Lock-Bücher

Auch Politik und Wirtschaft entdecken das neue Netz-Genre.

Legomyego schreibt über Liebe und Enttäuschungen, er schreibt über köstliches Essen, über Bücher, Musik, seine Freunde und dokumentiert dabei sein Leben. Es macht Spass, ihn lesend dabei zu begleiten, denn Legomyego schreibt nicht allein im stillen Kämmerlein, sondern lässt jeden, der Lust hat, an seinen alltäglichen Gedanken teilhaben. Unter http://legomy ego.twoday.net hat er seine persönliche virtuelle Bühne im Netz. „Mir ging es nicht gut. Meine damalige Freundin und ich hatten Schluss gemacht. Sie meinte, sie wüsste zu wenig von mir. Ich thematisierte das Problem in meinem allerersten Weblog-Eintrag, und eine Minute später bekam ich von irgendjemand, dem es genauso ging wie mir, einen Leserbrief. Das war ein Wahnsinnserlebnis“, erzählt er. Diese Schlüsselszene liegt mehr als ein Jahr zurück. Legomyegos Liebe war dahin, beim Weblog-Schreiben ist er geblieben.
Weblog – die Bezeichnung ist eine Wortkombination aus „Web“ und „Logbuch“ – ist ein neues Genre im Internet, eine Software, mit der auch Menschen, die keine Ahnung von Technik und Programmierung haben, ihre eigene Website ins Netz stellen und tagtäglich dort neue Einträge machen können. Weblogs sind aber keinesfalls statische virtuelle Schaufenster im WWW, sondern als Kommunikationsplattformen konzipiert. Das heißt: Besucher eines Weblogs können die Texte dort kommentieren. Wenn das Weblog lustig, brisant oder informativ genug ist, ergeben sich Diskussionen, die in der realen Welt in dieser Form nie stattfinden würden. Manchmal werden aus Weblog-Kontakten sogar Freundschaften. „Das Revolutionäre an Weblogs ist die Tatsache, dass jeder aus eigener Kraft plötzlich eine persönliche Community im WWW gründen kann“, sagt Thomas Burg, Leiter des Zentrums für neue Medien an der Donau-Universität Krems und Weblog-Pionier (www.randgaenge.net).
Rund 2,5 Millionen Blogger – so der Fachterminus für virtuelle Tagebuchschreiber – publizieren im Internet und schreiben sich vom Leib, wonach ihnen der Sinn gerade steht. Manche schreiben unter einem Pseudonym, andere verwenden ihren wirklichen Namen. Manche führen ein persönliches Tagebuch, manche sehen ihr Weblog als Kommentar zum aktuellen politischen Tagesgeschehen. Das Computerprogramm hinter Weblog-Software ist wie ein Baukastensystem: Neben einem Archiv können virtuelle Tagebuchschreiber Links auf andere Websites setzen, also eine Art Pfadfinder erstellen. Manche Weblogger schmücken ihre Logs mit Bildern, ganz Innovative trumpfen sogar mit Film- und Tondokumenten auf. Weblogs müssen nicht zwingend öffentlich sein. Wer will, kann seinen virtuellen Bereich mit einem Passwort schützen und nur ausgewählten Personen Zutritt gewähren. Während die Gestaltung einer Website bis vor kurzem viel technisches Know-how benötigte, ist die Weblog-Software so konzipiert, dass die Veröffentlichung von Texten und Bildern, das Erstellen von Link-Listen sowie das Vernetzen mit Freunden nun kinderleicht ist. „Ein Weblog ist wie ein Wordfile mit einer ‚Wenn Sie den Text ins WWW stellen wollen, klicken Sie hier‘-Funktion“, erklärt Thomas Burg vom Zentrum für neue Medien anschaulich. Der Einstieg in die Tagebücher erfolgt über ein Weblog-Portal, eines der ältesten ist www.ant ville.org, eine Open-Source-Initiative, welche die Software jedem, der will, gratis zur Verfügung stellt.
Eine der 2000 Antville-Bloggerinnen ist die 34-jährige Goldchen von http://girls camp.antville.org. Sie schreibt, was Frauen in ihrem Alter so beschäftigt. Männer, Kosmetik, skurrile Begebenheiten, Abend- und Weekend-Bewältigung. „Wenn ich in einer tollen Ausstellung war, würde ich nicht gleich all meinen Freunden ein
E-Mail schicken“, sagt sie, „ein Eintrag in meinem Weblog geht sich aber immer aus.“ Wer also wissen will, was Goldchen so erlebt, schaut im Web nach. Als gestresste Berufstätige in Zeitnot gelingt es ihr auf diese Weise, mit vielen ihrer Freunde und Bekannten Kontakt zu halten.

