„Man verkehrte mit diesen Leuten nicht“

Heinrich Schuschnigg, Neffe des legendären Kanzlers, über den Umgang des Adels mit der NS-Geschichte, Diskussionen im St. Johanns Club und adeligen Widerstand.

profil: Hat der Adel eine „Erzählgeschichte“ des Nationalsozialismus?
Schuschnigg: Nicht so sehr die Aristokratie, in den Familien blitzt hin und wieder etwas auf.
profil: Und in Ihrer Familie?
Schuschnigg: Mit diesen Leuten, von denen man wusste, dass sie heftige Nazis gewesen waren, verkehrte man nicht. In der nächsten Generation ist dem nicht mehr so. Da kennt man oft nur noch Anekdoten. Etwa, dass man jemandem, mit dem man nichts zu tun haben wollte, eine „Dank“-Karte schickte – nachdem man einen Hirsch geschossen hatte, der aus seinem Revier in das eigene übergewechselt ist.
profil: Ihr Vater war ein Bruder Kurt Schuschniggs, wurde er verfolgt?
Schuschnigg: Vater war beim Rundfunk. Er übertrug die letzte Rede meines Onkels vor Hitlers Einmarsch, danach hat er den dritten Satz vom Kaiser-Quartett aufgelegt, am nächsten Tag saß ein anderer an seinem Platz.
profil: Ihr Eigentum wurde beschlagnahmt?
Schuschnigg: Die Familie hatte nie Besitz, die Wohnung war weg, meine Eltern standen in Österreich unter „Gauverbot“ und lebten ab Ende 1938 in Berlin. Über Hilfe von Emmy Göring bekam Vater eine kleine Stelle im Kaiser-Friedrich-Museum. Die Eltern bekamen die Möbel aus Wien, auch mein Onkel hatte Teile seiner Möbel und Bücher im KZ Sachsenhausen.
profil: Wie stehen Sie zur Frage nach dem Verhältnis von Adel und Nationalsozialismus?
Schuschnigg: Der Adel ist ja keine homogene Gesellschaft. Es gibt Geschlechter aus dem 13. Jahrhundert oder den Briefadel, zu dem wir gehören, der im 19. Jahrhundert an Offiziere oder Beamte verliehen wurde (Anm.: die Familie Schuschnigg wurde 1897 geadelt). Und es gab ganz unterschiedliche Formen des Umgangs.
Ein Neffe ist verheiratet mit einer Herzogin von Mecklenburg, der ältesten deutschen Fürstenfamilie. Der Erbprinz der Familie war gegen den Willen des Großherzogs der SS beigetreten. Daraufhin hat ihm der Familienrat 1943 die Eigenschaft als künftiges Familienoberhaupt aberkannt und den jüngeren Bruder als Erben eingesetzt. Als Vorwand diente eine nicht standesgemäße Ehe. Man behandelte ihn vergleichbar mit einem Erzherzog, der eine Dirne geheiratet hatte.
profil: Unter den Gauakten der NSDAP befinden sich auch die von Angehörigen gräflicher Familien.
Schuschnigg: Man muss den Einzelnen betrachten. Sippenhaftung wäre das, was die Nazis gemacht haben.
profil: Sie sind im St. Johanns Club, der überwiegend adelige Mitglieder hat. Wird dort über die Geschichte während des NS-Regimes diskutiert?
Schuschnigg: Sehr wohl. Und es gab immer wieder auch Auseinandersetzungen. Etwa wenn John Gudenus (Anm.: FPÖ-Bundesrat) diese Sprüche losgelassen hat. Er hat den Club auch verlassen. Aus dem Widerstand leben nur noch ganz wenige. In der Widerstandsbewegung O5 waren etwa zwei Drittel der zivilen und einige der militärischen Angehörigen Adlige. Für die Treffen hat ja die Prinzessin Agathe Croy das Palais Auersperg zur Verfügung gestellt, und wäre sie erwischt worden, wären sie und eine riesige Verwandtschaft drangekommen.
profil: Sie sind über Ihre Frau mit Willi Thurn und Taxis verwandt, der in der O5 engagiert war.
Schuschnigg: Willi hat uns nie sehr ausführlich erzählt. Dieser Widerstand war ihm keine so furchtbar interessante Geschichte, man hat das als selbstverständlich gefunden. Der Nationalsozialismus war ja von Anfang an inakzeptabel: Man wusste, er ist antikatholisch, antiösterreichisch, gegen die Habsburger und sozialistisch.
profil: Die Breite des legitimistischen Widerstands, der aus der Überzeugung des legitimen Herrschaftsanspruchs der Habsburger gegen Hitler war, wurde aber nicht vom Adel getragen, sondern von einfachen Menschen.
Schuschnigg: Das ist ganz normal, weil die Pyramide so aufgebaut ist. Es waren viele aus dem katholischen Bereich, es waren aber auch viele Kleinadelige dabei. Johannes von Eidlitz war bei der O5, Franz von Mayer-Gunthof kam in das KZ Mauthausen, Wolfgang von Pfaundler, aber auch Hubert Prinz Hohenlohe-Schillingfürst waren 1944 im „Provisorischen Österreichischen Nationalkomitee“. Ein anderer Hohenlohe war der, dem man später den Hirschen weggeschossen hat.
profil: Am kommunistischen Widerstand haben sich wesentlich mehr Menschen beteiligt als am legitimistischen.
Schuschnigg: Aber er hat nichts bewirkt. Das Interessanteste in Österreich ist ja der Widerstand vor 1938. Österreich musste nach dem Zerfall der Monarchie 1918 aus dem Nichts heraus ein Nationalbewusstsein aufbauen. Die Legitimisten wollten im Gegensatz zur Sozialdemokratie und den Christlichsozialen bedingungslos ein selbstständiges Österreich. Es ging auf Otto von Habsburg zurück, dass das amerikanische Repräsentantenhaus schon im Jänner 1941 eine Resolution fasste, in der es hieß, dass die Okkupation Österreichs null und nichtig sei. Der Urtext der Moskauer Deklaration, die 1943 Österreichs Selbstständigkeit festlegte, stammt übrigens von Robert von Habsburg. Ich bin ziemlich überzeugt, dass Österreich ohne den legitimistischen Widerstand heute Klein-Bayern wäre.
profil: Das habsburgische Familienarchiv ist derzeit nicht zugänglich. Es könnte dieses Engagement unter Umständen belegen, aber auch die Frage klären, unter welchen Bedingungen Otto von Habsburg vor 1938 in Österreich an die Regierung wollte.
Schuschnigg: Ich habe mehrmals angemerkt, „Kaiserliche Hoheit, öffnen Sie Ihr Archiv doch der Wissenschaft“, aber er hat abgelehnt und sagte, man solle nach vorne blicken. Zu Ottos Verlangen, ihm im März 1938 die Kanzlerschaft zu übertragen, sagte mein Onkel, dass er ihn als unbefleckte Personalreserve für die Zeit danach wollte. Es hat ja niemand gedacht, dass der Nationalsozialismus sich lange halten würde.