Luftfahrt: Götter in Blau

Die Streiks der vergangenen Woche haben vor allem eines deutlich gemacht: Die Austrian-Piloten haben gelernt, ihre Macht ungeniert auszuspielen. Mit herzlich wenig Rücksicht auf das eigene Unternehmen und die Kollegen.

„Pilotsein ist für viele Menschen der Traumberuf schlechthin. Hoch über den Kontinenten und Ozeanen von einem Ort zum anderen fliegen. Man kommt in der Welt herum, lernt viele Menschen und fremde Kulturen kennen. Piloten sind Manager, IT-Spezialisten, Meteorologen, Funker und leben auf Du und Du mit dem Fortschritt der technischen Entwicklung.“
Auszug aus der Austrian-Homepage

Vagn Sørensen wirkte fast ein wenig eingeschüchtert. „Diese Art von Aggression, diese extrem harten Maßnahmen und Worte und diese anderen Dinge bis hin zum Mobbing waren schon überraschend und haben mich sehr getroffen“, bekannte der Vorstandschef der Austrian-Airlines-Gruppe betreten. Theoretisch stehen die drei im Konzern zusammengefassten Gesellschaften, Austrian, Lauda Air und Austrian Arrows, unter dem Kommando des Dänen. Doch seit Wochen bestimmen andere die Gangart: die 482 Piloten von Austrian.

Vergangene Woche hatte deren Betriebsrat bereits zum zweiten Mal zum Streik aufgerufen, nachdem Verhandlungen über die Neuregelung ihrer Entlohnung gescheitert waren. Und sie verharrten so lange im passiven Widerstand, bis der Vorstandschef zu ersten Zugeständnissen bereit war. Erst als Sørensen die im Zuge der Eskalation gemachte Androhung von Entlassungen und Schadenersatzklagen zurücknahm und auch „neuen Spielraum“ für die Verhandlungen zusicherte, nahmen die Piloten ihre Arbeit und in der Folge auch die Verhandlungen wieder auf. Und sie verabsäumten es auch nicht, darauf hinzuweisen, dass der Vorstand auf ihr Wohlwollen angewiesen sei. Bord-Betriebsratschef Rudolf Novak: „Das gilt natürlich nur, sofern die Verhandlungen in die richtige Richtung gehen. Es kann aber immer sein, dass etwas explodiert. Heute reicht ein SMS an die Belegschaft, und zwei Stunden später sind alle wieder im Streik.“

Über 7700 Mitarbeiter sind in der Airline-Gruppe beschäftigt. Eine vergleichsweise kleine Gruppe von nicht einmal 500 Leuten vermochte den Betrieb lahm zu legen und verursachte dadurch einen Schaden von angeblich mehr als vier Millionen Euro. Denn wenn die ausschließlich aus Piloten bestehende Spitze des Betriebsrats Bord zum Streik ruft, gilt ihr Kommando auch für die 1200 Flugbegleiter. „Nicht dass wir hinter deren Forderungen stehen, aber wir werden mit teilweise gar nicht so sanftem Druck gezwungen mitzuziehen“, klagt eine 37-jährige Stewardess, die nicht namentlich genannt werden möchte.

Piloten sind Macht gewöhnt – und tun sich beim Unterordnen entsprechend schwer. An Bord einer Maschine sind sie Herr über bis zu zehn Mitarbeiter und hunderte Fluggäste. „Wenn die Türen erst geschlossen sind, geschieht nichts ohne das Einverständnis des Kapitäns“, bestätigt Rudolf Novak, Vorsitzender des Betriebsrats Bord bei Austrian. Ob eine Maschine startklar ist, entscheidet ausschließlich der erste Mann im Cockpit. Wenn er befindet, dass der Ausfall eines von mehreren Versorgungsaggregaten oder ein blinkendes Kontrolllämpchen ein Risiko darstellt, bleibt die Maschine am Boden. Selbst wenn die Techniker anderer Meinung sind. „In so einem Fall wird der Flugbetriebsleiter vom Tag beigezogen. Doch auch der kann nur raten und den Piloten zu nichts zwingen. Genauso wenig wie das Management“, berichtet Gerhard Soural, Flugbetriebsleiter und Chef der Langstreckenflotte.

Auch die teilweise über 300 Passagiere an Bord eines Airbus A 340, wie Soural sie fliegt, sind quasi in seiner Macht: „Wenn etwa ein Passagier betrunken oder sonst in schlechter Verfassung ist, entscheidet der Kapitän, ob er mitfliegen darf oder aussteigen muss.“ Selbst die Freiheit der Fluggäste könnte der Cockpitchef beschneiden. Novak: „Er hat sogar die Polizeigewalt über die Passagiere. Falls jemand randaliert, gibt es sogar Handschellen an Bord, damit er festgenommen werden kann.“

Auch die Kabinencrew ist dem uneingeschränkten Kommando des Kapitäns auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Teils sogar in ihrer Freizeit. Wenn etwa eine Langstreckenmaschine zwei oder drei Tage Zwischenstopp einlegen muss, ehe sie auf die Heimreise geschickt wird, müssen die Flugbegleiter dem Herrn Piloten brav darüber Rechenschaft ablegen, wo sie sich aufhalten. Zu viel der Macht? Nein, meint Soural. Schließlich habe der Kapitän „die Verantwortung für die Crew, muss also auch wissen, wo die Mannschaft ist“.

