Systemausfall

Eine alte Frage stellt sich neu: Macht uns das Internet dumm? Die ersten Langzeitstudien offenbaren: Bei falscher Nutzung verlernt das Gehirn menschliche Grundkompetenzen. Forscher schlagen Alarm.

Von Tina Goebel und Anna Goldenberg

Der 16-jährige Wiener Emanuel Hess verfügt über eine beachtliche technische Grundausstattung: einen großen iMac-Rechner, einen MacBook-Pro-Laptop, ein Asus-Notebook, einen Sony-VAIO-Laptop, ein iPhone, einen iPod touch und einen iPod classic. Mithilfe der Geräte ist der Schüler rund um die Uhr mit seinen Freunden vernetzt, im Multitasking ist er Meister. So flimmert oft ein Video auf einem der großen Bildschirme, während er auf dem Notebook oder iPhone mit seinen Freunden via Facebook oder Skype kommuniziert und nebenbei noch Hausübungen macht. Ein typischer Teenager also. Missen möchte Emanuel die moderne Technik nicht mehr: "Karl Marx hat einmal gesagt, dass Religion Opium für das Volk ist. Ich glaube, dass heute Information das Opium ist.“

Seit Beginn des Informationszeitalters fragen sich Wissenschafter: Was macht die Nutzung der neuen Technologien mit unserem Gehirn? Macht uns die permanente Verfügbarkeit von Suchmaschinen und Daten dumm? Nimmt unsere Gedächtnisleistung ab? Oder hat das Internet auch positive Auswirkungen, werden wir durch seine Nutzung intelligenter? Immerhin rückt die Menschheit durch permanente globale Kommunikation näher zusammen, sorgt für mehr Demokratie, wie die über Twitter und Facebook gesteuerten Revolutionen des arabischen Frühlings im vergangenen Jahr gezeigt haben. Die Wissenschaft sagt: In all diesen Fragen steckt ein wahrer Kern.

Vor allem die Frage, wie sich die digitale Vernetzung auf die Köpfe der Jugendlichen auswirkt, steht im Mittelpunkt wissenschaftlicher Studien. Deshalb wurden beim jüngsten Kongress der amerikanischen Psychologen erstmals alle Studien zusammengetragen, die sich mit der Frage beschäftigen, wie soziale Netzwerke das Leben der Jugendlichen verändern. Das Fazit der Forscher: Das Internet würde die Persönlichkeit nicht verändern, wohl aber gewisse Neigungen verstärken. Damit ergeben sich positive sowie auch negative Effekte.

Zu den negativen zählen:

Teenager, die häufiger als ihre Altersgenossen Facebook nutzen, zeigen öfter narzisstische Tendenzen, junge Erwachsene mit starker Facebook-Präsenz dazu des Öfteren auch Anzeichen anderer psychischer Störungen, wie antisoziales Verhalten, Manie und Aggression.

Die tägliche übermäßige Nutzung neuer Medien und Technologien hat negative Auswirkungen auf die Gesundheit aller Kinder und Jugendlichen, sie sind unruhiger und ängstlicher, neigen eher zu Depressionen und zeigen Anzeichen künftiger Gesundheitsprobleme.

Facebook kann das Lernen stören und sich negativ auf die Leistung auswirken. Eine Studie über amerikanische Mittelschüler zeigte, dass jene, die etwa alle fünfzehn Minuten ihre Facebook-Seite besuchten, in der Schule deutlich schlechter abschnitten.

Bei Internetsucht sterben Hirnzellen ab, da viele übliche Lebensgewohnheiten vernachlässigt werden. Die Sucht konzentriert sich meist auf einen der folgenden drei Bereiche: Kommunikationsplattformen, Computerspiele oder sexuelle Inhalte.

Zu den positiven Effekten konstatieren die Forscher:

Junge Erwachsene, die mehr Zeit auf Facebook verbrachten, waren fähiger, "virtuelle Empathie“ auszudrücken.

Soziale Netzwerke können introvertierten Teenagern helfen, sich im Schutz des Bildschirms oder Handys zu sozialisieren.

Soziale Netzwerke fördern die Entwicklung neuer spannender und effektiver Lernstrategien.

Im Zentrum der jüngsten Debatte stehen aber vor allem Aussagen der britischen Hirnforscherin Susan Greenfield, die in einem Interview einen Zusammenhang zwischen der Zunahme von Autismus und Internetnutzung hergestellt hat. Im profil-Gespräch wehrt sich die Wissenschafterin gegen die heftige Kritik, mit der sie sich in der Folge konfrontiert sah: "Ich habe nie von einem kausalen Zusammenhang gesprochen, sondern nur gesagt, dass es Diskussionsbedarf gibt. Wir wissen, dass Menschen im autistischen Spektrum bevorzugt und souverän im Internet agieren.“

Zu einem eindeutigen Ergebnis kam eine groß angelegte Metastudie des sozialwissenschaftlichen Instituts der Universität Michigan, bei der Daten von insgesamt 14.000 amerikanischen College-Studenten analysiert wurden: Heutige Studenten zeigen deutlich weniger Empathie als Studenten vor zwanzig oder dreißig Jahren. Die Empathie-Kurve sank besonders deutlich nach dem Jahr 2000 - als das Internet endgültig den Alltag eroberte.