Community.
Wer auf unmittelbare, persönliche und sehr subjektive Art und Weise etwas über Musik, Clubs und Ausgehen in Wien erfahren will, linkt sich in Martin Blumenaus Weblog auf www.fm4.at ein. „In meinem Weblog muss ich auf nichts Rücksicht nehmen und kann schreiben, wonach mir der Sinn steht, wenn sich jemand nicht auskennt, dann linke ich ihn auf eine Website, auf der er sich informieren kann, das gibt eine unglaubliche Tiefe im Raum, die ich sonst nie zur Verfügung habe“, erklärt der FM4-Redakteur seine Arbeit. Nicht nur Blumenau, fast jeder Moderator bei FM4 führt sein Tagebuch im Netz. „Unsere Redakteure sind bimedial, sie machen Radio und Internet“, sagt FM4-Chefin Monika Eigensperger und ist stolz, im WWW ein zusätzliches Medium gefunden zu haben, das die Zielgruppe
des Senders so erfolgreich bedient. Die Web-Seite verzeichnet monatlich rund 220.000 Besucher, viele diskutieren in Weblogs aktuelle Themen. „Klar, mein Weblog macht mich für andere gläsern“, erkennt Blumenau, der längst eine eingeschworene Community mit seinen täglichen Geschichten beliefert. Deshalb wird allzu Persönliches naturgemäß ausgespart: „Mein ganz persönliches Tagebuch sähe vollkommen anders aus“, meint Blumenau.
Der Zulauf zu Weblog-Providern wie www.weblog.com oder www.blogger.com ist enorm, Experten schätzen, dass täglich bis zu 4000 neue Weblogs gestartet werden. Viele davon werden allerdings – nach Abklingen des anfänglichen Enthusiasmus der jeweiligen Blogger – nur noch sporadisch aktualisiert oder verenden schließlich gänzlich. Dennoch wird die Szene nicht nur in den USA, sondern auch hierzulande immer aktiver: Seit ihrem Start im Februar 2003 haben sich beim österreichischen Weblog-Portal www.twoday.net, das vom jungen Unternehmen Knallgrau New Media Solutions GmbH betrieben wird, mehr als 950 aktive Blogger registriert. Die Miete für ein Weblog beträgt fünf Euro pro Monat. Die Weblogs auf Twoday werden nach Angaben des Unternehmens im Schnitt von täglich 12.000 Interessierten gelesen.

Medien.
Es waren vor allem die welterschütternden Ereignisse wie der 11. September oder der Krieg im Irak, die das Potenzial dieser neuen Art des unzensurierten Publizierens im Internet auch einer breiten Öffentlichkeit ins Bewusstsein gerufen haben. Ein völlig unbekannter Student namens Salam Pax beispielsweise wurde mit seinen Tagebüchern aus Badgad über Nacht zum Star, da seine Berichte eine Seite des Krieges zu beleuchten in der Lage waren, die den etablierten Massenmedien in dieser Form nicht zugänglich waren. Während dort die „Embedded Journalists“ oftmals hauptsächlich die Sicht der US-Armee und -Regierung verbreiteten, lieferte Salam Pax jene mutmaßlich authentischen Berichte, nach denen eine breite Öffentlichkeit lechzte. Warblog wurde seine Art des Weblogs genannt, unter der Last der Millionen Zugriffe brach es am 24. März zusammen.
„Weblogs lösen ein Versprechen ein, das das Web seit seinen Anfängen begleitet hat“, erklärt Franz Manola, Geschäftsführer der ORF-Teletext ProduktionsgmbH, die auch für die Internet-Aktivitäten des Österreichischen Rundfunks verantwortlich ist. „Weblogs bieten die Voraussetzung zur Demokratisierung der freien Meinungsäußerung. Jeder darf schreiben, ohne Zensur und ohne jegliche redaktionelle Einflussnahme.“
Während sich in Europa die Weblog-Szene gerade erst formiert, gibt es in den USA unter den virtuellen Tagebuchschreibern längst schon Stars. US-Blogger wie Andrew Sullivan (www.andrewsullivan. com) oder Glenn Reynolds (www.instapun dit. com) sind dort innerhalb ihrer Fangemeinden zu Meinungsführern avanciert und verzeichnen Zugriffszahlen, die in manchen Fällen an jene der Online-Ausgaben kleinerer Tageszeitungen heranreichen. „Wir sind ein Gegengewicht zu den verzerrenden Darstellungen der etablierten Medien“, definiert Sullivan, der in seinem Blog die politische Szene regierungskritisch beobachtet, Zeitungsmeldungen hinterfragt sowie aktuelle Ereignisse pointiert und polemisch kommentiert.

