Lokalaugenschein in Österreich: Wrestling erlebt Imageschub durch Mickey Rourke

Mickey Rourke zeigt in „The Wrestler“ die tragischen Facetten des Sports, auch in Österreich ist Wrestling nicht viel mehr als eine bessere Volksfestattraktion. Wie die Erben des Heumarkts dennoch um Anerkennung ringen.

Von Sebastian Hofer

Das Geschäft brummt, im Sekundentakt wird die Ware unters Volk gebracht: Parkscheine, rote Marlboro, Rubbellose, weiße Marlboro, Lottoschein, mit Joker, vielen Dank. Ein kleiner Junge, vielleicht sechs, sieben Jahre alt, schleicht zur Kassa, die Schultasche schleift am Boden, er fasst sich ein Herz und murmelt den Riesen an, der hinter dem Tresen steht: „Wer hat beim Wrestling gewonnen?“ Der Riese gibt Auskunft, der Junge schleicht wieder davon. Der Riese heißt Andreas Wofinger, ist 34 Jahre alt, Trafikant und Wrestler. Nom de Guerre: Slash Power, Kampfgewicht: 120 Kilogramm.

Wrestling ist in Österreich eine Sportart des Randes , betrieben an der Peripherie, an Plätzen wie diesem: Wien-Brigittenau, im Niemandsland zwischen Handelskai und Frachtenbahnhof Nord. Vor Andreas Wofingers Trafik steht sein metallblauer Familienvan, niederösterreichisches Kennzeichen, auf den Seiten, in standesgemäß martialischem Schriftzug, der Name seines Vereins: Riotgas Wrestling Association, kurz: RWA. Drinnen steht Wofinger, lächelt freundlich, verkauft Parkscheine, Zigaretten, Rubbellose und erzählt von der österreichischen Wrestling-Szene. Am Flachbildschirm über ihm laufen Videos von vergangenen Kämpfen. Als Wofinger, der früher Radrennen fuhr und über einen Fitnessstudio-Bekannten zum Catchen kam, im Jahr 2003 die RWA gründete, war Wrestling in Österreich de facto ausgestorben.

Am Wiener Heumarkt , jahrzehntelang Schauplatz legendärer Catch-Events, hatte seit 1997 kein Kampf mehr stattgefunden, ein paar Veteranen tingelten noch durchs Land, traten auf Volks- und Feuerwehrfesten auf, kaum mehr als eine billige Jahrmarktsattraktion. Für Wofinger hingegen war Wrestling mehr, nämlich Leistungssport, Leidenschaft und Berufung. Nur, leider, kein Beruf: Von den knapp 20 heimischen Wrestlern, die regelmäßig in den Ring steigen, zum Beispiel in den österreichischen Wrestling-Hochburgen Enzersfeld (Bezirk Korneuburg) und Oberwaltersdorf (Bezirk Baden), können genau zwei von ihrem Sport leben: Michael Kovac aus Linz und der Superstar unter den heimischen Catchern, Chris „Bambikiller“ Raaber, der demnächst sogar in der amerikanischen Profiliga WWE auftreten soll – ein Traum, millionenschwer. Im wirklichen Leben, in Enzersfeld, Oberwaltersdorf und Wien-Brigittenau, haben Catcher Haupt- und Nebenjobs – zum Beispiel als Trafikanten oder Büroangestellte.