Bei der Untersuchung wurden die Studenten beispielsweise gefragt, ob sie Sätzen wie "Manchmal versuche ich meine Freunde besser zu verstehen, indem ich mir vorstelle, wie Dinge aus ihrer Perspektive betrachtet aussehen“ zustimmen würden. Verglichen mit jenen Studenten, die in den späten siebziger Jahren die Unis frequentierten, konnten die befragten Studiosi im Laufe der Zeit immer seltener solchen Sätzen zustimmen. Auch das Mitgefühl, vor allem für weniger Betuchte, nahm rasant ab.

Dass dies direkt auf das Internet zurückzuführen ist, lässt sich nicht eindeutig belegen. Es könnte auch schlicht am Wertewandel liegen, die friedliche Hippie-Generation wurde von einer Generation abgelöst, die sich vermehrt mit dem Raubtier-Kapitalismus identifizierte: An die Stelle der Empathie trat der Egoismus, Karriere war wichtiger als Liebe. An die Stelle der früheren Blumenkinder trat die "Generation Me“.

Hirnforscher wie Greenfield sehen hinter dem Schwinden der Empathie auch deutliche neurologische Ursachen: "Mit Menschen zu kommunizieren müssen wir lernen. Wer immer nur über einen Bildschirm in Kontakt mit anderen ist, wird es nie schaffen, Körpersprache zu interpretieren. Wer stets in einer zweidimensionalen Welt wie dem Internet interagiert, dessen Gehirn wird sich schnell anpassen und effektiv funktionieren, weil es eben extrem plastisch ist.“

Der deutsche Hirnforscher Manfred Spitzer hat dafür noch eine andere Erklärung: "Sämtliche Studien zeigen, dass junge Menschen immer länger brauchen, um Gefühle von den Gesichtern anderer abzulesen. Diese Fähigkeiten kommen mit der indirekten Kommunikation über das Internet abhanden.“ Spitzer hat auch eine Idee, wie man dieser Entwicklung Einhalt gebieten könnte: Kinder sollten in der Schule viel mehr Theater spielen. Das würde laut Spitzer nicht nur Spaß machen, sondern vor allem Empathie sowie das Erkennen und Aufsetzen von Gesichtsausdrücken trainieren.

Dass die Psyche durch Nutzung neuer Medien leiden könnte, befürchtete der italienische Schriftsteller und Politiker Filippo Tommaso Marinetti bereits vor rund hundert Jahren: "Diejenigen, welche heutzutage Dinge benutzen wie Telefon, Grammofon, Eisenbahn, Fahrrad, Motorrad, Ozeandampfer, Luftschiff, Flugzeug, Kinematograf und große Tageszeitungen, denken nicht daran, dass diese verschiedenen Kommunikations-, Verkehrs- und Informationsformen auch entscheidenden Einfluss auf ihre Psyche ausüben.“ Die Angst vor neuen Medien ist also nichts Neues, sie zieht sich wie ein roter Faden durch die Menschheitsgeschichte (siehe Kästen unten).

Dass das Internet jedoch ein einzigartiges Phänomen ist, das so schnell, tief und nachhaltig das menschliche Leben verändert hat, betont der US-amerikanische Psychiater Gary Small: "Durch die technische Revolution findet in unserem Gehirn gerade ein Evolutionsprozess statt, der mit nie dagewesener Geschwindigkeit voranschreitet.“ Vor allem Kinder sind diesem Prozess in einem Maß ausgesetzt wie keine andere Generation zuvor - gerade ihr Gehirn befindet sich noch in Entwicklung und wird daher von derartigen Einflüssen besonders nachhaltig geformt. Deshalb plädiert auch Psychiater Small dafür, die jungen Menschen von heute besonders im Auge zu haben. Denn wie die Nutzung des Internets ihr Gehirn verändert und sich auf ihr späteres Leben auswirken wird, lässt sich heute noch nicht sagen.

Small und seine Arbeitsgruppe von der Universität von Kalifornien hatten im Jahr 2008 eine aufsehenerregende Studie durchgeführt. Die Wissenschafter verglichen die Gehirne von Personen der Altersgruppe fünfzig plus, die kaum Erfahrung mit dem Internet hatten, mit den Gehirnen von regelmäßigen Internet-Nutzern. Zuerst zeichneten die Forscher mittels Magnetresonanztomografie (MRT) auf, welche Gehirnregionen bei den internetunkundigen Personen aktiv waren, während sie ein Buch lasen. Auf dem Bildschirm flackerten nur ein paar wenige Regionen auf, diese dafür sehr intensiv.

