Lob des Leerlaufs

„Kärnten is lei oans“ Selbstbild einer gefährdeten Art

In profil 8/2005 belebte mich die bisher dichteste Darstellung Kärntens. Auf einer einzigen Seite, mit den dunklen Strichen eines späten Goya, skizzierte Herbert Lackner das Elend des südlichsten Bundeslandes („Moldawien in Mitteleuropa“). Alles erregt dort Kummer: die Politik, die Wirtschaft, die Kultur, die Zukunftshoffnungen.

Auch als Freund Kärntens, der die Sonne und die Seen liebt und dort zirka zwanzig interessante Geistes-Events als Moderator begleitete, würde ich diese Analyse unterschreiben.

Mir gefällt, abgelöst von jenem Lackner-Leitartikel, nur nicht der Umgang von „Restösterreich“ mit Kärnten, das man gerne bestrafen möchte, weil es auf besorgniserregende Weise Haider-hörig ist. Wobei man drei Varianten von Strafen unterscheiden kann, eine schlechter als die andere:

  • Die Weglegung eines Bundeslandes, so wie verwirrte Mütter ihre verwirrten Kinder vor den Toren von Klöstern entsorgen.
  • Die Berührungsverweigerung, wie sie teilweise von den zwei großen Parteien gezeigt wird. Bundes-SPÖ wie Bundes-ÖVP berühren ihre Kärntner Landesparteiorganisationen wegen ihrer Schwächen und/oder FPÖ/BZÖ-Affinitäten ungern: am liebsten aus 350 Kilometer Entfernung. Einzig von VP-Klubobmann Wilhelm Molterer weiß ich, dass er versucht, neue Brücken zu bauen.
  • Aktive Bestrafung durch bewusste Nicht-Investition in diesem Land. Mindestens fünf geschäftsführende Gesellschafter von KMUs erzählten mir, sie hätten ein gleichwertiges anderes Bundesland als Standort vorgezogen, nur um ein Spatenstichfoto mit Jörg Haider zu vermeiden. Das ist für Unternehmer ungewöhnlich kindisch und macht den giftigsten aller Landeshauptleute unnötig zum Märtyrer. Selbst Haider tritt nicht auf, wohin er nicht geladen wurde.

Ich schlage eine vierte Variante vor, die außergewöhnlich langweilig ist, aber den Vorzug einer geborgten asiatischen Weisheit hätte: Ruhe bewahren. Ein halbes Jahr Frieden geben. Den Dingen ihren leeren Lauf lassen.

Wenn nicht alles täuscht, wird sich manches von selbst lösen. Haider hat seinen vielleicht schwersten psychologischen Fehler gemacht. Er hat seine einfachsten und treuesten Anhänger im eigenen Land verprellt.

Erstens begreifen sie jetzt endgültig, dass ihm das unendlich geliebte, einzige Kärnten nie wirklich genug war. Der Alte will nach Wien und in die Welt hinaus, so wie die jungen Leute. Kein Land leidet unter dem brain drain wie Kärnten. Zweitens sind seine Anhänger auf simple Zeichen programmiert, eine „Ikonografie, die mächtiger ist, als man glaubt“ (Umberto Eco).

Sie reagieren auf Lieder, Flaggen, Blechmusik, leicht fassliche Parolen und heitere Untergriffe. Einen Fahnenwechsel und Farbwechsel verstehen sie nicht. Noch dazu diesen! Das kräftige Blau getauscht gegen das blasse Orange, das man früher an Zigeunern, Indern und ungarischen Erntehelfern verlachte. Dazu noch dieser Namenswechsel. Das typografisch und sprachlich relativ helle FPÖ eingetauscht gegen das dunkle, konkurrenzlos hässliche BZÖ, längst verspottet als „Bettler Zentrale Österreichs“ oder „Bald Zu Öffnen“.

In Summe die schlechteste Marketing-Kampagne seit Kreiskys Volksabstimmung über Zwentendorf.

Ein Lokalaugenschein in dünner besiedelten Gegenden Kärntens, zufällig bewirkt durch einen Autobahnunfall-Stau bei Griffen, der ein Ausweichen ins Landesinnere empfahl, öffnet die Augen. In drei Wirtshäusern geht es hoch und ratlos her. „Welche sind jetzt die Guten, die Orangenen oder die Blauen?“, fragt eine arglose Kellnerin.
Sie weiß es jetzt: Blau wie der blitzsaubere Wörthersee war gestern. Heute ist Fanta.

Schmerzhaft wie immer in den letzten zwei Jahrzehnten der Kontrast zwischen diesem schlichten Kärnten und jenem Kärnten, das auch die Kreativität eines Sonnenlandes zeigt.

Beispiele: Villachs Aufschwung zu einem Micro-Electronic-Cluster, das dichter werdende Netz anspruchsvoller Haubenlokale (Tipp: „Kaufmann & Kaufmann“ in Villach) und Hotels (Tipp: „Salzamt“ in Klagenfurt), die wunderbare Vorarbeit für den Lakeside Science & Technology Park im Campus der Klagenfurter Alpen-Adria-Uni, die auch dadurch entzückt, dass sie kein Ortsschildproblem kennt. Sie begrüßt ihre Besucher in deutscher, italienischer und slowenischer Sprache.

Bekümmernd aber selbst in diesen sonnigen Fällen: Fast immer beklagt man Unvollendetes, etwas eigenartig Eckiges und Enges. Villach hat immer noch kein Business-Hotel internationalen Zuschnitts. Die Lokale und Hotels zeigen leblose public relations. Und als Lakeside den großen Öffnungstag hatte und für eine wissenschaftliche Matinee Techno-Park-Experten aus Deutschland, Holland, Schweden und Korea einfliegen ließ, blieben Plätze im Hörsaal 1 leer. Der lustige Nachmittagskirtag mit Politikern und C-Dur-Musik war überbucht.

Das Glanzstück Kärntens bleibt vorerst die in Idealkonkurrenz befindliche, weltmeisterliche Hotellerie rund um Bad Kleinkirchheim und die Turracher Höhe.

Good News: Es kann nur aufwärts gehen. Nach sechs Monaten ruhiger Beobachtung wird man sehen, wie.