Marika Lichter über Antisemitismus und ihren Hang zur Sozialdemokratie

profil: Frau Lichter, haben Sie viel von der Fußball-WM mitbekommen?
Lichter: Ich habe Italien – Australien gesehen, also das 1:0 in der letzten Sekunde. Das war schon spannend.
profil: Auf den Fußballplatz gehen Sie nicht?
Lichter: Ich war einmal bei einem großen Fußballmatch: Österreich gegen Estland. Da habe ich vor Beginn die Bundeshymne gesungen. Die Atmosphäre im Stadion war schon großartig, da unten zu stehen und die Hymne vor den vollen Rängen zu singen – das hat was.
profil: Jetzt sind Sie ja eher auf den Tanzsport abonniert. Haben Sie mit dieser Art von Karriere noch gerechnet?
Lichter: Ich habe mit keiner Karriere gerechnet. Und als Tänzerin schon gar nicht. Ich hatte als Sängerin natürlich musikalisches Gefühl und auch ein gewisses Bewegungstalent. Aber bei so etwas wie „Dancing Stars“ zu gewinnen, habe ich absolut nicht erwartet. Da hätte ich mein Vermögen verwettet. Ich hatte ja keine Ahnung, wie ein Rumba- oder ein Tangoschritt geht.
profil: Als Jurorin bei „Starmania“ hatten Sie ein Jahr zuvor noch schlimme Kritiken geerntet. „Lichter ist bissig wie eine böse Heimleiterin“, hieß es in der „Krone“.
Lichter: Ja, sie haben auch geschrieben „Domina in Lack und Leder“. Aber das ist halt so, wenn man eine Juryfunktion übernimmt. Dass die Mama, die Oma, der Freund sagen: Super, wie du singst, geh hin und bewirb dich – das ist absolut legitim. Ob das für eine Berufskarriere reicht, ist eine zweite Sache. Ich habe nie die Absicht gehabt, die Menschen zu verletzen. Aber Kritik muss Hand und Fuß haben, wenn sie Sinn machen soll.
profil: Nach Ihrem Erfolg bei „Dancing Stars“ schrieb eine Zeitung, offenbar bestehe ein Bedürfnis nach Frauen, die nicht nach Magerjoghurt-Werbung ausschauen.
Lichter: Mag sein. Die Mehrheit der Österreicherinnen sieht ja aus wie ich und nicht wie ein Model. Ich glaube, sie konnten sich damit sehr gut identifizieren. Und die Botschaft, dass man auch in einem gesetzten Alter – ich werde im Oktober mit Gottes Hilfe 57 – und ohne Model-Maße erfolgreich sein kann, ist gut angekommen.
profil: Ihr Hauptberuf war in den vergangenen Jahren das Veranstaltungsmanagement. Vor allem die Aktion „Wider die Gewalt“ mit Bundeskanzler Franz Vranitzky ist in Erinnerung geblieben. Ist es für Künstler riskant, sich für eine politische Sache zu engagieren?
Lichter: „Wider die Gewalt“ war von Anfang an nicht als politische Sache konzipiert. Es gab auch immer den Konsens zwischen Dr. Vranitzky und mir, dass dort nicht über Politik gesprochen wird. Aber mein seliger Vater hat immer gesagt: Man muss für die Dinge einstehen, an die man glaubt, man muss authentisch bleiben.
profil: Ihre Eltern waren sechs Jahre im KZ. Ihr jüdischer Großvater wurde von Pfeilkreuzlern, der ungarischen Variante der Nazis, erschlagen. Ist in der Familie darüber gesprochen worden?
Lichter: Leider viel zu wenig. Ich wurde 1949 geboren, sehr knapp nach den furchtbaren Erlebnissen. Man wollte ein Kind offenbar nicht damit belasten. Mein Vater hat erst sehr, sehr spät begonnen, über diese Zeit zu reden. Meine Eltern haben sich nach dem Krieg in Budapest kennen gelernt. Meine Mutter war gebürtige Jugoslawin, mein Vater war Pole. Die Eltern meines Vaters kamen in der Nähe von Lemberg bei einem Pogrom ums Leben, seine Schwester auch. Ich habe deshalb mit Ausnahme meines Sohnes keine Familie.
profil: Warum sind die Eltern nach Wien gekommen?
Lichter: Sie wollten nach Australien oder Amerika. Ich habe dann Keuchhusten bekommen. Dadurch sind wir in Österreich geblieben, weil die uns nicht genommen haben.
profil: Haben Sie im Wien der sechziger Jahre Antisemitismus erlebt?
