Maria Hofstätter: „Mir wurde plötzlich schwarz vor Augen“

Maria Hofstätter: „Mir wurde plötzlich schwarz vor Augen“

Maria Hofstätter, Hauptdarstellerin in „Paradies: Glaube“, über Blasphemie, Blackouts und Blockaden.

Interview: Stefan Grissemann

profil: Auf die Rolle der missionierenden Katholikin, die in „Paradies: Glaube“ mit der Marienstatue von Tür zu Tür geht, haben Sie sich jahrelang vorbereitet.
Hofstätter: Seit 2004, um genau zu sein. Damals machten Ulrich Seidl und ich die ersten Probeaufnahmen. Die Erzählung war einst als Episode für den Seidl-Film „Import Export“ geplant gewesen. Aber damals misslang das. Ich konnte mich auf diese Figur nicht einstellen.

profil: Was lief denn schief?
Hofstätter: Ich hatte Blackouts und völlige Blockaden. Ich musste diese Probleme überwinden. Mir war klar, dass ich den Schalter irgendwie umlegen musste. Das gelang erst spät – und mit großen Selbstzweifeln. Bis zum letzten Drehtag zweifelte ich am Gelingen dieser Szenen.

profil: Sind solche Zweifel nicht auch ein Motor?
Hofstätter: Ich weiß nicht. Im Vorfeld scheiterte ich wieder und wieder; das verunsicherte mich sehr. Ich hatte alles probiert und experimentiert, aber ich merkte, dass da ein emotionaler Widerstand in mir war, diese Figur zu spielen.

profil: Was klappte konkret nicht? War es das halbdokumentarische Zusammenspiel mit den Laien, denen Sie Jesus nahebringen mussten?
Hofstätter: Ich wollte einfach niemanden missionieren. Es widerstrebte mir, dies zu tun. Mir kam da etwas Privates in die Quere, wie mir das in meinem Leben noch nicht passiert war.

profil: Die Rolle der aufsässigen Autostopperin in „Hundstage“ fiel Ihnen leichter?
Hofstätter: Viel leichter. Diese Figur hab ich geliebt, auch weil ich ihr Verhalten entschuldigen konnte: Sie sagt eben jedem einfach die Wahrheit. Anna Maria in „Paradies: Glaube“ ist leider weniger leicht zu mögen. Es ist schwierig, da so etwas wie Empathie herzustellen.

profil : Sie begannen Ihre Arbeit an dieser Rolle 2004, drehten den Film aber erst 2009 und 2010. Sie verbrachten mit Anna Maria somit sechs Jahre Ihres Lebens.
Hofstätter: Glücklicherweise nicht durchgehend. Ich habe eines sehr unterschätzt: Missionarinnen, die sich mit Fremden auf Glaubensstreitgespräche einlassen, verfügen über ein immenses Hintergrundwissen; da muss man wirklich bibelfest sein und auf jede Spitzfindigkeit sofort die richtige katholische Antwort parat haben. Nun wusste ich zwar aus meiner Kindheit auch einiges über den Katholizismus, aber das genügte oft nicht; ich brauchte jene speziellen Antworten, die für christliche Gruppen so typisch sind.

profil: Sie stehen häufig auf der Bühne, seit Mitte der 1990er-Jahre vor allem mit dem Projekttheater Vorarlberg.
Hofstätter: Ich bin sogar hauptsächlich Theaterschauspielerin. Ich liebe den Umstand, dass man am Theater im Schnitt zwei Monate Probenzeit hat und auch nach drei Wochen noch entscheiden kann, eine Rolle ganz anders anzugehen. Man kann an jedem Punkt der Arbeit nachjustieren. Das ist ein Luxus, den man in Film und Fernsehen nicht oft hat.

profil: Sie wurden selbst, wie das auch Ulrich Seidl von sich erzählt, vom Katholizismus sehr geprägt – und beschädigt?
Hofstätter: Ja und nein. Es gab schon Phasen in meiner Jugend, in denen ich unter dem Glaubenszwang sehr gelitten habe. Heute leide ich viel weniger darunter. Aber immer wieder kommen Dinge hoch, von denen ich angenommen hatte, sie längst bewältigt zu haben. Ich verstand lange nicht, warum ich bei den ersten Drehversuchen derart blockiert war. Mir wurde vor der Tür, als die Kamera lief, oft plötzlich schwarz vor Augen, wie kurz vor einem Kreislaufkollaps. Mir fiel nichts mehr ein.

profil: Am Theater ist Ihnen das nie passiert?
Hofstätter: Nicht in dieser Form, nein. Das irritierte auch Seidl sehr. Er verstand nicht, wieso ich plötzlich solche Probleme hatte, auf die Leute zuzugehen. In „Hundstage“ hatte ich das doch auch geschafft.
profil: Aber Seidl blieb stur. Er entließ Sie nicht aus der Rolle.
Hofstätter: Stimmt. Er bemühte sich dann sehr, mir den Druck zu nehmen, ging auf mich ein. Dann legten wir die Rolle auf Eis. Ich spielte in „Import Export“ stattdessen einen ganz anderen Part, eine Krankenschwester. Und erst 2008 nahmen wir die Idee wieder auf. Erneut mit Schwierigkeiten. Mir wäre es gar nicht unrecht gewesen, die Rolle einfach abzugeben.

