Macht Marathon krank? Wie der Extremsport großen Schaden anrichten kann

Der Marathon bedeutet für viele Amateure die Krönung ihrer Laufkarriere. Sportmediziner und Sportpädagogen sehen darin jedoch keinerlei gesundheitlichen Nutzen. Im Gegenteil: Extrem- sport beschleunigt den Alterungsprozess.

Wenn der Sportorthopäde Gobert Skrbensky dieser Tage seinen Arbeitsplatz im Wiener AKH betritt, dann erkennt er allein anhand der Beschwerden seiner Patienten, um welche Jahreszeit es sich handelt. In der Sportambulanz geben sich derzeit nämlich die Hobbyläufer die Klinke in die Hand. Es ist Frühling, und seit einigen Wochen sind dampfende Laufschuhe auch bei Hobbyläufern wieder die Regel. Skrbensky hat für diese Situation mittlerweile einen eigenen Begriff geprägt. Er nennt sie „das untrainierte Frühlingserwachen“. Denn viele Läufer gehen es nach der Winterpause wieder zu forsch an. Es wird zu weit, zu schnell und zu oft gelaufen. Das Resultat zeigt sich dann in der typischen Trias der Läuferbeschwerden: schmerzende Schienbeine, entzündete Achillessehnen und „beleidigte“ Kniegelenke.

Für viele Läufer hat das ehrgeizige Trainieren auch einen handfesten Anlass. Am kommenden Sonntag startet in Wien der 25. Vienna City Marathon (VCM). Mehr als 29.000 Läufer haben sich bis Freitag der Vorwoche für die diversen Bewerbe angemeldet – ein neues All-Time High mit mehr als 30.000 Teilnehmern wird erwartet. Davon wollen über 8000 Läufer die Marathondistanz von 42,195 Kilometern bewältigen, fast so viele wie beim bisherigen Rekord im Jahr 2001, als rund 10.000 Läufer an den Start gingen und fast 9000 davon durchs Ziel kamen. „Wer etwas auf sich hielt, vor allem Manager, die ihre Leistungsfähigkeit unter Beweis stellen wollten, wollte einen Marathonstart und auch ein Finish vorweisen können“, erinnert sich Claus Funovits vom Läufermagazin „VCM-Running“. Nachdem viele Hobbysportler ihre läuferische Höchstmarke hinter sich gebracht hatten, ebbte das Interesse am Marathon wieder ab. 2005 gab es „nur“ 5200 Finisher, um 4000 weniger als im Rekordjahr 2001.

Enorme Belastung. Beim diesjährigen Jubiläumslauf scheinen wieder viele Hobbysportler ihre Laufschuhe aus der Ecke zu holen und – vielleicht mit ein wenig Verspätung oder mit nicht ganz erfülltem Trainingsplan – an den Start gehen zu wollen. „99 Prozent der Läufer haben sicherlich gut trainiert“, sagt der neue ärztliche Leiter des Wien-Marathons, der Sportchirurg Christian Gäbler, 43. Aber ganz so sicher kann man sich nicht sein. Denn zwischen „optimal“ und „gut“ trainiert klafft eine erhebliche Lücke. Nachdem Gäbler in einem Interview verlautbart hatte, dass eine optimale Vorbereitung für den Marathon 70 Trainingskilometer pro Woche bedeute, bekam er erboste Mails, in denen Läufer triumphierten, sie kämen mit wesentlich weniger aus. „Das mag zwar für einige genetisch gesegnete Laufwunder stimmen, für den Großteil der durchschnittlichen Läuferschaft aber nicht“, sagt Gäbler.

„Blood, sweat and tears“ , der Leis­tungseinbruch bei den berüchtigten 30-Kilometer-Marken mit Krämpfen und Übelkeit bis zum Erbrechen, außerdem werden Blasen, blaue Zehen und schmerzende Gelenke auch heuer wieder für viele zum finalen Marathonerlebnis dazugehören. Marathon sei eine Kopfsache, heißt es, und Schmerzen bei der Selbstüberwindung gehörten einfach dazu. Für viele Läufer wird es wieder der Höhepunkt der Frühjahrssaison sein und für einige der Ritterschlag in ihrer Läuferkarriere. Aber ist die Rackerei auch wirklich gesund?

