„Mahmoud ist ein Dampfplauderer“

Abu Abdullatif (Name geändert) ist einer der drei Verhafteten aus der Wiener „Terrorzelle“. Drei Tage später wurde er wieder freigelassen. Im ersten Interview seither spricht er über seine Verhöre, sein Leben, Pakistan und Österreich, die Al Kaida und den „Hauptverdächtigen“ Mohamed Mahmoud.

profil: Sind Sie ein gläubiger Moslem? Abu Abdullatif: Ich versuche, die fünf Säulen des Islam, so gut es geht, zu erfüllen.

profil: Wie oft gehen Sie in eine Moschee beten?

Abdullatif: Wenn es sich ausgeht, zum Freitagsgebet. Sonst nur sehr selten.

profil: Denken Sie, dass Österreich frei von so genannten „radikalen“ Moslems ist? Gibt es Ihrer Meinung nach in Österreich „Schläfer“?

Abdullatif: Österreich ist ein lebenswertes Land, und die Moslems werden fair behandelt. Eine Gefahr durch Islamisten in Österreich kenne ich nicht und kann ich mir nicht vorstellen. Natürlich gibt es einige Schaumschläger.

profil: Ist es möglich, als Moslem die Scharia zu respektieren und gleichzeitig den modernen Rechtsstaat nach europäischem Muster?

Abdullatif: Ich bin in Österreich aufgewachsen und betrachte es als meine zweite Heimat. Ich kenne Land und Leute gut und fühle mich nicht als Außenseiter. Natürlich entspringen die westlichen Werte, Maßstäbe und auch Rechtssysteme nicht dem Islam, was jedoch einem rücksichtsvollen und friedlichen Miteinander nicht im Wege steht. Sich zu integrieren steht nicht im Widerspruch zum Islam, solange es nicht das Aufgeben islamischer Prinzipien bedeutet. So haben für mich die islamischen Verbote und Gebote oberste Priorität, sodass ich etwa alle laufenden Tätigkeiten unterbreche, wann immer die Pflichtgebete verrichtet werden müssen.

profil: Wann und wie haben Sie Mohamed Mahmoud, den „Hauptverdächtigen“, kennen gelernt, und was halten Sie von ihm?

Abdullatif: Vor etwa zwei Jahren habe ich ihn in einer Moschee kennen gelernt. In seiner fröhlich-chaotischen Art gewinnt er sehr schnell Herzen. Er ist zwar ein Dampfplauderer, aber eben ein recht liebenswerter. Ich war gemeinsam mit ihm und anderen Freunden oft essen oder spazieren.

profil: Welche Rolle haben Sie in der Drohvideo-Affäre gespielt? Was haben Sie für Mohamed gemacht?

Abdullatif: Mit all dem, was ihm vorgeworfen wird, habe ich nichts zu tun. Ich kann auch nicht sagen, inwieweit er in diese Dinge, die man ihm vorwirft, involviert ist.

profil: Hat er etwas mit der Al Kaida zu tun, oder ist er sonst in irgendeiner Weise gefährlich?

Abdullatif (lacht): Er isst gefährlich schnell die Pizza auf. Ansonsten kenne ich ihn nur als liebenswerten Menschen, der gerne redet. Sein Dampfgeschwätz ist ihm anscheinend zum Verhängnis geworden.

profil: Wollte Mahmoud Sprengstoff kaufen?

Abdullatif: Davon weiß ich überhaupt nichts. Ich kann es mir auch nicht vorstellen.

profil: Haben Sie irgendetwas mit dem Video zu tun?

Abdullatif: Nein! Ich war in keiner Weise daran beteiligt. Ich habe es kein einziges Mal komplett gesehen, und die Verbindung mit der so genannten GIMF (Globale Islamische Medienfront, Anm.) ist mir erst während der Verhöre bewusst geworden.

profil: Was halten Sie von dieser Videobotschaft?

Abdullatif: Das Drohvideo nehme ich nicht ernst und kann es mir nur als Übereifer von Möchtegern-Terroristen erklären.

profil: Wie ist Ihre Verhaftung abgelaufen?

