Marquis Prosa

Am 24. April vor 50 Jahren starb der Wiener Schriftsteller Alfred Polgar.

Als ihn ein literarischer Freund in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts einmal fragte, weshalb er sich immer so kurz fasse und ob er nicht mehr Zeit für längere Texte aufzuwenden bereit wäre, erwiderte er: „Es braucht mehr Zeit, hundert Sätze in zehn zu destillieren, als ungepflegte Gedanken vor sich hin rinnen zu lassen.“
Worauf der Freund sagte: „Gut. Dann bist du halt der Weltmeister im Einmeterlauf.“
Das ist Alfred Polgar – Essayist, Kritiker, Satiriker, Dramatiker und Reporter – bis heute geblieben. Er schrieb die eleganteste, pointierteste, präziseste Prosa des deutschsprachigen Raums, „aufs Augenhärchen genau“, wie Kurt Tucholsky sagte. Er schrieb mit der natürlichen Kunst der traumwandlerischen Selbstverständlichkeit. Er kleidete in Sätze, ohne zu formulieren, er fokussierte Ereignisse ohne eitel hergezeigtes Brennglas, er schnörkelte und er ziselierte nicht, er lebte mit der Sprache in lebenslanger Lustgemeinschaft.
Am 17. Oktober 1873 wurde er als Sohn eines Musikers in Wien geboren. Gleich nach dem Gymnasium wandte er sich dem Schreiben zu und war für einige Zeitungen tätig, ohne in der Stadt der Genies, seiner Freunde Egon Friedell und Peter Altenberg, Karl Kraus und Adolf Loos, besonders erfolgreich zu sein. 1925 holte ihn Tucholsky nach Berlin, wo er für die „Weltbühne“ und das „Tagebuch“ das Theater-Ressort übernahm und für seine kritischen Kleinodien sofort berühmt wurde. 1932 wagte sich der bereits legendäre „Meister der kleinen Kunst“ an ein sarkastisches Theaterstück, „Die Defraudanten“, das an der Berliner Volksbühne uraufgeführt (und später auch verfilmt) wurde. Mit seinem Blutsbruder Friedell schrieb Polgar eine Reihe kabarettistischer Einakter, deren bekanntester „Goethe“ ist: Weil ein Schüler Angst vor der Prüfung über Goethes Leben hat, verkleidet sich mitleidig Goethes Geist in den Schüler und fällt beim Examen über seine eigene Biografie durch.

In vielen Essays und Kurzgeschichten skizzierte er feinnervig den Zeitgeist, vor dem er 1933 nach Österreich und 1939 in die USA floh. Er wurde vom Filmriesen MGM engagiert, allerdings nicht beschäftigt: „Hollywood“, notierte er, „ist ein Paradies, über dessen Tor geschrieben steht: ,Lass, der Du eintrittst, alle Hoffnung fahren‘.“ Nach dem Krieg kehrte er nach Europa zurück, nicht aber nach Wien. Er konnte nicht dazu überredet werden, sein Domizil „in der Weltenruhe Zürich“ zu verlassen, wo er am 24. April 1955 starb.
In seinem „Traktat vom Herzen“ schrieb er: „Das Herz spielt im Leben, besonders im Gemütsleben, eine große Rolle. Da ist es gleichsam das Ding für alles, der Auffänger aller Erschütterungen, die Sammellinse aller Strahlen, das Echo allen Lärms.“ Und wenn es nur noch schlägt, „ist es ein Ding von unermesslicher Würde und Hoheit. Und zwischen Farben und Formen ringsum, gespenstig schimmernd im Phosphorlicht des Lebens, ist es wie zwischen üppigem Gesindel eine arme Majestät.“
Obgleich selbst Kritiker, warnte er davor, die Würde des Kreativen anzutasten: „Kommentar zur Dichtung? Geister werden nicht besser sichtbar, wenn man Licht macht.“ Von Richtern verlangte er, dass sie nur beurteilten, was sie selbst nachvollziehen könnten: „Was die Todesstrafe anlangt, wäre eine Straferfahrung im Passivum kaum möglich. Und damit bereits müsste die Frage, ob es eine solche Strafe geben solle, in ihrer eigenen Widersinnigkeit ersticken.“ Seine Meinung zur Gleichberechtigung war: „Wenn man auch das Leben als einen schonungslosen Wettkampf ansieht, in dem unweigerlich die Geschickten, Kräftigen vorne, die Ungeschickten, Schwachen hinten sein werden, über eines kann es doch unter honorigen Sportleuten keine Meinungsverschiedenheiten geben: dass der Start für alle gleich sein müsste.“ Gegen den Starkult erfand er das „Denkmal des unbekannten Menschen“; niemals läsen wir: „Gestern hat Doktor X einen Blinddarm herausgeschnitten. Die wohl durchdachte, gekonnte Leistung verdient unseren Beifall. In kleineren Aufgaben bewährten sich die bildhübsche Operationsschwester und der Spitalsdiener.“

Aktuell scheint: „Der größte Einwand gegen jede Lehre sind die Lehrer. Religionsstifter wählen deshalb gern die Methode der göttlichen Offenbarung. Da ist dann die Lehre vom Himmel gefallen, was alle Kritik an ihr ausschließt.“ Ein wenig verwandt dazu klingt: „Märchen sind allemal dramatisch. Denn die Voraussetzung ist: das Böse. Das Märchen lebt vom Bösen, wie der Held von den Feinden, der Arzt von der Krankheit, der Erlöser (von den Übeln) von den Übeln.“
Auf ihn selbst treffen wohl drei Epigramme zu: „Erfahrung lehrt, dass es beim Dichten wie beim Pistolenschießen immer ein wenig die Hand verreißt. Meist nach unten. Man muss höher zielen, als man treffen will.“ – „Der rechte Satiriker zieht, wenn er ins Lächerliche zieht, mit dem gleichen Griff auch ins Ernstere.“ – „Der Idealist geht glatt durch Mauern und stößt sich wund an der Luft.“
Alfred Polgar blieb zudem ironischer Realist: „Gesetze sind Hindernisse, uns in den Weg gelegt, den wir ohne sie zuverlässig gehen würden.“