Literatur: Narziss und Vollmund

Mit seinen Büchern und Essays positioniert sich der Wiener Schriftsteller Robert Menasse gern als mediale Reizfigur. In seinem neuen Roman, der Erotiketüde „Don Juan de la Mancha“, betätigt er sich nun erneut als Experte der Exaltation.

Die Studenten im Hörsaal VI der Universität Frankfurt ahnten nicht, wer im Auditorium vor ihnen gleich erscheinen würde. Das Vorlesungsverzeichnis des Sommersemesters 2005 hielt zur Person jenes Vortragenden, der angehalten war, Fragen zur poetischen Produktion und ihren Bedingungen zu erläutern, lapidar fest: „Robert Menasse wurde in Wien geboren und wuchs auch dort auf; zuletzt veröffentlichte er den Roman ‚Die Vertreibung aus der Hölle‘ (2001). Bekannt geworden ist er vor allem durch seine ‚Trilogie der Entgeisterung‘ mit den Romanen ‚Sinnliche Gewissheit‘ (1988), ‚Selige Zeiten, brüchige Welt‘ (1991) und ‚Schubumkehr‘ (1997).“

Als der Gastdozent schließlich eingetroffen war und sein Referat eröffnete, sorgte er sogleich für erhebliche Irritation: Um die Hochschüler darauf hinzuweisen, dass sie selbst „Schöpfer ihrer Lebensrealität“ seien und notfalls „eine Welt zerstören müssen, um sie erschaffen zu können“, wagte sich der Dichter, einmal in Fahrt, an eine waghalsige Folgerung: „Ich muss Ihnen heute etwas gestehen: Ich bin Gott“, rief Robert Menasse mit Tremolo in der Stimme in den voll besetzten Saal. (In dem im Vorjahr unter dem Titel „Die Zerstörung der Welt als Wille und Vorstellung“ publizierten Band sind Menasses insgesamt fünf Frankfurter Poetik-Vorlesungen nachzulesen.) Gegen Ende der Dozentur, die in Frankfurt seit einem Vortrag Ingeborg Bachmanns anno 1959 Gepflogenheit ist, schloss der Autor, der im Grunde eine donnernde Philippika wider die Poesie hielt, mit den Worten: „Ich sagte zu Beginn: Ich bin Gott. Ich wäre stolz, wenn Sie jetzt begriffen hätten, dass dieser Satz bedeutet: SIE sind Gott. Ihnen wurde von der ‚Bild‘-Zeitung gesagt: ‚Wir sind Papst.‘ Und Ihre Antwort ist: ‚Nein, wir sind Gott.‘“

Gesamtkunstwerk. Der Überraschungsangriff zählt zu den Arbeitsgrundlagen dieses Schriftstellers – in öffentlichen Äußerungen und Auftritten gelangt die Menasse-Methode ebenso zur Anwendung wie in seinen essayistischen Einmischungen und belletristischen Werken. Die ersten Sätze aus „Don Juan de la Mancha“, dem neuen, mittlerweile fünften Roman des Literaten, reihen sich in dieser Hinsicht fugenlos in das Menasse’sche Gesamtkunstwerk aus Inszenierung, Provokationslust, Originalitätssuche und eindrucksvoller, erfindungsreicher Erzählkunst.

Berühmte Romananfänge gibt es zuhauf, an die Vorliebe des österreichischen Autors für Explizität, Exaltiertheit und Exhibitionismus reichen wenige heran. „Die Schönheit und Weisheit des Zölibats verstand ich zum ersten Mal, als Christa Chili-Schoten zwischen den Händen zerrieb, mich danach masturbierte und schließlich wünschte, dass ich sie – um es mit ihren Worten zu sagen – in den Arsch ficke. Es gebe dafür, also für die Kombination von Chili und Analverkehr, im Altgriechischen ein eigenes Verbum, sagte sie. In Wahrheit nicht für Analverkehr mit Chili, sondern mit Meerrettich, sie sagte: ‚Recte Meerrettich‘, jedenfalls im Grunde für diese Technik.“ So lässt Menasse sein Buch zur Klärung erotischer Fragen der Nach-68er-Generation beginnen.

Wüstling-Mythos. „Der Versuch, nach Mozart einen Don Juan zu schreiben, wird stets heißen, eine Illias nach Homer zu schreiben“, bemerkte einst der Philosoph Søren Kierkegaard. Zuletzt versuchte sich Peter Handke in seinem spröden, nur mit erotischen Spurenelementen angereicherten Erzählexerzitium „Don Juan (erzählt von ihm selbst)“ 2004 an einer zeitgemäßen Adaption des Frauenheld-und-Wüstling-Mythos. Menasse beschreitet, der ausschweifende Auftakt legt es nahe, einen ganz anderen Weg. Im weiteren Verlauf des auf wienerische Verhältnisse umgelegten Romans reduziert der Erzähler das Tempo und entwickelt mithilfe seines großsprecherischen Ich-Erzählers Nathan eine so trickreiche wie durchdachte und kurzweilig-witzige Variante der Geschichte vom überspannten Verführer (siehe Kasten Kritik).