Lichter: Natürlich! Ich habe mit 14 schon meine erste Platte gemacht und dann mit 15 mit den „Sabres“ jüdische Folklore aufgenommen. Da sind wir immer im „Hawelka“ gesessen, und ich habe nur darauf gewartet, bis an irgendeinem Tisch der erste Judenwitz kommt. In der ersten oder zweiten Klasse Gymnasium hat eine Klassenkameradin „Du Saujüdin“ zu mir gesagt. Daraufhin habe ich ihr eine Ohrfeige gegeben; ich musste zur Direktorin und war knapp vor dem Rauswurf aus der Schule. Heute weiß ich natürlich, dass ein Kind mit elf Jahren nicht „Saujud“ sagt, wenn es das nicht von zu Hause mitgekriegt hat. Wenn damals wieder einmal von Juden gesprochen wurde, habe ich gefragt: Weißt du überhaupt, wie ein Jud ausschaut? Dann haben sie gesagt: Nein. Aber ich bin Jüdin, sag ich. Dann hieß es: Na du, du bist anders. Das hat mich wahnsinnig gemacht.
profil: Wie ist es Ihnen gegangen, als dieses Denken dann bei gewissen Haider-Wahlkämpfen durchgeklungen ist?
Lichter: Ich habe es nicht mehr so persönlich genommen. In meiner Jugend beschränkte sich der Rassismus auf die Juden. Heute betrifft es hauptsächlich Türken und Moslems. Die Diskussion ist eine andere, der Kern des Problems ist natürlich derselbe. Ich fürchte mich jetzt schon vor dem Wahlkampf. Strache gegen Westenthaler – da wird’s nur darum gehen, wer der bessere Haider ist. Schrecklich!
profil: Sind Sie ein religiöser Mensch?
Lichter: Ich gehe zu den Feiertagen in den Tempel. Ich bin religiös in dem Sinn, dass ich an Gott glaube, an eine höhere Macht und an eine gewisse Gerechtigkeit, die von ihm ausgeht. Ich war in der Schule in der christlichen Religionsstunde, weil ich immer ein wissbegieriger Mensch war.
profil: Beeindruckt Sie der katholische Prunk?
Lichter: Nein. Und für mich ist es ein Problem, wenn in der katholischen Lehre der Mensch schon mit einer Erbsünde auf die Welt kommt. Ich habe zur evangelischen Kirche viel mehr Bezug als zur katholischen. Die Taufen bei den Evangelischen – ich singe manchmal auf Taufen – sind ein Freudenfest. In der katholischen Kirche ist es immer sehr bedrückend.
profil: Ich nehme an, dass Sie unter denen waren, die vor sechs Jahren gegen die Bildung der schwarz-blauen Regierung demonstriert haben …
Lichter: … na sicher …
profil: Wie lautet Ihre Bilanz nach sechs Jahren, was etwa die Frauen- und Familienpolitik betrifft?
Lichter: Generell bin ich ein Mensch, der dafür ist, dass Werte hochgehalten werden. Aber man muss natürlich die Werte der Zeit anpassen. Ich bin die Letzte, die eine Frau verurteilt, weil sie zu Hause bleibt und nicht arbeitet. Die Leute, mit denen ich zu tun habe, sind meistens in der Situation, dass sie sich selbst entscheiden können. Aber es gibt natürlich auch Frauen, die drei, vier Kinder haben und arbeiten müssen. Denen dann nicht die Möglichkeit zu geben, dass sie nach einer Karenz wieder richtig in den Beruf einsteigen können, ist schlimm.
profil: Die Haider-FPÖ ist in der Regierung zerfallen. War es, nachträglich beurteilt, vielleicht doch gut, Haider in die Regierung zu nehmen?
Lichter: Ich habe mir das oft überlegt. Ich denke schon, dass es der richtige Weg war, weil wenn jemand ständig kritisiert, dann soll er einmal zeigen, ob er es besser kann. Haider konnte es nicht. Aber der Preis war halt hoch.
profil: Sie haben einmal in einem Interview gesagt, Wolfgang Schüssel sei dem Cäsarenwahn verfallen. Was stört Sie an ihm?
Lichter: Es war schon beachtlich, wie sich Schüssel zum Bundeskanzler machte, obwohl die ÖVP nur drittstärkste Partei wurde. Schüssel redet halt viel und sagt nichts. Er ist ein Beschwichtiger, ein Beruhiger. Manche seiner Beruhigungen beruhigen mich nicht.
profil: Hätte Gusenbauer die nächste Wahl gewonnen, wenn es die Bawag-Geschichte nicht gegeben hätte?
Lichter: Die SPÖ hätte gewonnen. Ich weiß nicht, ob es Gusenbauer gewesen wäre. Es ist ein Problem der Sozialdemokraten auf Bundesebene, dass sie keine Persönlichkeiten haben, die solche Sympathieträger sind wie Michael Häupl in Wien. Die Wahl müsste eigentlich eine „gmahte Wiesn“ sein.
profil: Wovon machen Sie Ihre Wahlentscheidung abhängig: von den Personen, oder entscheiden Sie nach den Programmen?