Kardiologen, Endokrinologen, Sportmediziner, Orthopäden sind sich einig: „Gesund ist der Marathon sicher nicht“, sagt der Wiener Leistungsphysiologe Valentin Leibetseder. „Er setzt den Körper nur enorm unter Stress.“ Wenn überhaupt etwas gesund sei am Marathon, dann ­bestenfalls das – richtig betriebene – Training für einen Halbmarathon. „Eigentlich wäre es das Beste, wenn ein Läufer zwei Tage vor dem Marathon einen ordentlichen Schnupfen bekäme oder das Auto eingeht, damit er gar nicht an den Start gehen kann.“ Denn wer sich nicht perfekt auf die Langdistanz vorbereitet, kommt leicht in jenen Bereich, den Mediziner als „das Paradox der Bewegung“ bezeichnen: Nicht nur ein Zuwenig, sondern auch ein Zuviel an Bewegung kann dem Körper schaden.

Der Marathonlauf bedeutet eine enorme Belastung für Sehnen, Knochen und Gelenke. Wer darauf verzichtet, verkürzte Strukturen – etwa in der Achillessehne, den Waden oder den Oberschenkeln – durch entsprechend aktive Bewegungsübungen zu trainieren, riskiert Entzündungen. Dies gilt sowohl für Laufneulinge als auch für ambitionierte Läufer. Denn pro Laufschritt müssen schon im Normalfall Kräfte abgefedert werden, die dem Drei- bis Fünf­fachen des Körpergewichts entsprechen. Und wer bei einem „schlechten Schritt“ einknickt, bei dem steigt die Belastung ­augenblicklich bis auf das Siebenfache an. Selbst perfekt sitzende Schuhe, die nicht zu hart, aber knöchelfrei sein sollten, können dabei nur Belastungsspitzen dämpfen, nicht aber die Belastung selbst.

Beim Marathon potenziert sich diese Belastung in ungeahnte Dimensionen. So setzt schon ein 60 Kilogramm leichter Läufer, der mit 1,5-Meter-Schritten über die 42 Kilometer eilt, jedes Kniegelenk einer summierten Wechselbelastung von 2500 Tonnen aus – das entspricht der Tonnage von 62 voll beladenen Lkw-Zügen zu je 40 Tonnen. Bei 80 Kilogramm und einer durchschnittlichen Schrittlänge von einem Meter dauert das Rennen länger, und die Belastung wird durch das höhere Körpergewicht entsprechend größer. Pro Bein liegt die summierte Belastung im Mittel bei 5000 Tonnen, was dem Äquivalent von 125 Lkw-Zügen entspricht. Und wer als 100-Kilo-Mann die Distanz bewältigen will, muss pro Kniegelenk mit einer Belas­tung von bis zu 10.500 Tonnen rechnen (entspricht 260 voll beladenen Lkw-Zügen). Nur wer mit ausgezeichnet trainierter Muskulatur und perfektem Laufstil an den Start geht, hat die Chance, Sehnen­entzündungen oder Knorpelschäden im Knie zu vermeiden.

