeitsrechte verletzen“. Das sei „ja kein dokumentarisches Theater, sondern Satire“. Röhl kenne den Text übrigens gar nicht, die wenigen Eindrücke, die sie im Mai im Zuge einer öffentlichen Theaterprobe gewonnen habe, entsprächen der Inszenierung keineswegs. Im Augenblick herrsche jedenfalls Ruhe, meint Stemann; er gehe „davon aus, dass das Stück Ende Oktober ohne juristische Zwischenfälle über die Bühne gehen“ werde.

Diskretion. Der Masterplan hinter der Diskretion um „Ulrike Maria Stuart“ ist evident: Je weniger Staub um die Inszenierung nun noch aufgewirbelt wird, desto wahrscheinlicher wird es, dass das Stück reibungslos uraufgeführt werden kann. Die Angst, dass Bettina Röhl doch noch zu juristischen Mitteln greifen könnte, geht um. Dabei scheint sie, bei aller Ablehnung der Dichtkunst Jelineks (siehe Interview S. 125), dies gar nicht mehr vorzuhaben.

Das ungewohnte Procedere mit dem Uraufführungstext verdeutlicht indes die Ausnahmesituation dieser Premiere: Die Pressestelle des Thalia Theaters sieht sich außerstande, Jelineks Dramentext zur Einsicht zu übermitteln; und wie der Rowohlt Verlag auf profil-Anfrage bestätigt, hat Elfriede Jelinek inzwischen persönlich verfügt, dass ihr Text weder jetzt noch je in Buchform veröffentlicht werde.

Jelinek-Oper. Komplikationen zeichnen sich indes auch an anderer Front ab: Die Komponistin Olga Neuwirth, für die Jelinek – auf Wunsch des Intendanten der Salzburger Festspiele, Peter Ruzicka – bereits 2002 das Libretto „Der Fall Hans W.“ verfasst hat, ist jüngst wieder in die Schlagzeilen geraten, als der neue Leiter der Festspiele, Jürgen Flimm, unlängst keck die verspätete Uraufführung eines Werks ankündigte, das bereits an den künstlerischen Interventionen der ursprünglichen Auftraggeber Peter Ruzicka, Gérard Mortier und Ioan Holender mehrfach gescheitert war. „Der Fall Hans W.“, die vage an Mozarts „Don Giovanni“ angelehnte Bearbeitung eines Mordfalls, wurde 2005 von Startenor Neil Shicoff, der sich selbst für die Hauptrolle vorschlug, neuerlich ins Gespräch gebracht: „Jürgen Flimm bat mich daraufhin, das Libretto für ihn ein wenig umzuschreiben“, erinnert sich Neuwirth. „Anfang Oktober 2005 legte ich ihm die neue Version vor. Flimm schlug als Regisseur für die Inszenierung Pierre Audi vor, zweifelsohne ein Mann mit Meriten; ich wagte einzuwenden, dass Audi aber für dieses Thema – der Verführte wird zum Verführer – der Falsche sei. Seit damals habe ich nichts mehr gehört.“ Umso befremdlicher, dass Festspiele-Chef Flimm dennoch, ohne die Künstlerinnen davon in Kenntnis zu setzen, im September 2006 die Uraufführung der Neuwirth/Jelinek-Oper öffentlich ankündigte. Flimm blieb trotz mehrfacher Bemühungen für profil unerreichbar.

Olga Neuwirth betrachtet die Sache inzwischen mit einiger Bitterkeit – und schreibt ihr keinerlei Realisierungschancen mehr zu: „Nach sechs Jahren vergeblichen Wartens ist das Projekt innerlich für mich gestorben, denn das Spiel würde wahrscheinlich unendlich weitergehen. Ich ertrage es nicht mehr, im Machtspiel diverser Intendanten zerrieben zu werden, ich will mich endlich auf anderes konzentrieren.“ Zudem sei „all die Jahre über immer nur Jelineks Text beanstandet“ worden – „an Jelinek selbst ist aber nie Kritik herangetragen worden, sondern nur an mich. Obwohl ich absolut hinter dem Libretto stehe, empfinde ich es als problematisch, einen Text verteidigen zu müssen, den ich gar nicht verfasst habe. Ich bin Komponistin, aber um die Musik ging’s den Opernintendanten anscheinend gar nicht – und anscheinend traute man mir nicht zu, dass ich aus dem Libretto etwas entstehen lassen könnte.“

Während die literarische Welt nun gespannt Elfriede Jelineks jüngste theatralische Hervorbringungen erwartet, ist die Schriftstellerin selbst längst wieder weiter: Sie habe genug Stücke geschrieben, ließ sie unlängst kühl verlauten, ein paar Jahre lang werde sie nun – nach fast zehn Jahren ununterbrochener dramatischer Tätigkeit – keine Theaterstücke mehr schreiben. Nach den Prinzessinnen und Königinnen ihrer letzten Textflächendramen geht Jelinek evolutionär zuletzt noch einen Schritt ins Animalische zurück: Am Burgtheater plant man für April 2007, in der Regie von Ruedi Häusermann, die Uraufführung eines weiteren, vielleicht auf lange Sicht hin letzten Jelinek-Stücks. Es heißt, sehr schlicht, „Über Tiere“.

Von Stefan Grissemann
und Wolfgang Paterno