„Man muss der Politik auch die Tür weisen können“

Fernsehen. ORF-Programmdirektor Wolfgang Lorenz im Interview über das „Scheiß-Internet“, die Muppet-Kommentare von Gerd Bacher und die Gründe für die Image-Probleme des ORF.

profil: Herr Lorenz, die verbale Provokation scheint Ihnen eine Art Lebenselixier zu sein. Oder ist Ihnen der Begriff „faschistoid“, den Sie im Zusammenhang mit dem Menschenfernsehen im Privat-TV vor dem Publikumsrat gebraucht haben, entglitten?

Lorenz: Nein, ist er mir nicht. Faschistoid heißt ja
noch nicht faschistisch, aber tendenziell geht es in die Richtung einer kompletten Menschenverachtung. Da werden Subjekte zu Objekten gemacht, die man dann beschädigt zurücklässt. Ich kann mir so etwas wie „Dschungelcamp“ nicht länger als zwanzig Minuten ­anschauen, weil mich diese Art Fernsehen richtiggehend krank macht. Bei Formaten wie „Germany’s next Topmodel“ oder „Supertalent“ geht es mir ähnlich.

profil: Vor dem Publikumsrat haben Sie auch angemerkt, dass man Formate, die anderswo erfolgreich sind, nicht auf öffentlich-rechtlich brav nachmachen soll. Von „Dancing Stars“ über die neue Nostalgie-Show mit Andi Knoll bis zu „Helden von morgen“: Das sind alles keine genuinen ORF-Formate.
Lorenz: „Helden von morgen“ ist ein eigenständiges ORF-Format.

profil: Eine ähnliche Show mit Coaches und Genre-Unterteilung gab es auch im italienischen Fernsehen.
Lorenz: Und wenn schon. Analogien gibt’s immer. Und es funktionierte gut. Mit Kunstkniffen wie den Auftritten von Sido und Marilyn Manson haben wir für zusätzlichen Gesprächsstoff gesorgt. Alles gab es schon irgendwo – nur eines nicht: Manson und Fendrich gemeinsam auf einer Bühne. Das gab’s nur bei uns.

profil: Manson ist sich absinthbeschwingt verbalerotisch so entglitten, dass Lieblings-Juror Sido mit dem poetischen Satz „Geh doch einfach Fledermausköpfe essen, du Idiot“ konterte. Mansons Entgleisungen wären ein Skandal, fand Puls4-Chef Markus Breitenecker nach Ihrer Kritik am angeblich faschistoiden Privat-TV.
Lorenz: Soll er! Was Manson betrifft, so kann ich nur sagen, er war so handzahm, dass er ohne diese Ausreißer fast zu lieb gewesen wäre.

profil: Die sehr professionell gemachte Show lag, besonders in der Anfangsphase, weit hinter den Erwartungen zurück. Warum?
Lorenz: Das sehe ich gar nicht so. Das war ein explizit junges Programm mit bis zu 30 Prozent Marktanteil. Aber wir waren immer Marktführer mit fast 700.000 Zuschauern beim Finale. Man sollte bedenken, dass „Helden von morgen“ die mit Abstand im Internet am erfolgreichsten kommunizierte Sendung ever ist – drei Millionen Zugriffe auf YouTube, an die sieben Millionen auf Facebook. Und vier Kandidaten kamen auf Anhieb in die Charts. Die Sendung hat natürlich auch polarisiert, aber das soll sie
ja.

profil: Jetzt finden Sie wieder Gefallen an dem „Scheiß-Internet“, das auch Ihre Wut erregt, weil sich die junge Zielgruppe mehr dort aufhält als vor dem TV-Gerät. Bereuen Sie Ihre Aussage, die bei einer Diskussion in Graz fiel?
Lorenz: Ich weiß, dass ich oft ein sehr weit offenes und unkontrolliertes Mundwerk habe. Manchmal denke ich mir: Hättest du nur dein blödes Maul gehalten! Aber in diesem Fall tue ich das nicht. Diese Bemerkung hat mir schon zu Lebzeiten den jährlichen Wolfgang-Lorenz-Gedächtnispreis eingebracht und wurde außerdem aus dem Zusammenhang gerissen. Bei dem „Scheiß-Internet“-Sager habe ich meine Befürchtung geäußert, dass die Jungen in dieser Maschine einmal gänzlich verschwinden werden und das tragischerweise niemand auffallen wird. Das ist von hoher gesellschaftspolitischer Relevanz.