Doppelleben. Donnerstag, ein typischer Tag im Doppelleben des Andreas Wofinger: um fünf Uhr Früh in die Trafik, die er gemeinsam mit seiner Frau betreibt, in der Mittagspause Krafttraining (eineinhalb Stunden), zurück in die Trafik, abends zum Ringtraining nach Favoriten (zwei Stunden). In den Wochen vor einem Kampf absolviert der Jungvater neun Trainingseinheiten pro Woche. Die Familie kommt trotzdem nicht zu kurz: Sie hilft mit. Zwei bis drei Wrestling-Shows veranstaltet Wofinger im Jahr, im Schnitt für 500 bis 800, zuletzt sogar für 1400 Zuschauer. Finanziell rentiert sich die Sache trotzdem nicht, Wofinger muss die Preise niedrig und die Qualität hoch halten, das kostet Geld: „Die Leute sind übersättigt. Da muss man es schon ordentlich krachen lassen, beim Spektakel rundherum und auch im Ring selber. Ein Catcher muss nicht nur die Technik beherrschen, er muss aufs Publikum eingehen können, die Ausstrahlung ist das Wichtigste. Unsere Catcher müssen auffallen. Wenn einer den Raum betritt, müssen sich alle Leute nach ihm umdrehen. Da muss einer schon mindestens 100 Kilo wiegen, sonst hat das keinen Sinn.“

Das allein erklärt freilich noch nicht, war­um Wofinger regelmäßig Schwierigkeiten hat, für seine Shows genügend heimische Wrestler aufzustellen. Der Sport hat in Österreich ein veritables Nachwuchsproblem. Es beruht auf einem alten Missverständnis, meint Wofinger: „Viele sehr gescheite Zuschauer sind sich ja ganz sicher, dass Wrestling eine reine Show ist, die schnell erlernbar ist. Das sind dann die, die beim Training am schnellsten wieder aufgeben. Weil sie dann halt doch merken, wie hart die Sache wirklich ist.“

Echte Schläge. Ausgerechnet diesem Missverständnis verdankt Thomas Hradil seine Wrestling-Karriere. Hradil, Jahrgang 1982, 130 Kilogramm, Sachbearbeiter bei einem Bühnentechnikunternehmen, Gründer des Crazy Wrestling Club (CWC) und Teilzeit-Wrestler (als „Tom Crazy“), sitzt in einem Eckcafé in Wien-Favoriten, trinkt heiße Schokolade und erzählt von seiner Initiation in die Welt der Watschenmänner: „Ich habe nie wirklich Sport betrieben. Dann habe ich als Jugendlicher Wrestling kennen gelernt und mir gedacht: Gut, das ist eh alles gestellt, da kann ich wohl auch mitmachen. Ich habe dann aber ziemlich schnell herausgefunden, dass man doch einiges spürt.“

Davon abgesehen könne man die österreichische Szene mit den amerikanischen Spektakeln kaum vergleichen. Hierzulande gehe es, sagt Hradil, doch um einiges härter zu, authentischer eben, mit echten Schlägen, echtem Kampfgeist. Das beruht allerdings nicht auf dem überdurchschnittlich ausgeprägten Aggressionspotenzial österreichischer Catcher, sondern hat einen relativ banalen, weil pragmatischen Grund: „In den USA ist Wrestling ein Sport, von dem man leben kann. Dann muss man ihn aber auch konsequent betreiben und fünfmal in der Woche auftreten. Da bleibt keine Zeit zur Regeneration, und damit steigt natürlich die Verletzungsgefahr. Darum werden die Kämpfe vorher auch genau abgesprochen.“

Ohne Schmerz- und Aufputschmittel kommt trotzdem kaum ein US-Wrestler durch, ohne Anabolika auch nicht. Der Anti-Doping-Kampf hat die Wrestling-Szene noch nicht erreicht. Das hat buchstäblich fatale Folgen: Die Lebenserwartung unter US-Profi-Wrestlern liegt markant unter dem Durchschnitt, häufigste Todesursache: Herzinfarkt. Unter den prominenten Toten der amerikanischen Profi-Liga finden sich ehemalige Weltmeister wie Rodney Anoa’i alias Yokozuna, der im Oktober 2000 34-jährig einem Herzversagen erlag, oder Scott „Bam Bam“ Bigelow, der im Jänner 2007 mit 45 Jahren an einem Cocktail aus Kokain und Benzodiazepin verstarb.

