„Man kann nicht wachsam genug sein“

Philharmoniker-Vorstand Clemens Hellsberg über die Gefahren des Rechtsextremismus, den Konflikt mit Ioan Holender und die Freuden seines Berufs.

Interview: Herbert Lackner

profil: Herr Professor Hellsberg, Sie haben siebzig Stunden pro Woche mit Musik zu tun. Hören Sie selbst je Radio oder CDs?
Hellsberg: Das gehört zur Arbeit. Ich höre mir auch viele Werke live an. In Wien hat man ja die Möglichkeit, alle wichtigen Dirigenten und Orchester zu hören. CDs höre ich meist auf längeren Autofahrten.

profil: Wenn Sie das zweite große europäische Orchester, die Berliner Philharmoniker, hören, sagen Sie sich dann: „He, das hätten wir jetzt aber anders gespielt“?
Hellsberg: Wir versuchen unseren Musizierstil und Klang beizubehalten, und ich wünsche mir, dass dies alle großen Orchester tun. Ich kenne zum Beispiel manche Instrumentengruppen anderer Orchester, die großartig sind, allerdings einen Stil spielen, der mir persönlich nicht zusagt. Etwa ein Vibrato bei Blechbläsern. Das würde ich für unser Orchester nicht wollen. Aber wenn das eine authentische Sache ist und es zur Tradition dieses Orchesters gehört, höre ich mir das gerne an.

profil: Ihr Vater war Musiklehrer. Sie haben mit vier Jahren mit der Violine begonnen und einmal in einem Interview gesagt, Sie hätten das Üben gehasst. Wie haben Sie so lange durchgehalten?
Hellsberg: Ich habe tatsächlich ungern geübt, aber immer gern Geige gespielt – auch gern vor Leuten – oder mit anderen zusammen gespielt. Das Tonleiterüben habe ich nicht gemocht.

profil: Wie üben Sie jetzt?
Hellsberg: Ich hab ein Technikprogramm, das ich, wenn möglich, jeden Tag durch­gehe. Das sind nur Grundlagenübungen für die rechte und linke Hand. Es dauert ungefähr 70 Minuten und hat für mich auch etwas Meditatives.

profil: Die Wiener Philharmoniker sind ein Kollektiv großartiger Musiker. Was unterscheidet sie dennoch von den Solisten?
Hellsberg: Solisten sind Ausnahmebegabungen, die praktisch keine technischen Grenzen mehr haben. Aber man muss dieses Leben mögen. Solist zu sein ist eine sehr einsame Sache, wie schon der Name sagt. Es ist ein extrem hartes Leben, mit diesen globalen Reisen. Es fragt dich ja keiner, ob du gerade zehn Stunden in einem Flugzeug gesessen bist. Das Orchester ist eine Gemeinschaft und stellt einen starken Rückhalt dar, mitsamt den Herausforderungen, die ein so enges Zusammenleben mit sich bringt. Wir üben ja sogar unseren Beruf auf Tuchfühlung aus und erzeugen dabei noch Lärm – Spannungen sind da vorprogrammiert. Aber eben auch ein enormes Zusammengehörigkeitsgefühl.

profil: Was verdient ein Wiener Philharmoniker?
Hellsberg: Je nachdem, wie viel er spielt. In der Staatsoper sind wir 149 Leute, man muss drei Jahre Mitglied des Staatsopernorchesters gewesen sein, um Mitglied der Philharmoniker zu werden. Aber es spielen alle von Anfang an in beiden Orchestern. Wir sind ein privater Verein und tragen voll das unternehmerische Risiko. Wenn ein Konzert ausfällt, dann verdienen wir nichts. Heuer im April hätten wir unter Thielemann zweimal Beethovens Neunte in Luxemburg spielen sollen, und dann ist der Vulkan ausgebrochen …

profil: Aber es bleibt wohl immer noch genug zum bequemen Überleben …
Hellsberg: Natürlich. Das Gehalt entspricht etwa dem Einkommen auf der Ebene des mittleren Managements einer gut gehenden Firma. Wenn wir als Philharmoniker eine Reise unternehmen, müssen wir in der Staatsoper Urlaub anmelden und ein spielfähiges Orchester hinterlassen. Die Direktion setzt in dieser Zeit keine Opern von Wagner, Strauss oder Alban Berg an, also Werke, die eine große Orchesterbesetzung verlangen. Aber für das sonstige Repertoire gibt es keine Probleme.

