Für Deutschland wird es eng

Die Ironie der Augenbraue: der Autor und Komiker Dirk Stermann über den vergangene Woche 87-jährig verstor­benen Vicco von Bülow, der unter dem Namen Loriot deutsche Humor­geschichte schrieb.

Einfach eingeschlafen. Dass man als Künstler tatsächlich noch an Altersschwäche sterben kann … – Loriot ist der Gegenentwurf zu Amy Winehouse. Was sie auf dem Kopf trug, war bei ihm Augenbraue. Der Starnberger See ist nicht Camden. Dort aber, am See, saß Vicco von Bülow vulgo Loriot während seiner letzten Jahre, schaute aus dem Fenster und sah aus wie Opa Hoppenstedt. Man muss nicht früh gehen, um unsterblich zu werden.

„Ich geh jetzt mal mein Bild schief hängen“, posten traurige Fans. Und: „Ein Leben ohne Loriot ist möglich, aber sinnlos.“ Deutschen in Österreich hängt der Kopf nun doppelt tief. Wir, denen unterstellt wird, bestenfalls unterhalb eines Kellers lachen zu können, hatten mit Loriot eine Allzweckwaffe. „Moooment“, konnte man einwerfen, ihn imitierend. „Und was ist mit Loriot?“ Siegesgewiss konnte man das ­sagen. „Jaja“, kam’s dann zähneknirschend zurück. Ärgerlich, dass Loriot kein Österreicher war. Ralf Husmann, der Erfinder von „Stromberg“, schrieb in einem Nachruf: „Loriot musste Humor haben für den Rest der Deutschen. Jetzt haben wir gar keinen mehr. Jetzt werden wir auf absehbare Zeit nur noch fleißig sein, den Euro retten und die Umwelt!“ Loriot selbst sprach den Deutschen zwar den Humor nicht ab, allerdings sei der Komiker in Deutschland auf der Werteskala weit unten angesiedelt. Ganz oben stehe der Tragöde. Er wusste, wovon er sprach. „Dramatische Werke soll es seit etwa 2500 Jahren geben. Das kann stimmen, es gab in Berlin schon Theateraufführungen, als ich noch ein Kind war“, erinnerte sich Loriot einmal. Ein Fan formulierte nun den schönen Satz: „Linz pickt sich eine Gedenknudel ins Gesicht.“ Ist die Nudel im Gesicht tragisch oder komisch? Sie ist aus Mehl, und sie ist lustig. Menschen, die in Loriots naher Umgebung lebten, berichten, dass man in seiner Gegenwart glücklich werden konnte vor Lachen.

Kollege Grissemann und ich planten im Wiener Konzerthaus vor zwei Jahren eine Lesung mit Loriot-Texten. Die Dramaturgin des Hauses schrieb dem Diogenes Verlag, in dem Loriots Werke erschienen sind, fragte um die Rechte an. Tage später läutete ihr Telefon. Sie aß gerade Zwetschkenkuchen. Mit vollem Mund meldete sie sich, am anderen Ende sagte eine freundliche Stimme: „Bülow. Essen Sie gerade?“ – „Ja“, antwortete die Dramaturgin. – „A-ha“, sagte Loriot, wie wir ihn aus seinen Sketchen kennen. „Was essen Sie denn?“ – „Zwetschkenkuchen. Also: Pflaumenkuchen“, übersetzte die Frau am anderen Ende der Leitung. „Von meiner Mutter gebacken.“– „Ach“, antwortete Loriot und: „Mmh! Lecker. Ich liebe Pflaumenkuchen. Ich wünschte, ich könnte jetzt mit Ihnen zusammen den Pflaumenkuchen Ihrer Mutter essen.“ Sofort willigte er ein, dass wir seine Texte lesen dürfen. Ich war neidisch: Ich hätte auch gern mit Loriot über Pflaumenkuchen gesprochen. Ich sah ihn vor mir. Im karierten Tweedanzug auf grün gepolstertem Fauteuil, die mächtige Augenbraue erhoben. Vielleicht hätte er einen Schlagobersklecks am Nasenflügel? „Hildegard, bitte sagen Sie jetzt nichts.“ Beruhigend, wie er da so sitzt. Dass Humor im Sitzen machbar ist.