Menasse präsentiert sich, wie in all seinen Büchern, in „Don Juan de la Mancha“ als Dichter eifrig praktizierter Eigenliebe. Mit Gespür für die große Geste und für kalkulierte Selbstbespiegelungseffekte ist am Schluss der Erotikstudie, die durch die Genrebezeichnung „Roman“ als fiktives Erzählwerk kenntlich gemacht ist, eine historische SW-Fotografie eingefügt. Darauf ist Robert Menasse als angehender Akademiker zu sehen, unter einem Blätterdach, in einem Kreis von Studentinnen und Studenten sitzend. Aller Augen sind auf den Mann mit Bart und Brille gerichtet, ein weißer, nachträglich eingefügter Pfeil weist den Mittelpunkt des Geschehens: Narziss und Vollmund.

Lang ist die Liste der Rollen, die Robert Menasse vor der interessierten Öffentlichkeit seit seinem – nach einem Hegel-Zitat betitelten – Erzähldebüt „Sinnliche Gewissheit“ (1988) spielt. Vielfach ausgezeichneter Dichter, Dramatiker und Poeta doctus. Streitbarer Denker und spitzzüngiger Essayist. Aufklärer und Österreich-Erklärer. Befürworter der politischen „Wende“ des Jahres 2000 und Haider-Gegner der ersten Stunde. Selbsternannter Ketzer und philosophierender Gegengeschichtenerzähler. Mitglied der globalisierungskritischen Attac-Organisation und Hobbykoch (Menasse ist Mitglied des „Deutschen Instituts für Koch- und Lebenskunst“). Medienfigur und neuerdings, wie die „Ich bin Gott“-Episode vermuten lässt, Transzendenz-Interessent. In etlichen, die genuine Schreibarbeit nur am Rande tangierenden Disziplinen hat es der 1954 geborene Chefpolemiker inzwischen zu besonderer Fertigkeit gebracht.

Längst ist der Schriftsteller zu einer heimischen Instanz des halbamtlichen Antagonismus aufgestiegen. In ihn gesetzte Erwartungen enttäuscht Menasse seit je. Mit seinen in Zeitungen und Zeitschriften regelmäßig kundgemachten Interventionen überführt er Konsens in Dissens. Von einem Magazin dazu angehalten, „Bekenntnisse“ abzulegen, reagierte der Poet als Politpolterer dagegen überraschend mit gefälligen Harmlosigkeiten: „Kino. Weinen im Kino. Tagträumen.“ („Was ich mag“) – „Asketen. Den Augenblick, wenn im Kino nach dem Film das Licht angeht“ („Was ich nicht mag“). Menasses 2001 veröffentlichtes 500-Seiten-Hauptwerk, das so ausladende wie meisterhafte Historien-epos „Die Vertreibung aus der Hölle“, war, folgt man den Erklärungen des Autors, durch eine simple Verwechslung motiviert: „Ich stand plötzlich vor einem großen Ölschinken von Rembrandt“, berichtete Menasse vom ersten Nachdenkimpuls zum Buch. „Und dann lese ich die Legende – was stellt das Bild dar – und lese: Robbi Menasseh. Ich bin natürlich erstaunt. Robbi, so nennen mich meine Freunde. Erst beim zweiten Lesen lese ich: Rabbi Menasseh. Und dieser Moment des Sich-Verlesens, praktisch die Rückbeziehung dieses antiken Schinkens auf mich, den Betrachter, hat das Interesse geweckt.“