profil: Es gibt ein Gerücht: Die Philharmoniker hätten eine günstige Pensionsregelung verlangt, und der damalige Bundeskanzler Wolfgang Schüssel habe im Gegenzug gefordert, das Orchester müsse zwei Gratiskonzerte geben, das „Konzert für Österreich“ im Herbst und das „Konzert für Europa“ in Schönbrunn. Stimmt das?
Hellsberg: Es war etwas anders. 1998 wurde dem im internationalen Vergleich schlecht bezahlten Staatsopernorchester auch noch seine vorteilhafte Pensionsregelung genommen. Daraufhin schlossen die Philharmoniker mit der Republik einen Vertrag. Er war mit 30 Millionen Schilling dotiert, diente der Altersvorsorge und unterstützte die internationale Reisetätigkeit. Im Gegenzug haben wir uns zu einem kostenlosen „Konzert für Österreich“ verpflichtet und auch dazu, dass wir Kammermusik stellen, wenn die Republik diese für Festakte oder bei Staatsbesuchen benötigt.

profil: Wie kam es dann zu Schönbrunn?
Hellsberg: Der damalige Zoodirektor Pechlaner hat mich gefragt, ob wir Interesse hätten, im damals gerade renovierten Schloss Hof ein Konzert zu geben. Das war 2002, vor der EU-Erweiterung. Ich bin zu Bundeskanzler Schüssel gegangen und habe ihm vorgeschlagen, aus diesem Anlass ein Open- Air-Konzert im Schloss Hof zu machen, das ja im Dreiländereck liegt. Schüssel hat gesagt: „Das ist eine gute Idee, aber macht das bitte in Schönbrunn!“ Ich hatte gehofft, dass 20.000 Leute kommen, und dann sind 90.000 gekommen. Da war uns klar, das mussten wir weiter machen. Wir haben „Schönbrunn 2004“ als zusätzliches Konzert im Rahmen dieses „Republikvertrags“ verstanden, alle weiteren Schönbrunn-Konzerte waren aber Veranstaltungen außerhalb dieses ­Vertrags.

profil: Bundeskanzler Schüssel hat das Konzert zum Geschenk an Europa und zum Geschenk an die EU erklärt. Warum heißt es seit zwei Jahren nicht mehr „Konzert für Europa“, sondern bloß noch „Sommernachtskonzert“?
Hellsberg: Es war ja nur als einmaliges Ereignis anlässlich der EU-Erweiterung 2004 vorgesehen. Mittlerweile treten die Wiener Philharmoniker selbst als Veranstalter auf und tragen das volle finanzielle Risiko. Wir kooperieren deshalb mit einer Schweizer TV-Agentur, die auch die Champions League vermarktet. Das Schönbrunn-Konzert wird seither nicht nur von fünf, sondern von 62 Fernsehstationen auf allen Kontinenten übertragen. Damit ist der Begriff „Konzert für Europa“ etwas zu eng geworden.

profil: „Konzert für Europa“ wurde wohl auch deshalb ersonnen, weil Österreich damals wegen der Regierungsbeteiligung der Haider-FPÖ allen Grund hatte, international guten Wind zu machen.
Hellsberg: Ich vermute, Schüssel hat diesen Aspekt sofort erkannt.

profil: Sie selbst haben im Jahr 2000, kurz nach der Regierungsbildung, in einem Interview mit der italienischen Zeitung „La Repubblica“ gemeint, es sei furchtbar, wenn man Österreich in Europa isoliere.
Hellsberg: Wir hatten damals ja auch allerlei erlebt. Es war absurd: Wir sind vom Publikum besonders herzlich aufgenommen worden, gleichzeitig sind in den Zeitungen grauenvolle Sachen über Österreich gestanden. In Paris hatten wir während eines Konzerts mit Seiji Ozawa sogar eine Bombendrohung. Das Konzert wurde unterbrochen, und wir sind dann alle mit unseren Fracks und den Instrumenten auf der Straße gestanden. Da sind Hunderte Pariser zu uns gekommen und haben gesagt, das alles täte ihnen furchtbar leid, wir sollten unbedingt wieder kommen.