profil: Sind Sie nachträglich froh, sie doch gespielt zu haben?
Hofstätter: Ja, schon. Aber dazwischen dachte ich oft: Lass diesen Kelch an mir vorübergehen. Ganz katholisch. Aber es ist ein unglaubliches Privileg, einen Regisseur zu haben, der einen wirklich ernst nimmt und einem über die Jahre hinweg so viel Vertrauen schenkt – immer mit dem Risiko, dass am Ende alles scheitern kann.

profil: Die Figur der Anna Maria ist auch deshalb so interessant, weil sie unter dem Deckmantel der Unterwerfung ja unglaublich anmaßend und egozentrisch ist.
Hofstätter: Das stimmt schon, nur ist ihr dies nicht bewusst. Sie fühlt sich elitär.

profil: Das ist doch an sich schon ein unchristlicher Gedanke.
Hofstätter: Ja, aber die Selbstüberhöhung mischt sich in diesen Leuten oft mit der Opferbereitschaft. Ich habe viel Zeit mit Missionarsgruppen verbracht, ging mit diesen Leuten pilgern, studierte sie genau. Ihr Denken ist sehr widersprüchlich: Einerseits dient man nur, sorgt dafür, dass „dein Wille geschehe“, niemals der eigene. Gehorsam ist dabei absolut notwendig, diese Gruppen sind sehr hierarchisch strukturiert. Zugleich ist man auserwählt. Man darf, im Gegensatz zu anderen, Gott auf diese Weise dienen.

profil: „Paradies: Glaube“ zeigt, wie nah an der Liebe und der Gottesfurcht auch Hass und Krieg liegen.
Hofstätter: Ja, aus Verzweiflung. Aber das kennen wir doch aus der Religionsgeschichte. Das sind geschlossene Systeme. Entweder man ist drin – oder man bleibt draußen. Man versucht, den anderen hereinzuholen; wenn er sich weigert, wird er zum Feind. Das ist das Problem.

profil: Die heftige Ehekrise, die Sie mit Ihrem muslimischen Filmpartner Nabil Saleh zu spielen haben, ist eine Art Kampf der Kulturen im Miniformat.
Hofstätter: Das ist eher ein Beziehungsdrama als ein Religionskampf. Denn der Mann, den Nabil spielt, würde an dieser Frau auch durchdrehen, wenn er nicht religiös wäre.

profil: Ultrakonservative italienische Gruppierungen brachten unmittelbar nach der Weltpremiere des Films in Venedig eine Anzeige bei der Staatsanwaltschaft wegen Blasphemie ein – nicht nur gegen Ulrich Seidl und die Koproduzenten des Films, sondern auch gegen Sie als Darstellerin. Waren Sie schockiert?
Hofstätter: Nicht besonders. Das kam ja nicht von der Kirche, sondern von echten Fundamentalisten. Allerdings hatte ich nicht mit so viel medialer Aufmerksamkeit gerechnet. „Sex mit Kreuz“, hieß es in den Zeitungen: Darunter stelle ich mir aber etwas anderes vor als meine kleine Szene mit Kruzifix unter der Bettdecke.

profil: Sieht Seidl in dem Blasphemie-Eklat nicht sogar einen guten Werbeeffekt?
Hofstätter: Sensationalismus hat dieser Film gar nicht nötig. Es ist auch irreführend, denn wilde Blasphemieszenen wird man in „Paradies: Glaube“ vergeblich suchen. Wir entwürdigen da ja keine religiösen Symbole. Das ist der sublimierte Liebesakt einer Jesus-Fanatikerin. Sie will ihren Jesus nicht verletzen.

profil: Aber die Darstellung einer Masturbation mit Kruzifix ist natürlich blasphemisch.
Hofstätter: Das finde ich nicht. Es geht da nicht um Jesus, sondern um diese Frau. Um ihre seltsame Beziehung zu Gott. Um einen fehlgeleiteten Menschen. Gott selbst wird in diesem Film nicht kritisiert, nur der Fanatismus.

profil: Und dann gibt es die Szene, in der Sie aus Verzweiflung auf den Gekreuzigten einschlagen.
Hofstätter: Ja, aber die scheint keinen von denen, die uns da Blasphemie unterstellten, zu interessieren. Was mich doch sehr verwundert.

profil: Sex erregt eben mehr Aufsehen.
Hofstätter: Genau. Gewalt ist dagegen kein Problem. Schon seltsam.

Zur Person
Maria Hofstätter, 48, tritt neben ihrer Arbeit am Theater und im Fernsehen („Braunschlag“) seit mehr als 20 Jahren in Ulrich Seidls Filmen auf. Sie war u. a. in „Hundstage“ (2001), „Import Export“ (2007) und in Seidls Theaterdebüt „Vater unser“ (2004) zu sehen. In „Paradies: Glaube“ spielt sie nun ­eine katholische Fundamentalistin, die sich in einen häuslichen Krieg mit ihrem muslimischen Ehemann verstrickt.