profil: Diese Warnung kommt von einem 66-jährigen Mann, der sich noch seine E-Mails auf Papier ausdrucken lässt, weil er nicht mit dem Computer arbeiten will. ­Benutzen Sie eigentlich auch noch eine Schreibmaschine?
Lorenz: Selbstverständlich. (Er holt eine unter dem Schreibtisch hervor, Anm.). Ich habe fünf davon. In diesem Büro wird auch noch diktiert und ein normaler Kalender geführt. Und wenn mir zugerufen wird: „Reg dich nicht so auf, Alter!“, dann kann ich nur antworten: Ich hab mich mein ganzes Leben lang aufgeregt und bin mit dieser Form der temperamentvollen Anteilnahme eigentlich auch immer ganz gut gefahren. Aber natürlich bin ich ein bisserl ein technischer Medien-Dino.

profil: Peter Turrini hat Castingshows als eine moderne Form der Hölle bezeichnet. Ist dieses Genre jetzt einmal durch?
Lorenz: Ja, das ist durch und ausgelutscht. Ich würde sagen, man kann es abhaken, zumindest für die kommenden zwei, drei Jahre. Jetzt haben wir ja noch den Songcontest vor uns, der in starker Kooperation mit Ö3 passiert.

profil: Auch das Format „Dancing Stars“ erscheint – mit Verlaub – etwas ausgelutscht. Warum gibt es im März eine neue Staffel?
Lorenz: Weil es eine geschmackssichere Angelegenheit ist, die das Publikum will. Ich musste ja schon Schelte aushalten, dass es vergangenes Jahr eine Pause gab.

profil: B- bis C-Promis scheint man für dieses Format immer schwieriger gewinnen zu können.
Lorenz: Ohne Ihre abwertende Kategorisierung zu akzeptieren: Das hat mit der Kleinheit unseres Markts zu tun. Die Promis durchfliegen ja ständig in sämtlichen Me­dien die öffentliche Wahrnehmung und gehen uns dementsprechend auch auf die Nerven. Aber abgesehen davon haben wir diesmal auch ganz frische Prominente an Bord, wie den türkischen Serien-Star Mike Galeli, der in Vorarlberg lebt und den es erst auszudefinieren gilt.

profil: Ein Tänzer mit Migrationshintergrund und einer, der homosexuell ist – sehr politisch korrekt.
Lorenz: Es ist unsere Aufgabe, die gesellschaftliche Realität abzubilden – und auch, Versäumnisse, die in dieser Hinsicht sicher passiert sind, nachzuholen. Man muss dabei natürlich aufpassen, dass man nicht zu einer Art Sozialprogramm wird.

profil: Glauben Sie wirklich, dass zwei miteinander tanzende Männer die Toleranz und den Respekt gegenüber Homosexuellen – vor allem auf dem Land – erhöht?
Lorenz: Allein Ihre Fragestellung ist bereits polemisch. Das ist unser Statement, um diesbezüglich Normalität herzustellen. Dass dieses Statement eine solche Debatte entfacht hat, ist österreichische Skurrilität pur. Deshalb haben wir auch die „ARGE Talkshow“ verschoben. Inzwischen hat sich Niki Lauda ja auch mit eingekniffenem Schwanz zurückgezogen, weil er offensichtlich begriffen hat, dass diese homophoben Äu­ßerungen für sein Image nicht von Vorteil waren.

profil: Bei Ihrem Antrittsinterview Anfang 2007 erklärten Sie in profil, dass die Menschen glauben, auf dem Küniglberg gehe es wie in einer transsilvanischen Festung zu. Die Unternehmenskultur müsse sich dringend ändern. Doch so schlimm wie in den letzten vier Jahren war es eigentlich selten.
Lorenz: Es wurden schon Managementfehler begangen, von denen ich mich selbst nicht ausnehme. Ich bin ja hoch bezahlter Funktionär und deswegen durchaus in die Verantwortung zu nehmen. Eine katastrophale Fehlentscheidung war mit Sicherheit die mit der Programmreform zusammenfallende forcierte Umstellung auf Digitalisierung, mit der wir uns ruhig Zeit hätten lassen können. Plötzlich hatten viele Menschen Empfangsschwierigkeiten bis zur Schwarzblende. Das war der große ORF-Grippe­virus, den wir uns alle gemeinsam mit einer falsch kommunizierten Programmreform eingefangen haben und an dem wir dann auch alle schwer erkrankt sind.

