Olympia: London 2012 - Lob der Österreicher

London sehen und wieder heimfahren: Österreich war bei den Olympischen Spielen zwar nicht berauschend erfolgreich, damit aber immerhin mehrheitsfähig. Sebastian Hofer findet, dass das ruhig auch einmal honoriert werden sollte.

Alte Sportlerregel: Wer Gold will, muss sich anstrengen. Im 100-Meter-Sprint zum Beispiel sollte er unter 15,50 Sekunden bleiben, im Hochsprung die 1,10 Meter überwinden und die 5000 Meter in einer guten halben Stunde absolvieren. Letzteres ließe sich, wenn gewünscht, auch durch eine Zeit von unter viereinhalb Stunden im 20-Kilometer-Wandern ersetzen. Das Österreichische Sport- und Turnabzeichen in Gold (Grundstufe, Altersklasse: 40 plus) verlangt den Athleten wirklich einiges ab. Trotzdem nahmen im Vorjahr 307 Männer und Frauen alle geforderten Hürden und durften sich das ÖSTA-Abzeichen in Metall (Selbstbehalt: 2,90 Euro) oder Stoff (50 Cent) anstecken.

Dass unter ihnen auch 132 Nichtösterreicher waren, soll den Ruhm der Sportnation jetzt nicht weiter tangieren, es gibt in diesem Zusammenhang derzeit ohnehin genug andere Probleme. „Wir sind schlechter als Dschibuti“, analysierte das Problemblatt „Österreich“ Mitte der Vorwoche die österreichische Bilanz bei den Olympischen Sommerspielen von London, was zwar rein technisch nicht ganz richtig war (beide Nationen standen ex aequo bei null Medaillen), aber doch einen gewissen Selbstvertrauensverlust signalisierte. Man fühlte sich direkt an eine alte Weisheit des österreichischen Olympia-Maskottchens Hermann Maier erinnert: „Die Visionen waren so schnell weg wie bei einem Stromausfall. Oder wenn man den Fernseher abschaltet.“

Nun mangelte es den vergangenen Tagen zumindest in Wien zwar keineswegs an Stromausfällen, im Fernsehen liefen die Spiele trotzdem weiter, was allerdings auch wieder egal war, weil das Fernsehen die schönsten Momente von Olympia ohnehin beharrlich ausblendete. Wo, zum Beispiel, waren die Bilder von jenen beneidenswerten Leichtathletikfunktionären, die verschossene Pfeile, Hämmer und Diskusse auf ferngesteuerten Mini-Minis zu ihren Besitzern zurückkarren durften? Nur ihre Autos waren zu sehen, sie selbst mussten ihrer verdienstvollen Aufgabe in völliger Anonymität nachgehen; nicht einmal der ORF-Spontaninterviewvirtuose Michi Berger erkundigte sich, wie sie sich gerade fühlten und ob diese fantastische Kulisse etwas Besonderes für sie sei. Ein Glück, dass wenigstens die olympischen Heb-, Reiß- und Stoßabsturzabdecker kurz ins Bild huschen durften. Deren Aufgabe besteht, wie man seit vergangenem Mittwoch weiß, darin, im Fall eines unvorhergesehenen Gewichtheber-Malheurs zu viert vors Gewichtheberpodest zu strömen, ein Transparent mit dem Olympialogo zu entrollen und vor die Kamera zu halten. Ein Knochenjob! Ihr Auftritt kam diesmal während der Kür des deutschen Titelverteidigers Matthias Steiner, dem seine 196-Kilo-Hantel aufs Genick rutschte (Kommentar des Athleten: „Das war, als würde man einen Waschlappen auswringen, so hat sich die Wirbelsäule verdreht“). Steiner blieb übrigens unverletzt und gebürtiger Österreicher, Zweiteres wurde von österreichischen Sportjournalisten heuer allerdings etwas weniger oft betont als bei seinem Olympiasieg vor vier Jahren.

