„Man fährt auch für die Nation“

Weltcupsieger Marcel Hirscher über die Härten des Trainings, miesen Sensationsjournalismus und seine Kindheit an der Baumgrenze.

Interview: Herbert Lackner

profil: Herr Hirscher, Sie üben Ihren Sport normalerweise bei Temperaturen aus, die 40 Grad unter den jetzigen liegen. Mögen Sie den Sommer?
Hirscher: Auf jeden Fall. Jeder kann nachvollziehen, wie angenehm das Sonnenlicht und die Wärme sind. Für mich ist es immer faszinierend, welchen Aufwärtstrend es bei den Menschen auslöst, wenn der Winter zu Ende geht.

profil: Für Sie beginnen dann die Ferien.
Hirscher: Das auch. Es kommt darauf an, wie die Saison verlaufen ist. Wenn man gut in Form ist, hat man das Gefühl, ewig weiterfahren zu können. Aber heuer war es schon okay, dass auch einmal Schluss war.

profil: Wie kann man sich den Sommer eines Skirennläufers vorstellen? Fahren Sie auf Urlaub an den Strand?
Hirscher: Es wäre schön, wenn sich das ausgegangen wäre. Aber ich hatte bisher viel Stress. Man kann es mit einem normalen Job vergleichen: Es gibt täglich Training, sechs Tage die Woche – bis auf den heiligen Sonntag.

profil: Wie viele Stunden trainieren Sie am Tag?
Hirscher: Die Intensität ist unterschiedlich. Heute Vormittag habe ich drei Stunden trainiert. Wie man mir ansieht, reichen die drei Stunden völlig. Manchmal mache ich auch am Nachmittag noch eine Einheit mit zwei bis drei Stunden. Teilweise kommen sogar neun Stunden Training zusammen. An manchen Tagen steht Regeneration am Programm. Das heißt dann maximal eine Stunde gemütlich joggen.

profil: Ich habe im Vorjahr Ihre Ex-Kollegin ­Alexandra Meissnitzer interviewt. Sie sagte, ihr Paradies wären Tiefschneehänge ohne Knieschmerzen. Tut Ihnen etwas weh?
Hirscher: Nein, Gott sei Dank nicht.

profil: Noch nicht.
Hirscher: Nein, das kommt auch nicht.

profil: Glauben Sie? Von Marc Girardelli sagte man am Ende seiner Karriere, vom Zustand seiner Kniegelenke her stünde ihm sofort eine Invalidenrente zu.
Hirscher: Abnutzung lässt sich in keinem Spitzensport vermeiden. Sogar das gesunde Schwimmen ist im Spitzenbereich nicht mehr gesund. Alles, was man extrem macht, ist nicht gesund.

profil: Sie müssen es aber extrem machen, sonst wären Sie nicht Weltcupsieger.
Hirscher: Definitiv nicht. Aber bis jetzt habe ich keine Abnutzungserscheinungen, weder Knorpelschäden noch sonst etwas. Wenn die Ärzte meine Knie begutachten, sagen sie, das sehe aus wie bei einem 16-Jährigen. Das hört man gern. Bis jetzt passt alles.

profil: Wäre das Skirennlaufen nicht so gefährlich, würden es weit weniger Leute verfolgen. Ist es nicht eigenartig, sich in ­Gefahr zu begeben, um anderen einen Nervenkitzel zu be­scheren?
Hirscher: Jeder kann sich selbst aussuchen, ob er das tun will oder nicht. Man kann sich auch ins Büro setzen. Aber natürlich kann man sich Gedanken machen über die Sinnhaftigkeit der Sache.

profil: In den vergangenen Monaten hatte man zweimal das Gefühl, dass Sie etwas grantig wurden. Das erste Mal, als geschrieben wurde, Sie würden sich nicht über eine Abfahrt wagen. Das zweite Mal, als es hieß, Skifahrer würden in ihrem Temporausch immer wieder Unfälle verursachen.
Hirscher: Stimmt, da werde ich grantig. Wenn im Sensationsjournalismus Fakten keine Bedeutung mehr haben, dann ist die Grenze überschritten. Und einige Berichte über meinen Autounfall waren reinster Sensationsjournalismus. Dann ist bei mir der Spaß vorbei. Vor allem dann, wenn nicht die Wahrheit geschrieben wird.