profil: Wie haben Sie denn selbst über diese schwarz-blaue Regierung gedacht?
Hellsberg: Beim grundlegenden Problem, um das es damals gegangen ist, also um die Verharmlosung und den schlampigen Umgang mit dem Rechtsextremismus, kann man nicht wachsam genug sein. Es wäre fatal, würde man damit schlampig umgehen. Ich hätte mir also mehr Fingerspitzengefühl und Pragmatik zuerst von den politisch aktiven Unbelehrbaren erwartet und in zweiter Linie von ihrem Koalitionspartner. Mir hat aber auch nicht gefallen, dass dieses Versagen in innenpolitisches Kleingeld umgemünzt wurde.

profil: Wie haben Sie damals das Auftreten von Thomas Klestil gesehen?
Hellsberg: Der Bundespräsident hat zwar durch die Ablehnung von Haider als Regierungsmitglied klare Grenzen aufgezeigt, er hätte aber vielleicht mehr bewirken können, hätte er gesagt: „Politik ist auch eine Sache des Faktischen, ich garantiere jedoch dem Ausland, dass eine bestimmte Grenze nie überschritten wird.“ Mein persönliches Fazit jener Zeit ist die viel intensivere Ausein­andersetzung mit den Jahren 1933 bis 1938. „Wehret den Anfängen!“ ist eine ungeheuer wichtige Maxime, aber sie setzt voraus, dass man die Anfänge kennt.

profil: Sie leben in einem sehr bürgerlichen Bezirk Wiens, in Währing, die Philharmoniker haben ein sehr bürgerliches Publikum. Aber gibt es das „Bürgertum“ im klassischen Sinn überhaupt noch?
Hellsberg: Das bürgerliche Publikum ist heute sehr diversifiziert. Ist es schon bürgerlich, wenn jemand die neun Beethoven-Symphonien kennt? Oder wenn er zu Hause soundso viele CDs hat und für ihn das philharmonische Konzert zum Ritual gehört? Für mich ist entscheidend, dass möglichst viele Menschen ein Konzert nicht als gesellschaftliches Ereignis betrachten, sondern die zutiefst humane Botschaft der Musik hören wollen.

profil: Wenn Sie vom Konzertpodium in den Saal schauen, sehen Sie da auch manchmal Politiker im Publikum?
Hellsberg: Ja, durchaus. Ich sehe oft den früheren Nationalratspräsidenten Heinrich Neisser, den früheren Abgeordneten Sixtus Lanner, aber auch Ex-Minister wie Martin Bartenstein, Karl Lausecker, Hannes Androsch und Rudolf Scholten kommen oft, wie auch Ursula Pasterk und Ursula Plassnik. Alfred Gusenbauer ist ein echter Klavierfreak und glühender Verehrer von Al­fred Brendel. Er kennt sich wirklich aus, kennt auch die Literatur. Und sehr oft kommt natürlich Wolfgang Schüssel, der ja selbst Cello spielt. Bundespräsident Fischer lässt uns in Schönbrunn auch bei Schlechtwetter nie im Stich.

profil: Die Philharmoniker haben sich jahrelang gegen die Aufnahme von Frauen ins Orchester gesträubt. Warum eigentlich?
Hellsberg: Auch ein Orchester ist Teil der Gesellschaft, entwickelt sich also mit ihr weiter. Die Frauenfrage hat ja nicht nur uns, sondern auch die Polizei, das Bundesheer und andere Institutionen sehr, sehr lange bewegt. Bei uns war es halt viel spektakulärer.

profil: Wie viele Frauen gibt es jetzt im Orchester?
Hellsberg: Sieben. Neben der Chancengleichheit war die Öffnung auch eine künstlerische Frage: Wir konnten den bisherigen Weg nicht weitergehen, nur um eine Tradition aufrechtzuerhalten. Es wäre ja Wahnsinn, würde man nach einem Probespiel die drei Erstplatzierten nicht nehmen, weil sie Frauen sind. Dann könnten wir unsere Qualitätsansprüche vergessen.

profil: Haben Sie vergangene Woche Ioan Holender zu seinem 75. Geburtstag gratuliert?
Hellsberg: Nein, ich war auf einer Schiffsreise. Ich bin entschuldigt.