Kniegelenk. Laut einer jüngst im „British Journal of Sports Medicine“ veröffentlichten Überblicksstudie ist das Kniegelenk der am häufigsten in Mitleidenschaft gezogene Körperteil von Langstreckenläufern. Zwischen 20 und 80 Prozent leiden daran, und die Häufigkeit steigt mit der wöchentlichen Kilometerleistung. Laufen für die körperliche Fitness heißt in jedem Fall „easy going“, sagen Experten. Anfänger sollten sich zunächst eine Vorbereitungszeit gönnen. Wer zu viele Kilos auf die Waage bringt, sollte die Ernährung umstellen. Das Laufen selbst führt nicht zur Arthrose, wohl aber das Übergewicht. Wer sich gegen Knorpelschäden absichern will, sollte daher als ­Erstes eine gelenksentlastende Bewegungsform wählen, etwa Schwimmen oder Radfahren, bevor er mit dem Laufen beginnt. Diese Sportarten fördern den Aufbau von eventuell zu schwach entwickelter Muskelkraft. Mangelhaft ausgebildet sind zumeist die Muskelgruppen auf der Innenseite der Oberschenkel, oft auch bei schon routinierten Läufern. Schlaffe Oberschenkelmuskeln können die Kniegelenke nur mangelhaft stabilisieren. Ober- und Unterschenkelknochen krachen regelrecht aufeinander, was den Knorpel über Gebühr strapaziert. Aus trainingsphysiologischer Sicht „wäre es wohl für viele besser, den heurigen Marathon erst nächstes Jahr zu laufen. Das würde viele Beschwerden ersparen“, meint Sportorthopäde Skrbensky. Der Marathon im Kopf stemmt sich freilich nur allzu oft gegen das Eingeständnis, dass man trotz monatelangen Trainings noch nicht so weit ist, um am Lauf teilnehmen zu können.

So mancher Hobbyläufer ahnt, dass er das Plansoll nicht erfüllt, dass er zu spät mit dem Training begonnen und dann viel zu intensiv trainiert hat. Auch Roland Graf, 55, aus Saalfelden hat seine Marathonläufe schon nach „zu kurzem und intensivem Training“ angetreten. Aufgegeben habe er dennoch nie. Bei seinem ers­ten New-York-Marathon handelte er sich eine Achillessehnenentzündung ein, und bei seinem zweiten musste er sich wegen einer Austernvergiftung mit Herzrasen, angeschwollenen Fingern und einem Beinahe-Kreislaufkollaps auf eine Parkbank legen. Als schon die 80-Jährigen an ihm vorbeiliefen, packte ihn wieder der Ehrgeiz. Die Beschwerden ließen dann wieder nach. Während er für die ersten 21 Kilometer drei Stunden gebraucht hatte, schaffte er die restlichen 21 unter zwei Stunden. Vielleicht, so Graf, „war das schon ein wenig unvernünftig“, aber gefürchtet hat er sich nicht, weil „zu Tode gefürchtet ist auch gestorben“.

Boston-Studie. Wer allerdings mit zu geringem Trainingsumfang in den Wettkampf geht, spürt dies bald an der heftigen Reaktion seines Körpers. Unter den zahlreichen Studien, welche dieses Phänomen bereits untersucht haben, fand vor allem eine Arbeit der Harvard Medical School internationale Beachtung. Die Mediziner untersuchten 60 Hobbyläufer des Boston-Marathons, darunter 41 Läufer und 19 Läuferinnen, nach diversen Parametern und fokussierten dabei vor allem auf das Herz. Vor und nach dem Bewerb wurden die Läufer mittels Ultraschall (Echokardiografie) getestet, dazu wurde auch ihr Blut laborchemisch auf bestimmte Biomarker untersucht. Die Probanden – Durchschnittsalter 41 Jahre, schlank, fit und gesund – staunten nicht schlecht, als sie die Ergebnisse sahen.

Der Ultraschallbefund zeigte vielfach das Bild eines pathologisch ermüdeten Herzens. Bei etwa 60 Prozent des Samples fanden sich Eiweiße im Blut, die normalerweise als Biomarker für Herzinfarkt oder Herzinsuffizienz gelten. So lag der Wert für das „kardiale Troponin T (cTnT)“, ein Protein, das in der Klinik auf absterbende Herzzellen hinweist, bei 40 Prozent sogar über jenem Level, ab dem Kardiologen bereits an einen akuten Herzinfarkt denken. Ebenso verdoppelten sich bei den Läufern die Werte für den Biomarker „NT-proBNP“, was bei klinischen Patienten als Zeichen für eine pathologische Überbelastung des Herzmuskels (Herzinsuffizienz) gedeutet worden wäre. Die Frage freilich, warum diese Anzeichen nicht bei allen Läufern aufgetreten waren, stellte die Forscher zunächst vor ein Rätsel.