Am 25. Juni 2007, kurz nach seinem 40. Geburtstag, wurde der kanadische Profi-Wrestler Chris Benoit tot im Keller seines Hauses in Fayetteville, Georgia, aufgefunden. Er hatte sich erhängt und zuvor Frau und Kind erwürgt. Die Behörden nahmen an, dass Benoits Tat psychische Probleme zugrunde lagen: Im Zuge der Obduktion stellte sich heraus, dass das Gehirn des Wrestlers – mutmaßlich durch die permanente Erschütterung im Ring – dem eines 85-jährigen Alzheimerpatienten glich. Womöglich liegt Mickey Rourkes Darstellung eines abgehalfterten, medikamentenabhängigen Catchers in dem Film „The Wrestler“ doch näher an der Realität, als mancher Kinobesucher annehmen möchte. Thomas Hradil bestätigt das gern: „Wenn ich mir heute Wrestling-Videos aus den neunziger Jahren anschaue, muss ich feststellen, dass 50 Prozent der Catcher inzwischen gestorben sind.“

Demgegenüber gleicht die österreichische Szene tatsächlich einer Insel der Seligen. Selbst die eifrigsten Wrestler stehen hier vielleicht nicht mehr als einmal pro ­Woche im Ring. Dazwischen bleibt Zeit zur Regeneration. Wer über genug Kampfgeist verfügt, kann auch im fortgeschrittenen Alter noch durchaus erfolgreich sein. Der legendäre Franz „Söldner“ Schlederer etwa hat erst Anfang Februar seine Karriere beendet – kurz vor seinem 53. Geburtstag. Das funktioniert, weil Wrestler auch im härtesten Duell auf ihren Gegner Rücksicht nehmen. Verständlicherweise: Bei dem doch recht überschaubaren Teilnehmerfeld wäre jeder Ausfall geschäftsschädigend. Andreas „Slash Power“ Wofinger bringt es auf eine Formel: „Ich muss auf meinen Gegner aufpassen, auch wenn ich ihm wehtue.“

Dazu kommt, dass die in den USA und vor allem in Japan sehr beliebten „Death Matches“ – in denen Glasscherben, Stacheldraht und Reißnägel zum Einsatz kommen – in Österreich nicht gegeben werden. „Das funktioniert hier überhaupt nicht“, sagt Thomas Hradil. „Wir sind hier eher auf eine Art Familiengefühl ausgerichtet. Sobald ein Catcher blutet, wird der Kampf abgebrochen. Ich sage immer: Wenn einer wirklich wresteln kann, braucht er das ganze Klumpert sowieso nicht.“

Rührend kindlich. Tatsächlich zeichnet den Wrestling-Sport eine rührende Kindlichkeit aus. Die verkleideten Protagonisten gleichen Vätern, die ihren Kleinkindern wilde Geschichten erzählen und dazu ebenso wilde Grimassen schneiden. Dem entspricht der übliche Altersschnitt im Publikum, auch wenn die Protagonisten Stein und Bein schwören, dass sich ihre Zuschauerschaft aus allen Alters- und Bevölkerungsgruppen rekrutiert. Mag sein: Viele Wrestling-Fans reisen mit ihren erwachsenen Begleitpersonen an. Letztlich beruht der Charme des Wrestlings wohl auf dieser seltsamen Dissonanz zwischen Harmlosigkeit und Schmerz, Lächerlichkeit und Leidensfähigkeit.