Politik.
„Einer der allerersten Weblogger war Karl Kraus, die ,Fackel‘ war lediglich nicht elektrifiziert“, zieht Franz Manola einen historischen Vergleich. „So wie Kraus einst sind es heute die Blogger-Stars, die egomanisch zitieren und kommentieren und mit ihren zutiefst subjektiven Texten für eine Fangemeinde schreiben.“
In den USA hat längst auch die Politik das Webloggen entdeckt. Prominentestes Beispiel dafür, wie erfolgreich Wahlkampf via Internet heute geführt werden kann, ist die Internet-Strategie des demokratischen Präsidentschaftskandidaten Howard Dean. Er und sein Team unterhalten acht eigene Websites, 72 Blogs und zirka 50 regionale Websites, über die für das Parteiprogramm geworben und lokale Wahlkampfveranstaltungen organisiert werden. www.blogfor america.com ist Deans Kommunikationsdrehscheibe und direkter Berührungspunkt mit den Wählern. Seine Internet-Kampagne ist so erfolgreich, dass sie mittlerweile der wichtigste Eckpfeiler zur Finanzierung seines Wahlkampfs geworden ist. Allein im dritten Quartal 2003 hat Dean über 14,5 Millionen Dollar Wahlspenden via Internet eingenommen. Seit 1. Oktober treiben auch US-Präsident George W. Bush und sein Vizepräsident Dick Cheney auf www.georgewbush.com ihren Wahlkampf im Netz voran.
Im politisch vollkommen anders strukturierten Europa sind Politiker gerade erst dabei, den Nutzen der Weblogs auszuloten. „Die Politikverdrossenheit vieler Menschen rührt doch auch daher, dass die meisten überhaupt nicht wissen, was Politiker machen“, sagt Marie Ringler, Technologiesprecherin der Grünen. Ihr Parteikollege Peter Pilz ist Österreichs erster Polit-Blogger (www.peterpilz.at), Marie Ringler wird ihr Tagebuch im Netz via Handy bespielen. „Jeder, der will, kann mich bei meinen Sitzungen begleiten“, sagt sie und ist selbst gespannt, wie ihr Konzept auf www.marieringler.at funktionieren wird. Eine weltverbesserische Mission habe sie nicht, sie wolle nur ein bisschen mehr Transparenz schaffen, sagt Ringler selbstbewusst. In Deutschland verfolgt die junge CDU-Abgeordnete Kristina Köhler mit ihrem politischen Tagebuch auf www.kristina-koehler.de noch einen anderen Zweck. „Mein Weblog bietet mir die Möglichkeit, direkt in aktuelle Debatten einzugreifen und außerhalb der klassischen Medien Aussagen selbst kommentieren zu können“, erklärt sie.

Wirtschaft.
Direktheit und Unmittelbarkeit sind auch Qualitäten, die für die Wirtschaft ein zunehmend interessanter Faktor sind. „Mit Weblogs als Marketing-Instrument auf einer Website können Unternehmen die Wünsche ihrer Kunden wesentlich besser kennen lernen, Kundenbindung und gleichzeitig auch Marktforschung betreiben“, erklärt Dieter Rappold, Gründer von Knallgrau. Mit Twoday.net hat Rappold eine voll funktionsfähige Plattform, deren Systematik er in jedem Unternehmen integrieren könnte. „Kommerzielle Weblogs gibt es vor allem in den USA“, erläutert Rappold und ist überzeugt, dass Weblog-Lösungen wie die des Marktforschers Jupiter (www.jupiterresearch.com) oder das Weblog-Intranet-System der Harvard University auch hierzulande erfolgreich sein werden. Wie erfolgreich Weblogs auch für kleine Unternehmen sind, beobachtet hierzulande bereits der Starwinzer Willi Bründlmayer. Sein als Weinlesetagebuch geführtes Weblog ist das Highlight seiner Homepage. „Die kurzen Notizen sind unaufwändig, dokumentieren unsere Arbeit und interessieren die Kunden“, sagt Bründlmayer stolz. Derzeit lesen es 3000 Homepage-Besucher monatlich, demnächst wird er es auch auf Englisch ins Netz stellen. „Weblogs sind der sichtbare Ausdruck einer Reliterarisierung unserer Gesellschaft“, postuliert Franz Manola und ist überzeugt, dass das Internet die durch Radio und Fernsehen vernachlässigte Schriftlichkeit in die Kultur zurückbringen wird. Weblogs werden zur Entwicklung neuer Marketingstrategien führen, machen Politik – scheinbar oder tatsächlich – unmittelbarer erlebbar und lassen Menschen zu Wort kommen, die sonst kaum ein größeres Publikum erreichen würden. Legomyego wenigstens surft über die Seiten seiner befreundeten Weblogger und hat dabei den Eindruck, „einen Roman in Echtzeit zu lesen“. Sollte seine neue Freundin eines Tages vielleicht einmal ein Kind bekommen, würde er zuallererst ein Weblog mit Bildern einrichten. „Es gibt Dinge, die es einfach wert sind, dokumentiert zu werden“, sagt er. „Im Strudel des Alltags geht einfach zu viel verloren.“