Manieren, Manieren

Benimmkurse und die Demokratisierung der Rüpelhaftigkeit im öffentlichen Raum.

Ich fahre in der Bahn. Neben mir bohren sich die dreckigen Latschen des jungen Mannes von schräg gegenüber in die Sitzpolsterung.

Ich gehe auf der Straße. Vor mir lässt eine Frau ihre ausgelutschte Saftpackung auf den Gehsteig fallen.

Entspannte Menschen ringsum. Sie rempeln und rülpsen, sie brennen dir mit ihren Tschicks im Vorübergehen lässig Löcher ins Gewand, hinterlassen fettige Pizzakartons auf U-Bahn-Sitzen, spucken dir vor die Füße und plärren neben dir so laut in ihre Handys, dass du am Rande eines Gehörsturzes stehst (der allerdings insofern eine Wohltat wäre, als du dann nicht erfahren müsstest, was sich die Dschenni von der Oma zum Geburtstag wünscht).

Im Radio salbadert einer, wie arm unsere Kinder heutzutage seien, nix als Zwang und Unterdrückung, und immerzu sollten sie sich still und artig betragen.
Wann, bitte, hat dieser Mensch zum letzten Mal ein Kind getroffen?

Neulich beim Zahnarzt: Ausgelassene Kleine spielen unter gellendem Geschrei Fangen und rütteln an den Sesseln kreuzmaroder Greisinnen, stolz beäugt von ihren Müttern.

Ich weiß, ich klinge jetzt nach bissiger Alter, aber sei’s drum, ich stehe zu meinem Grant angesichts der rauen Sitten in Zeiten des Faustrechts.

Was mich jedoch von den üblichen Meckerern über die Manierenlosigkeit der Gegenwart unterscheidet, ist dieses: Ich weine keiner angeblich besseren Epoche nach. Ich leide zwar unter angesagter Rücksichtslosigkeit, aber ich behaupte nicht, dass früher allgemeine Rücksichtnahme angesagt war.

Was angesagt war, war mehr Hierarchie. Früher haben die kleinen Mädchen geknickst und die kleinen Buben einen Diener gemacht, aber auch nicht vor jeder/jedem Erwachsenen. Früher haben die Herren den Hut gezogen, aber nur vor anderen Herren, nicht vor Männern. Früher hat man Damen den Vortritt gelassen, sofern sie Damen waren. Dafür haben erwachsene Frauen vor gnädigen Frauen geknickst und waren Stubenmädel trotz grauer Haare. Und junge Herren durften herrisch sein gegenüber dem Alter, dem Respekt ja bloß dann gezollt wurde, wenn es dem entsprechenden Stand angehörte.

Manieren waren auch und nicht zuletzt ein Herrschaftsinstrument. Sie dienten dazu, die Machtlosen zu reglementieren und die sozialen Klassen voneinander zu unterscheiden. Und sie waren Erkennungszeichen unter Angehörigen derselben Gesellschaftsschicht. Wer die Spielregeln bürgerlichen oder aristokratischen Benehmens nicht beherrschte, konnte ganz leicht als Parvenü enttarnt (und ausgestoßen) werden.

Dass die Achtundsechziger aufräumen wollten mit den steifen Benimmzwängen der Nachkriegszeit, hatte als Hintergrund das Ideal der klassenlosen Gesellschaft. Nicht länger sollten furchtsame Kinder widerspruchslos in die sozialen Fußstapfen ihrer Eltern treten, sondern angstfreie, selbstbestimmte Menschen sollten gleiche Chancen wahrnehmen können. Hat nicht ganz funktioniert, vor allem deswegen nicht, weil sich das Ideal der klassenlosen Gesellschaft nicht durchgesetzt hat.

Stattgefunden hat lediglich eine gewisse Demokratisierung der Rüpelhaftigkeit im öffentlichen Raum. Das Proletariat darf zwar furchtlos fettige Burger-Papierln in der U-Bahn zurücklassen, aber damit ist seine Chancengleichheit auch schon weit gehend erschöpft.

Und wenn selbstbewusste Eltern, wie es nicht selten vorkommt, der Tagesmutter erklären, sie solle ihren kleinen Liebling gefälligst nicht darauf dressieren, bitte und danke zu sagen, dann dient das nicht der kindlichen Würde, sondern der Präpotenz der Eltern, die in der Tagesmutter offenbar untergebenes Personal und ihren Nachwuchs als geborenen Anschaffer sehen.

Benimmkurse boomen neuerdings, heißt es. Boomen sie, weil den Rüpelhaften ihre Rücksichtslosigkeit selber auf die Nerven geht? Ich fürchte, nein.

Wer Benimmkurse bucht, bucht sie vor allem, um in einer Welt der harten Konkurrenz durch Manieren zu punkten, die als soziales Selektionskriterium verstanden werden. Man lernt Anrede-Regeln, Dresscodes, das Erstellen einer Tischordnung oder den richtigen Umgang mit Fingerschale und Austerngabel, um sich nur ja nicht durch Uninformiertheit zu blamieren. Was also boomt, sind gute Manieren zum Zweck der Abgrenzung von den Unwissenden und im Dienste sozialer Schranken.

Zugegebenermaßen ist die Grenze zwischen Etikette um der Etikette willen und durchaus sinnvollen Regeln fließend. Manchmal wünsche ich mir, mein Tischnachbar hätte, überholtem Drill folgend, das Essen mit angelegten Armen trainieren müssen, statt mit den Ellbogen rudern zu dürfen, und manchmal würde ich meinem Visavis gerne streng ein altmodisches „Mit vollem Mund spricht man nicht!“ zurufen – aus Selbstschutz, nicht aus gouvernantenhafter Pedanterie.

Mehr Manieren hätten schon was für sich, wenn Manieren sozial verträglichere Umgangsformen bedeuteten, also beispielsweise keine Dreckslatschen auf Sitzen und kein Untersichlassen von Müll und eine Wortwahl, die ein gewisses Ausmaß von Wohlwollen und Respekt signalisiert.

Dass diese Umgangsformen auch früher nicht gewährleistet waren, heißt nicht, dass leichten Herzens auf sie verzichtet werden kann. Und deshalb ist es schade, dass sich statt mehr Höflichkeit für alle mehr Rüpelhaftigkeit von allen durchgesetzt hat.
Der Anstandsboom allerdings wird daran, fürchte ich, wenig ändern. Allenfalls beschert er uns mehr Rüpel mit Austerngabeln.