Burgtheater: Rückblick auf eine schwache Saison

Am Burgtheater häufen sich die Krisensymptome. Karin Cerny über Matthias Hartmanns Ermüdungserscheinungen: Rückblick auf eine schwache Saison am Wiener Burgtheater.

Innovative Marketingideen produzieren nicht zwangsläufig spannende Kunst. Als Klaus Bachler ab 2006 dem Burgtheater einen umfassenden Shakespeare-Zyklus verordnete (zehn Dramen des elisabethanischen Genies standen auf dem Spielplan), stimmte zwar die Kasse, künstlerisch blieb das verordnete Klassiker-Nachsitzen allerdings über weite Strecken unergiebig. Viele Inszenierungen wirkten wie Schulaufsätze auf Google-Niveau: langweilige Pflicht, anstatt kreativer Kür.

Bachler steuerte damals in die Endphase seiner Intendanz. Konzeptuelle Ermüdungserscheinungen sind nach sieben originellen Jahren durchaus zu verzeihen. Sein Nachfolger, Matthias Hartmann , geht mit seiner vierten Spielzeit gerade in die Zielgerade. Sein Programm wirkt schon jetzt wie kurz vor der Pensionierung: noch um ein bisschen Spaß bemüht, ehe man sich zur Ruhe setzt und gemütlich Krimis liest. Lust an Innovationen sieht jedenfalls anders aus. Keine einzige Arbeit des aktuellen Schwerpunkts zur österreichischen Dramatik konnte rundum überzeugen. Die meisten Regisseurinnen und Regisseure blieben die Antwort schuldig, was sie an dem gewählten Stoff überhaupt begeistert habe.

Die Dramaturgie-Abteilung ist das Herzstück jedes Stadttheaters. Gute Dramaturgie erkennt man daran, dass es gelingt, Regisseure für Stücke zu entflammen, aber auch daran, dass richtig eingeschätzt wird, welcher Stoff für wen geeignet sein könnte. Demzufolge hat Hartmanns Dramaturgie ein Problem: Nur wenige Ideen vermochten in dieser Saison zu zünden. Aber vielleicht ist Hartmann selbst ein schlechtes Vorbild; als Regisseur traut sich der Herr Direktor nämlich so gut wie jedes Stück zu. Seine Einstellung: Das grandiose Burg-Ensemble ist ohnehin imstande, jeden Stoff zu stemmen, auch mittelmäßige Stücke, für die keine Inszenierungsidee da ist. Statt ein Stück zu wählen, das ihn im Kern interessiert, wuchtet Hartmann mit sportlichem Ehrgeiz jede Saison drei bis vier Arbeiten auf die Bühne - heuer ließ er wenigstens die Silvesterpremiere aus.

Zugegeben: Hartmann hatte auch Pech.
Zwei viel versprechende Projekte brachen unverschuldet weg. Frank Castorfs "Die Krönung Richards III.“ musste aus Krankheitsgründen eines Schauspielers auf kommende Spielzeit verschoben werden; Thomas Vinterbergs "Alkoholikerinnen“ konnte aufgrund eines Filmprojekts des Dänen nicht verwirklicht werden.

Aber: Was wurde eigentlich aus dem Versprechen, das Kasino als Experimentierlabor zu nutzen? Hartmanns launiger Versuch, Grillparzers zu Recht selten gespieltes Schauermärchen "Die Ahnfrau“ als Transgender-Klamotte zu rehabilitieren, war symptomatisch für diese Saison, in der reichlich abseitige Stücke präsentiert wurden, für deren Wahl man aber keine stichhaltigen Gründe lieferte. Thomas Bernhards Frühwerk "Der Ignorant und der Wahnsinnige“ blieb im Burgtheater eine kalte Fingerübung, Hofmannsthals hitzige "Elektra“ (Regie: Michael Thalheimer) war eine der wenigen Arbeiten dieser Saison, die sich nicht in Witzelei und Entertainment retteten - die altmodische Wucht der Inszenierung lief dennoch ins Leere. Und die Uraufführung von Ewald Palmetshofers "räuber.schuldengenital“ (Regie: Stephan Kimmig) brachte im Akademietheater zwar Zeitgenössisches, die Palmetshofer-Adaptionen am Wiener Schauspielhaus fielen trotzdem überzeugender aus. Und Hartmanns erste Jelinek-Inszenierung "Schatten (Eurydike sagt)“ verdeutlichte nur, dass der Burg-Chef dazu tendiert, ein fehlendes Gesamtkonzept mit vielen kleinen, lustigen Einfällen zu überschminken. Motto: Wenn man schon nichts zu sagen hat, dann bitte kurzweilig. Außerdem: Warum wurde die originelle New Yorker Off-Gruppe Nature Theater of Oklahoma heuer nicht eingeladen, ihr Buch und ihre Radioshow zu präsentieren? Schließlich hat die Burg ihr serielles "Life and Times“-Projekt doch initiiert.

Dabei hatte Hartmann viel versprechend begonnen.
Roland Schimmelpfennig legte in der ersten Post-Bachler-Spielzeit mit "Der goldene Drache“ eine überraschend starke Arbeit vor, der Lette Alvis Hermanis begeisterte mit seiner Detailversessenheit in "Eine Familie“. Mittlerweile aber wiederholt man sich lieber, statt sich neu zu erfinden. Schimmelpfennig inszenierte zum aktuellen Saisonauftakt im Akademietheater eine Tragikomödie seiner Partnerin Justine del Corte, dabei hätte ein schwaches Stück wie "Der Komet“ einen distanzierteren Blick als jenen des eigenen Mannes gebraucht.

Zu den Highlights dieser Saison gehörten:
Der junge Regisseur Antú Romero Nunes überzeugte mit seiner überbordenden Inszenierung "Einige Nachrichten an das All“ - und Hartmann selbst interpretierte Tschechows Landleben-Elegie "Onkel Wanja“ als vitalen, sehr pointierten Überlebenskampf. Zu Beginn seiner Intendanz war Hartmann der Schwächste unter den vielen stilprägenden Regisseuren der Burg - inzwischen sticht er heraus. Auch daran erkennt man, dass hier etwas schief läuft. Ein bisschen mehr ernstnehmende Konkurrenz täte dem Burgchef gut. Gesucht sind: Regisseure, denen zu den Stücken, die sie inszenieren, auch wirklich etwas einfällt.