Anfeindungsziel. Als chronischer Wortspendenverteiler, als „Schnittlauch auf jeder Suppe“ („Kleine Zeitung“), erntet der Mann, der gern aufs Ganze geht, bisweilen auch harsche Kritik: der Ankläger als Anfeindungsziel. In seiner Frankfurter Poetik-Vorlesung etwa stellte Menasse den vierten Teil seiner Ausführungen unter den aufreizenden Titel „Plädoyer für die Gewalt“. Der deutsche Publizist und „Spiegel“-Autor Henryk M. Broder, gleich Menasse ein Quertreiber von hohen Graden, notierte darauf in seinem Internet-Tagebuch: „Ein Wiener Caféhaus-Adabei, der in seinem ganzen Leben noch nie ein größeres Risiko eingegangen ist, als besoffen über den Naschmarkt zu torkeln, hält ein poetisches Plädoyer für die Gewalt und nennt Terroristen das Ideal einer individuellen Entfaltung.“ Nicht Predigt, sondern Praxis forderte Menasse in einem im August vorigen Jahres in der „Süddeutschen Zeitung“ publizierten Grundsatztext: „Bitte noch mehr Bomben! – Warum ich als Pazifist für den Krieg Israels gegen die Hisbollah bin.“ Der deutsche Autor Joachim Lottmann verspottete Menasse bereits vor Jahren als „schmähwerfenden Großmanns-Wiener, der in seinen ewig österreichischen Überhebungen nicht hoch genug greifen kann und sich selbst mit Hegel vergleicht“. In seinem Furor gebärdet sich Menasse mitunter tatsächlich in bühnenreifer Unbeholfenheit. Er wirkt dann wie ein Gladiator, dem Schmusekätzchen um die Beine streifen, der seinem Publikum aber zugleich weismachen will, dass es sich dabei um Raubtiere handle: In der Kontroverse um Menasses Theaterdebüt „Das Paradies der Ungeliebten“ – das Burgtheater lehnte das Stück nach ausufernden Auseinandersetzungen ab, es wurde daraufhin 2006 im Staatstheater Darmstadt uraufgeführt – bezeichnete der Schriftsteller Burg-Chef Klaus Bachler etwa öffentlich als „gottverdammten notorischen Lügner“. Ein letztlich nicht erschienenes, mit ihm geführtes Gespräch in einem Interviewband stilisierte Menasse vor zwei Jahren zum Zensurfall.

Nobelpreis. Hohn erntete der Verfasser von mittlerweile sechs Essaybänden (darunter „Dummheit ist machbar“, 1999, und „Das war Österreich“, 2005) für eine im Jahr 2001 in der Wochenschrift „Die Zeit“ erschienene Darbietung unter dem vieldeutigen Titel „Gut im Buch“. Unter einem Foto, das den Dichter, in eine schwarze Lederjacke gewandet, umringt von jungen Frauen zeigte, äußerte sich Menasse programmatisch: „Meine Kunstreligion ist so verführerisch, dass jede Frau bereit ist, sofort mit mir ins Bett zu gehen, weil sie an diese Religion glaubt.“ – „Hab ich Sexappeal?“, fragte Menasse abschließend die „Zeit“-Journalistin. Der Schriftsteller und Satiriker Antonio Fian beschrieb in einem theatralen Kurztext, wie der für seine Kaffeehaus-Dauersitzungen legendäre Menasse, von dem ein Fotoporträt im Wiener Café Sperl einen Ehrenplatz einnimmt, Bilder von sich in einer Info-Illustrierten entdeckt: „Ah, da schau! Ich! Gut, wie ich dasitz … Wie ich schau … Total versunken … Gleichzeitig totaler Weitblick … Sehr gut. (…) Der Thomas Mann tät vergehen vor Neid … Der Heinrich Mann tät auch vergehen vor Neid.“

Bereits in jungen Jahren, ohne noch eine Zeile veröffentlicht zu haben, träumte Robert Menasse davon, einst in Stockholm den Nobelpreis für Literatur in Empfang nehmen zu können. Die schiere Heldengröße der eigenen Person ist im Kosmos dieses Autors bis heute eine unumstößliche Konstante geblieben. Das Misstrauen gegen so viel Egozentrik verstellt jedoch mitunter auch den Blick auf die dringende Notwendigkeit der politischen und kulturellen Widerreden Menasses: Im vorsätzlichen Bruch mit einer – gerade hierzulande – ausgeprägten Verdrängungs- und Schweigekultur gelingen dem Autor immer wieder beachtliche Momente. Ob man seine Ideen nun teilen mag oder nicht, spielt dabei keine entscheidende Rolle: Sie weisen neue Reflexionswege und ermöglichen Einsichten, mit denen davor nicht zu rechnen war. Sie bereichern. Das Denken und Handeln Robert Menasses oszilliert, auf charmante, manchmal anstrengende Art, zwischen Erhabenem und Vulgärem, zwischen Welterklärung und Sinnesrausch, zwischen Hochliteratur und Verdauung: „Ich brauche Petersilie, Unmengen von Petersilie“, bekannte der Prosaiker einmal. „Ich kann nicht schreiben, wenn nicht überall in der Wohnung Gläser mit Petersilienbüscheln herumstehen. Ich laufe auf und ab, weil ich einfach nicht sitzen kann, wenn ich nicht schreiben kann, und knabbere Petersilie. Dann setze ich mich wieder hin und schreibe zwei Sätze. Und dann irgendwann lesen Sie meinen Roman, wenn Sie es tun, und wissen nicht, dass es ein Stoffwechselprodukt von extensivem Petersilienkonsum ist.“

Von Wolfgang Paterno