Diese Personen wurden schließlich aufgefordert, täglich eine Stunde im Internet zu surfen, sie erhielten spezielle Begriffe, die sie googeln und recherchieren sollten. Nach fünf Tagen wurden sie wieder gescannt - und obwohl die Forscher selbst zunächst gedacht hatten, dass diese Phase viel zu kurz für ein erstes Ergebnis sei, sah das MRT gänzlich anders aus. Sofort waren viel mehr Hirnareale aktiv. Die Aufnahmen ähnelten denen der internetkundigen Personen. Der primäre Eindruck war, dass die Internetnutzung sogar intelligenter macht, da plötzlich viel mehr Regionen im Hirn aktiv waren.

Doch dies war eine voreilige Interpretation, stellt Studienleiter Gary Small klar: "Die neue Technik sollte auf keinen Fall verteufelt werden. Studien zeigen sogar, dass sich Computerspiele positiv auf die Arbeit von Chirurgen auswirken können, da sie dadurch oft präziser operieren können. Doch das Problem ist, dass heute viele Menschen permanent mit Multitasking beschäftigt sind.“ Die vielen aktiven Gehirnregionen werden demnach abwechselnd benutzt, das Gehirn switcht in Millisekunden von einer Aufgabe zur anderen, vom Chat zum E-Mail-Postfach, während nebenbei über das am Ohr eingeklemmte Handy telefoniert wird.

Das Problem dabei: Die Konzentration für die einzelne Aufgabe nimmt ab, da nur noch eine partielle Aufmerksamkeit möglich ist. So haben weitere Untersuchungen gezeigt, dass Personen mittleren Alters, die beruflich und privat häufig multitasken, vielleicht schneller sein mögen - jedoch deutlich mehr Fehler machen. Außerdem bedeutet Multitasking Stress für das Gehirn. Das heißt, dass die Gedächtnisfähigkeit abnimmt, da nicht alles im Kurzzeitgedächtnis gespeichert werden kann - oder der Speicher schlicht zu schnell entleert werden muss, um die Inhalte in das Langzeitgedächtnis aufnehmen zu können. Eine permanente Überforderung kann sogar eine Schrumpfung des Gehirns nach sich ziehen.

Doch wie lässt sich dieser Entwicklung entgegenwirken? Laut dem Psychologen Small sollte man Kinder unter zwei Jahren überhaupt von Computer und Fernseher fernhalten. Sind sie über zwei Jahre alt, so sollten sie der modernen Technik maximal zwei Stunden täglich und in Intervallen von maximal zwanzig Minuten ausgesetzt sein. "Nach einem Konsum von über zwei Stunden sind sie entweder überdreht oder erledigt“, so Small.

Kurz nach Veröffentlichung nahm der amerikanische Journalist Nicholas Carr diese Ergebnisse zum Anlass, um im Magazin "The Atlantic“ eine viel beachtete Coverstory mit dem Titel "Is Google Making Us Stupid?“ zu publizieren, die erstmals eine breite öffentliche Debatte über das Thema auslöste. Und damit traten auch die ersten prominenten Kritiker auf den Plan, wie der deutsche Soziologe Dirk Baecker.

Laut Baecker hat der Computer, der blitzschnell eine ungeheure Datenmenge verarbeiten kann, den Menschen erstmals kognitiv in den Schatten gestellt und damit einen "katastrophalen Medienbruch“ ausgelöst. Dies sei jedoch durchaus nicht negativ zu sehen, da das Internet schnell und beinahe gratis Wissen verbreitet, sodass es keinen elitären Zugang mehr gibt. Wichtiger ist für Baecker jedoch, dass durch die weltweite Vernetzung viel schneller Zusammenhänge zwischen einzelnen Disziplinen und Bereichen hergestellt werden können, die ein Einzelner nie entdecken würde. Baecker wertet vor allem das interaktive Online-Lexikon Wikipedia als das beste Beispiel für einen regen Wissensaustausch, da hier jeder Nutzer als Autor fungieren kann und die Texte und Einträge über Hyperlinks verbunden sind.

Dass Intelligenz mit Faktenwissen gleichgesetzt wird und nicht mit dessen Vernetzung und Hinterfragung, sieht auch Hirnforscherin Greenfield als wesentliches und weit verbreitetes Missverständnis. Die Aufgabe für die Schule von morgen bestünde vor allem darin, Kindern und Jugendlichen einen kritischen Umgang mit dem Internet beizubringen: "Jemanden vor einen Computer zu setzen macht diese Person nicht automatisch intelligenter. Vielfach lernen Kinder bei der Nutzung von Suchmaschinen lediglich, wie kleine Papageien schnell zu reagieren. Das heißt noch lange nicht, dass sie etwas verstanden haben. Information wird oft mit Wissen verwechselt. Wissen heißt, Fakten zu vergleichen, zu evaluieren und in einen Zusammenhang zu stellen. Das benötigt Zeit, während das Internet dazu verlockt, immer sofort zu reagieren.“

Außerdem im aktuellen profil 9/2012: Verhasst und verehrt - Neue Medien wurden im Lauf der Menschheitsgeschichte stets kritisch beäugt - oft sogar verteufelt.