profil: Er hat in seinen Erinnerungen geschrieben, die Philharmoniker seien demotiviert und ständig auf Reisen, worunter auch die Orchesterqualität in der Staatsoper gelitten habe.
Hellsberg: Haben wir gelesen. Und ein paar Seiten weiter hat er dann geschrieben, wir seien das beste Orchester der Welt. Das ist seine alte Taktik: zuerst jemandem eine drüberzuziehen, um ihm dann auf die Schulter zu klopfen. Er hatte damit erstaunlichen Erfolg. Mit dem Vorwurf „demotiviert“ hat er sich aber in einer Weise bloßgestellt – und er hat sich auf viele Arten bloßgestellt! –, die zeigt, dass er das Wesen des Musikmachens nicht versteht.

profil: Vielleicht erschien ihm das Orchester wirklich demotiviert.
Hellsberg: Ich kann mich an keinen Moment erinnern, in dem das Orchester – wenn es von Werk und Dirigenten gefordert wurde – Demotiviertheit an den Tag gelegt hätte. Und das trotz einer Behandlung durch den Leiter des Hauses, die durchaus demotivierend hätte sein können. Ich weiß das, weil ich mitten in diesem Orchester sitze. Ich weiß, was da an Kraft war, als beispielsweise Franz Welser-Möst ohne Probe für eine „Tristan“-Vorstellung eingesprungen ist. Ich habe, als ich bei den Philharmonikern anfing, legendäre Altgediente erlebt, die bei „Don Giovanni“ nach mehr als vierzig Dienstjahren immer noch Tränen in den Augen gehabt haben. Das waren Tränen der Dankbarkeit dafür, dass man so etwas erleben darf. Das sind Erlebnisse, von denen Holender ausgeschlossen ist. Übrigens: Im Pragmatisch-Technischen hat die Zusammenarbeit mit ihm hervorragend funktioniert.

profil: Vielleicht braucht der Kunstbetrieb so bunte, wenn auch manchmal recht schwierige Vögel wie Ioan Holender.
Hellsberg: Will ich gar nicht ausschließen. Aber wie in diesem Haus Mitarbeiter behandelt wurden, das kann ich nicht akzeptieren – und damit meine ich gar nicht uns, das Orchester.

profil: Haben Sie einen Lieblingsdirigenten?
Hellsberg: Da müssten sie jetzt 150 Orchestermitglieder fragen, und Sie würden 250 Antworten bekommen.

profil: Ist die Frage nach einem Lieblingsstück einfacher zu beantworten?
Hellsberg: Ein großes Kunstwerk ist ein Kosmos für sich. Wenn ich etwa „Figaro“ spiele, denke ich mir: Es gibt nichts Besseres, Größeres. Aber das denk ich mir dann auch bei „Tristan“, der eine völlig andere Welt ist. Und die Neunte von Bruckner ist wieder­um ein anderer Planet. Und bei Haydn denkt man sich: eigentlich unglaublich, diese Fantasie, diese Heiterkeit, diese Modernität. Ich kann Ihre Frage beim besten Willen nicht beantworten.

profil: Und einmal im Jahr, am Neujahrstag, spielen Sie Johann Strauß. Ist der leichter?
Hellsberg: Strauß ist höchste Kunst, kompositionstechnisch perfekt und elegant. Walzer gut zu spielen ist ziemlich anspruchsvoll. Aber es besteht bei dieser Musik eine Gefahr: Sie gefällt sogar dann noch, wenn sie – wie dies rund um den Erdball täglich geschieht – wahnsinnig verhunzt gespielt wird.

profil: Welchen marche funèbre werden Sie sich denn wünschen, wenn einst das letzte Stündlein naht: den von Chopin, den von Beethoven oder den von Mahler?
Hellsberg: Ich würde den langsamen Satz aus dem C-Dur-Quintett von Schubert nehmen. Einer der größten Musiker, die wir bei den Philharmonikern hatten, Professor Richard Krotschak, ein Solocellist, der noch unter Richard Strauss gespielt hat, hat mir einmal gesagt: Sehen Sie, zu dieser Musik will ich einmal sterben. Ob er das dann geschafft hat, weiß ich nicht.