profil: Die Bauchlandung von „Mitten im Achten“ ist aber nicht mit den Problemen bei der Digitalisierung zu erklären.
Lorenz: Ich will das Wort „Mitten im Achten“ bitte nicht mehr hören. Und ja, auch da habe ich Fehler gemacht und bin dafür in die Verantwortung zu nehmen. Ich habe das Konzept aus der ORF-Lade übernommen und viel zu früh auf Schiene gesetzt. Ich habe mich durch die Euphorie des Neustarts mitreißen lassen. Ich behaupte aber, dass „Mitten im Achten“ heute noch laufen würde, wenn wir dem Produkt mehr Zeit gegeben hätten. Ich darf darauf aufmerksam machen, dass auch ein heutiger RTL-Erfolgsklassiker wie „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ jahrelang an starken Anfangsschwierigkeiten gelitten hat. Auch das Kultformat „Willkommen Österreich“ ist schon knapp nach dem Start vor der Einstellung gestanden. Auch „Wir sind Kaiser“ hat anfänglich gar nicht toll funktioniert. Heute sind beide Kult.

profil: In der Außenwirkung war das kata­s­trophale Image des ORF auch durch heftige interne Grabenkämpfe zu erklären. Es soll zwischen Ihnen und dem Generaldirektor zu einem Bruch gekommen sein.
Lorenz: Zwischen Wrabetz und mir ist es nie zu einem eklatanten Bruch gekommen. Wir sind eben sehr unterschiedliche Charaktere und leben in verschiedenen Welten. Und nichts ist langweiliger, als wenn alle einer Meinung sind. Ich habe mich sehr wohl mit dem, was ich wollte und mir wichtig war, durchgesetzt. Deswegen werde ich aus dem ORF nicht enttäuscht ausscheiden, und ich zähle auch nicht die Tage bis zu meiner Pension. Aber ich bin nun einmal seit über 40 Jahren ein Scheiß-Öffentlich-Rechtlicher und werde das auch immer bleiben.

profil: Ihr Mentor und Ziehvater Gerd ­Bacher hat Alexander Wrabetz als die ­tragischste Figur in der ORF-Geschichte bezeichnet. Wie kommentieren Sie das?
Lorenz: Bacher ist ein lebenslanger Freund von mir und wird das bis in sein oder mein Grab hinaus bleiben. Aber was den ORF betrifft, sollte er endlich die Klappe halten. Das habe ich ihm auch schon x-mal persönlich gesagt. Er kommentiert etwas, was längst nicht mehr existiert. Und wäre der ORF so geblieben, wie er ihn aufgestellt hat, wäre das Unternehmen auch nicht mehr da. Ich finde diese Form von Muppet-Kommentaren durchaus entbehrlich. Aber bei Bacher ist das wie ein Reflex. Den kann man um vier Uhr morgens aufscheuchen und ihn zu einer Diskussion über den ORF einladen. Er wird sofort aufstehen und sich die Zähne putzen. Der ORF ist seine Lebensliebe.

profil: Die Achse zwischen Wrabetz und dem Kommunikationsstrategen Pius Strobl hat Ihnen doch schwer zu schaffen gemacht. Schließlich wurde auch die Entscheidung für Dominik Heinzl und „Chili“ über Ihren Kopf hinweg getroffen.
Lorenz: Diese Form der Fremdbestimmung hat mich natürlich aufgeregt. Ich kann dann zu einem sehr unangenehmen Menschen werden.

profil: Sie sollen in einer Sitzung gebrüllt haben: „Chili ist tot, tot, tot.“
Lorenz: Das stimmt, ich bin nun einmal ein Häferl, das leicht übergeht. Aber es hat mich nicht mit Schadenfreude erfüllt, dass die Sendung von den Zuschauern nicht angenommen wurde. Schließlich wollte ich Heinzl schon vor zehn Jahren engagieren. Anscheinend ist diese zusätzliche Stimme im vielstimmigen Medienkanon, der sich mit Gesellschaft beschäftigt, eine überflüssige. Aber mit der Adaptierung und den Sondersendungen hat sich das alles wieder etwas normalisiert.