In einer Doku über Loriot findet sich die Sequenz, in der ihm eine Torte übers halbe Gesicht geschminkt wurde. Sehr kunstvoll drapierten die Maskenbildnerinnen ihm die Sahnemassen ins Gesicht, genau wie man Terminator Schwarzenegger einst zu einem Mischwesen aus Steirer und Roboter schminkte. Loriot saß reglos und ernsthaft da, unglaublich präzise gab er Anweisungen, wie genau die Torte auf ihm zu verschmieren und aufzuhäufen sei. Nie sah eine Torte im Gesicht eines kultivierten Herrn präziser aus. Da verstand ich sein berühmtes Zitat: „Die Torte im menschlichen Antlitz ist einer der bedeutendsten Einfälle des internationalen Humors.“

Robert Gernhardt ist auch tot. Für Deutschland wird es eng. Es muss aber Menschen geben, die Gedichte schreiben, die die „Grenzen der Menschheit“ ausloten. So wie Loriot: „Ich muss die Nase meiner Ollen / An jeder Grenze neu verzollen.“ In Brandenburg an der Havel wurde er geboren, hatte aber angeblich keine besonderen Erinnerungen an seine Geburt. In Brandenburg an der Havel gehen die Brandenburger heutzutage ins benachbarte Polen zum Friseur, sodass Brandenburg an der Havel selbst seltsam friseurlos ist. Mit Grissemann und unserem Tourtechniker war ich einmal dort. Wir erlebten nichts. Da ging es uns wie dem Ort selbst. Am nächsten Tag sollten wir in Frankfurt an der Oder auftreten und reisten über Polen. Ich sagte meinen Kollegen, sie sollten jetzt mal gut aufpassen: Denn in Polen, da gäb’s die schönsten Frauen der Welt. Wir fuhren über die Grenze, aus dem Unterholz wankten Waldnutten auf uns zu, noch Zweige, Moos und Blätter in ihrer reizlosen Reizwäsche. Sie sahen aus wie Hammerwerferinnen, die sich als Loriots langjährige Sketchpartnerin Evelyn Hamann verkleidet hatten. Wir mussten lachen. „Es saugt und bläst der Heinzelmann, wo Mutti sonst nur saugen kann.“

Die wunderbare Evelyn Hamann starb 2007, nur 65 Jahre alt. „Liebe Evelyn!“, sagte Loriot damals. „Dein Timing war immer perfekt – nur heute hast du die Reihenfolge nicht eingehalten. Na warte!“ – Was die wohl nun zu hören bekommt? Eines ist sicher: Sie wird in seiner Gegenwart glücklich werden. Vor Lachen.

Dirk Stermann, 45, lebt als Kabarettist, Schauspieler und Buchautor in Wien. Mit seinem Roman „Sechs Österreicher unter den ersten fünf“ gelang ihm jüngst ein Bestseller.

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Die Welt als Knolle und Vorstellung

Liebevoll, feinsinnig, gepflegt: Sven Gächter über ein fundamentales Missverständnis in der landläufigen Loriot-Verehrung.