Sie konnten das Phänomen erst erklären, nachdem sie die Daten mit den zuvor erhobenen Trainingskilometern der einzelnen Läufer verglichen hatten: Dem größten kardialen Stress waren Läufer ausgesetzt, deren wöchentliche Trainings­leistung unter 56 Kilometer lag. Wer diese Trainingsmarke übersprungen hatte, zeigte deutlich weniger kardialen Stress. Und bei jenen Läufern, die mehr als 72 Kilometer pro Woche trainiert hatten, näherten sich die registrierten Biomarker fast dem Normalwert. Für die Läufer waren die Befunde dennoch überraschend. Keiner von ihnen hatte während des Laufs über Herzbeschwerden, Brustschmerzen oder übergroße Atemnot geklagt.
Mittlerweile wurden solche Untersuchungen an tausenden Marathonläufern, Triathleten, 100-Kilometer-Läufern und anderen extremen Ausdauersportlern wiederholt, mit ähnlichen Ergebnissen. Extremer Ausdauersport führt nachweislich zu kardialem Stress. Eine Ausnahme bildete der 216 Kilometer durch das kalifornische Death Valley führende Badwater Ultramarathon: Die durchgängig niedrigeren Herzstresswerte, die bei den Teilnehmern gemessen wurden, erklären sich die Studienautoren damit, dass die Läufer wegen der hohen Lufttemperatur von vornherein eine moderatere Gangart gewählt hatten.

Eingewöhnen. Ein niedriges Tempo mit kurzen Trainingszeiten sollten vor allem Laufneulinge wählen. Der Grund dafür liegt in den unterschiedlichen Anpassungsgeschwindigkeiten der einzelnen Körpersysteme: Während das Herz-Kreislauf-Sys­tem tägliche Laufübungen bereits locker verkraften würde, können sich Sehnen, Knochen und Gelenke nur langsam auf die neue Belastung einstellen. Die durch den Trainingsreiz ausgeschütteten Wachstumshormone bauen das Gewebe langsam um. Sehnen benötigen anfangs etwa drei Tage, um sich an die neu gebildeten Strukturen anzupassen. Ähnliches gilt für die Knochen. Fehlstellungen der Beine, ob in X- oder O-Form, sind dabei nicht unbedingt ein Grund, um auf den Benefit durch das Laufen zu verzichten, sagt Skrbensky; sie lassen sich je nach Grad, entweder durch Einlagen in den Schuhen oder auch chirurgisch, ausgleichen. Doch selbst den Vorteil äußerst wohlgeformter Beine kann ein schlechter Laufstil zunichte machen. Wer durch Rückenlage den Körperschwerpunkt hinter sich her „schleppt“, muss viel mehr Arbeit für die Aufwärts- als für die Vorwärtsbewegung verwenden. Das sind für die Laufeffizienz „leere Kilometer“. Viele Hobbyläufer sind, wenn sie sich in Videoanalysen sehen, oft perplex, wie weit sie von einem optimalen Stil entfernt sind. Kein Wunder, meint etwa der Laufguru Wim Luijpers, wenn sie beim Marathon nach 30 Kilometern am Ende ihrer Kräfte sind (siehe Interview Seite 93). Wenn sie sich dann noch weiter überfordern, um Durchhaltevermögen zu zeigen, dann ist schwerer Herzstress garantiert.

