Managersommer

Urlaube müssen nicht umbringen, sie können auch stärker machen.

„Mach mal Pause“
Werbeslogan von Coca-Cola

Topmanager, sofern sie nicht von Politikern in ihre Ämter geschoben wurden, verfügen über ein tolles Bündel an Teilintelligenzen. Anders kommt man in der Privatwirtschaft nicht an die Spitze.

Das heißt nicht, dass es in ihrem Hirn keine toten Winkel gäbe. Einer ist mir in vielen Jahren Wirtschaftsjournalismus aufgefallen. Es handelt sich um das Phänomen, dass jeder Mensch das schlechteste Zeugnis seines Berufs ist. So wie Ärzte niemals zu Ärzten gehen, Schuster die schlechtesten Schuhe anhaben und Priester wie die Teufel sündigen, sind die Spitzenkräfte der Wirtschaft außerstande, das Wichtigste zu managen, sich selbst.

Sie sind nicht einmal imstande, mit dem relativ einfachen Problem Urlaub fertig zu werden. Alle Sachbücher, die darüber geschrieben wurden, waren sinnlose Briefbeschwerer. Sinnlos jedes Wort über den Segen der Ruhe, sinnlos jeder Satz über die dualistische Würde von Spannung und Entspannung.

Die meisten Topmanager gleichen einer wertvollen Piaget, die sich selbst so lange aufzieht, bis die Feder silberhell bricht. Dann ist auch die Unruhe dahin: R. I. P. – Ruhe in Frieden.

Da dies einer Verschwendung von Volksvermögen gleichkommt, sprengen wir auf weißen Rössern heran und nehmen einen Anlauf, unsere Wirtschaftsführer zu retten.
Ratschlag 1: Werfen Sie alle Sachbücher weg, die Ihnen die ideale Gestaltung des Ruhestands oder des Urlaubs oder des Wochenendes erklären. Der Fehler liegt schon darin, dass man diese Phänomene nicht getrennt behandeln kann. Das Heil liegt in allen drei Fällen in einem richtig gestalteten Alltag. Dort geht es um die „Mischkunst des Lebens“ (Copyright „trend“).

Der ideale Urlaub beginnt damit, dass man schon während des Arbeitsjahres täglich ein Gedicht von Robert Gernhardt liest (zirka eine Minute); dass man jemand Lieben und beruflich Unwichtigen anruft (zwei Minuten oder fünf, je nach Geschlecht); ein Klavierkonzert von Beethoven hört (37 Minuten, falls es das fünfte ist und der Rudolf Buchbinder spielt); eine kleine Zeichnung macht oder ein Foto oder sonstwas, das die rechte Gehirnhälfte aufrührt (fünf Minuten); in ein Bahnhofswirtshaus auf ein Achtel geht (zehn Minuten); für spätere Erinnerungen ein Tagebuch-Stenogramm anlegt (fünf Minuten) und, was den Körper betrifft, die Treppe statt dem Aufzug nimmt. Das summiert sich auf ziemlich genau eine Stunde pro Tag.

Mehr ist ohnehin nicht drin, wenn du die VoestAlpine oder Swarovski oder Wittmann oder ein kleines Reisebüro leitest. Mehr ist auch nicht notwendig. Und weniger sollte es nicht sein. Sonst stellt sich nicht dieses kräftigende Gefühl ein, es gäbe ein Leben neben dem Beruf oder überhaupt ein Leben vor dem Tod.

TopmanagerInnen, die das schaffen, haben ihren vielleicht wichtigsten Sieg errungen. Sie haben das Klumpen-Prinzip durchbrochen. Dieses lautet: Ich verschiebe alles Schöne, das dem beruflichen Alltag fehlt, aufs Wochenende, dann in noch größeren Klumpen auf den Urlaub und schließlich als Riesenklumpen auf die Pension, die ich aber auf diesem Weg ohnehin nicht erlebe.

Wer die Mischkunst des Lebens mit täglicher Disziplin sucht, hat am Beginn seines Urlaubs den Kopf frei. Er braucht nichts aufzuholen, was dem Alltag fehlte. Das ist schon ein guter Anfang, aber noch keine Garantie für den idealen Urlaub. Da wäre beispielsweise die Frage der Dauer.

Aus Sommerfrische-Dramen von Fin-de-Siècle-Autoren wie Arthur Schnitzler glaubt man zu wissen, wie frühere Industrielle ihren Urlaub gestalteten. Sie begleiteten ihre Familie eine Woche lang auf die Rax, dann wurden sie im Joch der Pflicht zurückgerufen in die Fabrik, zu lähmenden Jagdaufenthalten mit Geschäftsfreunden in Ungarn und in die Arme anstrengender Freundinnen. Nicht auszuschließen, dass damit alle zufrieden waren, sofern sich ein fescher Kurschatten für die gnädige Frau fand und ein anregender Freundeskreis für die Kinder.

Hier soll aber nicht Lebenslügen das Wort geredet werden. Hingewiesen wird lediglich auf lange, urlaubsartige Zeiten. Verglichen mit heute hat man sich damals über-erholt. Einer der Lieblingssätze gegenwärtiger Führungskräfte: „Ich weiß nicht, wie ich heuer eine Woche Sommerurlaub und eine Woche Winterurlaub unterbringen soll.“

Früher heuchelte ich Bedauern, heute lache ich darüber: „Bleiben Sie einfach daheim. Eine einzige Woche macht Sie nicht gesünder, nicht jünger, nicht glücklicher. Sie gibt Ihnen nur eine Idee dessen, was schön wäre.“

Die Experten sind sich über die Idealfigur eines guten Urlaubs halbwegs einig, ungefähr so: „Das sind heilige Tage (Holidays), die man mit einem Partner an einem Platz zubringt, der dem Körper gut tut und damit somatisch-psychisch der Seele. Diese Tage sollen so lange dauern, bis die Langeweile und eine Vorfreude auf die Arbeit kommt.“

Kürzlich habe ich Dr. Walter Seeböck getroffen. Wir dienten einer Veranstaltung im Wiener „Haus der Industrie“. Er ist Spiritus Rector des österreichischen Zweigs der Organisation B.A.U.M., die eine avantgardistische Vordenker-Tradition hat, vom Umweltschutz bis zur Nachhaltigkeit allen Managements.

Da Seeböck ein höflicher Mann ist, bedankte er sich für einen etliche Jahre zurückliegenden Tipp, den ich vergessen hatte: „Ich nahm tatsächlich ein Ruhejahr zur Karrieremitte, wie Sie es vorgeschlagen hatten.“
Das würde ich mich heute gar nicht mehr trauen.