Der Tod des Jahrhunderthumoristen Vicco von Bülow alias Loriot wurde in Deutschland unter allen Auspizien eines Staatstrauerfalls gewürdigt. Nicht nur Weggefährten und Feuilletonisten erwiesen ihm die gebotene Ehre, auch die Spitzenpolitik fand angemessen salbungsvolle Worte: Deutschland verliere einen „lebensklugen Beobachter menschlicher Schwächen“, erklärte Bundespräsident Christian Wulff. Kanzlerin Angela Merkel pries einen „feinsinnigen“ und „hintergründigen“ Klassiker, dessen Werk „Jung und Alt noch sehr lange zum Lachen und zu mancher Erkenntnis über das Wesen der Deutschen bringen“ werde: „Loriots einmalige Fähigkeit, uns liebevoll den Spiegel vorzuhalten, wird uns fehlen.“

Auf diesen zärtlichen Grundton waren alle Nachrufe gestimmt; sie bezeugten eine Wertschätzung, die Loriot zu Lebzeiten in sämtlichen Rankings der populärsten Deutschen die Poleposition sicherte, woran sich auch nach seinem stillen Abgang nichts ändern wird. In Wahrheit beruht die ungeteilte und auffallend eindimensionale Liebe der Deutschen zu Loriot auf einem produktiven Missverständnis: Wer es gut mit den Menschen meint, der darf ihnen auch den Spiegel vorhalten, solange er dabei „feinsinnig“, „hintergründig“ und „liebevoll“ – mit einem Wort: harmlos – bleibt. Vicco von Bülow war distinguiert und verschlagen, aber auch harmonieselig genug, um dieses Missverständnis niemals aufzuklären, sondern im Gegenteil daraus Kapital für ein epochales Lebenswerk zu schlagen. Auf den humoristischen Grandseigneur reduziert zu werden störte ihn als geborenen Grand­seigneur wenig, gab es ihm doch die Freiheit, eine ganz besondere Spielart der Anarchie zu entwickeln.

Loriots beste Sketches (Das Frühstücksei, Bettenkauf, Herren im Bad, Liebe im Büro, Salamo-Konzert, Benimmschule, Flugessen, Die Nudel, Die Sahnetorte, Kosakenzipfel, Die Jodelschule, Weihnachten bei Hoppenstedts und Dutzende mehr) haben die existenzialistische Sprengkraft der frühen Stücke von Eugène Ionesco („Die kahle Sängerin“, „Die Stühle“): In der Absurdität des Alltags, vor allem der alltäglichen Dialoge, wird nicht weniger als die Tragikomik der condition humaine abgebildet. Die verzweifelte Sehnsucht nach Ordnung führt immer und unabwendbar ins nackte Chaos. Diese kleine, aber umso fatalere Fallhöhe hat Loriot obsessiv und lustvoll ausgemessen wie niemand sonst. Er wurde dafür gefeiert, der landläufigen Spießigkeit ein sympathisches Gesicht gegeben zu haben; tatsächlich inszenierte er Spießigkeit als eine zum Schreien komische Hölle auf Erden.

Lange Zeit gehörte es unter deutschen Bühnensatirikern zum guten Ton, Loriot als unpolitisch und somit nicht satisfaktionsfähig zu belächeln. Das Satireverständnis dieser Herrschaften beschränkte sich in der Regel darauf, die Namen amtierender Spitzenpolitiker in den Mund zu nehmen, dumme Grimassen zu schneiden und dies für einen substanziellen Beitrag zu angewandter Systemkritik zu halten. In Wahrheit hatte ­Loriot die 68er-Maxime, wonach alles Politische im Privaten festzumachen sei, selbst schon früh und spielerisch ­radikal umgesetzt.

Unter dem Titel „Er hat es uns immer wunderbar leicht gemacht“ schrieb die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, Loriot habe „nach der schwarzen Zeit der Hitler-Herrschaft und dem Zweiten Weltkrieg“ die Deutschen wieder das Lachen gelehrt. Eine gedanken- und pietätlosere Nachrede ist kaum denkbar; sie pervertiert die nationale Verehrung für Vicco von Bülow geradezu ins Rufmörderische, so als könnte man dem soignierten Herrn nicht dankbar genug dafür sein, der Kollektivschuld des Holocaust lustige Knollennasen und munter im Gesicht verrutschende Nudeln entgegengesetzt zu haben. Es wurde immer auch aus den falschen Gründen über Loriot gelacht. Er war viel zu hintergründig, um sich dagegen zu wehren.