Irreversibel? Wie gefährlich diese heftigen Herzreaktionen überforderter Marathonläufer tatsächlich sind, wissen die Experten noch nicht genau. Dass Herzzellen durch kardialen Stress zumindest geschädigt werden, bestreitet zwar niemand. Diskutiert wird aber, ob die hervorgerufenen Mikro­schädigungen irreversibel oder reversibel sind. Für die Reversibilität spricht jedenfalls, dass sich die Marker für Herzinfarkt und Herzinsuffizienz 24 Stunden nach einem Marathonlauf nicht mehr nachweisen lassen. Allerdings: Ob der Körper auch alle geschädigten Zellen wieder reparieren konnte oder ob es nicht auch einige „subklinische Zelluntergänge“ gab, die im EKG nicht nachweisbar sind, ist noch immer eine offene Frage. Arnold Koller, Sportmediziner und Zellbiologe an der Universität Innsbruck, der im Vorjahr Biomarker-Messungen bei Teilnehmern eines Alpinmarathons vorgenommen hat und dabei ebenfalls den kardiologischen Zellstress feststellen konnte, gibt sich gelassen: „Man soll das nicht überdramatisieren. Einen Beweis für irreversible Schäden gibt es nicht.“

Eines sei aber sicher fehl am Platz: aus fehlenden Beweisen zu schließen, dass sportlicher Überehrgeiz sinnvoll wäre. Denn die Vermutung, dass Autoimmunreaktionen auf das ausgeschüttete Troponin Entzündungen im Herzmuskel provozieren könnten, gefolgt von Bindegewebsverdickungen (Fibrose) und Herzfehlern, ist ebenso eine offene Frage.

Stiller Infarkt. Dass Marathonlaufen das Herz auch langzeitig schädigen könnte, darauf deuten Erkenntnisse des Kardiologen Stefan Möhlenkamp vom Westdeutschen Herzzentrum in Essen hin. Im Rahmen eines Herzvorsorgeprogramms untersuchte der Mediziner einen 63-jährigen Marathonläufer, bei dem er ein paar Tage nach dem Lauf einen stillen Herzinfarkt diagnostizierte – der Läufer hatte davon nichts bemerkt. Möhlenkamp startete daraufhin eine groß angelegte Untersuchung an mehr als 100 erfahrenen Marathonläufern, alle älter als 50, fit und ohne Herzkrankheiten oder Diabetes. Dabei wurde auch der „Kalkscore“ in den Herzkranzgefäßen gemessen, ein Wert, der Aufschluss über die Kalkablagerungen in den Blutgefäßen des Herzmuskels gibt. Die Ergebnisse verglich er mit den nicht Marathon laufenden Personen derselben Altersgruppe. Ergebnis: Zwar zeigten alle Marathonläufer ein um 50 Prozent besseres Herz-Kreislauf-Profil im Vergleich zur gleichaltrigen Bevölkerung. Was das Arterioskle­rose-Risikoprofil in den Herzkranzgefäßen betrifft, wurde Möhlenkamp allerdings überrascht. Jahrzehntelang waren Mediziner davon ausgegangen, dass Marathon auch gut gegen Arterienverkalkung wirke. Nach Möhlenkamps Untersuchungen ist man dessen nicht mehr so sicher. Bei 36 Prozent der Marathonläufer ­fanden die Kardiologen erhöhte Arterio­sklerose-Parameter in den Herzkranzgefäßen. Dies entsprach den Werten der nicht laufenden Allgemeinbevölkerung. In einer Vergleichsgruppe von 216 gleichaltrigen Männern, die ebenfalls topfit waren, aber keinen Marathonsport betrieben, fand sich sogar nur bei 22 Prozent ein ähnlich erhöhter „Kalkscore“. Marathonläufer könnten daher, so Möhlenkamp vorsichtig, zumindest ein gleich hohes, wenn nicht unter Umständen ein höheres Risiko für die koronare Herzgefäßerkrankung besitzen. Woher diese Effekte stammen und wie sie richtig zu interpretieren sind, darüber gibt es bisher noch keine einhellige Meinung. Möhlenkamp: „Über die Ursachen können wir derzeit erst Vermutungen anstellen.“