profil: Sie waren nicht schuld?
Hirscher: Nein, ich bin ausgewichen, an einen Baum gefahren, und es gab Sachschaden. So etwas passiert in Österreich wahrscheinlich zwanzigmal am Tag. Bei mir wurde es aber zu ­einer Raser-Story hochgeschrieben.

profil: In den Medien ist immer die Rede vom österreichischen Skiteam. Gibt es so etwas überhaupt? Es fährt doch jeder gegen jeden.
Hirscher: Das schon, aber ohne das Team geht es auf keinen Fall. Mich pusht es im Training, wenn die Kollegen schneller sind als ich. Im Rennen leide ich zwar teilweise mit den Kollegen mit, aber natürlich ist es mir lieber, weiter vorn zu sein als die anderen.

profil: Wenn Sie gewonnen haben, steht am nächsten Tag in der Zeitung: „Wieder eine Medaille für Österreich.“ Denken Sie sich nicht manchmal: Das ist eine Medaille für Marcel Hirscher, aber nicht für Österreich?
Hirscher: Na ja. Ich glaube, man fährt auch ein bisschen für die Nation. Wir repräsentieren das Land Österreich im Skisport, deshalb sind solche Schlagzeilen schon gerechtfertigt. Und wenn es nicht unsere Erfolge gäbe, wäre auch das Interesse nicht da, und wir würden das Schicksal anderer Sportarten erleiden. Motorsport hat zum Beispiel keine Bedeutung in Österreich, obwohl er teilweise sensationell schön anzusehen ist.

profil: Das Publikum erwartet von Rennläufern eine Zusatzshow. Didier Cuche muss den Ski rotieren lassen, andere springen im Zielraum einen Salto. Geht’s auch ohne Show?
Hirscher: Es kommt auch auf das Naturell der Läufer an. Manchen liegt die Show mehr, manchen weniger.

profil: Aber zum Star wird man erst durch die Show. Stephan Eberharter war ein toller Skifahrer, wurde aber nie ein Superstar, weil er ein ­zurückhaltender Mensch ist.
Hirscher: Ja, aber jeder kann entscheiden, wie er das ­haben möchte.

profil: Fordern die Sponsoren ein bisschen Show ein?
Hirscher: Nein. Das ist rein meine Entscheidung. Für mich ist wichtig, das Rennen gut zu fahren. Aber Sie haben schon Recht: Show gehört definitiv auch zum Sport. Ich für meinen Teil glaube, ich gebe auch so genug her. Ich unterscheide mich vom Fahrstil her relativ stark, das allein taugt den Leuten. Ich nehme mir auch für Interviews Zeit, es macht mir einfach Spaß, und ich hoffe, die Zuschauer merken das.

profil: Zur Legende wird ein Sportler, wenn es große Erzählungen gibt. Lance Armstrong gewann nach seinem Krebsleiden siebenmal die Tour de France. Hermann Maier stürzte in Nagano schwer und gewann hinterher zwei Goldmedaillen …
Hirscher: Ja, aber diese Erzählungen haben sich die beiden nicht selbst ausgesucht. Ich bin ganz sicher, dass es ihnen anders viel lieber gewesen wäre.

profil: Der Preis, den auch Sie zu zahlen haben, ist der Anonymitätsverlust. Ist das nicht manchmal mühsam?
Hirscher: Wenn eine gewisse Grenze nicht überschritten wird, ist es sehr gut zu ertragen und gar nicht belastend. Nur wenn Leute sehr fordernd werden, wird es schwierig. Ich will nicht mit jemandem auf einen Kaffee gehen, nur weil ich ihn im Einkaufszentrum zufällig getroffen habe. Aber die meinen das oft absolut ernst.

