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Die Frauen in Top-Jobs werden weniger, die Einkommensschere geht auf – warum?

Trauriges Ergebnis des kürzlich veröffentlichten EU-Genderberichts: In Österreich haben die Frauen an beruflichem Terrain nicht dazugewonnen, sondern verloren. Während im EU-Schnitt der Frauenanteil im höheren Management zwischen 2001 und 2006 von 30,1 auf 32,6 Prozent gestiegen ist, sank er in Österreich von 30,3 auf 28,7 Prozent. Gleichzeitig ging die Einkommensschere zuungunsten der Frauen weiter auf: Statt 18 Prozent wie im Jahr 2001 beträgt der Lohnabstand zwischen Frauen und Männern nun 20 Prozent.

Woran liegt es? Zu einem nicht unerheblichen Teil sicherlich an der hierzulande schweren Vereinbarkeit von Beruf und Kindern. Österreich ist ein Land der Halbtags­schulen, der Halbtagskindergärten (im ländlichen Bereich) und der immer noch fehlenden Betreuungsplätze für Kleinkinder. Nach wie vor sind Kinder und Karriere einander ausschließende Konzepte – allerdings nicht für Männer, sondern bloß für Frauen. Denn Österreich ist zudem ein patriarchales Land mit einem sehr konservativen Mutterbild. Das zeigt auch eine Studie, die im Rahmen der Evaluierung des Kinderbetreuungsgeldes erstellt und jetzt vom Österreichischen Institut für Familienforschung veröffentlicht wurde.1) Befragt wurden dafür eintausend Personen im Alter von 18 bis 70 Jahren, und herausgekommen ist eine nur vordergründig moderne Haltung, die alte Rollenzuweisungen mit vermeintlich zeitgeistigen Zugeständnissen aufputzt.

Konkret: Die Mehrheit der Befragten fand einerseits, dass eine Mutter möglichst den ganzen Tag mit ihren Kindern zubringen sollte, vor allem, solange sie klein sind. Andere Betreuungspersonen sollten zwar ebenfalls einbezogen werden, aber wenn die Präferenz auf einer Betreuungsperson läge, dann sei dies die Mutter. Eine Erwerbstätigkeit von Müttern mit Kleinkindern wurde von jedem bzw. jeder zweiten Befragten negativ beurteilt.
Andererseits fanden drei Viertel die Erwerbstätigkeit von Frauen sehr wichtig, und eine Mehrheit vertrat die Ansicht, dass Mütter grundsätzlich keine besseren Betreuungspersonen seien als Väter, die sich gleichberechtigt um die Kinder kümmern sollten (wenngleich sich die Väter selber eher als Bezugs- denn als Betreuungspersonen sahen).

Zudem waren sechs von zehn Befragten der großzügigen Meinung, dass Mütter einige Stunden pro Tag für sich allein haben und auf ihre eigene Zufriedenheit achten sollen. Wie das alles zusammengeht? Eigentlich gar nicht. Offensichtlich hat die Mehrheit der Befragten schlicht altvaterische Vorstellungen, die bloß dahin gehend relativiert werden, dass man den Müttern zugesteht, sich’s auf eigene Faust auch irgendwie anders zu richten – wie, bleibt ihre Sache. Soll sie sich halt Zeit für sich nehmen, die Mutter! (Woher? Ist ihr Problem.) Soll sie halt dazuschauen, dass sie zufrieden ist! (… solange sie ihren Posten nicht verlässt.) Ja, andere Verwandte dürfen auch nach dem Kind schauen! (Aber sie muss dabei sein.) Hat niemand was dagegen, dass sie Geld verdient, im Gegenteil! (Das Kind versorgen muss sie trotzdem.) Und, scheinbar ganz im Sinne der Geschlechteregalität: Nicht, dass sie’s besser könnte als der Vater! (Machen soll sie’s halt).

Keine gute Bewusstseinsbasis für berufliches Engagement und berufliches Vorankommen von Frauen, die auf Kinder nicht verzichten wollen. Dazu schlägt sich ein deutlicher Mangel an Vollzeit­arbeitsplätzen in ländlichen Regionen. Zusammen mit fehlender Kinderbetreuung in erreichbarer Nähe führt das dazu, dass Frauen vermehrt und schlecht bezahlt Teilzeit arbeiten. Allerdings ist es auch für kinderlose Frauen nicht leicht, in Führungspositionen vorzustoßen. Gern wird das auf mangelnde oder falsche, weil wirtschaftlich uninteressante Qualifikationen zu­rück­geführt – zu Unrecht. An die gläserne Decke stoßen auch diejenigen, die gleich oder besser qua­lifiziert mit Männern um einen begehrten Posten rittern. Immer noch ist die Personalpolitik vieler Firmen darauf ausgerichtet, mehr oder weniger versteckt Männer zu fördern und in höhere Positionen zu hieven.
In manchen Staaten steuert man mit gesetzlich festgelegten Quoten dagegen. Oft zitiertes Beispiel ist Norwegen, wo es eine gesetzlich verankerte Verpflichtung gibt, Aufsichtsräte zu mindestens 40 Prozent mit Frauen zu besetzen. Bei uns stößt das auf heftige Ablehnung. „Hirn statt Quote“ forderte dieser Tage Anna Maria Hochhauser, die Generalsekretärin der Wirtschaftskammer Österreich, als Reaktion auf den EU-Genderbericht. Denn: Es gehe nicht um Mann oder Frau, sondern darum, den (!) Bestqualifizierten zu finden.

Ein altes Lied. Bloß: Was heißt es, wenn als angeblich Bestqualifizierte zunehmend – und derzeit zu mehr als 70 Prozent – Männer gefunden werden? Dass es den Frauen trotz – statistisch belegter – hervorragender Studienabschlüsse an Hirn mangelt? Oder dass vielleicht nur unter Männern gesucht wurde? Gestiegen ist übrigens die Quote der Unternehmerinnen in Österreich. Vierzig Prozent der 2007 neu gegründeten 30.500 Firmen gehen auf Gründerinnen zurück. Grund zum Jubel? Hm. Überwiegend handelt es sich dabei um Kleinstbetriebe (bis hin zum Ein-Personen-Unternehmen).
Das stellt zwar dem Tatendrang der Frauen ein gutes Zeugnis aus, zeigt aber zugleich, dass sie ihre Qualifikationen und Ambitionen in großen Betrieben offenbar nicht entsprechend ein- und umsetzen können.