Entzündungen. Möhlenkamp tippt auf ein komplexes Zusammenspiel von Überbeanspruchung und Alterungsprozessen. „Dauernde Mikrogewebeschäden, häufiger kardialer Stress können jedenfalls Entzündungen provozieren.“ Anti-Aging-Spezialisten wie etwa die Leiterin des Innsbrucker Instituts für biomedizinische Alternsforschung, Beatrix Grubeck-Loebenstein, kann dieser Hypothese einiges abgewinnen. In der Fachterminologie heißt sie „silent inflammation“ (stille Entzündung) oder auch Inflamm-Aging: „Wir wissen, dass der Alterungsprozess mit stillen Entzündungsprozessen in allen Organen einhergeht. Es ist durchaus denkbar, dass Überbeanspruchungen diese Prozesse unterstützen.“Der Wiener Hormonexperte und Anti-Aging-Mediziner Markus Metka vergleicht die Effekte mit einem Sonnenbrand: „Nur dass man die Entzündung im Gewebe nicht sieht.“ Die Folge der „silent inflammation“: Wer über Jahre hinweg überbe­lastenden Ausdauersport betreibt, kurbelt das Altern an. Typisches Zeichen, so Metka: „Wenn junge Ausdauersportler, ausgezehrt und faltig, um Jahre älter aussehen, dann haben sie sich jahrelang überlastet.“

Marathonläufer sind auch anfälliger für Infekte. Die monatelange Überbelastung durch das extreme Laufpensum schwächt das Immunsystem. Um mit entzündetem Gewebe und Schmerzen weitere Leis­tungssteigerungen zustande zu bringen, wird gedopt. Seit der Vorwoche steht auch die Marathonspitzenläuferin Susanne Pumper unter Dopingverdacht. Pumper ist sich aber keiner Schuld bewusst und will für ihre Reinwaschung kämpfen. Dass viele unkontrollierte Hobbyläufer das entzündungshemmende Schmerzmittel Voltaren verwenden, ist ein offenes Geheimnis. Viele Marathonasse gelten überdies offiziell als Asthmatiker, um entkrampfende Sprays beim Lauf verwenden zu dürfen.

Trotz mancher Extreme sagt der Wiener Pulmologe und Trainingsspezialist Paul Haber: „Laufen, Radfahren und Schwimmen zählen zu den besten Möglichkeiten, um Krankheitsrisiken wie Herzinfarkt, Krebs oder Diabetes zu senken. Das muss man bei aller Risikoabwägung klar sagen.“ Um den pathologischen Effekten des Marathons auszuweichen, gilt die Devise: weniger ist mehr, wie auch der Ex-Marathonläufer Reinhard Fasching weiß. Als er nach fünf Jahren Training und fünf Wettkämpfen in Wien, Turin, im Tessin und Athen endlich seine persönliche Bestzeit von 3:30 erreicht hatte, hatte er „plötzlich keinen Bock mehr auf Marathon“. Ein Skiunfall zwang ihn zu einer längeren Pause, und während dieser Zeit veränderte sich seine Sicht der Dinge. Es war, gesteht er heute ein, „als ob ich von einer lästigen Pflicht befreit worden wäre“.

Nicht mehr mit Schmerzen kämpfen müssen, kein Training mehr um jeden Preis bei jeder Witterung und kein Laufen mehr mit Pulsuhr, Marschtabellen und Trainingsstrategien, um noch ein paar Minuten schneller zu werden. Wenn Fasching heute seine Laufschuhe anzieht, dann nur noch, um „so zu laufen, wie ich selbst es will“. Früher waren es wöchentlich sechs bis sieben Stunden, in denen er auf 80 bis 90 Trainingskilometer kam. Heute bedeutet Laufen für ihn ungefähr ein- bis zweimal pro Woche 50 Minuten lockeres Traben bei wohligem Körpergefühl. „Ich habe mir selbst bewiesen, dass ich es kann. Noch einmal tu ich’s mir nicht mehr an.“

Von Norbert Regitnig-Tillian, Mitarbeit: Sylvia Sator