Ein Großmeister dieser Dissonanz geht seinem Gewerbe in einem Leopoldstädter Souterrainlokal nach: Gerhard Hradil alias „Humungus“, in der traditionellen Wrestling-Szene des Landes ein Name, der einem roten Tuch gleichkommt. Mittwochabend in Hradils Wrestling School Austria (WSA) in der Nähe des Pratersterns. Zwischen feuchten Backsteinmauern erläutert der Chef (schwarzer Kapuzenpulli, darunter reichlich tätowierte Glatze) einer Hand voll sechs- bis 13-jähriger Buben die Grundlagen der Catchkunst. Deren wichtigste: Wer unaufmerksam ist, wird zu zwanzig Liegestützen verdonnert. Fachmännisch verknotet der 45-Jährige seine Schüler zu kunstvollen Schwitzkastenskulpturen. Es riecht nach Schweißfüßen, ein Ghettoblaster spielt dunklen Heavy Metal. Ehrfürchtig verfolgen die Eltern der kleinen Kampfgeschosse das Spektakel.

Gerhard Hradil – übrigens der Cousin von Thomas „Tom Crazy“ Hradil – spielt mit sichtlicher Lust die Rolle des Provokateurs und sagt Dinge, die Wrestler eigentlich nicht sagen dürfen. Zum Beispiel: „Natürlich mache ich das in erster Linie fürs Geld.“ Oder: „Die Leute wollen Freaks sehen.“ Hehrer Sportsgeist, der Ehrenkodex des Leistungscatchers, ist Hradil fremd, fast erweckt er den Eindruck, dass Wrestling für ihn nur ein Wort ist: „Im Grunde machen wir hier nichts anderes als beim Judo- oder Karatetraining. Nur, dass wir halt keine japanischen Fachbegriffe verwenden, sondern englische. Ich mache seit 36 Jahren Kampfkunst, und letztlich läuft alles auf dasselbe hinaus. Mit dem Unterschied, dass ich beim Wrestling weniger durch Regeln eingeschränkt bin.“

Heumarkt-Würstel. Mit solchen Aussagen hinterlässt man in der hiesigen Szene eine Spur der Irritation. Wer im Gespräch mit anderen österreichischen Catchern die Wrestling School Austria erwähnt, erntet im besten Fall Kopfschütteln, im Normalfall Aggressionen. Dabei handelt es sich um einen echten Traditionsverein: Im vergangenen Dezember beging man – im Festsaal des Kolpingheims Al­sergrund, mit Buffet, Weihnachtsschmuck und Schaukampf – bereits das zehnjährige Jubiläum. Die große Provokation, der Tabubruch, fand freilich schon drei Monate früher statt.

Am 20. September 2008, nach über zehn Jahren Kampfpause, erlebte der heilige Boden des Wiener Eislaufvereins am Heumarkt erstmals wieder ein Wrestling-Match, veranstaltet von Gerhard Hradils WSA. Die Kämpfe waren zwar von Regen und Kälte beeinträchtigt, erhitzten aber die Gemüter: Das heimische Wrestling-Establishment distanzierte sich öffentlich von dem Schaukampf, die geplante Demonstration vor Ort scheiterte jedoch an bürokratischen Missverständnissen. Andreas Wofinger mag gar nicht dar­an denken. Was dieser Humungus – Wrestler sprechen sich gewohnheitsmäßig auch außerhalb des Rings mit ihren Künstlernamen an – so treibe, grenze an Rufschädigung. „Am Heumarkt erwarten sich die Leute die größten und besten Wrestler des Landes, und dann treten da solche Würstel auf. Solche Aktionen ruinieren unser Image.“

Sportsgeist gegen Geschäftemacherei , ehrliche Arbeit gegen Showeffekt, Gut gegen Böse: Die Welt des Wrestlings verläuft in eindeutigen Bahnen. In ihr gibt es keine Schattierungen, keine Vermischungen, sondern klares Weiß und Schwarz, die gute alte Rocky-Dramaturgie eben. Auf seinem Weg zum Glück steckt der Gute viele Schläge ein, auch einmal eine Niederlage, aber am Schluss, zum erlösenden Happy End, gewinnt er doch. Diesbezüglich ist man sich einig, in Hollywood und in Wien-Brigittenau.

Der Trailer zum Film "The Wrestler" mit Mickey Rourke