profil: Wenn Sie mit Freunden bei einem Bier sitzen – haben Sie da nicht Angst, dass Sie jemand fotografiert und danach eine Zeitung schreibt: „So säuft Marcel Hirscher“?
Hirscher: Sollen sie’s schreiben. Ich habe schon oft im Fernsehen gesagt, dass ich jetzt ein Bier trinken gehe. Welcher Sportler trinkt nicht gelegentlich einmal ein Bier? Wenn die Medien bei der Wahrheit bleiben, ist alles okay. Aber wenn sie Dinge verdrehen, damit sich das Blatt ordentlich verkauft, dann ist es bei mir aus.

profil: Bei Spitzensportlern liegen das Hochjubeln und das Kreuzigen ganz nah beieinander. Denken Sie manchmal daran, wie Sie damit umgehen würden, wenn Ihnen das passieren würde?
Hirscher: Ich wurde schon oft genug fallen gelassen.

profil: Aber nicht nachhaltig.
Hirscher: Das nicht, aber ich weiß, wie es sich anfühlt. Ich weiß auch, wie es ist, wenn man verletzt ist. Es ruft keine Sau mehr an, keiner interessiert sich dann für dich. So war’s jedenfalls bei mir, als ich mir vor eineinhalb Jahren das Kahnbein gebrochen habe. Bis auf ein paar ganz wenige hat sich niemand mehr gemeldet. Da merkt man dann, ob jemandem die Person Marcel oder nur dessen Erfolg wichtig ist. Wenn man das weiß, ist es relativ einfach, damit umzugehen.

profil: In einer österreichischen Statistik würden Sie als Zuwandererkind geführt werden, weil ein Elternteil nicht in Österreich geboren ist. Ist Ihnen bewusst, dass Sie zu einer Minderheit gehören, über die sehr oft diskutiert wird?
Hirscher: Meine Mutter ist aus den Niederlanden, aber wenn sie im Dialekt redet, merkt man keinen Unterschied zu den Einheimischen. Sie hat sich so gut integriert, dass es keine Rolle spielt, ob sie aus Holland kommt oder nicht. Ich bin zwar zweisprachig aufgewachsen, aber ich brauche in Holland schon ein paar Tage, bis mir das Reden wieder leichtfällt.

profil: Niederländer sind ja eher privilegierte Zuwanderer …
Hirscher: Wir haben auch einige Migranten aus Ex-Jugoslawien im Dorf, die sich super integriert haben. Sie sitzen genauso am Stammtisch wie alle anderen, trinken ihr Bier und gehen ganz normal in die Arbeit. Damit habe ich kein Problem. Wenn aber jemand nach zehn Jahren im Land noch immer nicht die Sprache gelernt hat, dann taugt mir das nicht. Wenn ich ins Ausland ginge, würde ich möglichst schnell versuchen, Anschluss zu finden und die Sprache zu lernen.

profil: Fühlen Sie sich als Europäer?
Hirscher: Ja, schon. Es gibt für uns viele Vorteile, vor allem die gleiche Währung. Und es gibt auch einen Zusammenhalt. Das ist sehr wichtig, wenn man sieht, wie China oder generell Asien überall aufholen.

profil: Gehen Sie regelmäßig wählen?
Hirscher: Darf ich ehrlich sein?

profil: Natürlich.
Hirscher: Ich war noch nie wählen.

profil: Warum?
Hirscher: Weil ich der Meinung bin, dass ich mich intensiv mit Politik auseinandersetzen müsste. Ich müsste mich wirklich sehr, sehr gut informieren, wofür ich bin und was ich eigentlich will. Und ich hab einfach nicht die Zeit und den Schädel, mich damit zu beschäftigen. Im Winter lese ich sowieso fast nichts. Wenn ich zur Wahl ginge, dann müsste ich wirklich aus Überzeugung eine Partei wählen. Das ist überhaupt mein Prinzip: Wenn ich von etwas nicht total überzeugt bin, dann tue ich das nicht. Ich weiß schon: Würde das jeder ­sagen, könnte das Werkl nicht funktionieren. Aber bei mir ist das halt so.