Aber warum immer nur über Siege reden? Warum nicht auch das Positive erwähnen? Österreich war bei den Olympischen Spielen von London erstmals seit Tokio 1964 wieder in der Mehrheit (was bei Winterspielen übrigens noch nie gelungen ist): Von insgesamt 204 Nationen absolvierten knapp mehr als die Hälfte die Spiele ohne Edelmetallgewinn. Und man kann durchaus die Meinung vertreten, dass diese Nationen den olympischen Geist wesentlich besser repräsentieren als die Ehrgeizler aus China, Großbritannien und den USA. Trotzdem wird in den nächsten Tagen wieder über Sinn und Zweck der heimischen Sportförderung debattiert werden, als gäbe es dafür nicht längst sehr elegante Lösungen. Andere Staaten sind in dieser Hinsicht wesentlich weiter. Zwecks Finanzierung seiner Vorbereitung auf London 2012 eröffnete etwa der neuseeländische Taekwondo-Kämpfer Logan Campbell kurz nach den Spielen von Peking ein Bordell (beziehungsweise eine „High Class Escort-Agentur“) und sorgte damit für genügend Medienpräsenz und damit Sponsoreninteresse, um in sein altes Milieu zurückwechseln und sich voll auf das Fußtritttraining konzentrieren zu können. Auch das aserbaidschanische Boxteam zeigte, wie modernes Sportsponsoring funktioniert: Laut einem BBC-Bericht überwies ein örtlicher Großinvestor einer Vorfeldorganisation des Amateurbox-Weltverbands AIBA neun Millionen Dollar, um ein erfolgreiches Abschneiden der aserbaidschanischen Teilnehmer sicherzustellen. Einige Kampfrichter schienen in den betreffenden Kämpfen tatsächlich etwas voreingenommen. Sportförderung funktioniert.

Leider kommen derart kreative Ansätze für österreichische Spitzensportler nicht infrage, in der Branche herrscht ein bedauerlicher Korrektheitszwang. Das zeigt das Beispiel des heimischen 1500-Meter-Läufers und Idiotenfrisurenträgers Andreas Vojta (nicht zu verwechseln mit einem fast gleichnamigen TV-Koch und Gelfrisurenträger), der während der Spiele zum unbestechlichen Antidopinghelden avancierte. Das ist nicht nichts. Andererseits aber auch nicht besonders viel. Bei einem Meeting in Stockholm im vergangenen Februar hatte Vojtas damaliger Zimmerkollege Amine Laalou (Marokko) den Fehler begangen, den Kollegen aus Österreich allzu ausführlich über seine speziellen Trainingshilfsmittel zu unterrichten. Vojta meldete den Vorfall, trainierte ohne Hilfsmittel weiter, wurde moralischer Sieger und über die 1500 Meter Sechsunddreißigster (von 43). Vojta: „Der Kopf war willig, das Fleisch leider schwach.“

Man muss sagen: Zum Glück! Nicht auszudenken, was passiert wäre, hätte Vojta überraschend das Siegertreppchen von oben gesehen. Im besten Fall hätte er sich vor lauter Begeisterung das Gesicht bemalt, im schlechtesten passend zu den Haaren. Das Schlimmste wäre ihm dann aber erst bevorgestanden: die Siegesfeier. Wo so etwas hinführen kann, zeigte der deutsche Diskus- und Disko-König Robert Harting, der erst auf seinem frühmorgendlichen Weg vom Pub ins Bett bemerkte, dass ihm seine Akkreditierungskarte „gestohlen“ worden war, und der deshalb die verbleibende Stunde bis zum Sonnenaufgang auf einer Haltestellenbank verbringen durfte. Auch der jamaikanische Ausnahmesprinter Usain Bolt musste nach seinem 100-Meter-Triumph bis drei Uhr Früh aufbleiben, bevor sich das zufällig in seinem Zimmer anwesende schwedische Damenhandballteam endlich mit ihm fotografieren lassen wollte. Und das waren jetzt nur die Seriengewinner und Siegesfeierprofis! Man stelle sich einen österreichischen Überraschungsolympioniken im Goldrausch vor. Wahrscheinlich wäre ihm beim Anstoßen eine 0,5-Kilo-Bierflasche ins Genick gefallen. Oder er hätte beim Umsteigen in der U-Bahn ein Wendemanöver vergeigt.

Insofern waren es die sichersten Spiele aller Zeiten. Das ist doch auch ein schönes Ergebnis. Und in Sotschi putzen wir Dschibuti, versprochen.