Blöd gesurft? Die Folgen digitaler Medien fürs Gehirn

In seinem aktuellen Bestseller "Digitale Demenz“ warnt der deutsche Neuropsychiater Manfred Spitzer vor den gehirnverödenden Folgen der digitalen Medien.

Seine dramatische Diagnose: "Digitale Medien machen süchtig. Sie schaden langfristig dem Körper und vor allem dem Geist. Wenn wir unsere Hirnarbeit auslagern, lässt das Gedächtnis nach. Nervenzellen sterben ab, und nachwachsende Zellen überleben nicht, weil sie nicht gebraucht werden.“ Ist es wirklich so schlimm? Peter Dal-Bianco, Facharzt für Neurologie und Psychiatrie und Leiter der Spezialambulanz für Gedächtnisstörungen und Demenzerkrankungen am AKH Wien, gibt Entwarnung.

profil: Schaden digitale Medien und Technologien dem Gehirn?
Dal-Bianco: Nein. Das hier (deutet auf sein iPhone, Anm.) ist so etwas wie mein erweiterter Hippocampus. Das menschliche Gehirn ist in erster Linie kein Informationsspeicher, sondern ein Informationsgestalter. Für diese Gestaltung braucht es Material, und das liefert ihm das Internet in unvergleichlicher Vielfalt. Eine Vergrößerung des Angebots kann nicht schlecht sein.

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Manfred Spitzer warnt insbesondere vor den Gefahren des dauernden Multitaskings.
Dal-Bianco: Ich habe Spitzers Buch nicht gelesen und kenne seine Argumentation also nicht im Detail. Aber es muss schon betont werden, dass Multitasking eine Art Ganglientraining darstellt. Und wer häufig ins Fitnessstudio geht, trägt auch nicht zwangsläufig Muskelschäden davon. Ich sehe in den digitalen Medien sehr viele Vorteile. Der mobile Hippocampus in Form eines Smartphones bedeutet in der Gedächtnisentwicklung einen Vorwärtssprung um Jahrhunderte. Als Gutenberg den Buchdruck erfand, wurde vor dem Lesen gewarnt: Man verplempere Lebenszeit damit und verliere den direkten Kontakt zur Natur. So schlimm ist es nun wirklich nicht gekommen.

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Ein weiterer Kritikpunkt lautet: Digitale Medien beschädigen unsere sozialen Fähigkeiten.
Dal-Bianco: Einspruch! In der digitalen Welt wird die Isolation doch erst eigentlich überwunden. Ich vergleiche das gern mit der Erfindung des Mopeds. Früher mussten die Leute in ihren eigenen Gebirgstälern bleiben und Inzucht betreiben. Mit dem Moped können sie über den Berg ins nächste Dorf fahren. Klar kommt es dabei auch zu tödlichen Unfällen. Aber die Vorteile überwiegen doch eindeutig.

(Red)