Abdullatif: Eine Einheit der Cobra brach in die Wohnung ein, legte mir Handschellen an, durchsuchte die Wohnung und führte mich ab.

profil: Wie ist dieser Tag dann weiter verlaufen?

Abdullatif: Ich wurde über viele Stunden verhört und habe die restliche Zeit in Einzelhaft verbracht. Natürlich gab es keine islamische Kost, auf den Ramadan wurde in meinem Fall auch keine Rücksicht genommen.

profil: Wie wurden Sie bei der Verhaftung behandelt?

Abdullatif: Ich wurde den Umständen entsprechend behandelt. Natürlich ist eine Verhaftung mit anschließendem Verhör nicht die angenehmste Sache der Welt.

profil: Und während der drei Tage in Polizeigewahrsam und bei den Verhören?

Abdullatif: Ich kann der Exekutive keinesfalls eine Verletzung meiner Rechte vorwerfen.
profil: Sie wurden nicht beschimpft, geschlagen, bedroht?
Abdullatif: Ich wurde weder beschimpft noch geschlagen, auch wurde ich nie ernsthaft bedroht. Natürlich wird man bei einem Verhör psychologisch ziemlich unter Druck gesetzt.
profil: Was wollte man von Ihnen hören?
Abdullatif: Offenbar hatten die Ermittler Mohamed Mahmoud in Verdacht. Weil ich mich oft mit ihm getroffen habe – er ist ein sehr „einladefreudiger“ Mensch –, bin ich wohl auch ins Visier geraten.
profil: Durften Sie Kontakt zu einer Vertrauensperson aufnehmen?
Abdullatif: Während der U-Haft war ich entweder in der Zelle oder im Verhör. Zur Außenwelt hatte ich keinen Kontakt.
profil: Unseres Wissens sind Sie in Österreich geboren. Waren Sie schon einmal in Pakistan?
Abdullatif: Ich bin in Österreich aufgewachsen. In meiner Jugend war ich einige Male gemeinsam mit meinen Eltern in Pakistan auf Besuch bei meinen Verwandten.
profil: Wie sehen Sie die Rolle Pakistans im Spannungsfeld zwischen Dschihad und dem „war against terror“?
Abdullatif: Ganz allgemein gesehen, betrachte ich die momentane Regierung Pakistans als Handlanger der Vereinigten Staaten.
profil: Hat man Ihnen jemals die Teilnahme an irgendwelchen Kursen in Pakistan angeboten?
Abdullatif: Ich habe nur zu meiner Familie in Pakistan Kontakt, und dieser ist auch sehr gering, da ich nicht mit ihnen aufgewachsen bin. Mir ist niemals irgendein Kurs in Pakistan angeboten worden.
profil: Wurden Ihnen Kontakte und Kooperationen mit einem Netzwerk angetragen, das man der Terrororganisation Al Kaida zuordnen könnte?
Abdullatif: Nein, niemals.
profil: Wie und wo haben Sie Ihre Kindheit verbracht?
Abdullatif: In Österreich, als Kind einer Familie der Mittelklasse.
profil: War das Leben schwierig?
Abdullatif: Nein, nicht schwieriger als das Leben anderer Kinder.
profil: Haben Ihre Eltern Arbeit gefunden, und konnten Sie Ihre Familie problemlos ernähren?
Abdullatif: Ja.
profil: Hatten Sie selbst als Kind und dann als Jugendlicher das Gefühl, in Österreich willkommen zu sein? Oder haben Sie Fremdenfeindlichkeit und Ausgrenzung erlebt?
Abdullatif: Ich habe niemals eine Anfeindung meiner Person, allein aufgrund der Tatsache, dass ich Moslem bin, erlebt. Weder in der Schule noch in Studium, Beruf, Nachbarschaft oder Bekanntenkreis. Ich fühle mich nicht unwillkommen und schätze dies.
profil: Welche Schulbildung haben Sie hinter sich? Wovon leben Sie und Ihre Familie?
Abdullatif: Ich habe meine Matura abgeschlossen, danach auch Wirtschaft studiert, aber abgebrochen. Im Moment bin ich in einem Familiengastronomiebetrieb tätig.
profil: Was halten Sie von den Bestrebungen, Kopftücher, Zwangsheirat und Minarette verbieten zu lassen?