profil: Hat der Rücktritt von Pius Strobl nach dem Abhörskandal Sie mit einer gewissen Genugtuung erfüllt?
Lorenz: Ja! Ich würde mich in dieser Angelegenheit sogar als ersten Sprengmeister bezeichnen. Aber abgesehen davon trennten uns schon immer unsere Auffassungen von Kommunikation. Ich halte nichts davon, dass man täglich wie manisch alle Medien und Politiker durchtelefoniert, um Geschichten zu lancieren. Das Gefühl, das dabei vermittelt wurde, ist, dass der ORF sich weit wichtiger nimmt, als ihm eigentlich zusteht. Diese selbstgefällige, pampige und auch protzige Attitüde des ORF, die natürlich schon auf der Medienorgel des Gerd Bacher eingeübt wurde, steht uns längst nicht mehr zu Gesicht. Nach dem Abgang von Pius Strobl hat sich das hausinterne Klima meiner Meinung nach gewandelt. Es ist wohltemperierter geworden, um nicht zu sagen: wärmer. Das merkt auch die Öffentlichkeit.

profil: Wie beurteilen Sie rückblickend die Umstände der Absetzung von Informationsdirektor Elmar Oberhauser?
Lorenz: Der Diskurs war außer Rand und Band geraten und zu einer politischen Entscheidung hochstilisiert worden, woran Oberhauser auch Anteil hatte. Ich hatte ihn im Vorfeld gewarnt. „Elmar“, habe ich gesagt, „du hast einen gewissen Hang zum Andreas-Hofer-Schicksal, sie könnten dich aber auch erschießen.“ In der Folge hat sich die Causa auch noch zu einem Seelendrama zugespitzt. Alles in allem eine durch und durch entbehrliche Geschichte.

profil: Der 2007 angekündigte Versuch, den ORF zumindest etwas aus dem Würgegriff der Regierungsparteien zu befreien, scheint mehr als gescheitert.
Lorenz: Die Politik ist ja auch die einzige Bestandsgarantie einer öffentlich-recht­lichen Anstalt. Trotzdem erscheint mir die versuchte Einflussnahme der Politik im ORF heute so massiv wie nie zuvor. Ich selbst scheine da eine Art Drachenblutbad genommen zu haben. Mich hat die Politik nie instrumentalisiert. Ich wurde seit über 40 Jahren von ihr weder gelobt noch bedroht. Ich geniere mich ja schon dafür, Mitglied beim ÖAMTC zu sein.

profil: Aber in den Sitz des Programmdirektors reisten Sie doch auch mit einem ÖVP-Ticket.
Lorenz: Nein, ich bin parteilos und kann äußerst unangenehm werden, wenn ich Anrufe bezüglich personalpolitischer oder inhaltlicher Entscheidungen bekomme. Das weiß man. Deswegen lässt man mich auch weitgehend in Ruhe. Ich will aber jetzt bitte keine Heldennummer aus meiner „Farblosigkeit“ machen. Es ist ein seltenes Einzelschicksal.

profil: Wie sehr hat sich das System der politischen Einflussnahme in den letzten 40 Jahren verändert?
Lorenz: Die Bereitschaft, das Spiel mitzuspielen, ist eine andere geworden. Früher gab es regelrechte Königsdramen. Kreisky und Bacher haben sich befetzt, aber alle Schlachten waren von großem gegenseitigem Respekt getragen. Und in der Nacht um eins ist der Bacher dann nach solchen heftigen Debatten oft noch auf eine Eierspeis zum Kreisky in die Armbrustergasse gefahren, und sie haben bis in die Früh getratscht. Damals spielte sich alles auf Augenhöhe ab. Heute ist das nicht mehr so. Die Politiker bestimmen die Augenhöhe, und wir zwingen sie nicht auf unsere. Man muss der Politik auch die Tür weisen können, was viel zu wenig geschieht. Die zukünftige Geschäftsführung sollte sich gleich mit der Errichtung von Firewalls und dem Anlegen von Kampfanzügen beschäftigen.

profil: Auch der heutige kaufmännische Direktor Richard Grasl, der als heißer Kandidat für den nächsten alleinigen Programmdirektor gehandelt wird, säße ohne die ÖVP nicht auf diesem Sessel.
Lorenz: Es stimmt, dass Grasl ohne diesen Politschub nicht hier wäre. Ich halte ihn dennoch für einen sehr fähigen Mann und kein politisches Weichei. Die Politik muss sich, was Talent und Fähigkeiten betrifft, ja nicht immer irren.