profil: Ist in Ihrem Elternhaus über Politik geredet worden?
Hirscher: Doch, schon. Mein Vater geht immer wählen. Nur musst du dir selber klar sein, womit du dich am besten identifizieren kannst.

profil: Könnten Sie sich vorstellen, in einer großen Stadt zu leben?
Hirscher: Ich könnte es mir sehr gut vorstellen, wenn ich nicht so aktiv im Sport wäre und dafür die Natur brauchte. Aber nicht auf ewige Zeit. Meine Kinder sollten nicht in der Stadt aufwachsen.

profil: Da oben am Berg hinter uns, an der Baumgrenze, gibt es eine Hütte, in der Sie Ihre Kindheit verbracht haben. Wie war das für Sie?
Hirscher: Sehr naturbezogen. Es war sehr interessant. Ich habe die Natur erkundet, ich habe mich selber ­beschäftigen müssen, den Großteil der Zeit habe ich allein verbracht. Irgendein Stein war mein bester Freund. Es war nicht schwierig für mich, weil ich nichts anderes gekannt habe.

profil: Haben Sie da etwas für sich persönlich dazu­gelernt, das Sie heute als Spitzensportler brauchen ­können?
Hirscher: Ich bin immer sehr gut allein zurechtgekommen. Ich habe schnell gelernt, selbstständig zu sein. Das ist heute sicher kein Nachteil.

profil: Die Karriere eines Skiprofis ist zeitlich begrenzt. Welche Pläne haben Sie für später? Die meisten Kollegen bauen sich ein Hotel.
Hirscher: Das mach ich auf keinen Fall. Ich bin in die Hotelfachschule gegangen. Ich weiß, wie hart dieses Business ist, auch deshalb, weil meine Eltern in zwei Schutzhütten die Gastronomie geführt haben. Das ist ein harter Job. Der kreative Bereich taugt mir mehr. Mir würde es gefallen, Sportevents zu managen. Oder jungen Athleten zu helfen, das interessiert mich.

profil: Schreckt Sie der Gedanke, dass Sie sich noch ­mindestens zehn Jahre lang als Profisportler schinden müssen?
Hirscher: Nein. Man gewöhnt sich an die Arbeit.

profil: Wenn einmal der Erfolg ausbliebe, wäre es sicher härter.
Hirscher: Auf jeden Fall. Aber Belohnung kann man auch empfinden, wenn es einmal keine Weltcuppunkte gibt. Ich bin im Lauf der Zeit oft aus­gefallen, aber wenn ich bis ­dahin super gefahren bin, dann war es für mich schon okay. Für mich ist es schlimm, ­irgendwo zu bremsen, wo es nicht notwendig ist. Dann ­ärgere ich mich.

profil: Haben Sie nie Angst?
Hirscher: Ich sage nicht, dass ich keine Angst habe. Aber ich würde es anders nennen: Wenn ich oben stehe, dann habe ich Respekt. Angst und Respekt liegen im Sport nahe beieinander.

profil: Wie geht man damit um?
Hirscher: Das hat man schon im Griff. Natürlich fährt man zu 99 Prozent an seine Grenze. Aber wenn man täglich Schwung auf Schwung fährt, dann lotet man diese Grenzen schon so aus, dass man am Ende genau weiß, wo das persönliche Maximum ist. Manchmal muss man auch darüber hinausgehen, aber das ist ein minimaler Bereich. In der Abfahrt ist das ein anderes Kapitel. Da sind die Fehler schwerer zu korrigieren.

profil: Fahren Sie heuer Abfahrt?
Hirscher: Nein. Aber sicher Super-G.

profil: Gehen Sie auch zum Spaß Ski fahren?
Hirscher: Mittlerweile nicht mehr. Ich habe einfach ­keine Zeit. Leider.

Marcel Hirscher , 23
Seinen ersten Sieg in einem Weltcuprennen lan­dete der Salzburger im Dezember 2009. In der vergangenen Saison stand Hirscher neunmal ganz oben am Podest und holte sich den Gesamtweltcup. Vor seiner Skikarriere absolvierte Hirscher ­erfolgreich die Hotelfachschule in Hofgastein.

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