Abdullatif: Den moslemischen Männern und Frauen ist es vorgeschrieben, sich zu bedecken. Was bedeckt werden muss, ist genau definiert. Wenn Mosleminnen gesagt wird, kein Kopftuch mehr zu tragen, wäre es dem islamischen Verständnis nach etwa gleichbedeutend damit, Katholiken das Tragen von Hosen zu verbieten. Da Sie die Absurdität von Letzterem bestimmt nachvollziehen können, können Sie sich auch die Entrüstung der Moslems aufgrund eines Kopftuchverbots erklären. Ein Minarett ist kein islamisch vorgeschriebener Teil einer Gebetsstätte. Und Zwangsheirat ist im Islam verboten.
profil: Was denken Sie über die Mohammed-Karikaturen und über den anhaltenden Streit darüber?
Abdullatif: Humor und Belustigung darf nicht auf Kosten der religiösen Gefühle von Menschen gehen.
profil: Wie stehen Sie zum Karikaturen-Wettbewerb des iranischen Präsidenten zum Thema Holocaust, über den sich kaum ein Moslem aufgeregt hat?
Abdullatif: Der iranische Präsident ist keinesfalls ein Sinnbild des Islam. Was er sagt oder tut, nehme ich nicht ernst und ist nicht einmal eines Kommentars wert.
profil: Vertritt Osama Bin Laden Ihrer Ansicht nach zumindest gerechtfertigte Anliegen, wenn auch seine Mittel zur Durchsetzung nicht sachdienlich scheinen?
Abdullatif: Das Thema Al Kaida ist mir äußerst suspekt, weshalb ich auch darüber kein klares Bild habe. Auf alle Fälle habe ich mit diesen Leuten überhaupt nichts zu tun, habe keinerlei Kontakt zu irgendjemandem von ihnen und erachte Gewalt gegen Zivilisten im Islam als verboten.
profil: Zur Österreichischen Islamischen Glaubensgemeinschaft: Fühlen Sie sich von ihr vertreten?
Abdullatif: Die Islamische Glaubensgemeinschaft ist eine Organisation, die vorgibt, den Islam zu repräsentieren und sich für die Interessen der Moslems in Österreich einzusetzen. Das schlechte Bild, das diese Organisation allgemein unter den Moslems verkörpert, hat sich für mich in den letzten Tagen mehr als bestätigt. Denn Herr Schakfeh und die anderen ihrer Sprecher haben sich von mir losgesagt und mich verurteilt, noch bevor mich irgendein österreichisches Gericht verurteilt hätte. Diese Leute kennen mich überhaupt nicht und haben trotzdem – aus purem Eigennutz – sofort Partei gegen mich ergriffen. So viel zur Vertretung der Interessen von Moslems durch die Glaubensgemeinschaft.
profil: Wen oder was vertritt diese Glaubensgemeinschaft dann?
Abdullatif: Sie vertritt Interessen, ja, aber nur die ihrer eigenen Funktionäre. Dafür sind sie auch jederzeit bereit, islamische Prinzipien aufzugeben. Ich erinnere mich, dass diese Glaubensgemeinschaft nicht einmal bereit war, mir eine Bestätigung für einen EDV-Kurs zu schreiben, dass es im Islam fünf Pflichtgebete gibt. Solche Verhaltensweisen sehe ich als Ursache dafür, dass sich viele Moslems von dieser Organisation abwenden. Unter solchen sind dann auch jene, die sich extreme Wege suchen. So viel zum „Sprachrohr der Moslems“ in Österreich.
profil: Glauben Sie, dass die Sprecher dieser Glaubensgemeinschaft die Wahrheit sagen, wenn sie beteuern, nichts im Schilde zu führen und nur brave Österreicher sein zu wollen?
Abdullatif: Das, was diese Leute selbst verursacht haben, sprechen sie dann schön. Sie erklären den Islam nicht, wie er ist. Sie führen nicht die Gleichheiten und auch die Unterschiede zur westlichen Lebensweise an, sondern präsentieren den Islam so, wie man es von ihnen hören will. Dies ist nicht der richtige Weg, der zu einem friedlichen Miteinander zwischen Moslems und Andersgläubigen führt.

Interview: Emil Bobi