Elitedenker. Den Dienst im Cockpit definiert Novak „nicht nur als Job, sondern als Berufung“. Zudem sind Piloten auch überaus stolz auf ihre Qualifikationen und Fähigkeiten, wie Flottenchef Soural nachsetzt: „Der Pilot muss jederzeit eingreifen können, wenn der Computer ausfällt. Er muss Wetterkarten lesen und entscheiden, ob eine Turbulenz ein Sicherheitsrisiko darstellt. Und natürlich muss er die Luftfahrtsprache Englisch beherrschen.“

Die Austrian-Piloten nehmen aber noch mehr als das für sich in Anspruch. Sie definieren sich im internationalen Vergleich sogar ganz dreist als die Eliteeinheit. „Dass wir das sind, wage ich locker zu behaupten“, meint Betriebsratschef Novak. „Unsere Leute müssen immer wieder einspringen, wenn bei anderen Airlines Not am Mann ist. Und der Flugzeugbauer Airbus fordert unsere Leute sogar als Ausbilder an.“ Derzeit hätte sich sogar die deutsche Lufthansa einige Leute „ausgeborgt“, die dort für zwei Jahre Dienst tun.

Solche Anerkennung stärkt naturgemäß das Selbstbewusstsein. Bei manchen scheinbar sogar ein wenig zu sehr. „Einige von denen glauben, wir sind nur an Bord, um sie hinten und vorne zu bedienen“, klagt eine Flugbegleiterin. Zu sagen wagt sie das aber keinem der Herren mit den schmückenden Goldstreifen am Ärmel. Auch Kabinenchefin Alexandra Hainz, gewissermaßen oberster Boss aller Flugbegleiterinnen, entschlägt sich eines Kommentars über die Rolle der Machthaber aus dem Cockpit: „Ich möchte dazu gar nichts sagen.“

Ausgezeichnete Linie. Tatsächlich können die Austrian-Piloten für sich in Anspruch nehmen, dass sie – so sie nicht gerade streiken – einen guten Job machen. Derzeit durchläuft die Mannschaft eine eingehende Überprüfung durch die International Air Transport Association (IATA), einer weltweiten Dachorganisation aller Fluglinien. Am Ende des Prozesses soll ein eigenes Qualitätszertifikat stehen.

Flugbetriebsleiter Soural: „Derzeit gibt es nur zwei Airlines, die diesen Prozess durchlaufen. Und die Chancen stehen gut, dass wir das Prüfsiegel als erste Linie weltweit bekommen.“
Austrian-Flugzeuge gelten als überdurchschnittlich sicher und außergewöhnlich zuverlässig. Auch der Bordservice wird offenbar geschätzt. Erst im September veröffentlichte das deutsche Wirtschaftsmagazin „Capital“ eine Umfrage über die aus Sicht der Leser besten Fluglinien. Einmal mehr landete Austrian dabei auf einem Topplatz und musste sich lediglich der Schwestergesellschaft Lauda geschlagen geben. „Wir zählen sicher zu den Besten“, meint auch Flugbetriebsleiter Soural mehr als nur selbstbewusst. Ein Austrian-Pilot würde, so Novak, „jederzeit anderswo einen Job finden, wenn er von uns wegwill oder -muss.“

Das ausgeprägte Ego der Austrian-Kapitäne und Co-Piloten dürfte auch in der Auseinandersetzung mit dem Vorstand eine nicht ganz unwesentliche Rolle spielen. „Wir sind sicher nicht einzuschüchtern“, so Novak, „und wir lassen uns natürlich auch nicht so leicht dagegenreden.“

Nicht von Passagieren. Nicht vom Vorstand. Und schon gar nicht vom Kabinenpersonal. Wenn es gilt, für die Gehälter der Elitetruppe aus dem Cockpit zu streiken, müssen auch die Flugbegleiter mitziehen. Streikbrechern wird dem Vernehmen nach mitunter ganz schön zugesetzt. Als bekannt wurde, dass eine Maschine trotz Streiks nach New York gestartet war, sollen streikende Piloten erst die Einsatzstelle, die so genannte Crew-Control, erfolglos zur Herausgabe der Namen gedrängt haben. Über das Hotel in New York seien die Namen schließlich ausfindig gemacht worden. Wenig später fanden sich die Abtrünnigen bereits auf der Homepage des Bordbetriebsrats wieder – angeprangert als Streikbrecher. Novak dazu: „Das haben aber nicht wir hineingestellt, sondern ein nicht zum Betriebsrat gehörender Kollege.“

Aus Angst vor Repressalien hätte man die New-York-Crew letztlich sogar bis auf weiteres vom Dienst freigestellt.
Novak und dessen Betriebsratskollegen bestreiten die Anwendung von Repressalien gegen Abweichler: „Da geistern teilweise Räubergeschichten herum, die völliger Schwachsinn sind.“ Um seine Sicherheit müsse sich niemand sorgen, aber, so der Betriebsratschef: „Ein leichtes Los haben Streikbrecher jetzt sicher nicht.“