„Lohnraub“

Die wieder einmal versäumte ernsthafte Arbeitszeitdebatte.

Theoretisch ist die „Arbeitszeitdebatte“ eine der wichtigsten der Gegenwart, denn Arbeitszeiten haben Einfluss auf Konkurrenzfähigkeit, Lebensqualität und Arbeitslosenquote. Und eine hohe Arbeitslosenquote kann auch ohne Hitler das politische System destabilisieren. In der Praxis hat Österreich die Gelegenheit zu einer seriösen „Arbeitszeitdebatte“ vergangene Woche wieder einmal versäumt: „Industrie fordert den Zehn-Stunden-Tag“ titelt die „Kronen Zeitung“, der ÖGB jault „Lohnraub“. Auf diesem Niveau fahren sich die Gespräche wieder einmal fest. Nach wenigen Tagen melden die Medien, dass alles beim Alten bleibt und die Sozialpartner nach einer Lösung suchen sollen, die sie seit Jahrzehnten nicht gefunden haben. Ich kann auch keine Lösungen anbieten, aber ich will die Probleme redlich darstellen:

1. Die Zahl der Arbeitsplätze hat sich – in Österreich seit Jahrzehnten, aber mittlerweile selbst in den USA – vom Wirtschaftswachstum abgekoppelt. Während die Produktion der Industrie um reale 5,2 bis 5,5 Prozent gewachsen ist, ist die Zahl der Beschäftigten etwa 2004 um ein Prozent gesunken. Das ist eine logische Folge der technologischen Entwicklung und mittlerweile auch der Auslagerung arbeitsintensiver Produktionen in Niedriglohnländer.

2. Seit Jahren wird behauptet, dass sich der Rückgang der Industriearbeitsplätze durch eine Vermehrung der Dienstleistungsarbeitsplätze auffangen ließe. In Grenzen stimmt das: Natürlich wäre ein stärkeres Wachstum der Dienstleistungen in Österreich und Europa hilfreich, und die Politik kann es – zum Beispiel durch eine liberalere Gewerbeordnung – befördern. Egalisieren lässt sich der dramatische Verlust von Industriearbeitsplätzen auf diese Weise aber nicht einmal in den USA, wo wegen der geringeren Produktivität mehr Menschen in der Industrie beschäftigt bleiben.

3. Der bisher erfolgreichste Weg, das Arbeitsvolumen zu steigern, ist keynesianisches Deficit Spending: Das vom Staat in die Wirtschaft gepumpte Geld kurbelt sie an. Das ist seit Jahrzehnten das Rezept der USA, während man den Europäern das „Nulldefizit“ predigt. Es gibt ernsthafte Argumente, etwa vom österreichischen Ökonomen Erich Streissler, dass diese US-Politik nicht dauerhaft gut gehen wird – aber die europäische geht schon jetzt nicht gut. Ich denke, dass maßvolles Deficit Spending nach wie vor ein sinnvolles Rezept ist, die Zunahme der Arbeitslosigkeit zu bremsen – beseitigen wird es sie nicht.

4. In jedem Land wird das anfallende Volumen menschlicher Arbeit irgendwie bewältigt. Das geht natürlich auch mit längeren Arbeitszeiten, nur muss es dann nach Adam Riese mehr Menschen geben, die gar keine Arbeit finden.
5. Arbeitszeitverlängerung ist Arbeitskostensenkung, aber um mit den Kosten Ungarns oder Tschechiens zu konkurrieren, müssten wir den 16-Stunden-Tag einführen. Das kann kein Rezept sein.

6. Arbeitszeitverkürzung bedeutet Arbeitskostenerhöhung. Da die österreichischen Arbeitskosten keine Erhöhung vertragen, muss der Lohn der Einzelnen bei Arbeitszeitverkürzung zumindest relativ sinken. Die Kaufkraft der Gesamtbevölkerung kann dennoch gleich bleiben, weil bei kürzeren Arbeitszeiten mehr Arbeitskräfte gebraucht werden.

7. Die Industrie behauptet, dass sie durch längere Arbeitszeiten, die ihr höhere Gewinne bescherten, mehr Arbeitsplätze schaffen könnte. Das ist durch die Erfahrung der letzten Jahre widerlegt: Die Unternehmensgewinne sind ständig massiv gestiegen, ohne dass deshalb mehr Arbeitsplätze geschaffen worden wären. Vielmehr haben die reichen Unternehmen stärker expandiert, und das ist auch volkswirtschaftlich richtig. Es ist nämlich keineswegs die „patriotische Pflicht“ von Unternehmen, Arbeitsplätze zu schaffen, sondern ihre erste Pflicht ist es, Gewinne zu erwirtschaften. Das geht im Allgemeinen eher durch den Abbau von Arbeitsplätzen. Wer das negiert, ist naiv.

8. Ein weiterer Weg, höhere Gewinne zu erzielen, besteht – insbesondere für Industrieunternehmen – darin, ihre Anlagen besser zu nutzen: Eine teure Anlage nicht nur 38,5 Stunden in der Woche, sondern im Idealfall rund um die Uhr zu nutzen ist betriebs- wie volkswirtschaftlich sinnvoll. Deshalb, und natürlich auch um Auftragsschwankungen abzufangen, will die Industrie zu Recht „Flexibilisierung“.

9. Allerdings bedeutet „Flexibilisierung“ weiteren Abbau von Arbeitskräften, wenn sie nicht mit einer starken Verkürzung der Arbeitszeit einhergeht, denn die 24 Stunden am Tag genutzte Anlage erledigt noch mehr Produktion pro Zeiteinheit.

10. Natürlich ist auch die „Auslagerung“ arbeitsintensiver Produktionen nicht aufzuhalten. Es ist verständlich, dass wir bedauern, dass der Audi TT in Ungarn statt in Österreich gebaut wird – nur ist es ebenso verständlich, dass es die Ungarn freut. Je rascher sich die neuen EU-Länder entwickeln, desto besser wird sich eine Zeit lang – bis sie diese Güter selbst erzeugen – der Export in diese Länder entwickeln. Es ist aber eine Illusion zu meinen, dass man die EU ständig um sehr arme Länder erweitern kann, ohne dass sie, zumindest für einige Zeit, etwas von unserem Reichtum absaugen.

Ich bin mir bewusst, dass dieser Text nur Probleme und keinerlei Lösungen aufzeigt. Aber man kann keine Lösungen finden, wenn man nicht wenigstens die Probleme ehrlich formuliert.