Lichter: Ich bin, seit ich wähle, eine Wählerin der Sozialdemokraten, weil mir die Alternativen, die sie anbieten, noch immer lieber sind als jene der anderen Parteien. Ich glaube an das Gedankengut der Sozialdemokratie, auch wenn es nicht immer praktiziert wird. Es ist leider so, dass die Wiener SPÖ und die Bundes-SPÖ meistens nicht einer Meinung sind. Das dringt dann nach außen. Und es wirft kein gutes Bild auf eine Partei, wenn sie in sich selbst nicht einig ist. Nicht zu wählen kommt für mich jedenfalls nicht infrage. Leute, die nicht wählen gehen, sich aber dann aufregen, die halt ich nicht aus.
profil: Was haben Sie sich gedacht, als Sie hörten, dass die Gewerkschaftsbank Bawag Milliarden in der Karibik verspekuliert hat?
Lichter: Ich weiß nicht, wie einzelne Personen in einer Organisation so viel Macht haben können, dass sie die Dinge so allein entscheiden können. Das erinnert mich an die Casino-Spieler, die verlieren und dann einen Kredit aufnehmen, weil sie glauben, sie würden das alles wieder zurückgewinnen. Das funktioniert meistens nicht.
profil: Kennen Sie Ex-Bawag-Generaldirektor Helmut Elsner?
Lichter: Ich habe ihn einmal im Akademietheater gesehen und kurz begrüßt. Er verkehrt wahrscheinlich in anderen Kreisen als ich. Dass ein einzelner Mann so viel Antipathien weckt wie dieser Herr Elsner, das ist mir selten untergekommen. Dass keiner ein gutes Wort über ihn sagt, ist erstaunlich und weist schon darauf hin, wie er seinen Job gemacht hat.
profil: Glauben Sie, dass sich der ÖGB von dieser moralischen Schlappe erholen wird?
Lichter: Man darf nicht von Fehlern Einzelner auf eine ganze Organisation schließen. Ich denke, dass der ÖGB ein sehr wichtiges Instrument ist. Es haben sich viele hunderttausend Menschen 40 Jahre lang auf den ÖGB verlassen. Er hat gute Dienste geleistet und die Arbeitnehmer geschützt. Dass die Gewerkschaften jetzt das Familiensilber verkaufen müssen, ist kein Malheur, aber die moralische Situation ist sehr schlecht. Ich würde mir wünschen, dass es im ÖGB bald wieder Respektspersonen gibt, die den Menschen etwas zu sagen haben. Aber es wird nie wieder so sein, wie es einmal war.
profil: Haben Sie für die Zeit nach den nächsten Nationalratswahlen eine Wunschregierung?
Lichter: In erster Linie habe ich mich dazu entschlossen zu artikulieren, was ich nicht will. Und ganz sicher wünsche ich mir nicht, dass der Herr Westenthaler Innenminister wird, wie er das unlängst gefordert hat. Ich würde mir wieder einen Regierungswechsel wünschen, aber ich fürchte, das werden sie nicht spielen. Ich glaube, diese Wahl ist gelaufen, und es ist ja auch jetzt schon so, dass die Umfärbung fast abgeschlossen ist. Ich bin neugierig, ob die Grünen bereit sind, sich auf eine Regierung mit der ÖVP einzulassen, und wie weit sie dafür die Hosen runterlassen.
profil: Gibt es eine Politikerin, die Ihnen besonders gut gefällt?
Lichter: Ja, Karin Gastinger, wenn sie ins Liberale Forum überwechseln würde. Das Liberale Forum war mir immer sehr sympathisch. Und was Karin Gastinger sagt und was sie tut, gefällt mir. Im BZÖ hat sie ohnehin wenig Chancen. FPÖ, BZÖ – das ist doch nur noch ein letztes Aufheulen.
profil: Was wünschen Sie sich persönlich für die nächsten Jahre? Noch so eine Überraschung wie die „Dancing Stars“?
Lichter: Hilfe, was noch alles? Nein, ich wünsche mir, dass ich die Chance habe, weiterhin meine Meinung zu sagen. „Dancing Stars“ hat mir diese Möglichkeit eröffnet, weil ich sehr viele Interviews geben durfte und weil mich die Leute als eine Instanz akzeptieren und respektieren. Es geht mir wirklich um die Message, und die ist durchgekommen.
profil: Wie lautet die?
Lichter: Man muss nicht jung sein, man muss nicht dem gängigen Schönheitsideal entsprechen, man muss sich trauen, und man muss etwas zu sagen haben. Meine Aufgabe ist es, den Leuten Mut zu machen.
profil: Haben Ihnen Frauen geschrieben, die sich freuen, dass jemand plötzlich obenauf ist, der so ähnlich ausschaut wie sie?
Lichter: Ja. Da hat mir etwa eine Dame geschrieben: Ich hab mir ein Tanzkleid gekauft, bin tanzen gegangen und habe bei einem Bewerb den dritten Platz gemacht. Mein Leben hat sich total geändert. Da sage ich: Bravo, super!

Interview: Herbert Lackner